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»Das natürlich nicht, Herr Ross.«

»Warum hat sie dann trotzdem nie mit ihrem Mann über diese Sache gesprochen?«

»Aber das ist doch wirklich leicht einzusehen, Herr Ross. Aus Liebe! Weil sie ihn nicht belasten will mit der Geschichte. Können Sie das nicht begreifen?«

»O doch«, sagte Mercedes, »das kann ich sehr gut begreifen. Andererseits hat sie nun Ihnen den Auftrag gegeben, uns zu informieren. Mich kennt sie überhaupt nicht. Und Herrn Ross hat sie zwölf Jahre lang nicht mehr gesehen.«

»Die Frau Primaria«, sagte Josef ernst, »ist sehr verzweifelt darüber, daß Sie, Herr Ross, und Sie, gnädige Frau, wie es der unglückliche Zufall gewollt hat, hier gelandet sind – noch dazu ganz offensichtlich in eine Geschichte verwickelt, an der allerhöchstes Interesse besteht. Die Frau Primaria hat zu mir gesagt, Sie müssen die Wahrheit kennen. Schnell. Zu Ihrem Schutz. Sie selbst kann Ihnen das alles nicht sagen. Man wird sie niemals mit Ihnen allein lassen. Im Sanatorium zu reden, ist unmöglich. Dort werden Sie abgehört. In der Villa ist immer Doktor Herdegen dabei. Sie hat schon daran gedacht, auf Kassette zu sprechen, aber das wäre auch viel zu riskant gewesen. Sie muß doch bei allem, was sie tut, an Eugen denken! Sie darf doch ihren Bruder nicht in Gefahr bringen. Muß immer vertrauenswürdiger werden, damit die Strafe herabgesetzt wird, wenn sie und Eugen sich weiter so großartig verhalten.« Josef sagte: »Sie muß unheimliches Vertrauen zu Ihnen haben, wenn sie mir sagt, ich soll Ihnen alles erzählen. Sie muß ganz sicher sein, daß Sie sie niemals verraten werden.«

»Das kann sie auch sein«, sagte Mercedes. »Wirklich eine großartige Frau, Danny.«

»Ja«, sagte er, »wirklich.« Mercedes drückte seinen Arm an den ihren. Sie standen noch immer vor den steinernen Gestalten der Babenberger. »Und Eugen geht es gut?«

»Es geht ihm gut«, sagte Josef. »Seit fünf Jahren darf er schon alle vier Wochen schreiben. Doktor Herdegen erhält die Briefe und gibt sie der Frau Primaria geöffnet. Und inzwischen darf Eugen längst lesen in der Freizeit, und er hat besseres Essen und alle möglichen Vergünstigungen, schreibt er. Die Frau Primaria er zählt es mir immer, wenn ein neuer Brief kommt. Sie verstehen die Frau Primaria, gelt? Das hat sie mir nämlich noch besonders aufgetragen.«

»Was?« fragte Daniel.

»Sie zu fragen, ob Sie verstehen können, daß sie die Leitung hier übernommen hat und alles mitmacht und tut, was man von ihr verlangt. Ob Sie das wirklich verstehen können, und ob Sie es auch recht finden.«

»Ich hätte genauso gehandelt«, erklärte Mercedes. »Du auch, Danny!«

»Natürlich«, sagte der. »Großer Gott, es ging um das Leben ihres Bruders. Selbstverständlich hat sie nichts anderes tun können. Sagen Sie ihr das, bitte!«

»Werde ich. Sofort. Oft fragt sie auch mich – nach all der Zeit. Es ist so schwer für sie. Nur mit mir kann sie reden. Das braucht jeder Mensch: einen anderen, wenigstens einen einzigen, mit dem er über alles reden kann ... So, also gehen wir weiter!« sagte Josef. »Wollen Sie jetzt in den Kapitelsaal oder gleich hinüber in die Gemäldegalerie?«

»Ein andermal«, bat Daniel. »Lassen Sie uns Schluß machen für heute! Ich bin müde.«

Er schlief sehr tief, ohne Träume.

Er hörte, wie jemand seinen Namen rief, und erwachte. Zunächst fühlte er sich sehr benommen, und er wußte nicht, wo er war. Durch Schlieren und Schleier sah er drei Menschen an seinem Bett.

»Danny!« Das war Sibylles Stimme. Schlieren und Schleier verschwanden, und da stand sie vor ihm, in ihrem Arztkittel, lächelnd.

»Hallo«, sagte er und lächelte gleichfalls. Er bemerkte, daß Licht brannte. »Wie spät ist es?«

»Acht Uhr vorbei. Du hast den ganzen Nachmittag geschlafen. Wie fühlst du dich?«

»Gut«, sagte er und setzte sich im Bett auf. »Was haben wir denn da? Abendvisite?«

»Die ist längst vorüber. Das ist eine ganz besondere Visite. Jemand will dir schon seit langem guten Tag sagen. Ich habe ihn mitgebracht.«

Jetzt endlich war er ganz klar. Er sah neben Sibylle Mercedes, und neben Mercedes stand Werner Farmer.

»Werner, mein Alter!« Daniel sprang aus dem Bett. Im Pyjama umarmte er seinen Freund. Sie schlugen einander auf die Schultern. Dann sahen sie sich an.

Er ist alt geworden, dachte Daniel. Er sieht überarbeitet aus. Er ist alt geworden, dachte Werner. Das Haar ganz weiß. Zwölf Jahre sind eine lange Zeit. Nur zwölf Jahre, dachte Daniel. Und er hat sich so verändert. Ob er krank ist? Nein, er war immer ein Mann, der über seine Kräfte geschuftet hat. Wie ich. Wahrscheinlich denkt er dasselbe von mir. Wie kurz ist dieses Leben. Wie schnell ist es vorbei.

»Laß dich anschauen«, sagte Daniel. »Großartig siehst du aus!«

»Und du erst«, sagte Werner. »Sibylle hat dich wieder fein hingekriegt.«

»Hoch soll sie leben, die gute Sibylle«, sagte Daniel. »Die besonders gute Sibylle«, sagte Werner.

»Hört schon auf mit dem Quatsch!« Sibylle war rot geworden. Mercedes umarmte sie. »Danke«, sagte sie bewegt, »danke!«

»Jeder hat seinen Job«, murmelte Sibylle. »Man tut, was man kann.«

Mercedes sagte: »Ich möchte ... Entschuldigen Sie ... Darf ich Sie Sibylle nennen?«

»Natürlich, Mercedes!« Sie lachte. »Die Familie trifft sich wieder. Noch einer dazugekommen. Jetzt sind wir vier.«

»Mußt du aber für einen Esser mehr Tafelspitz kochen«, sagte Werner. Sie lachten alle.

Wir lachen alle, dachte Daniel, aber der einzige, dessen Lachen echt klingt, ist Werner. Der ahnungslose Werner. Ach, wie wunderbar, ahnungslos zu sein und nichts zu wissen. Nicht das, was Mercedes und ich wissen, nicht das, was Sibylle weiß und uns durch Josef hat mitteilen lassen. Einfach gar nichts wissen. »Und mehr Spinat und mehr Bratkartoffeln und mehr Essigkren- und Schnittlauchsauce«, sagte Daniel und strich Sibylle über das Haar.

»Was ist Tafelspitz?« fragte Mercedes. Und das war Grund für neue Heiterkeit. »Kann man nicht erklären«, sagte Daniel. »Muß man erleben. Köchin hätte sie werden sollen, die liebe Sibylle, nicht Ärztin.« Und wie würde man sie dann erpressen? dachte er.

»Ich mache ihn schon für uns alle«, sagte Sibylle. »Ich mache ihn schon. Und bald! Denn Daniel ist wieder in Ordnung und kann in zwei, drei Tagen losziehen. Wissen Sie, Mercedes, diese bei den Kerle haben sich auf die unverschämteste Weise bei mir eingeschlichen, als Daniel noch in Wien arbeitete, und mich arme, schwache Frau gezwungen, immer wieder zu kochen.«

»Gott, haben wir gefressen!« sagte Werner andächtig. »Was, Danny?«

»Abstoßend«, sagte Daniel. »Degoutant«, sagte Werner. »Rüpelhaft und widerwärtig«, sagte Daniel. »Arme, arme Sibylle! Und jetzt soll das wieder losgehen, hurra!«'

»Na, hurra!« sagte Herdegen, der neben Wayne Hyde hinter dem Techniker, welcher Schorsch genannt wurde, in dem fensterlosen Raum stand. Sie hörten die ganze Konversation am Lautsprecher mit. »Hurra, noch einmal«, sagte Herdegen. »Wird sogar noch mehr kochen müssen, die Frau Primaria. Was Morley vorschlug, wird nun fällig. Bei mir hat Damiani eisern den Mund gehalten. Jetzt könnte er reden.«

»Zeit wäre es«, sagte Hyde.

Der Anwalt Roger Morley hatte neun Tage zuvor, am 25. Februar, gegen Abend angerufen.

»Hallo, Doktor. Ist Hyde bei Ihnen? Hört er mit?« »Ja, Mister Morley.«

Die beiden hatten sich in Herdegens Dienstraum aufgehalten. Wayne Hyde hielt die zweite Hörmuschel ans Ohr ...

»Ich sagte Hyde vorgestern, als er noch in Frankfurt war, Sie würden in kürzester Zeit erfahren, wie die Jagd losgehen soll. Nun also: Sie haben im Sanatorium diesen Damiani, ehemals Völkerrechtsexperte im italienischen Außenministerium. Der Mann hat sich leider als totaler Flop erwiesen, nicht wahr, Doktor?«

»Absoluter Flop. Schwere Schizophrenie. Immer nur sein Streit mit Papst Alexander dem Sechsten, Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon über den Vertrag von Tordesillas, in dem Spanien und Portugal ihre überseeischen Interessengebiete abgrenzten. Ein Kurier hat Ihnen ja ein paar Kassetten von