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Damianis Kämpfen mit den Stimmen, die ihn derart quälen, gebracht. Seit er hier ist, geht es um den gottverdammten Vertrag vom siebenten Juni vierzehnhundertvierundneunzig. Ich glaube, es ist vorgesehen, den Patienten in eine römische Klinik zu überweisen. Wir brauchen das Zimmer. Damiani ist für uns wertlos.«

»Das glauben Sie!« Morleys Stimme schwoll an. »Ich verstehe nicht ...« begann Herdegen, doch Morley

unterbrach ihn.

»Sie werden gleich verstehen. Meine Bekannten haben festgestellt: Von Anfang neunzehnhundertzweiundvierzig bis Mai vierundvierzig war Damiani in Berlin.«

»Damiani in Berlin?« wiederholte Herdegen verblüfft. »Davon steht kein Wort in seinem Lebenslauf. Das hat er mit keiner Silbe erwähnt. Ich habe mich weiß Gott wochenlang mit ihm unterhalten, aber niemals hat der Lump auch nur beiläufig davon gesprochen, daß er im Krieg in Berlin gewesen ist. Irren sich da Ihre Bekannten auch bestimmt nicht?«

»Bestimmt nicht. Sie haben es direkt von der italienischen Regierung.«

»Aber warum redet Damiani nie darüber? Was ist das? Eine Sperre? Eine Verdrängung?«

»Ihr Problem. Ich nenne Ihnen nur die Fakten. In Berlin arbeitete Damiani in der italienischen Botschaft. Kannte natürlich seine deutschen Kollegen. War äußerst beliebt. Als die Nazis den elenden Film fälschten, brauchten sie dazu natürlich einen Völkerrechtler, damit das Geheimprotokoll absolut echt wirkte – auch für Fachleute. Muß also ein deutscher Kollege von Damiani mit der Sache beschäftigt gewesen sein. Beginnen Sie zu verstehen?«

»Sie meinen, wenn man Damiani jetzt daraufhin befragt – natürlich nicht direkt, sondern subtil und völlig indirekt –, könnte es sein, daß man die Sperre durchbricht, und er erzählt, was er in Berlin erlebt hat?«

»Sie müssen alles versuchen, Doktor, hören Sie? Alles!« »Ihre Bekannten vermuten, daß Damiani der Mann nicht

unbekannt war, welcher damals Experte der Nazis gewesen ist, weil es sich bei dem Vertrag von Tordesillas und bei dem Geheimprotokoll um dieselbe Sache gehandelt hat?«

»Kluger Junge«, sagte Morley. »Ja, das vermuten meine Bekannten. Heißt besser: Das hoffen sie. Alles spricht dafür. Solche Spezialisten bilden immer einen engen Klüngel. Halten sich für gescheiter als alle anderen. Müssen einander immer beweisen, was für tolle Kerle sie sind. Ist in jedem Beruf so. Über Damiani könnten wir herausbekommen, wer da in Berlin auf das Geheimprotokoll angesetzt wurde. Wer es eventuell verfaßt oder nur geprüft hat, falls schon eines dagewesen ist.«

»Und wenn er es uns nicht erzählt, trotz allem? Er hat bisher auch nichts davon gesagt. Wenn er die Angelegenheit unbedingt weiter verdrängen will?«

»Sie haben Ross, nicht wahr? Dann muß er mit Damiani zusammengebracht werden – er und diese Olivera. Sie erzählen Damiani vorher, daß Ross’ Vater auch Völkerrechtler war, zum Beispiel. Und Ross keine Ahnung hat, was der Vater in Berlin tat und was aus ihm geworden ist. Das macht Ross noch heute verrückt und so weiter. Sind Sie Psychiater – oder ich? Wenn Damiani den Sachverständigen für das Protokoll gekannt hat, dann hat er auch Ross senior gekannt, wenigstens vom Hörensagen. Gänzlich neue Situation für Damiani, nicht wahr? Sehr leicht möglich, daß er dem jungen Ross erzählt, was er Ihnen nicht erzählen will. Die Unterhaltung darf dann natürlich nicht in der Klinik stattfinden.«

»Natürlich nicht. Privat und ganz zwanglos, wie wir das immer arrangieren in solchen Fällen«, sagte Herdegen.

»Sehr richtig. Sobald Ross wieder auf den Beinen ist«, hatte Roger Morley am Abend des 25. Februar gesagt. Das war neun Tage her.

In Daniels Zimmer verabschiedeten sich Sibylle und Werner. »Seht fern heute abend!« sagte Werner. »Sibylle und ich tun es auch. Du wirst ja jetzt, Gott behüte, ausgeschlafen haben, Danny. Zweiundzwanzig Uhr. Erstes Programm. Müßt ihr unbedingt sehen, diesen Film.«

»Wie heißt er?«

»›Die besten Jahre unseres Lebens.‹ Regie William Wyler. Die drei Soldaten, die aus dem Krieg nach Hause kommen, erinnerst du dich, Danny? Neunzehnhundertsechsundvierzig hat Wyler den Film gedreht. Sieben Oscars! Sibylle, du und ich, wir haben ihn ein Vierteljahrhundert später im Bellaria-Kino gesehen, diesem kleinen Kino, das immer die alten Filme zeigt.«

»Bellaria-Kino«, sagte Daniel verloren. »Bellaria-Kino – ja, natürlich erinnere ich mich! Wunderbarer Film. Aus einer wunderbaren Zeit. Hunger, Kälte, Trümmer, Ruinen in ganz Europa – und alle haben geglaubt, jetzt kommt eine neue, bessere Zeit, eine neue, bessere Welt. Ich war noch ein kleiner Junge damals. Aber mir hat es meine Mutter immer gesagt, und ich habe mich so gefreut auf diese neue, gute Welt. Alle Menschen waren arm, und alle hatten so große Hoffnung. «

»Als wir ihn dann sahen, den Film, da war es längst wieder vorbei mit der Hoffnung«, sagte Werner.

»Längst, ja«, sagte Daniel. Sein Blick traf sich mit dem von Mercedes.

»Darum wollen wir uns den Film heute auch unbedingt ansehen«, sagte Werner. »Und wir werden wieder sehr traurig sein – wie damals im Bellaria-Kino. Vor Zorn und vor Wut.«

»Und in Erinnerung an alle Menschen, die so große Hoffnung hatten«, sagte Sibylle.

»Sie waren weit weg, in Argentinien.« Werner hatte sich an Mercedes gewandt. »Sie können sich nicht vorstellen, wie das damals war, hier bei uns.«

»Nein«, sagte sie. »Das kann ich mir unmöglich vorstellen.« Sibylle und Werner verließen das Zimmer. Daniel nahm einen Morgenmantel, schlüpfte in Pantoffeln und ging ins Badezimmer, um sich die Zähne zu putzen. Als er seinen Mund ausspülte, kam ihm Mercedes nach.

»Hast du Hunger? Du brauchst nur zu klingeln, hat die Nachtschwester gesagt. Dein Essen ist warmgestellt.«

»Nein, ich habe keinen Hunger«, sagte Daniel. Sie standen sehr nah beisammen, und sie sahen einander an, unentwegt.

»Aber du?« fragte Daniel.

»Ich habe auch keinen Hunger, Danny«, sagte Mercedes. Ihre Augen ließen ihn nicht los. Nun sprach keiner von beiden mehr. Sibylle kam plötzlich zurück. Sie hatten sie nicht klopfen gehört. Sofort drehte Daniel den Wasserhahn ganz auf. Der brausende Strahl verursachte viel Lärm. Sibylle nickte.

»Ich habe Werner schon hinüber in die Villa geschickt«, sagte sie halblaut, während sie Mercedes ein großes Kuvert gab. »Hier, das ist für euch!« Sie lief schnell fort. Die Zimmertür fiel hinter ihr zu.

Die beiden sahen, was in Sibylles Handschrift auf dem Kuvert stand:

ALLES GLÜCK DER WELT EUCH BEIDEN! SIBYLLE

Mercedes riß das Kuvert auf. Eine alte achtundsiebziger Platte glitt aus einer alten, vergilbten Schutzhülle. Die Platte war zerkratzt, die Etiketten fehlten.

»Das ist ...« Mercedes sprach nicht weiter. Sie sah Daniel fassungslos an.

»... die Platte, von der ich dir erzählt habe«, sagte Daniel. Sie sprachen leise, dicht beieinander stehend. »Das Lied, das Sibylle und ich hatten: ›Wenn ich mir was wünschen dürfte‹.«

»Aber wieso ...«

Das Wasser rauschte.

»Ich habe ihr erzählt, daß wir beide es schon zweimal gehört haben. Nun hat sie uns die Platte geschenkt. Nun ist es unser Lied ...«

»Bist du sicher, Danny?« fragte Mercedes.

»Ja, Mercedes«, sagte er. »Jetzt bin ich ganz sicher.« »Du mußt ganz sicher sein«, sagte sie. »Du darfst dir nichts

vormachen. Und mir auch nicht. Wenn du nicht sicher bist, mußt du es mir jetzt sagen. Es täte weh. Aber ich muß es jetzt wissen. Nicht später.«

»Glaubst du mir nicht?«

»Ich weiß nicht, Danny ... Ich weiß es nicht ... Sibylle benimmt sich so großartig ... Ich könnte dir unmöglich böse sein, wenn du es nicht fertigbrächtest, jemals für einen Menschen mehr zu empfinden als für sie.«

»Mercedes ...«

»Ja?«

»Ich war verwirrt, als ich Sibylle wiedersah, das weißt du. Und die Erinnerung war sehr stark. Aber das ist vorüber. Du bist es, die sich in diesen Tagen großartig benommen hat. Du bist so tapfer.«

»Gar nicht«, sagte sie. »Aber ich möchte es gerne sein.« Er nahm die Schellackplatte aus ihrer Hand und legte sie auf