einen Hocker. Dann küßte er sie, und sie preßten die Körper aneinander und umarmten sich wild, als wäre der eine des anderen letzter Halt auf Erden, der letzte.
Zu etwa diesem Zeitpunkt bewegte sich ein großer, hagerer Mann in Stiefeln, Cordsamthose und Anorak geräuschlos wie eine Katze durch die alten, hohen Bäume und das dichte Unterholz beim Rittersturz im verschneiten Koblenzer Stadtwald, nahe der Laubachstraße und dem Rheinufer. Hier gab es einen Parkplatz. Auch er war tief verschneit.
Der Mann im Anorak hatte ein knochiges Gesicht mit schmalen Lippen und sehr kalten Augen. Er schlich seit einer halben Stunde durch den Wald rund um den Rittersturz. Er mußte ganz sicher sein, daß er hier nicht von der Polizei erwartet wurde. Er hatte solche Situationen, bei denen es um seine Sicherheit und sein Leben ging, oft als Söldner in mancherlei Kriegen erlebt. Endlich war er zufrieden. Hier erwartete ihn keine Polizei. Kramer hatte Wort gehalten und war allein gekommen. Da stand sein schwarzer VW Golf, die Scheinwerfer auf Abblendlicht geschaltet, wie sie es am Telefon verabredet hatten. Ich kann es riskieren, dachte der Mann mit den kalten Augen. Er machte ein paar große Schritte bis zum Wagen und riß den rechten Schlag auf. Er ließ sich auf den Beifahrersitz fallen und schloß die Tür hinter sich. Der etwa dreißigjährige Mann am Steuer, der Herbert Kramer hieß, fuhr erschrocken auf. Er war sehr bleich. In der milchigen Finsternis leuchtete sein rundes Gesicht wie ein Miniaturmond. Die dicken Gläser seiner Brille funkelten.
»Tag«, sagte der Mann auf dem Beifahrersitz. Kramer schwieg. Er zitterte, aber nicht vor Kälte. »Haben Sie es dabei?« fragte der Hagere. »Natürlich.« Kramer räusperte sich krampfhaft. »Wo ist es?«
»Auf dem Rücksitz.«
Der Hagere neigte sich nach hinten und hob einen Gegenstand hoch, der aussah wie ein großes Kontobuch. Er nahm eine starke Taschenlampe, legte das Buch auf die Knie und begann zu blättern. Die Seiten waren mit gleichmäßigen Schriftzügen bedeckt. Der Hagere hatte gefunden, was er suchte. Bedächtig las er die Stelle mehrere Male.
»Gut«, sagte er dann. »Gut, Herr Kramer.«
»Wo ist Lotti?« fragte der Mann, der Kramer hieß. Seine Hände schlugen gegen das Steuerrad. »Um der Liebe Christi willen, wo ist Lotti? Sie haben gesagt, wenn ich Ihnen den Band bringe, kriege ich sie sofort wieder.«
Der Hagere kurbelte das Fenster an seiner Seite herab, schaltete die starke Taschenlampe ein und beschrieb mit ihr drei kreisförmige Bewegungen. Kurze Zeit später kam, ohne Licht, ein großer Mercedes den Weg auf den Parkplatz zu gerollt. Er blieb in gleicher Höhe mit dem Golf, aber etwa acht Meter entfernt stehen. Der Mann am Steuer des Mercedes schaltete die Innenbeleuchtung des Wagens an, drehte sich um und sagte etwas. Gleich darauf tauchte am hinteren linken Fenster des Mercedes ein kleines Mädchen auf. Das kleine Mädchen trug eine Rotkäppchenmütze und ein Pelzmäntelchen. Es hatte riesengroße dunkle Augen und starrte zu dem Golf herüber.
»Gott sei Dank!« sagte Kramer. »Ich habe so furchtbare Angst gehabt, daß sie tot ist.«
»Sie wäre tot, wenn Sie die Polizei verständigt hätten«, sagte der Hagere. »Oder wenn Sie das da nicht mitgebracht hätten.« Er klopfte auf das große Buch. »Hupen Sie kurz!«
Kramer tat es.
Die Hupe des Mercedes ertönte gleichfalls für einen Moment. Dann trat der Mann am Steuer, ein untersetzter Bulle, ins Freie und öffnete den linken hinteren Wagenschlag. Er hob das kleine Mädchen heraus und sagte: »Lauf!«
Das kleine Mädchen lief, durch den hohen Schnee stolpernd, zu dem Golf. Auf dem Rücken trug es eine Schultasche. Es fiel, kam wieder auf die Beine und lief weiter. Der Mann mit den kalten Augen stieg aus.
»Danke«, sagte Kramer erstickt. »Danke, daß Sie Wort gehalten haben.«
»Ich halte immer Wort«, sagte der andere. Das große Buch hatte er nun unter dem linken Arm. Das kleine Mädchen sprang an dem Hageren vorbei in den Golf und umarmte Kramer. »Vati!« rief es. »Vati!«
»Ja, Lotti, mein Liebling.« Er preßte das Kind an sich. »Es war schrecklich, Vati ... ganz schrecklich ... Ich habe
mich so gefürchtet ...« Das kleine Mädchen begann zu schluchzen. Der Vater strich ihr ungeschickt über das schwarze Haar. Die rote Kappe war heruntergefallen.
»Nicht weinen, Lotti!« sagte er. »Nicht weinen! Bitte, weine nicht! Es ist ja alles gut.« Er sagte immer wieder dieselben Worte. Endlich sah er zu dem Hageren auf. »Ist jetzt Schluß?« fragte er. »Ja«, sagte der Hagere, »jetzt ist Schluß.« Er hatte plötzlich eine große Pistole in der rechten Hand. Blitzschnell setzte er die Mündung an Kramers rechte Schläfe und drückte ab. Die Kugel durchschlug den Schädel, riß bei der Austrittsstelle das halbe Gesicht weg und zerbrach dann noch die Fensterscheibe der linken Tür. Kramers Brille war fortgeflogen. Blut schoß aus seinem Kopf.
»Vati!« schrie Lotti entsetzt. Sie packte den rechten Arm des Vaters. Der Tote fiel über das Kind, das sofort voller Blut war.
Lotti kreischte. Sie versuchte, sich zu befreien. Blut floß in Strömen über sie.
Der Hagere rannte zu dem Mercedes und sprang neben den untersetzten Fahrer, welcher schon den Motor gestartet hatte. Der Wagen beschrieb eine verrückte Kreisbahn auf dem einsamen, verschneiten Parkplatz und glitt dann den Weg zur Laubachstraße hinauf. Nach kurzer Zeit bereits hörte man den Motor nicht mehr. Lotti hatte sich von der Last des toten Vaters befreit und taumelte aus dem Golf in den Schnee. Sie fiel wieder hin, stand auf und begann, außer sich vor Grauen, gellend zu schreien. Sie schrie unverständlich, sie schrie und schrie und schrie, und sie war voller Blut, und der Golf war voller Blut, und es kam immer neues Blut aus dem, was einmal der Kopf ihres Vaters gewesen war.
Am nächsten Vormittag um 10 Uhr, es war der 6. März 1984, fuhren zwei Wagen auf dem Peter-Altmeier-Ufer neben der Mosel in Richtung Deutsches Eck, wo die dreckigen Fluten der Mosel mit den noch dreckigeren des Rheins zusammenfließen. Die Wagen passierten die neue Moselbrücke und bogen vor der Eisenbahnbrücke, die beim Unterhafen den Strom überquert, auf den großen neuen Messeplatz ein. Hier blieben sie stehen.
Aus dem ersten Wagen stiegen Conrad Colledo, Hauptabteilungsleiter für Politik und Zeitgeschehen beim Fernsehsender Frankfurt, und ein etwa fünfundzwanzigjähriger blonder Mann. Den zweiten Wagen, einen großen Kombi, verließen vier Männer, die den Laderaum öffneten und Stative, Kabel, Scheinwerfer, Mikrofone, Kameras sowie einige Metallkoffer herausnahmen. Sie alle gingen an der Clemens-Brentano-Realschule und dem Stadtbad vorüber zum großen Gebäude der Dokumentationszentrale der Bundesrepublik Deutschland, das hinter der Balduinbrücke steht. In der Eingangshalle erhoben sich zwei Männer in Wintermänteln und traten Colledo und seinem Begleiter, die vorangegangen waren, in den Weg.
»Was ist los?« fragte Colledo. »Was wollen Sie?« »Kriminalpolizei, Mordkommission«, sagte der ältere der
beiden, eine Zigarette im Mundwinkel. Er zeigte seine Dienstmarke. »Ich bin Kommissar Bevensen, das ist mein Kollege, Kommissar Mack. Sie kommen sehr pünktlich, meine Herren.« Inzwischen waren auch die vier Techniker mit ihren Geräten in der kalten Halle erschienen.
»Woher wußten Sie, daß wir kommen?« fragte Colledo. Er trug wieder eine Elefantenkrawatte und einen maßgeschneiderten blauen Anzug, dazu diesmal ein blauweiß gestreiftes Hemd. »Es ist ein Verbrechen geschehen«, sagte der schlanke Kommissar Bevensen. Sein Haar war kurzgeschnitten und schimmerte silbern. »Ein Mensch wurde ermordet. Bitte, kommen Sie mit! Wir können hier nicht sprechen. Die Institutsleitung hat uns einen Raum zur Verfügung gestellt.«
Kurze Zeit später saßen alle in diesem Raum. Sie hatten die Mäntel ausgezogen. Es war zu warm. Colledo öffnete ein Fenster. Straßenlärm drang herein.
»Sie«, sagte Bevensen zu dem blonden, jungen Mann, der mit Colledo gekommen war, »sind Heinz Kling, nicht wahr?«