»Ja«, sagte der. »Woher ...«
»Wir führen diese Untersuchung schon seit gestern abend«, sagte Bevensen und zündete am Stummel seiner Zigarette eine neue an. »Wir wissen über Sie Bescheid, Herr Kling. Von den Angestellten des Archivs. Sie haben seit drei Tagen hier gearbeitet. Herbert Kramer, ein Bibliothekar, war Ihnen behilflich. Sie sind angestellt als Reporter beim Sender Frankfurt. Gestern vormittag scheinen Sie gefunden zu haben, was Sie suchten, denn Sie waren nach Aussage der Angestellten im großen Lesesaal sehr aufgeregt und telefonierten lange in der Zelle neben der Eingangshalle.«
»Herr Kling sprach mit mir. Übrigens: Mein Name ist Colledo. Sie haben recht, Herr Kommissar. Er hatte etwas sehr Wichtiges – für uns Wichtiges – gefunden. Dank der liebenswürdigen und geduldigen Hilfe von Herrn Kramer. Es ist doch um Himmels willen nicht etwa er, der ermordet wurde!«
»Doch«, sagte Bevensen, der so hastig rauchte, wie Colledo das noch nie gesehen hatte, »leider.«
Ein Stativ fiel mit viel Lärm vom Tisch. Einer der Techniker hob es auf und entschuldigte sich. Danach sprach lange Zeit niemand. Straßenlärm brandete immer wieder auf.
»Entsetzlich«, sagte Conrad Colledo schließlich. »Wie ist das passiert? Und wo?«
»Erlauben Sie!« Kommissar Mack, jünger und fülliger als Bevensen, hob kurz eine Hand. »Der Reihe nach, bitte! Wie wir erfahren haben, kam Herr Kling hierher in der Hoffnung, irgendwelche Dokumente zu entdecken, die den Geheimdienst des Naziaußenministers Ribbentrop betreffen. Er hatte Glück. Kramer fand heraus, daß dieses Zentrum die sogenannten Arbeitsjournale des Dienstes besitzt, einen Band pro Jahr von neunzehnhundertfünfunddreißig – da wurde der Dienst geschaffen – bis fünfundvierzig, nicht wahr, Herr Kling?«
»Ja, so ist es, Herr Kommissar.«
»Sie suchten drei Tage lang. Grund für Ihre Aufregung war dann eine Eintragung in das Arbeitsjournal des Jahrs neunzehnhundertvierundvierzig, sagt man uns.«
Der blonde Kling zögerte.
Statt seiner antwortete Colledo: »Das ist richtig, Herr Kommissar.« Bevensen drückte schon wieder einen Zigarettenstummel aus, nachdem er zuvor eine neue Zigarette an ihm entzündet hatte. Seine Fingernägel waren gelb von Nikotin.
»Wie lautete die Eintragung, Herr Kling?«
Der junge Mann sah Colledo hilfesuchend an. Dieser sagte: »Das ist eine absolut geheime Produktion, an der wir da arbeiten, meine Herren.«
»Es geht um Mord, Herr Colledo«, sagte Mack. Er sah Colledo aggressiv an. Wieder entstand eine Pause.
»Das überschreitet meine Kompetenzen«, sagte Colledo schließlich. »Ich muß mit dem Intendanten telefonieren.«
»Tun Sie das, Herr Colledo. Tun Sie das. Wie gesagt, neben der Halle gibt es eine Telefonzelle. Haben Sie genügend Kleingeld? Das ist ein Ferngespräch. Hier, bitte!« Mack überreichte Colledo ein Kuvert mit Fünf-Mark-Stücken.
»Danke! Es wird eine Weile dauern.«
»Wir haben Zeit«, sagte Bevensen.
Sie saßen da und sahen einander nicht an, und niemand sprach, und von der Straße her kam das Brausen des Verkehrs, und allen war heiß, obwohl das Fenster nun offen war. Dann stand der junge Kameramann auf. Er sagte: »Ich muß pissen.« Als er wiederkam, sagte er: »Im Archiv haben sie mir gesagt, dieser Kramer war verheiratet und hatte ein Kind. Ein kleines Mädchen.«
»Das stimmt«, sagte Mack mit unbewegtem Gesicht. Der Kameramann wurde wütend. »Schauen Sie mich nicht so
an! Wir haben ihn nicht umgebracht!«
»Wenn Herr Kling hier nicht aufgetaucht wäre, wäre Kramer noch am Leben«, sagte Mack.
»Hören Sie mal, Herr Kommissar, wir können uns nicht aussuchen, wo man uns hinschickt. Wir ...«
»Laß, Karl«, sagte der blonde Kling. »Herr Mack hat ganz recht.« Er schlug kraftlos auf die Tischplatte. »Scheiße, verfluchte!« sagte er. Dann sprach wieder niemand mehr.
Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis Colledo zurückkehrte. Er sah irritiert und unzufrieden aus.
»Entschuldigen Sie die lange Zeit, die ich brauchte, meine Herren. Ich habe mit dem Intendanten gesprochen. Der mußte erst mit der Rechtsabteilung sprechen. Dann mit dem Kanzler. Dieser mit dem Innenminister. Dieser mit dem Bundeskriminalamt.« Colledo sah die vier Techniker an. »Tut mir leid, Jungs, aber ihr müßt raus. Wartet im Wagen! Ich habe die Erlaubnis und den Auftrag, die Herren von der Mordkommission vollkommen einzuweihen. Das Bundeskriminalamt und die Polizei sämtlicher Bundesländer arbeiten ab sofort mit dem Sender zusammen. Das BKA besteht jedoch darauf, daß nur jene Personen informiert werden, welche die ganze Wahrheit wissen müssen. Das geschieht zu eurer eigenen Sicherheit.«
»Klar«, sagte der Kameramann. »Also raus mit uns, Kollegen!« Die vier verließen den Raum.
Bevensen zündete sich eine neue Zigarette am Rest der letzten an.
»Nun?« fragte er.
Colledo begann zu sprechen. Als er eine Viertelstunde später verstummte, stand Mack auf und schloß das Fenster.
»Der Krach macht mich noch wahnsinnig«, behauptete er. »Und ich drehe diese verfluchten Heizkörper ab. Das ist ja eine wüste Geschichte. Großer Gott im Himmel! Da kommt jetzt etwas auf uns zu. Der Mord an Kramer war ein erster, kleiner Anfang. Jetzt erzähle den Herren, was wir bisher herausgekriegt haben, Tom.«
Bevensen nickte. »Also, folgendes ist passiert: Nachdem Sie, Herr Kling, gestern so aufgeregt ans Telefon gestürzt sind, hat jemand gegen ein Uhr dreißig Frau Kramer in der Moltkestraße angerufen. Sie haben so gegen zehn telefoniert, nicht wahr?«
»Ja. Ich habe Herrn Colledo von meinem Fund berichtet. Um im Dokumentationszentrum zu filmen, war natürlich die Zustimmung des Direktors nötig. Der brauchte die des Innenministers. Schließlich hatten wir alles. Wir verabredeten, daß ich hier noch einmal im Hotel übernachten sollte. Heute vormittag wollte Herr Colledo mit einem Aufnahmeteam kommen. Das wissen Sie ja schon.« Die Beamten nickten. »Jemand hat Frau Kramer angerufen? Dreieinhalb Stunden nachdem ich telefonierte?«
»Ja.«
»Wer?«
»Das wissen wir nicht.«
»Was wollte er?«
»Er sagte Frau Kramer, daß ihre kleine Tochter Lotti entführt worden sei. Auf dem Heimweg von der Schule. Jemand muß Sie, Herr Kling, die ganze Zeit über, die Sie im Dokumentationszentrum arbeiteten, beobachtet haben. Genau beobachtet. Ist Ihnen niemand aufgefallen?«
»Nein.«
»Sie sind Reporter. Sie sind es gewöhnt, daß man Sie verfolgt oder beobachtet?«
»Ja.«
»Aber Sie haben in den drei Tagen nichts bemerkt.« »Nein. Ich habe aufgepaßt. Aber bemerkt habe ich nicht das
geringste.«
»Wieso brauchten Sie eigentlich drei Tage?« »Weil ich alle elf Bände des Arbeitsjournals von
fünfunddreißig bis fünfundvierzig durchackern mußte.« »Haben Sie mehrere Eintragungen gefunden, die für Sie von
Interesse waren?«
»Nein, nur eine einzige.«
»Im Jahrgang vierundvierzig.«
»Ja, Herr Kommissar.«
»Profis«, sagte Bevensen.
»Das fürchte ich«, sagte Colledo. »Und weiter?« »Der Anrufer sagte Frau Kramer, sie solle sofort ihren Mann
hier im Dokumentationszentrum anrufen und ihm sagen, daß er das Arbeitsjournal des Ribbentrop-Dienstes für das Jahr vierundvierzig entwenden und mitnehmen müsse. Falls er das nicht tue und nicht bereit sei, diesen Band später – er werde noch erfahren, wo und wann – einem Mann auszuhändigen, dann habe er keine Chance, seine kleine Tochter lebend wiederzusehen. Auch nicht, wenn er oder seine Frau die Polizei einschalteten. Die beiden waren in solcher Panik, daß sie uns prompt nicht verständigten.«
»Und daß Kramer das Journal für vierundvierzig mitnahm«, sagte Colledo.
„Ja«, sagte Bevensen. »In seiner Aktentasche. Kein Mensch merkte etwas. Kontrolliert wird hier nicht.«
„Man kann ihm keinen Vorwurf machen«, sagte Mack. »Sie waren beide außer sich vor Angst um das Kind, sagte uns Frau Kramer.«
»Wo ist sie?«
»Im Sankt-Josef-Krankenhaus. Schwerer Schock. Das kleine Mädchen auch. Auch Schock. Wir haben nur fünf Minuten mit der Mutter und fünf Minuten mit Lotti sprechen können.« Bevensen nahm eine neue Zigarette. Er machte einen überarbeiteten und nervösen Eindruck. Seine Finger zitterten leicht. »Der Mann am Telefon hatte gesagt, die Eltern müßten zu Hause bleiben und weitere Anweisungen abwarten. Na, sie warteten bis Viertel vor sechs. Dann rief ein anderer Mann an und sagte, Kramer solle seinen VW Golf nehmen und mit dem Journal in das Restaurant HAFNER in der Görtzstraße kommen. Kramer verlangte ein Lebenszeichen von seiner Tochter, und da hörte er dann Lotti weinen und sagen, daß sie Angst habe und daß er tun solle, was die Onkel sagten, dann dürfe sie wieder nach Hause.«