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»Moment mal«, sagte der junge Kling. »Ich komme vor vier Tagen abends in Koblenz an. Am nächsten Morgen gehe ich in das Dokumentationszentrum. Drei Tage später habe ich gefunden, was ich suche und telefonierte mit Herrn Colledo. Und schon dreieinhalb Stunden später ruft ein Mann bei Frau Kramer an und sagt, ihre Tochter ist entführt worden. Das ist doch praktisch unmöglich.«

»Das ist praktisch natürlich sehr wohl möglich«, sagte Bevensen. »Nämlich wie?«

»Haben Sie Ihren Besuch im Dokumentationszentrum nicht vorher angemeldet?«

»Doch.«

»Wann?«

Kling sagte unsicher: »Vor vier Tagen. Da rief ich vom Sender aus an.«

»Mit wem haben Sie gesprochen?«

Kling wurde rot vor Verlegenheit. »Mit Herrn Kramer. Man hat mich mit ihm verbunden.«

»Dann hatten die Kerle drei Tage Zeit, alles über die Familie Kramer herauszufinden: wo das Kind zur Schule ging, welchen Weg es nahm, alles. Kramer hat die Kollegen informiert, daß jemand vom Fernsehen kommen würde. Das sprach sich herum.

Wir können also sicher sein, daß Sie bereits erwartet wurden. Die Brüder wissen – müssen wissen –, daß alle Archive und zeitgeschichtlichen Institute jetzt von Ihren Rechercheuren in dieser Sache aufgesucht werden. So ist es doch, Herr Colledo?«

»Ja«, sagte der. »So ist es. Wir haben überall Rechercheure hingeschickt. Nicht nur in Deutschland. Auch nach Amerika, England und Frankreich. Nach Rußland ging es nicht. Aber es ist doch unmöglich, daß sie alle beschattet werden! So viele Leute können die doch nicht haben!«

»Warum nicht?« fragte Bevensen. »Warum sollen die nicht genauso viele Leute eingesetzt haben wie Sie? Vielleicht noch mehr?«

»Das stimmt«, sagte Colledo.

»Es gibt natürlich noch eine andere Möglichkeit«, sagte Mack. »Nämlich welche?«

»Nämlich die, daß Sie einen Verräter im Sender haben, der die Kerle über alles, was vorgeht, auf dem laufenden hält.«

»Erlauben Sie!« Colledo war aufgesprungen. »Ich habe nur die besten und zuverlässigsten Leute eingeweiht. Dazu gehören der Intendant, der Chefredakteur und die Männer der Rechtsabteilung. Wollen Sie unterstellen, daß ...«

»Regen Sie sich ab, Herr Colledo!« Mack winkte mit der Hand ab. »Ich will gar nichts unterstellen. Ich habe nur gesagt, das wäre auch eine Möglichkeit. Eine Telefonistin würde genügen ...«

»Ausgeschlossen«, sagte Colledo. »Für die im Sender lege ich meine Hand ins Feuer.«

»Wie Sie meinen«, sagte Mack. »Sie haben Ihre Erfahrungen, wir haben unsere.«

»Vermutlich haben die Entführer Kramer eine Tonbandaufnahme mit Lottis Stimme vorgespielt«, fuhr Bevensen fort, »denn sie antwortete nicht auf seine Fragen. Das wissen wir von Frau Kramer. Er fuhr also los zu diesem Restaurant in der Görtzstraße. Dort saß er bis etwa neunzehn Uhr. Um diese Zeit läutete das Telefon, und er wurde verlangt. Das hat uns ein Kellner erzählt, der sich daran genau erinnert. Ohne Zweifel bekam Kramer nun den Auftrag, zu einem anderen Ort zu fahren. Wir wissen nicht, wo er noch überall hingeschickt wurde. Die wollten ganz sicher sein, daß er nicht doch die Polizei verständigt hatte und von ihr beschattet wurde. Vermutlich jagten sie ihn durch die ganze Stadt.«

»Und wo ... passierte es schließlich?« fragte Kling. »Im Stadtwald«, sagte Mack. Er sprach immer gereizt und

wütend. Vielleicht hat er Magengeschwüre oder Krach mit seiner Alten, dachte Colledo.

»Übergab man ihm dort das Kind?«

»Ja. Lotti hat uns bei der Aufklärung sehr geholfen – soweit sie es in ihrem Zustand konnte. Das arme Wurm«, sagte Bevensen. »Es waren zwei Männer. Sie hatten sie zuerst in einen Keller gesperrt. Hände gebunden. Knebel im Mund. Dann, abends, sind sie mit ihr losgefahren. Einen weiten Weg. Zum Stadtwald. Dann ist einer der beiden Männer ausgestiegen, sagt sie. Der andere hat etwa eine halbe Stunde auf der Straße gewartet. Endlich ist er zum Parkplatz gefahren. Da stand der VW Golf. Lotti hat ihn gesehen. Ihren Vater am Steuer. Den anderen Mann neben ihm. Der Mann in ihrem Wagen hat die Innenbeleuchtung eingeschaltet, damit der Vater Lotti auch sehen konnte. Dann hat der Mann gesagt: ›Lauf!‹ Lotti ist zum Golf gelaufen. Der zweite Mann ist ausgestiegen. Er hatte ein großes Buch in der Hand, sagt Lotti. Sie ist in den Wagen gesprungen und hat den Vater umarmt. Gleich darauf gab es einen Knall. Der Vater ist zuerst über das Steuer und dann über Lotti gefallen. Der Mann, der bei ihm war, hat ihm in die rechte Schläfe geschossen. Die Kugel durchschlug den Schädel und die Scheibe der linken Tür. Unsere Leute haben sie in einem Baumstamm gefunden. Kaliber neun Millimeter. Lotti hat zuerst nur geschrien, dann ist sie zur Laubachstraße gelaufen. Der erste Wagen, der vorbeikam, gehörte einem gewissen Ingenieur Kreuzer. Peter Kreuzer. Er hielt natürlich und hörte das Gestammel der armen Kleinen, fuhr zum Tatort, sah die ganze grausige Schweinerei und raste mit Lotti in das Altenheim Drei-Kaiser-Weg, und von dort rief er die Polizei an. jetzt wissen Sie alles von uns. Und wir wissen alles von Ihnen«, sagte Bevensen. »Nur zwei Dinge nicht.«

»Nämlich welche?« fragte Colledo.

»Nämlich erstens, was Sie jetzt mit Herrn Kling zu tun gedenken. Sollen wir ihn in Schutzhaft nehmen?«

»Warum?« fragte Kling.

»Na, Sie sind doch als nächster fällig«, sagte Bevensen. »Ein richtiges Wunder, daß es Sie noch nicht erwischt hat. Kaum zu fassen. Sie wissen doch, wie die Eintragung im Arbeitsjournal lautete. Sie kann man noch immer für die Dokumentation filmen

und aussagen lassen.«

»Das werden wir auch tun«, sagte Colledo. »Und Sie vergessen, daß unser Intendant gedroht hat, den Film sofort auszustrahlen, ohne jede Dokumentation, ohne Recherchen, falls einem einzigen Menschen, der mit der Sache beschäftigt ist, oder einem seiner Angehörigen etwas zustößt. Wir haben alle unsere›Lebensversicherung‹.«

»Natürlich«, sagte Bevensen. »Dumm von mir.« »Nur Kramer hatte keine«, sagte Mack bitter. »Und

zweitens?« fragte Colledo.

»Zweitens«, sagte Bevensen, »wissen wir noch nicht, wie die Eintragung im Arbeitsjournal für das Jahr vierundvierzig lautete. Wie lautete sie, Herr Kling?«

Der Reporter sah Colledo an. Dieser nickte. Kling sagte: »Herr Colledo hat Ihnen erzählt, daß dieser

Eduardo Olivera in Buenos Aires, der früher einmal Georg Ross hieß und der Vater von Daniel Ross ist, behauptet, ein Agent, den er nur unter der Bezeichnung CX einundzwanzig kannte, sei mit dem Film, um den sich alles dreht, Ende März vierundvierzig in der ehemaligen Reichshauptstadt angekommen, ja?«

»Ja«, sagte Bevensen.

»Gut«, sagte Kling. »Die Eintragung im Arbeitsjournal für den einunddreißigsten März neunzehnhundertvierundvierzig lautete: ›Aus Teheran trifft CX einundzwanzig mit wichtigstem Material in Berlin ein. Chef Mittlerer Osten informiert Reichsmin. von Ribbentrop. Dieser ruft sofort Reichsmin. Goebbels und Reichsführer Himmler ins AA. Material zu Geheimer Reichssache Stufe I erklärt. Deshalb keine weitere Erwähnung in Arbeitsjournal.‹«

»Am schlimmsten ist der Papst«, sagte der italienische Völkerrechtler Professor Umberto Damiani klagend zu Mercedes. »Die Streitereien mit Ferdinand von Aragon und Isabella von Kastilien sind auch schon schlimm genug. Aber die Beleidigungen Alexanders des Sechsten werden unerträglich. Ein Borgia. Und was für einer! Du liebe Güte! Seiner Verbindung mit Vanozza Cattanei entstammen die berüchtigten Kinder Cesare, Francisco, Giovanni und Lucrezia ... Ich brauche nicht weiterzusprechen. Eine dem Vater würdige Brut, weiß Gott! Kriege, Raubzüge, Giftmorde, Blutschande, na, Sie wissen es ja. Nein, dieser Alexander bringt mich noch um. Und das meine ich wörtlich, verehrte Signora. Ich lebe in ständiger Todesangst.«