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Professor Damiani war zweiundsiebzig Jahre alt, groß und schlank. Er besaß das dramatische Temperament des Südländers, seine Hände waren dauernd in Bewegung, wenn er sprach. Er hatte schwarze Augen und schwarzes, dichtes Kraushaar, an den Schläfen ganz ergraut. Olivenfarben war die samtene Gesichtshaut. Er trug einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd und eine silberne Krawatte. Mit übergeschlagenen Beinen – weiße Socken zu schwarzen Slippers – thronte er auf einem Sessel im großen Wohnzimmer der Villa, welche Sibylle mit ihrem Mann bewohnte. Es war halb zehn Uhr abends. Draußen tobte ein Sturm. Um einen Tisch saßen außer dem Italiener Mercedes, Daniel, Herdegen, Sibylle und Werner Farmer. Das Abendessen war vorüber. Eine Haushälterin hatte serviert, zubereitet worden war die Mahlzeit – Tafelspitz mit Beilagen – jedoch von Sibylle. Daniel und Werner hatten mit Begeisterung und voll gefühlsseliger Erinnerungen gegessen, die anderen nur mit Begeisterung, auch Herdegen. Sibylle war mit Komplimenten überschüttet worden, Damiam hatte ihr die Hand geküßt. Nun, nach dem Essen, hatte Daniel den Professor in ein Gespräch verwickelt. Er war nicht überrascht darüber, wie der Geisteskranke von seinem Lebensproblem sprach, nämlich geordnet, vernünftig und völlig normal. Sibylle hatte Daniel das vorher gesagt: »Solange es um sein Arbeitsgebiet geht, wirst du überhaupt nicht merken, daß Damiani schizophren ist. Nur sobald er dieses Gebiet verläßt ...«

In der Tat hatte, was Damiani in eigentümlicher Wortwahl und Sprechweise während des Essens von sich gegeben hatte, wirr und abstrus geklungen. Nun aber war er beim Thema. Nun hatte sich sein Betragen völlig verändert.

»... Todesangst, jawohl, gnädige Frau.«

»Aber ich verstehe nicht ... Was werfen diese Leute Ihnen denn vor?« fragte Mercedes.

»Ach!« Damiani warf die Arme in die Luft. »Ich habe vor vierzehn Jahren ein wissenschaftliches Buch veröffentlicht ...«

»Das in Fachkreisen der ganzen Welt eine Sensation war«, sagte Herdegen.

»Ach, ja also, man war so gütig, meiner Arbeit einige Aufmerksamkeit zu schenken.« Jetzt zierte sich Damiani. Es schien, als schauspielere er unentwegt. »Die Arbeit fand Interesse und Widerspruch bei meinen internationalen Kollegen, weil sie sich sehr ausführlich mit einer Streitfrage befaßt, deren Wurzeln schon im Alten Testament zu finden sind, vornehmlich in den Psalmen, in denen, wie Sie wissen – ich rede jetzt außerordentlich populärwissenschaftlich –, davon die Rede ist, daß diese Welt von Jahwe, also Gott, geschaffen und daher Sein Eigentum ist, nicht wahr, und daß Ihm daher ein jeder untertan zu sein hat.« Damiani hob die Stimme und zitierte: »›Alle Könige sollen ihre Knie beugen vor Ihm.‹ Nun, und daraus haben dann einige Päpste, Seine Stellvertreter auf Erden, nicht wahr, die Schlußfolgerung gezogen, sie besäßen das gleiche Recht, diese Erde als ihr Eigentum zu betrachten und nach Gutdünken mit ihr zu verfahren. Sehen Sie, meine Herrschaften, das war durch viele Jahrhunderte eines der heikelsten Probleme, die es für die damalige Völkerrechtskunde gab, nicht wahr? Und mein Buch ›unter caetera divinae‹ setzt sich mit diesem Problem auseinander.«

»Was heißt ›unter caetera divinae‹?« fragte Mercedes. Sie versuchte zu übersetzen: »›Unter anderem ...‹«

»Sie haben recht, Signora, völlig recht. Indessen sind diese drei Worte unverständlich, da sie den Anfang eines Satzes bilden, und zwar des ersten Satzes der Bulle von Papst Alexander dem Sechsten, gerichtet an die ›katholischen Könige‹ Ferdinand von Aragon und Isabella von Kastilien sowie an Johann den Zweiten von Portugal. Die spanischen Herrscher hatten sich an den Papst gewandt, um von ihm in ihrer Interessensphäre gegenüber dem Rivalen auf der Iberischen Halbinsel, Portugal also, bestätigt und beschützt zu werden ...« Damianis Worte überstürzten sich nun fast. »Nun, und in jener Bulle Alexanders des Sechsten vom vierten Mai vierzehnhundertdreiundneunzig heißt es nach einer pompösen allgemeinen Einleitung dann eben: ›Unter den anderen der göttlichen Majestät‹ – da haben Sie das ›inter caetera divinae‹, liebste Signorina, das ›majestatis‹ ist schon weggelassen –, unter den anderen der göttlichen Majestät wohlgefälligen und Unserem Herzen erwünschten Werken ist das wichtigste, daß der katholische Glaube und die christliche Religion in unserer Zeit verherrlicht und überall verbreitet werden und so weiter und so weiter, als Begründung und Rechtfertigung für das, was Alexander der Sechste mit dieser Bulle de facto getan hat.«

»Und was hat er getan?« fragte Daniel.

»Ah!« sagte Damiani. »Er hat eine Demarkationslinie festgesetzt, um die Entdeckungen der Portugiesen und der Spanier zu trennen. Diese Linie verlief hundert Meilen westlich der Azoren von Pol zu Pol. Alles Land ostwärts davon sollte den Portugiesen gehören, alles westlich davon den Spaniern. Am siebenten Juni des Folgejahres verständigten sich Spanier und Portugiesen im Vertrag von Tordesillas dann direkt miteinander. Der Vertrag ließ die Demarkationslinie durch einen Punkt dreihundertsiebzig Meilen westlich der Kapverden gehen, das heißt, die Grenze wurde zugunsten Portugals nach Westen verschoben, und zwar von achtunddreißig Grad West, wie in der Bulle, auf sechsundvierzig Grad dreißig Minuten West.«

»Mit anderen Worten: Dieser Papst hat es Portugal und Spanien, den damaligen Supermächten, gestattet, die Welt unter sich aufzuteilen«, sagte Daniel.

»Genau das, Signore«, sagte Damiani. »Die beiden haben sich die Welt geteilt!«

Dieses Gespräch fand am Abend des 8. März 1984, einem Donnerstag, statt.

Zwei Tage zuvor, am 6. März, hatte Daniel auf seinem täglichen Spaziergang – diesmal mit einem unbekannten Pfleger – von einem Gasthaus in Heiligenkreuz aus mit Conrad Colledo telefoniert und alles über den Mord an Herbert Kramer, dem Bibliothekar im Dokumentationszentrum der Bundesrepublik in Koblenz, erfahren.

Colledo war zornig gewesen. »Da sind meiner Ansicht nach jetzt ein Haufen Killer von dem Typ unterwegs, den Mercedes und ich in deiner Wohnung kennengelernt haben. Peter Corley nannte er sich. Heißt natürlich nie im Leben so. Ich habe das Gefühl, daß er sich ganz in eurer Nähe aufhält. Scheint auf euch beide angesetzt worden zu sein. Seid bloß vorsichtig! Die Polizei meint, das ist erst der Anfang, der kleine Anfang von etwas Größerem.« Colledo fluchte. »Eintragung in das Arbeitsjournal von Ribbentrops Dienst! Wenn das kein Beweis gewesen wäre! Jetzt ist der Beweis weg und Kramer tot. Elende Scheiße!«

»Wenn die Nazis den Film gefälscht und dabei wirklich an alles gedacht haben, dann könnten sie, um die Sache wasserdicht zu machen, natürlich auch die Eintragung ins Journal gefälscht haben. In Wirklichkeit muß dann an dem Tag gar kein Agent aus Teheran eingetroffen sein.«

»Die Schweine, die den armen Kerl in Koblenz erschießen und das Journal verschwinden ließen, wollen aber doch gerade den Nachweis erbringen, daß der Film eine Fälschung ist! Mach mich nicht verrückt, Danny!« rief Colledo.

»Nur eine Idee. Bestimmt war die Eintragung echt. Hör mal, die können einfach nicht alle Beweise für die Echtheit des Films auf diese Art verschwinden lassen!«

»Warum nicht?« Colledo regte sich auf. »Siehst ja, wie das funktioniert! Wenn sie genügend Killer haben, Skrupel haben sie bestimmt nicht. Doch offensichtlich alles Geld der Welt.«

»Aber sie können nicht alle Zeugen umbringen, die sagen, daß der Film echt ist.«

»Und warum nicht?«

Daniel sagte: »Wenn sie wirklich nur solche Zeugen am Leben lassen, die sagen oder gefälschte Beweise dafür liefern, daß der Film eine Fälschung ist, wir aber dann in unserer Dokumentation von den verschwundenen Beweisen für die Echtheit und vom Tod einer Reihe von Menschen berichten, wird das einen sehr, sehr üblen Eindruck machen.«