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»Nämlich welchen?«

»Frage! Nämlich den, daß hier von mächtigen Herren Mörder gedungen wurden, die alle unbequemen Zeugen beseitigten, damit nur solche übrigblieben, die den Film für eine Propagandalüge der Nazis erklären.«

»Da bin ich nicht deiner Ansicht«, sagte Colledo. In der eiskalten Telefonzelle des Gasthauses roch es nach Essen und Urin. Die Zelle lag auf einem finsteren Gang halbwegs zwischen der Küche und den Toiletten. Daniel, der oft von hier aus mit Colledo telefonierte, bekam den Gestank nicht mehr aus der Nase. Selbst im Freien glaubte er ihn wahrzunehmen. »Wir können dann zwar so etwas behaupten in unserer Dokumentation, wir können es aber nie beweisen. Diese Leute sind schlau, Danny, sehr schlau. Sie werden nicht alle gefährlichen Zeugen erschießen. Mal wird es wie Selbstmord aussehen, mal wie ein Unglücksfall. Wie die Dinge liegen, haben sie sich offenbar für diese Methode entschieden, um den Film zu entwerten. Und – seien wir uns klar darüber, Danny, machen wir uns nichts vor – entwertet wird der Film natürlich enorm, wenn wir nur Zeugen präsentieren können und Beweise, welche die Behauptung unterstützen, es handle sich um eine Fälschung. Nein, nein, die haben sich alles überlegt. Es ist ihre einzig mögliche Antwort auf unsere Herausforderung. Und ganz bestimmt, davon sind auch Polizei und BKA überzeugt, haben sie ein phantastisch funktionierendes Netz aufgezogen. Mit viel, viel mehr Geld und Menschen, als es uns je möglich wäre. Ich kann mir vorstellen, daß gewisse Leute im Sanatorium von dem Mord an Kramer vor uns Bescheid wußten.«

Das stimmte. Der Anwalt Morley hatte Herdegen nachts, zwei Stunden nach der Tat, angerufen und ihn und Wayne Hyde informiert. »Erster Erfolg. Ein wichtiges Originaldokument für die Echtheit des Films ist in unserem Besitz. Ich meine natürlich: ein von den Nazis gefälschtes Originaldokument. Die dachten an alles. Sogar an die Eintragung in das Arbeitsjournal des Ribbentrop-Dienstes. Na, dieses Journal kann der Sender vergessen!«

»Prima Leute haben da gearbeitet«, hatte Herdegen gesagt. »Wir beschäftigen nur prima Leute, Doktor«, war die Antwort aus London gekommen. »Mister Hyde zum Beispiel hat unser ganz besonderes Vertrauen. Wir setzen die größten Hoffnungen in ihn. «

»Wird das nicht ein bißchen komisch ausschauen, wenn nun ganz plötzlich und unerwartet ein paar – vielleicht zahlreiche – Leute sterben, Mister Morley?«

»Plötzlich und unerwartet ... So heißt es doch immer in diesen Todesanzeigen, Doktor, wie? Plötzlich und unerwartet, tja, hm. Rasch tritt der Tod ... und so weiter. Natürlich wird man darüber reden. Sollen die Leute reden! Wichtig ist, daß kein Beweis und kein Zeuge für die angebliche Echtheit des Films vor eine Kamera kommen. Das klingt hart, aber wir sind kein Mädchenpensionat. Menschen, das wissen wir, glauben, was sie hören und sehen. Die Masse jedenfalls. Auf die kommt es nun aber an. Alle Recherchen des Senders müssen darauf hinauslaufen, daß er da eine von vielen Leuten wiedererkannte Fälschung ausstrahlt. Das ist unser Ziel. Und der Weg dahin ist vorgezeichnet ...«

In der stinkenden Zelle auf dem dunklen Gang des Gasthauses in Heiligenkreuz sagte Daniel am Telefon: »Ich bin wieder okay, Conny. Und es ist gut möglich, daß ich sehr schnell einen Zeugen präsentieren kann.«

»Was ist passiert?« fragte Colledo.

»Heute früh servierte uns ein junges Mädchen das Frühstück. Du weißt ja, hier werden alle Mahlzeiten auf dem Zimmer eingenommen, damit kein Patient den anderen kennenlernt.

Nun, wir sahen dieses Mädchen schon öfter. Es heißt Elsie. Elsie war traurig und sagte ...«

»... Einen recht guten Appetit wünsch ich, gnä’ Frau, gnä’ Herr.«

Sie trug einen blauweiß gestreiften Kittel und ein Häubchen. »Was haben Sie denn?« fragte Mercedes.

Elsie, besonders hübsch, war seit zwei Jahren die Freundin Herdegens – bei weitem nicht seine einzige, aber das wußte Elsie nicht. Elsie war Herdegen sehr ergeben. Worum er sie bat, das tat Elsie. Und Herdegen hatte sie wieder um etwas gebeten.

»Haben, wieso, gnä’ Frau?«

»Sie machen einen so bedrückten Eindruck. Nicht wahr, Danny, das tut sie!«

»Ja«, sagte Daniel. »Was ist los, Elsie? Unglückliche Liebe?« Elsie lachte ein trauriges Lachen.

»Ach, hörns auf, gnä’ Herr! Nein, ich bin traurig, weil jemand hier weggeht.«

»Ein Arzt?«

»Ein Patient. Der netteste alte Herr, den wir je gehabt haben.« »Tja, aber wenn man ihn wieder gesund gemacht hat ...« »Man hat ihn nicht wieder gesund gemacht. Das ist nicht

möglich gewesen. Der arme Herr Damiani!« Elsie erschrak. Sie tat jedenfalls so, als erschrecke sie. »Maria! Darf ich doch gar nicht! Reden über unsere Patienten. Noch dazu über einen so berühmten. Völkerkundler oder so was ist er.«

Mercedes und Daniel wechselten einen Blick. Sie dachten beide dasselbe.

»Wir verraten Sie bestimmt nicht, Elsie«, sagte Mercedes. »Was ist denn schon dabei? Es kennt doch hier keiner den anderen. Wer ist Damiani? Keine Ahnung. Du, Danny?«

»Nicht die geringste.«

»Sehen Sie, Elsie. Sie können ruhig reden. Dieser Damiani ist also von allen am nettesten zu Ihnen gewesen, und darum sind Sie jetzt darüber traurig, daß er geht, ist das so?« Elsie nickte. »Wohin geht er denn?«

»Weiß ich nicht, gnä’ Frau. Zurück nach Italien, glaub ich. Er ist Italiener. Vielleicht kommt er in ein anderes Sanatorium. Keine Ahnung. Die Frau Primaria hat gesagt, hier hat man alles Menschenmögliche für ihn getan.«

Hoffentlich ist Gerd zufrieden mit mir, dachte Elsie. Er sagt immer, wie er mich liebt. Vielleicht werde ich noch eine Frau Doktor.

»Good girl«, sagte Wayne Hyde, der mit Herdegen diese Konversation über Lautsprecher verfolgte.

»Ja, wirklich«, sagte Herdegen neben ihm. »Hat etwas im Kopf und nicht nur zwischen den Beinen. Kapiert, was man sagt. Bin sehr zufrieden mit ihr.«

»So schlimm geht es ihm«, erzählte Elsie weiter. »Ist ihm noch viel schlimmer gegangen, wie er zu uns gebracht worden ist. Aber gut geht es ihm noch lange nicht. Trotzdem: Immer hat er einen Spaß mit mir gemacht, wenn ich zu ihm gekommen bin mit dem Frühstück oder dem Essen. Immer war er freundlich. Immer wieder hat er kleine Geschenke gehabt. Nur ›Belissima‹ hat er mich genannt. Ich red schon von ihm, als wenn er nicht mehr da wär. Na ja, in ein paar Tagen ist es ja auch soweit.«

»Haben Sie sich gern mit ihm unterhalten, Elsie?« »No freilich. Und er kann doch so gut Deutsch, gnä’ Frau.

Immer deutsch hat er sein Gspaß gemacht, der Herr Professor. Wo er so lang in Deutschland gelebt hat.«

Wieder sahen Mercedes und Daniel einander an. »Hat er Ihnen das gesagt, Elsie?«

»Was, gnä’ Herr?«

»Daß er in Deutschland gelebt hat.«

»Ja, hat er. Ist schon lang her. Aber reden tut er einfach phantastisch. Ein bissel Berlinerisch.«

»Berlinerisch?«

»No ja, er hat ja in Berlin gearbeitet.«

»Wann?«

»Ah, vor einer Ewigkeit«, sagte die hübsche Elsie. »Im Krieg. Bis Mitte vierundvierzig ...«

»... Bis Mitte vierundvierzig hat er angeblich in Berlin gearbeitet«, sagte Daniel am Telefon zu Colledo. Jemand schlurfte an der Zelle vorüber. Ein Mann in Schlafrock und Pantoffeln. Die Klosettür fiel hinter ihm zu.

»Eine Falle natürlich«, sagte Colledo. Daniel zuckte die Achseln.

»Sehr wahrscheinlich, ja. Muß nicht sein. Es gibt Zufälle.« » Solche Zufälle nicht«, sagte Colledo.

»Vielleicht doch«, sagte Daniel. »Mercedes meint nein – wie du. Ich bin nicht sicher. Und wenn es eine Falle ist! Ich will diesen Professor Damiani kennenlernen.«

»Sei um Himmels willen vorsichtig, Danny! Denk an Kramer in Koblenz. Du hast es mit einer skrupellosen Mörderbande zu tun.«

»Wir müssen weiterkommen. Wer weiß, wohin ein Gespräch mit Damiani führt.«

»Du hast doch gesagt, Gespräche unter den Patienten sind unerwünscht.«