»Im Sanatorium! Ich habe Sibylle gebeten, uns zusammen mit Damiani zum Abendessen einzuladen. Ich habe dir doch erzählt, sie wollte für uns kochen ...«
»Ja, ja, ja. Und? War Sibylle begeistert von deiner Bitte?« »Natürlich nicht. Aber Herdegen hatte ihr schon den Auftrag
gegeben, Damiani und uns einzuladen, und sie muß doch tun, was er von ihr verlangt. Man erpreßt sie wegen ihres Bruders, das erzähle ich dir ein andermal.«
»Wenn das so ist ... Aber was ich nicht verstehe, ist, warum man dich und Mercedes unbedingt mit Damiani zusammenbringen will.«
»Na, um herauszukriegen, ob er etwas von dem Geheimprotokoll weiß. Er war zu der Zeit in Berlin. Es ist durchaus denkbar, daß er als Völkerrechtler davon gehört hat. Vielleicht sogar von einem deutschen Kollegen, der mit der Sache beschäftigt war. Einem Zeugen also.«
»Das habe ich schon kapiert. Aber wozu brauchen sie dich dazu? Damiani ist doch schon lange genug dort. Herdegen hätte doch selber versuchen können, das herauszukriegen.«
»No can do«, sagte Daniel. »Das ist wie eine Sperre bei Damiani. Sibylle hat mir alles auf ein Blatt Papier geschrieben. Du weißt doch, hier sind Mikrofone in jedem Zimmer. Was Herdegen und wer weiß noch nicht hören dürfen, müssen wir immer aufkritzeln, während wir über etwas anderes reden.«
»Ja, das hast du mir schon erklärt. Sibylle schrieb also auf, daß Damiani über Berlin befragt wurde, aber nichts erzählt hat.«
»Ja. Während der Abschlußuntersuchung. In ihrem Ordinationsraum. Da gibt es natürlich auch ein Mikrofon. Es war sehr umständlich und riskant. Herdegen hat diesem Damiani erzählt, wie ich heiße und daß mein Vater im Krieg auch in Berlin und angeblich gleichfalls Völkerrechtler gewesen ist. Und da er fünfundvierzig in Berlin umgekommen sei, versuchte ich seit einer Ewigkeit herauszubekommen, ob das stimmt und was er in Berlin getan hat. Herdegen fragte Damiani, ob er mich kennenlernen möchte, ich würde mich brennend für sein Fachgebiet interessieren. Damiani ist eitel. Das schmeichelt ihm natürlich. Wenn er mich jetzt trifft, den wirklichen Ross-Sohn, kommt Herdegen an einen Zeugen heran – falls es überhaupt einen Zeugen gibt und Damiani ihn kennt: Und dieser Zeuge würde mir sicher die Wahrheit erzählen.«
››Das ist also die Falle.«
»Es ist keine Falle, wenn man weiß, wie sie funktioniert.« »Stimmt. Nehmen wir also an, Damiani nennt dir so einen
Zeugen. Die Killer können den Mann nicht gleich umlegen, denn sie wissen ja nicht, was er dir erzählt. Vielleicht erzählt er dir, er weiß, daß der Film und das ganze Geheimprotokoll eine Fälschung sind. Dann wird man ihm kein Haar krümmen. Dann ist er wertvoll wie Gold für die Kerle. In Todesgefahr schwebt er erst, wenn er sagt, das Dokument ist echt. Dann legen sie ihn sofort um wie Kramer in Koblenz. Die sind jetzt hinter jedem Rechercheur her, hinter dir und Mercedes natürlich besonders. Danach müssen wir unser Vorgehen einrichten. Wenn du einen Zeugen für die Echtheit des Films gefunden hast – und das gilt natürlich für alle, die nun unterwegs sind und suchen –, dann muß der Mann augenblicklich geschützt werden. BKA und Polizei arbeiten mit uns. Und außerdem – der Zeuge muß so schnell wie möglich vor die Kamera!«
»Wie willst du das fertigbringen?«
»Wir müssen Einsatz-Teams bilden, die sofort an Ort und Stelle sind, nicht erst einen Tag später wie in Koblenz. Das würde leicht gehen, wenn wir die anderen Sender der ARD einweihen und um Mitarbeit bitten. Dann wissen aber zu viele Leute von der Sache. Wir beschränken uns auf Techniker vom Sender Frankfurt. Zum Glück gibt es Flugzeuge. Sollte also bei dieser Damiani-Sache ein lebender Zeuge auftauchen, dann rufst du mich an, bevor du zu ihm fliegst, damit ich ein Team losschicken kann. Die Polizei alarmiere ich aber erst, wenn du weißt, was mit dem Zeugen los ist. Nicht vorher. Die sind fähig und nehmen ihn in Schutzhaft, und er kriegt Angst und sagt nichts. Das Wichtigste ist, daß wir sofort aufnehmen können – in jedem Fall, bei jedem Zeugen.«
»Und wie soll das mit der Polizei im Ausland funktionieren? In Amerika? In Frankreich? In England? Dort hast du doch auch Rechercheure hingeschickt.«
»Das weiß ich noch nicht. Ich telefoniere sofort mit dem BKA. Die müssen ihre Kollegen um Hilfe ersuchen.«
»Dann werden aber auch immer mehr Leute eingeweiht.« »Nicht in die Details. Überlaß das mir! Tu unbedingt, was ich
dir gesagt habe, Danny. Viel Glück ...«
»Mit seiner Bulle ›Inter caetera divinae‹, in der er also die Welt einfach zwischen den spanischen ›katholischen Königen‹ Isabella und Ferdinand einerseits und Johann dem Zweiten von Portugal aufteilte, verursachte Papst Alexander der Sechste eine ungeheuere Gewissenskrise bei denjenigen Theologen und Juristen, die überzeugt waren, daß der Gedanke der Universalmonarchie, dessen Ausgreifen ins buchstäblich Uferlose sie hier vor sich sahen, allen Prinzipien der Lex naturalis, des Naturrechts, widersprach«, sagte Professor Umberto Damiani. Er hatte nun hektische rote Flecken auf der Haut über den Backenknochen. »Was ist das, ›Naturrecht‹?« fragte Mercedes.
»Ein sehr altes Rechtsprinzip, Signora. Seine Wurzeln reichen in das sechste und fünfte Jahrhundert vor Christus zurück. Die großen griechischen Philosophen haben es geschaffen. Das Naturrecht ist das in der vernunftbegabten Natur des Menschen begründete, von Zeit und Ort ebenso wie von jeder menschlichen Rechtsprechung unabhängige Recht. Hauptinhalte dieses Naturrechts sind zum Beispiel der Anspruch auf die Unverletzbarkeit von Leib und Leben, von Eigentum und Ehre, auf persönliche Freiheit sowie auf die Einhaltung geschlossener Verträge. Nach diesem Naturrecht, das selbstverständlich einen gewaltigen Einfluß auf das Völkerrecht und auf die Theologie hatte, war es – ich drücke mich so einfach wie möglich aus – natürlich unerhört, wenn ein Papst sich anmaßte, allein zwei christliche Herrscherhäuser zu Herren der Welt zu machen, die alle Nichtchristen behandeln durften wie Tiere, schlimmer als Tiere ...« Damianis Sprache war leise und seltsam verschmiert geworden, er sah irritiert auf eine Ikone, die im Halbdunkel neben dem Kamin hing. Plötzlich schwieg er, schien zu lauschen, wollte etwas sagen, schluckte schwer, sein Gesicht lief rot an und erhob eine Hand. »Entschuldigen Sie, Herr, aber was hat denn zum Beispiel dieser Kolumbus vor?« Er schwieg wieder, als habe ihn jemand unterbrochen, dann sagte er mit einer Grimasse: »Verzeihung, also: Heiliger Vater, bitte schön! Ich frage Sie, Heiliger Vater, was hat dieser Kolumbus vor?« Wieder das angespannte und zornige Lauschen auf eine für alle anderen unhörbare Stimme, dann wurde Damiani laut: »Missionare mitnehmen! Menschen auf fernen Kontinenten zum christlichen Glauben bekehren! Und dann? Kolumbus will doch nur Gold, Silber und alle anderen Schätze dieser Völker haben, Heiliger Vater, ich bitte Sie!« Plötzlich stand Schweiß auf Damianis Stirn. Er wischte ihn fort. Der Kopf fuhr zu einem der Fenster. Er lauschte erneut, dann sagte er wütend: »Ach, hört, Majestät, Ihr macht Euch ja lächerlich!«
Mercedes sah ihn erschrocken an.
»Mit wem sprechen Sie, Herr Professor?«
»Mit Isabella von Kastilien und Papst Alexander. Sie wollen mir einreden, daß Kolumbus und die Spanier sozusagen als Heilsarmee den neuen Seeweg nach Indien suchen und nur missionarische Interessen haben. Lügner!« schrie er plötzlich wild. Wieder normal fuhr er fort: »So geht das immer. Lügen einfach drauf los. Verdrehen jede geschichtliche Tatsache. Und der Papst ist auch noch beleidigt, wenn ich ihn Herr und nicht Heiliger Vater nenne! Ich werde noch verrückt! Tag und Nacht geht das so. Immer sind die drei da.«
»Die drei?«
»Na, und Isabellas Gatte, Ferdinand von Aragon.« »Jetzt sind sie auch da?« fragte Mercedes verblüfft. »Natürlich, Signora, natürlich. Ich habe doch eben mit ihnen
geredet.«
»Wo sind sie?«
»Der Papst, pardon, der Heilige Vater sitzt neben dem Kamin, Isabella am Fenster und Ferdinand vor der Bücherwand hinter Ihnen, Signora.«