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»Sie sehen sie wirklich?« fragte Daniel.

»Nicht deutlich. Ihre Silhouetten. Es ist ja auch halbdunkel dort, nicht wahr? Aber ihre Stimmen höre ich ganz deutlich.« Damiani war jetzt sehr erregt. Er blickte wieder zum Kamin, wo er Papst Alexander Vl. sah, und sagte mit einem bösen Grinsen: »Schön. Kolumbus geht es um einen neuen Seeweg, verehrter

Heiliger Vater ... Aber warum will er dann Vizekönig der zu entdeckenden Länder werden? Lassen Sie, Frau Primaria, ich habe doch keine Angst vor diesem Borgia, dessen Tochter mit dem eigenen Bruder – verzeihen Sie, meine Damen! Na, warum Vizekönig, Heiliger Vater? Jetzt sind Sie still, wie?« Damiani atmete schwer, lehnte sich zurück und zerrte an seiner Krawatte.

Wieder stand ihm Schweiß auf der Stirn. Er keuchte. Daniel sah, daß Sibylle, Werner und Herdegen gleichmütig blieben. Die kennen das, dachte er. Ein armer Schizophrener. »Wirklich, Sie ahnen nicht, was ich mitmache mit den dreien«, sagte der arme Schizophrene. »Natürlich habe ich trotzdem Angst um mein Leben. Ein Borgia, ich bitte Sie! Wie viele Morde hat diese Gesellschaft ...« Er zuckte zusammen, dann schrie er in Richtung Kamin: »Schreien Sie mich nicht an, Heiliger Vater! Wer schreit, hat von vornherein unrecht, das sage ich Ihnen jeden Tag!« Und zu Mercedes gewandt, mühsam um Fassung ringend: »Schreit dauernd, der Mann. Isabella auch, schwere Hysterikerin.« Er schien nun unter den Angriffen beider zu leiden, denn er preßte die Hände gegen die Ohren und rief: »Ich höre Sie nicht! Ich höre Sie nicht! Nicht ein Wort höre ich!« Er ließ die Hände sinken. Offenbar war er sehr erschöpft, denn er redete erst nach einer Weile leise weiter. »Ich gebe ja zu, daß es sich hier um eine äußerst diffizile Angelegenheit handelt. Aber auch um eine grundlegende der Menschheitsgeschichte.« Dann sprach er wieder mit weitausholenden Bewegungen der Arme und italienischem Pathos. »Ich bitte doch, sich diese Frechheit einmal richtig vorzustellen, Signora, Signore! Unter Berufung auf die ihm von Gott verliehene Macht teilt ein Mann die Welt von Pol zu Pol unter zwei ihm wohlgefälligen Königshäusern auf! Warum wohlgefällig? Weil sie stramm katholisch sind und versprochen haben, so viele andere Menschen katholisch zu machen, wie sie nur können. Und zwar durch Unterwerfung, Krieg, Folter, Kerker oder Todesdrohung. Seit den Kreuzzügen ist der katholische Universalismus nicht mehr derart militant aufgetreten wie in dieser päpstlichen Bulle. Der Widerspruch gegen das Verhalten jenes feinen Papstes ist bis in unsere Zeit auch immer wieder sehr deutlich geäußert worden.«

»In erster und bekanntester Weise durch Sie, Herr Professor«, sagte Herdegen lauernd.

»Ja, ich glaube, das darf ich ohne Überheblichkeit sagen«, meinte Damiani. »Ach, aber Sie sehen ja alle, wie sehr ich darunter zu leiden habe, daß ich gewagt habe, Alexander und seine Partner wegen dieser Weltenteilung anzugreifen. Sterben, sterben werde ich noch daran!«

»Wann haben die Herrschaften denn zum erstenmal protestiert?« fragte Daniel höflich. »In dieser brutalen Form, meine ich. Schon während Sie Ihr Werk schrieben? Oder erst nach der Publikation?«

»Ach nein.« Darmani winkte ab. »›Inter caetera divinae‹ erschien neunzehnhundertsiebzig. Bis neunzehnhundertfünfundsiebzig war das Werk in sechsundzwanzig Sprachen übersetzt und hatte mich – ja, das muß man wohl sagen – weltbekannt gemacht. Aber erst zwei Jahre später, im September siebenundsiebzig, meldeten sich die drei zum erstenmal und beschwerten sich – damals noch in einigermaßen verbindlicher Form. Es ist mit den Jahren immer schlimmer und schlimmer geworden und nun kaum noch zu ertragen.«

»Ja«, sagte Sibylle, »im Herbst siebenundsiebzig begannen seine Widersacher damit, den Herrn Professor zu attackieren.«

»Weil ich ›Inter caetera‹ als das, was die Bulle war, dargestellt habe, nämlich als eine Schenkungsurkunde, und weil ich diese ›Weltverschenkung‹ Alexanders als das gebrandmarkt habe, was sie war: eine menschliche Anmaßung von unvorstellbarem Ausmaß.« Darmanis Kopf fuhr in Richtung Kamin herum. Der Mund stand offen. Er lauschte wieder der Stimme des für die anderen unsichtbaren, unhörbaren Borgia-Papstes. Immer heftiger schüttelte Damiani den Kopf. Endlich begann er gehetzt und laut zu sprechen: »Das ist nicht wahr! Das ist einfach nicht wahr, Heiliger Vater! Kommen Sie mir nicht damit! ›Lehensrechtliche Formeln‹! Es stimmt nicht, daß ich diese ›lehensrechtlichen Formeln‹ nicht richtig verstanden habe! Ihre Bulle war eine ›Schenkungsbulle‹, keine ›Lehensbulle‹, ich bleibe dabei! Töten Sie mich! Vergiften Sie mich! Sie haben ja Ihre Erfahrungen!« Er wandte sich zum Fenster. »Nein«, sagte er, »nein und nein und nein, Majestät. Ich weiß sehr wohl, was ›donamus, concedimuset assignamus‹ heißt, wie man die Worte übersetzt, welchen Sinn sie haben. Sie wollen mit diesem rabulistischen Trick nur den Nachweis erbringen, daß hier keine Schenkung, sondern eine Lehensübertragung zum Ausdruck gebracht wurde.«

»Oh, Gott, Danny!« Mercedes sah Daniel entsetzt an. Er ergriff ihre Hand und streichelte sie, während er den Kopf schüttelte und leise sagte: »Du siehst doch, er ist krank.«

Damianis Aufregung steigerte sich nun wieder erschreckend. Sein Blick wechselte zwischen Kamin, Bücherwand und Fenster. Er schien von seinen drei Widersachern gleichzeitig angegriffen zu werden. Seine Stimme war völlig verändert ...

»Also gut ... Gut, ich bin bereit, mich belehren zu lassen, Majestät ... Natürlich kann ich Euch folgen ... Ihr sagt, die Demarkationslinie von Tordesillas sei nicht bloß eine Schiffahrtsgrenze, sondern auch die Abgrenzung der beiderseitigen Lehensbereiche .... Ja, ja ... ja ... Ich habe verstanden, ich bin kein Idiot ...« Der Kopf fuhr in Richtung Kamin herum. Damianis Stimme klang plötzlich triumphierend: »Und damit, mein verehrter Heiliger Vater, haben Sie sich in der eigenen Fußangel gefangen ... Wieso? ... Nun, verzeihen Sie, eines kann doch wohl nicht geleugnet werden: Ihre ganze mühsame lehensrechtliche Deutung der Bulle ändert nichts an dem theokratischen Sachverhalt, daß Sie sich an den entdeckten oder noch zu entdeckenden Gebieten das Dominium, also das Obereigentum anmaßen. Ha! Ich wußte ja, ich würde Sie auch diesmal kriegen! Sie können es drehen und wenden, wie Sie wollen, ich kriege Sie jedesmal!« Damiani fiel keuchend in seinem Sessel zurück. Er zerrte die Krawatte ganz fort und öffnete den Hemdkragen. Erst nach einer Weile hatte er sich so weit beruhigt, daß er mit normaler Stimme sprechen konnte. »Jetzt haben Sie einmal so einen kleinen Disput miterlebt, Signora, Signore Ross. Meine lieben Freunde hier kennen das schon. Sie unterstützen mich mit allen Mitteln, die in ihrer Macht stehen. Aber so, wie es aussieht, ist die Macht jener drei größer. Nein, das ist unpräzise. Nicht ihre Macht ist größer, sondern ihre Ausdauer bei der stets wiederholten Rechtfertigung einer Ungeheuerlichkeit ...«

»Eines ungeheuerlichen Betruges«, sagte Mercedes. Damiani sah sie mit schwimmenden Augen an. So präzise und

logisch er sich in seinem Kampf gegen die Stimmen, die ihn quälten, ausgedrückt hatte, so wirr und abstrakt wurden seine Worte nun, da er in die bodenlosen Tiefen der Krankheit glitt. »Betrug«, wiederholte er. »Natürlich Betrug! Betrogen werden Sie, betrogen werde ich, betrogen werden wir alle – von Kindheit, vom Ursprung an. Betrug an der Menschheit! Wir hören ganz anderes, als wirklich geschieht. Was uns gesagt wird, ist Betrug. Was uns gezeigt wird, ist Betrug. Die Verträge, die geschlossen werden von den Hohen und Mächtigen, was sind sie? Betrug! Immer Betrug!« Er wies mit einem Finger auf Daniel. »Sehen Sie, Signore Ross, man hat mir gesagt, daß Ihr Vater im Krieg in Berlin war. Sie wissen nicht, was er dort gemacht hat. Sie meinen, ich könnte es vielleicht wissen, weil Ihr Vater auch mit Völkerrecht zu tun hatte, wie Sie sagen. Nun, lieber Herr Ross, ich ...« Damiani verstummte. Herdegen hatte sich vor Spannung weit vorgeneigt. Der Professor sah ihn abweisend an und wandte sich an Sibylle. Übergangslos sagte er ganz klar und vernünftig: »Ich bin Herrn Ross gerne behilflich. Aber das ist eine rein private Angelegenheit, Frau Primaria, und deshalb kann ich unmöglich in diesem Kreis darüber reden. Wäre es wohl möglich, daß ich mich kurz mit Herrn Ross zurückziehe?« Herdegen sank enttäuscht in seinen Sessel. In den traurigen Augen stand jetzt ein Ausdruck von Zorn.