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››Aber selbstverständlich, Herr Professor.« Sibylle stand auf. »Kommen Sie ins Arbeitszimmer meines Mannes! Da können Sie sich ungestört unterhalten.« Sie ging schon voraus. Daniel und Damiani folgten. In dem großen Arbeitszimmer mit den vielen Büchern und dem überfüllten Schreibtisch schaltete sie Licht an. Vor einem Fenster standen ein runder Tisch und vier Stühle. »Hier, bitte, wenn Sie sich setzen wollen!«

»Vielen Dank, Sibylle«, sagte Daniel.

Sie strich über seinen Arm und lächelte. Dann fiel die Tür hinter ihr zu. Die beiden Männer waren allein.

»Sie können mir etwas über meinen Vater sagen?« fragte Daniel. »Ja. Aber ich möchte es nur Ihnen sagen. Die anderen geht es nichts an. Es ist nicht schön, was ich Ihnen zu erzählen habe, Signore Ross. Als ich Ihren Namen hörte, fiel mir die

ganze Geschichte wieder ein.«

»Was für eine Geschichte?«

Wieder einmal warf Damiani die Arme in die Höhe. »Ihr Vater- es tut mir leid für Sie, Signore Ross, aber Sie

wollen ja die Wahrheit wissen ...«

»Natürlich. Unter allen Umständen.«

»Ihr Vater war auch ein Betrüger. Er arbeitete für Betrüger. Betrug, Betrug, da haben Sie es wieder, sehen Sie?«

»Ich verstehe nicht. Wo arbeitete mein Vater? Für wen?« »Er mag Völkerrechtler gewesen sein, aber in Berlin arbeitete

er für den Geheimdienst des Außenministeriums. Für Herrn von Ribbentrop, diesen Erzbetrüger. Ich habe Ihnen gesagt, daß es mit leid tut, Signore Ross ...«

»Es braucht Ihnen nicht leid zu tun«, sagte Daniel betont freundlich. »Ich habe vermutet, daß mein Vater in irgendeine dunkle Sache verwickelt war. Ich bin glücklich, wenn ich jetzt durch Sie Gewißheit erhalte. Also für Ribbentrops Geheimdienst hat er gearbeitet. Und woher wissen Sie das, Herr Professor?«

Damiani lachte bitter. »Betrug. Immer Betrug. Die ganze Welt besteht aus Betrug, lieber Signore Ross. Sehen Sie, Völkerrechtler gibt es nicht besonders viele. Ich habe in Berlin für meine Botschaft als Experte gearbeitet. Natürlich hatten deutsche Regierungsstellen ihre eigenen Experten. Auch Ribbentrops Außenministerium, auch sein Geheimdienst. Und wir Völkerrechtler kannten einander alle. Viele waren miteinander befreundet. Ich zum Beispiel mit Professor Emil Kant, einer Kapazität. Eines Abends im Frühjahr vierundvierzig – Ende März muß das gewesen sein, ich habe darüber nachgedacht – erzählte mir Emil in meiner Wohnung von einem weiteren Fall dieses ewigen Betrugs. Wir trafen uns jede Woche. Wir waren wirklich Freunde. Emil konnte Vertrauen zu mir haben, das wußte er. Darum berichtete er mir auch von der Sache. Sie war streng geheim. Hätte ihn sofort den Kopf gekostet, wenn die Nazis erfahren hätten, daß er mit mir darüber sprach. Emil ...« Damiam sah ins Leere und lächelte verloren. Er schwieg, in Gedanken und Erinnerungen versunken.

»Herr Professor!«

»O ja. Natürlich. Entschuldigen Sie! Sehen Sie, Emil arbeitete für Ihren Vater als Experte für Völkerrecht. Er arbeitete auch für andere Stellen, aber meistens für Ihren Vater. Ross. Georg Ross. So hieß Ihr Vater doch, nicht wahr?«

»Ja, so hieß er. Sie haben ein hervorragendes Gedächtnis.« »Hervorragend. Ich merke mir alles. Über Jahrzehnte. Mein

Gehirn hat Millionen Ereignisse und Fakten engrammiert, das kann ich wohl sagen. Dazu kommt, daß diese Sache, die Ihr Vater meinem Freund zur Prüfung gegeben hatte, uns beide sehr aufregte. Emil viel mehr als mich natürlich, ich wußte schon damals einigermaßen, wie es zugeht in dieser Welt. Aber ich gestehe, auch ich war aufgeregt, o ja ...« Wieder glitt Damianis Blick ins Leere. Wieder schwieg er. Erst nach einer Weile fuhr er fort: »Betrug natürlich. Darum handelte es sich. Ein Vertrag zwischen Amerika und der Sowjetunion, in dem die beiden sich die Welt teilten – genauso wie vierzehnhundertvierundneunzig die Spanier und die Portugiesen – nur diesmal ohne den Segen eines Papstes!« Er lachte hüstelnd und rieb die Hände gegeneinander.

»Ein Vertrag zwischen Amerika und der Sowjetunion?« wiederholte Daniel mit einer Stimme, die möglichst ungläubig klingen sollte. »Wann wäre der geschlossen worden? Und wo? Und was hatte mein Vater damit zu tun?«

»Das ist alles sehr unklar, lieber Signore Ross. Ihr Vater ließ meinen Freund Emil kommen und überreichte ihm eine Abschrift dieses Vertrages ... Angeblich war es die Abschrift eines gefilmten Geheimprotokolls, das Ribbentrops Dienst in Teheran an sich gebracht hatte ...«

»In Teheran?«

Wüst tobte jetzt der Nachtsturm um die Villa. Dachziegel klapperten, Holz ächzte, es zog durch die Doppelfenster.

»In Teheran, ja. Da war doch Ende dreiundvierzig diese Konferenz der Großen Drei: Churchill, Stalin und Roosevelt. Und damals wurde angeblich jener Geheimvertrag geschlossen, den Emil auf seine Echtheit prüfen sollte. Oder man kann auch sagen: dessen Fälschung er auf ihre Perfektion hin prüfen sollte. Solche Abkommen werden in einer ganz bestimmten Sprache verfaßt, mit ganz bestimmten Formeln und Regeln, nicht wahr? Ein Fachmann merkt sofort jedes falsche Wort. Und man wollte doch sichergehen, daß der Betrug vollkommen war ...«

»Wer wollte sichergehen, Herr Professor, wer?« »Nun, die Betrüger natürlich, lieber Freund. Entweder war

dieses Protokoll echt – dann betrogen die Amerikaner und die Sowjets die Menschheit. Oder es war von den Nazis gefälscht, mußte aber echt wirken, weil man es für Propagandazwecke einsetzen wollte – dann betrogen die Nazis die Menschheit oder hatten zumindest vor, es zu tun. Auf jeden Fall brauchten sie einen erstklassigen Experten, der ihnen sagte, ob das Protokoll in Stil und Formulierung einwandfrei war. Betrug, wie Sie sehen. Betrug der Alliierten, Betrug der Nazis – das ist doch einerlei, nicht wahr? Emil geriet ganz außer sich, der Gute ... so naiv war er ... Im Gegensatz zu Ihrem Herrn Vater ... Es tut mir leid, ich habe Ihnen gesagt, es tut mir leid, so über ihn reden zu müssen. Aber Betrug war eben der Beruf Ihres Herrn Vaters, nicht wahr? Und wir werden doch von allen betrogen ... und wurden es immer. Wie oft ist diese Welt schon geteilt worden? Wie oft hat man die Menschen schon betrogen? Denken Sie bloß an den Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und Rußland, den Ribbentrop und Molotow im August neununddreißig unterzeichneten ... Und denken Sie daran, daß Deutschland Rußland dann im Juni einundvierzig, weniger als zwei Jahre später, überfiel ... Betrug ... Betrug ... Die Nazis betrogen ... Betrogen auch die Amerikaner und die Sowjets die Menschen? Und wollten die Nazis diesen Betrug nun der Menschheit präsentieren? Vermutlich! Vermutlich waren auch Kohl und Reagan in diese Sache verwickelt ...« Damianis Blick irrte durch den Raum.

»Herr Professor! Ich bitte Sie! Reagan war damals Schauspieler in Hollywood und Kohl ein vierzehnjähriger Junge!«

»Ach so ...« Nichts konnte Damiani in seiner nun wieder realitätsfremden Argumentation erschüttern. »Nun ja, aber das ist doch ganz ohne Bedeutung! Der Geschichtsablauf ist immer derselbe: Wir werden betrogen! Ich stehe mit allen wichtigen Persönlichkeiten in ständiger Verbindung. Laufend erhalte ich neue Informationen. Betrug. Betrug. Vom Anfang der Welt bis an ihr Ende ...«

Daniel sprach jetzt sehr laut, um Damiani aus seiner Versunkenheit zu reißen. »Und zu welchem Ergebnis ist Ihr Freund gekommen, Herr Professor?«

»Ergebnis?« Damiani sah Daniel verständnislos an. »Nach der Prüfung des Geheimprotokolls, das mein Vater ihm

gab.«

»Wieso? Ach so! Das weiß ich nicht, lieber Freund.« »Warum nicht?«

»Ich mußte im Mai nach Rom zurück. Im Mai wurde Emils Villa am Savignyplatz ausgebombt, hörte ich dann noch. Seine Frau und seine Kinder kamen ums Leben, er selber ins Krankenhaus, schwer verletzt ... Sie wissen nicht, wie es damals zuging in Berlin mit diesen Luftangriffen ... Grauenhaft ... Ich habe jedenfalls niemals mehr mit Emil über das Ergebnis seiner Prüfung gesprochen ... Wie gesagt, erst als ich Ihren Namen hörte und daß Ihr Vater in Berlin gearbeitet hat während des Krieges, fiel mir die ganze Sache wieder ein ...«