»Ogdy ist zornig«, antwortete Ah'Kal. Es klang sehr ernst, und diesmal war das spöttische Funkeln in seinen Augen eindeutig erloschen. Mike sah zu Serena, aber sie deutete nur ein Achselzucken an und machte ein langes Gesicht. Vorsichtig fuhr er fort: »Ich will mich bestimmt nicht über euren Glauben lustig machen, Ah'Kal, aber wir glauben nicht, dass das, was hier geschieht, auf das Wirken der Götter zurückzuführen ist. Es ist ein Vulkanausbruch und er ist nicht zu Ende.« »Ist es nicht egal, welchen Namen man einem Ding gibt?«, fragte Ah'Kal.
»Das stimmt«, sagte Serena rasch. »Aber was Mike sagte, ist trotzdem die Wahrheit. Es ist noch nicht zu Ende. Im Gegenteiclass="underline" Ich fürchte, dass es noch schlimmer wird. Die ganze Insel könnte zerstört werden. Euer aller Leben ist in Gefahr.« »Wir sind Ogdys Kinder«, antwortete der Häuptling. »Er würde uns niemals etwas zuleide tun.« »Euer Glaube in Ehren«, sagte Mike vorsichtig. »Aber in diesem Fall -«
Überleg dir, was du sagst,unterbrach ihn Astaroth.Sie nehmen ihren Glauben ernst.»Wir werden nicht hier weggehen«, sagte Ah'Kal bestimmt. »Ogdy hat uns schon oft gezürnt. Wir vertrauen darauf, dass er seine Kinder auch diesmal verschonen wird.« »Aber -«
»Gib dir keine Mühe, Mike«, unterbrach ihn Serena. »Ich habe eine Stunde lang mit ihnen geredet. Sie werden die Insel nicht verlassen.«
»Dann hört wenigstens auf sie!« Mike schrie fast. »Ihr habt selbst gesagt, sie ist ein Kind des Alten Volkes.«
»Uns wird nichts geschehen«, sagte Ah'Kal sanft. »Wir vertrauen auf unser Schicksal.« »Und wenn ihr euch täuscht?«, fragte Mike. Er sah aus den Augenwinkeln, wie Serena erschrocken zusammenfuhr, aber der alte Stammesführer blieb weiter ruhig.
»Wenn die Götter so entschieden haben, dann ist es nicht an uns, an ihrem Willen zu zweifeln«, sagte er. »Unser Volk lebt auf dieser Insel, solange wir denken können. Vielleicht ist unsere Zeit irgendwann abgelaufen, vielleicht werden wir länger leben als ihr. Wer will das wissen?«
Er machte eine Bewegung, mit der er das Thema für beendet erklärte, und Mike musste nur einen einzigen Blick in sein Gesicht werfen um zu begreifen, dass jedes weitere Wort überflüssig gewesen wäre. Die Pahuma würden diesen Ort nicht verlassen. »Ihr solltet jetzt gehen«, sagte Ah'Kal nach einer Weile. »Wir vertrauen auf unsere Götter, aber vielleicht sind sie ja mit euch nicht so duldsam wie mit uns. Du und deine Freunde, ihr könnt gehen.« »Und Delamere?«, fragte Mike. Ah'Kals Gesicht verhärtete sich. »Die Fremden haben unsere Gesetze gebrochen«, sagte er. »Wir haben sie freundlich aufgenommen. Wir haben sie bewirtet wie Könige und ihnen die Hand in Frieden gereicht. Aber sie haben unsere Gesetze gebrochen. Sie haben unsere Götter gelästert. Und sie haben Männer unseres Volkes getötet. Sie werden sich unseren Gesetzen stellen müssen.« »Das heißt, ihr wollt sie töten«, sagte Mike. »Es ist Blut geflossen«, sagte Ah'Kal. »Ogdys Gesetze sagen, dass Blut nur mit Blut fortgewaschen werden kann.«
»Sagt Ogdys Gesetz auch, dass Unschuldige für etwas büßen müssen, was sie nicht getan haben?«, fragte Mike. »Delameres Frau und seine Leute haben nichts getan. Er und die zwei anderen haben deine Krieger getötet. Zwei von ihnen haben bereits mit dem Leben dafür bezahlt. Und ich verspreche dir, dass ich dafür sorgen werde, dass sich Delamere vor einem Gericht verantworten muss.«
Tatsächlich schien Ah'Kal einen Moment lang über diesen Vorschlag nachzudenken. Aber dann schüttelte er den Kopf. »Ich vertraue euren Gesetzen nicht«, sagte er. »Ich glaube dir, dass du es ehrlich meinst, aber ich glaube nicht an eure Gerechtigkeit. Das Blut unseres Volkes wurde vergossen und dieses Verbrechen muss hier gesühnt werden.« »Dann seid ihr nicht besser als er!«, sagte Mike. Ah'Kal runzelte die Stirn und Serena riss die Augen auf und wurde kreidebleich, aber Mike fuhr mit fester Stimme fort: »Ich weiß nicht viel von euren Göttern, Ah'Kal. Aber ich kann nicht glauben, dass es Ogdys Wille ist, das Blut Unschuldiger zu vergießen, um die Verbrechen eines anderen zu sühnen.« Für einen Moment schien die Zeit stehen zu bleiben. Serena hielt vor Entsetzen die Luft an und Astaroth riss sein einziges Auge auf und starrte ihn an. In das atemlose Schweigen hinein sagte Ah'Kaclass="underline" »Du zeigst großen Mut, so zu reden. Hast du keine Angst, dir Ogdys Zorn zuzuziehen?«Oder seinen?fügte Astaroth hinzu. »Nicht, wenn er ein gerechter Gott ist«, antwortete Mike.
Ah'Kal brachte es irgendwie fertig, zu lächeln und dabei gleichzeitig sehr ernst zu bleiben. »Ogdy ist ein gerechter Gott«, antwortete er. »Niemand wird getötet. Er selbst wird über das Schicksal der Fremden entscheiden.« »Was ... meinst du damit?«, fragte Mike zögernd.
Der Pahuma deutete auf ihn, dann auf Serena. »Ihr und der Mann, der mit euch gekommen ist, ihr mögt gehen. Steigt in euren eisernen Fisch und bringt euch in Sicherheit, wenn ihr wirklich glaubt, dass dieser Ort nicht mehr sicher ist. Die anderen aber bleiben hier. Ogdy wird über ihr Schicksal entscheiden. Es war ihr Frevel, der die Götter erzürnt hat. Wenn dieser Ort untergeht, dann sterben auch sie. Verschonen uns die Götter, dann werden auch sie leben.« »Dann könnt ihr sie genauso gut gleich erschießen«, sagte Mike.
»So lautet unsere Entscheidung«, sagte Ah'Kal. »Nun geht. Bevor die Götter die Geduld mit euch verlieren.«
Oder er,sagte Astaroth.
Mike hätte auch so gespürt, wie gefährlich der Moment war. Ah'Kals Geduld war erschöpft und wahrscheinlich konnte er ihnen auch gar nicht weiter entgegenkommen, ohne vor seinen Leuten das Gesicht zu verlieren. Aber sie konnten auch nicht einfach gehen und fast ein Dutzend Menschen einfach ihrem Schicksal überlassen! Aber was sollte er tun? Es gab absolut nichts, was den Stammesführer vielleicht noch umstimmen konnte. Nichts, außer ...
Aber dieser Gedanke war vollkommener Wahnsinn. Und trotzdem: »Beantworte mir noch eine Frage, Ah'Kal«, sagte er. »Was, wenn es uns gelänge, die Götter wieder zu beruhigen?«
»Wie könntest du das wohl -wo du nicht einmal an sie glaubst?«, fragte Ah'Kal spöttisch. »Ich kann es auch nicht«, erwiderte Mike. »Aber vielleicht kann es der Mann, der eurer Meinung nach die Schuld am Zürnen der Götter trägt.«Bist du sicher, dass du genau weißt, was du tust?fragte Astaroth nervös. Mike ignorierte ihn. Ganz bewusst. Hätte er auch nur eine Sekunde ernsthaft über seinen eigenen Vorschlag nachgedacht, dann hätte er sich vermutlich eher die Zunge abgebissen als weiterzusprechen. »Dieser Fremde? Warum sollte ich ihm trauen?« »Weil er vielleicht in der Lage ist, den Schaden wieder gutzumachen«, antwortete Mike. »Mit unserer Hilfe.«
»Er ist schon einmal geflohen und hat seine Freunde im Stich gelassen«, antwortete Ah'Kal. »Diesmal nicht«, versicherte Mike. »Ich werde ihn begleiten. Ich gebe dir mein Wort, dass er nicht fliehen wird.«
»Und was sagst du dazu, Tochter des Alten Volkes?«, fragte der Pahuma.
Mike sah Serena deutlich an, dass sie am liebsten gar nichts dazu gesagt hätte; und so ganz nebenbei auch, dass sie in diesem Moment heftig an seinem Verstand zweifelte. Und wieso auch nicht? Schließlich konnte sie von seinem Gespräch mit Delamere nichts wissen. Mike wünschte sich ja fast schon selbst, es nicht geführt zu haben. Schließlich zuckte Serena mit den Schultern und sagte: »Ich vertraue Mike. Wenn er glaubt, eure Götter beruhigen zu können, dann wird es ihm auch gelingen. Vielleicht«, fügte sie ganz leise hinzu.