Trautman hatte die Gefahr wohl im selben Moment begriffen wie er, denn er wandte sich mit einem erschrockenen Laut an Ah'Kal und deutete gleichzeitig zum Krater hinauf. »Wir müssen hier weg!«, keuchte er. »Schnell! Wenn der Wind zunimmt, dann werden wir alle sterben!«
Ah'Kal reagierte im ersten Moment gar nicht. Sekunden vergingen, in denen er nichts tat als dazustehen und aus aufgerissenen Augen auf die grauen Schwaden über dem See zu starren. Seine Lippen zitterten. »Ogdy hat unsere Gebete nicht erhört«, flüsterte er. »Aber warum? Was haben wir falsch gemacht? Warum zürnt Ogdy seinen Kindern?« Mike blickte mit klopfendem Herzen weiter auf den See hinab. Die graue Nebelbank wuchs so schnell, dass man dabei zusehen konnte. Wogende Ausläufer des Nebels griffen wie Schlangenarme mit unzähligen Fingern auf das Ufer hinauf und begannen sich in ihre Richtung zu tasten. Der Wind nahm zu. »Ah'Kal, bitte!«, sagte Trautman eindringlich. »Es sind nicht eure Götter, die euch zürnen. Das da ist nur eine Naturkraft, die außer Kontrolle geraten ist, glaub mir! Ich kann es dir erklären, aber es geht nicht, wenn wir alle tot sind!« Der alte Häuptling sah ihn traurig an. »Warum müsst ihr immer an allem zweifeln?«, fragte er. »Selbst wenn ihr es mit eigenen Augen seht? Was sind die Götter anderes als die Kräfte der Natur?« »Vielleicht hast du sogar Recht«, sagte Serena hastig. »Doch selbst wenn es so ist, kann es nicht der Wille eurer Götter sein, dass ihr einfach aufgebt und auf den Tod wartet! Ogdy hat euch nicht verschont, damit ihr resigniert, sondern damit ihr um euer Leben kämpft!«
Noch einmal zögerte Ah'Kal und sah Serena lange und durchdringend an. Schließlich senkte er den Kopf zu einem schweren, aber entschiedenen Nicken. »Du hast Recht«, sagte er. »Es ist nicht Ogdys Wille, dass wir hier auf den Tod warten. Wäre es das, hätte er uns schon oben am Heiligen See getötet.« »Worauf warten wir dann noch?«, fragte Trautman. »Wir müssen zurück zum Krater! Dort oben kann uns das Gas nicht erreichen!«
Endlich setzten sie sich in Bewegung. Es kam Mike fast absurd vor, dass sie nun denselben Weg wieder hinaufrannten, den sie gerade erst vorsichtig hinunterbalanciert waren. Und auch Ogdy -oder wer auch immer die Regie in diesem Drama führte -schien nicht unbedingt damit einverstanden zu sein. Der Berg zitterte noch immer. Mike war nicht sicher, ob das Zittern wirklich zugenommen hatte oder er es sich nur einbildete, aber er war jetzt vollkommen sicher, ein dumpfes Grollen und Knirschen zu hören, das tief aus dem Schoß der Erde heraufdrang; als zerbrächen dort unten Felsen von der Größe einer Stadt. Oder als versuche etwas, sich mit unwiderstehlicher Gewalt seinen Weg zur Erdoberfläche hinaufzubahnen ...
Mike sah wieder nach Norden. Die beiden Rauchsäulen am Horizont hatten sich nicht verändert. Aber er hatte ja schon mehr als einmal erlebt, wie jäh die Erde wieder beginnen konnte Feuer zu speien. Er fragte sich, was sie tun sollten, wenn der giftige Atem des Sees sie auch dort oben am Krater erreichen sollte oder der zweite Kratersee im Inneren des Berges ebenfalls anfing giftiges Gas zu speien. Wo war nur Jacques? Delamere hätte ihnen vielleicht sagen können, was sie tun mussten um in Sicherheit zu sein. Aber der Vulkanologe war und blieb verschwunden.
Sie erreichten wieder den Gipfel des Vulkans. Mike erschrak, als er in den Krater hinabblickte. Auch das Wasser des zweiten Kratersees schimmerte in einem unheimlichen, giftigen Grün, über dem eine dunstige Nebelschicht hing. Sie war nicht annähernd so dicht wie die unten und sie wuchs auch nicht in so erschreckendem Tempo, aber Mike zweifelte nicht daran, dass sie trotzdem genauso tödlich war. Hier würden sie keinen Schutz finden.
Sein Blick irrte verzweifelt umher. Der Wind hatte weiter zugenommen und trieb den tödlichen Nebel rascher den Berg hinauf. Was sollten sie tun, wenn er tatsächlich bis hierher kam? Das Schicksal des Hundes hatte ihnen deutlich gezeigt, wie schnell das Gas wirkte ...
»Um Gottes willen!«, keuchte Serena plötzlich. »Da! Delamere!«
Ihr ausgestreckter Arm deutete in den Krater hinab, und als Mikes Blick der Geste folgte, stockte auch ihm für einen Moment der Atem.
Jacques war genau in diesem Augenblick aus der Höhle getreten, in der sie vorhin alle gemeinsam Schutz gesucht hatten. Seine Hände und Arme waren bis über die Ellbogen hinauf mit Schlamm verschmiert. Er erstarrte, als er den See sah. Auf seinem Gesicht erschien ein Ausdruck puren Entsetzens. »Aber natürlich ...«, murmelte Trautman. Er machte eine Bewegung, als wolle er sich mit der Hand auf die Stirn schlagen, führte sie aber nicht zu Ende. »Blauer Ton! Warum habe ich es nicht gleich begriffen?!« »Blauer Ton?«, wunderte sich Mike. »Später!« Trautman winkte ab, bildete mit beiden Händen einen Trichter vor dem Mund und schrie aus Leibeskräften: »Jacques! Kommen Sie her! Schnell! Das Gas kommt den Berg herauf!«
Es war nicht einmal zu erkennen, ob Delamere seine Worte überhaupt hörte oder die Gefahr, in der er schwebte, in diesem Moment von selbst begriff. Auf jeden Fall fuhr er plötzlich herum, stürmte ein paar Schritte den Hang hinauf und wandte sich dann in ihre Richtung.
Der Berg bebte, schüttelte Delamere ab wie ein Hund ein lästiges Insekt und stieß ein unheimliches, knirschendes Grollen aus. Mike behielt nur mit großer Mühe das Gleichgewicht, sah aber, wie Jacques hilflos wieder in den Krater hinunterkugelte und schließlich mit einem gewaltigen Platschen im Wasser landete.
Aber das Wunder geschah: Delamere musste wohl geistesgegenwärtig genug gewesen sein, den Atem anzuhalten, denn er sprang nach kaum einer halben Sekunde wieder auf die Füße und rettete sich mit einem gewaltigen Satz ans Ufer. Seine Hosenbeine qualmten. Das Wasser, das sich in ätzende Säure verwandelt hatte, begann den Stoff aufzulösen und Mike wagte sich gar nicht vorzustellen, wie Jacques' Beine darunter aussahen. Trotzdem rannte Delamere, so schnell er konnte, um den See herum. Seine Beine verschwanden dabei bis über die Knie in grauem Nebel, der nun auch aus diesem See immer schneller emporstieg, aber da das Gas schwerer als Luft war, blieb er von seiner tödlichen Wirkung noch verschont.
»Verschwindet!«, schrie er. »Rettet euch! Der Vulkan bricht aus!«
Wie um seine Worte zu bestätigen, erbebte die Insel in diesem Augenblick unter einem weiteren, noch heftigeren Schlag. Diesmal wurde Mike von den Füßen gerissen und nur Singhs rasches Zugreifen bewahrte ihn davor, zu Delamere in den Krater hinuntergeschleudert zu werden. Das Zittern und Beben des Berges hielt an und das Grollen des erwachenden Vulkans war nun so laut, dass eine Verständigung fast unmöglich wurde.
Unter den Pahuma brach endgültig Panik aus. Niemand musste sie mehr auffordern, sich in Sicherheit zu bringen. Ihre Ergebenheit ihrem Feuergott gegenüber reichte wohl doch nicht so weit, dass sie in aller Ruhe stehen blieben und auf Ogdys Gnade vertrauten. Schreiend und in kopfloser Flucht stürmten sie den jenseitigen Hang des Berges hinunter und Delameres Leute schlossen sich ihnen an. Nur Delameres Frau, Mike und die drei anderen blieben noch für einen Moment zurück.
»Rennt!«, brüllte Delamere. »Bringt euch in Sicherheit! Ich schaffe es schon!«
Mike bezweifelte das. Der See hinter Jacques brodelte und
zischte mittlerweile wie ein Kochtopf, der zu lange auf dem Herd gestanden hatte, und überall im Fels des Kraterinneren entstanden plötzlich Risse, aus denen Geysire aus kochendem Dampf quollen. Delamere hatte Recht: Der Vulkan brach aus. »Weg hier!«, schrie Trautman. »Schnell!« Singh und Serena wandten sich auch sofort um, aber Delameres Frau rührte sich nicht von der Stelle, sondern machte sogar Anstalten, in den Krater hinunter zu ihrem Mann zu klettern. Trautman riss sie gewaltsam zurück, brauchte aber trotzdem noch Singhs Hilfe, um sie dazu zu bewegen, den Kraterrand zu verlassen. Serena und Mike schlossen sich ihnen an, aber nicht, ohne noch einen letzten Blick in den Krater hinunter geworfen zu haben. Beinahe wünschte sich Mike, es nicht getan zu haben. Der See brodelte und zischte immer heftiger und tief am Grunde des giftgrünen Wassers war ein neues, grellrotes Licht erschienen, das rasend schnell an Intensität zunahm. Delamere hatte bereits die Hälfte des Hanges erklommen, hatte aber auf dem immer heftiger zitternden Boden mehr und mehr Mühe, auf den Beinen zu bleiben. Mike kam sich fast vor wie ein Verräter, ihn einfach im Stich zu lassen. Aber es gab nichts, was sie für ihn tun konnten. So schnell, wie es der immer heftiger zitternde Boden zuließ, stürmten sie den lavabedeckten Hang hinunter. Das unheimliche Grollen wurde immer lauter und nun mischte sich noch ein immer lauter und schriller werdendes Pfeifen hinein, das ihre Ohren marterte. Plötzlich wurde das Licht rot. Ein ungeheueres Donnern und Krachen erklang und Mike konnte regelrecht spüren, wie die gewaltige Spannung des Berges unter ihren Füßen wich. Im Laufen drehte er den Kopf und sah zum