Wo bin ich? Wie bin ich hierhergekommen? Wie von einer anderen Stimme gesprochen, kam ein weiterer Gedanke: Der Weg hinaus erscheint nur ein einziges Mal.
Sie schüttelte den Kopf. »Wenn es nur einen einzigen Weg hinaus gibt, dann finde ich ihn nicht, indem ich hier herumstehe.« Wenigstens war die Luft warm und trocken. »Hoffentlich finde ich etwas zum Anziehen, bevor ich Leute treffe«, murmelte sie.
Sie erinnerte sich noch schwach daran, daß sie als Kind Labyrinthe aufgezeichnet hatte; es hatte irgendeinen Trick gegeben, den Weg hinaus zu finden, doch er wollte ihr einfach nicht mehr einfallen. Alles an ihrer Vergangenheit erschien ihr so vage, als habe es jemand anders erlebt. Sie ging los und streifte dabei mit einer Hand an der Mauer entlang. Unter ihren bloßen Füßen erhoben sich Staubwölkchen.
Am ersten Durchgang angekommen, blickte sie in einen weiteren Gang, der sich von dem nicht zu unterscheiden schien, in dem sie sich befand. Sie atmete tief durch und ging geradeaus weiter durch neue Gänge, die alle genau gleich aussahen. Schließlich teilte sich der Gang. Sie entschied sich für links, und später teilte sich dieser Gang wieder. Erneut ging sie nach links. Bei der dritten Abzweigung führte sie der linke Gang in eine Sackgasse.
Mit grimmiger Miene ging sie zur letzten Abzweigung zurück und nahm den rechten Gang. Diesmal erreichte sie nach dem vierten Rechtsabbiegen eine Sackgasse. Für einen Augenblick stand sie nur da und blickte wütend auf die Abschlußmauer. »Wie bin ich hergekommen?« fragte sie laut. »Wo liegt dieser Ort eigentlich?« Der Weg nach draußen erscheint nur ein einziges Mal.
Noch einmal wandte sie sich zurück. Sie war sicher, es müsse einen Kniff geben, um diesem Labyrinth zu entkommen. Bei der letzten Abzweigung hielt sie sich links und an der nachfolgenden rechts. Entschlossen machte sie so weiter. Links und dann rechts. Geradeaus, bis sie an eine Gabelung kam. Links, dann rechts.
Es schien ihr zu glücken. Zumindest war sie auf die Art bereits an einem Dutzend Abzweigungen vorbeigekommen, ohne wieder in einer Sackgasse zu landen. Sie erreichte eine weitere Gabelung.
Aus dem Augenwinkel erkannte sie eine huschende Bewegung. Als sie sich umdrehte und nachsehen wollte, lag da nur ein staubiger Gang zwischen glatten Steinmauern. Sie ging nach links und fuhr herum, weil sie wieder eine Bewegung wahrgenommen hatte. Es war nichts zu sehen, aber diesmal war sie sich trotzdem sicher. Hinter ihr war jemand gewesen. War immer noch jemand. Sie eilte beunruhigt in die andere Richtung davon.
Immer wieder sah sie nun am Rand ihres Gesichtsfeldes in diesem oder jenen Seitengang eine Bewegung, zu schnell, um Genaueres erkennen zu können, und bevor sie den Kopf drehte, um es klar zu sehen, war es wieder verschwunden. Sie rannte. Als sie noch ein Mädchen war, hatten zu Hause in den Zwei Flüssen nur wenige Jungen im Laufen mit ihr mithalten können. Die Zwei Flüsse? Was ist das?
Ein Mann trat aus einer Öffnung vor ihr. Seine dunkle Kleidung wirkte muffig und halb zerfallen und er war alt. Älter als alt. Eine Haut wie vergilbtes Pergament spannte sich so fest über seinen Schädel, als läge darunter kein bißchen Fleisch.
Dünne Büschel von brüchigem Haar bedeckten einen vernarbten Kahlkopf, und seine Augen waren so eingesunken, daß sie aus zwei Höhlen hervorzuspähen schienen.
Sie kam auf den unebenen Pflastersteinen rutschend zum Stehen. »Ich bin Aginor«, sagte er lächelnd, »und Euretwegen gekommen.«
Ihr Herz wollte den Brustkorb sprengen. Einer der Verlorenen. »Nein. Nein, das kann nicht sein!«
»Ihr seid ein hübsches Mädchen. Ich werde Euch genießen.«
Plötzlich erinnerte sich Nynaeve daran, daß sie keinen Fetzen Kleidung am Leib trug. Mit einem leichten Aufschrei und einem nicht nur vom Zorn geröteten Gesicht rannte sie weg, den nächsten der Querwege hinunter. Gackerndes Lachen und die Geräusche von schleifenden, rennenden Füßen verfolgte sie; die mit ihr Schritt hielten; dazu schweratmende Versprechen, was er alles tun werde, wenn er sie eingefangen hatte, Versprechen, die ihr den Magen schier umdrehten, obwohl sie kaum die Hälfte verstand.
Verzweifelt suchte sie nach einem Weg aus dem Labyrinth, sah sich ständig um, während sie mit geballten Fäusten weiterrannte. Der Weg hinaus erscheint nur ein einziges Mal. Seid standhaft. Nichts — immer nur dieses endlose Gewirr von Gängen und Mauern. So sehr sie auch rannte: Das schmutzige Geschwätz erklang immer direkt hinter ihr. Langsam verwandelte sich ihre Furcht in Zorn.
»Seng ihn«, schluchzte sie. »Licht, verseng ihn! Er hat kein Recht dazu!« In ihrem Inneren fühlte sie ein Blühen, ein Öffnen, ein sich Ausbreiten zum Licht hin.
Mit gefletschten Zähnen drehte sie sich zu ihrem Verfolger um, gerade in dem Moment, als Aginor halb hinkend, halb rennend, hinter ihr erschien.
»Ihr habt kein Recht dazu!« Sie streckte ihm die Faust entgegen. Ihre Finger öffneten sich, als würfe sie etwas. Sie war nicht allzu überrascht, als eine Feuerkugel aus ihrer Hand schoß.
Sie explodierte an Aginors Brust und warf ihn zu Boden. Nur einen Augenblick lang lag er dort, dann erhob er sich taumelnd. Er schien den schwelenden Mantel überhaupt nicht zu bemerken. »Ihr wagt es? Ihr wagt es!« Er bebte vor Zorn, und Speichel rann ihm über das Kinn.
Plötzlich standen Wolken am Himmel, bedrohliche graue und schwarze Schwaden. Blitze zuckten aus der Wolke über ihr und zielten auf ihr Herz.
Es schien ihr, nur einen Herzschlag lang, als verlangsame sich der Lauf der Zeit, als dauere dieser Herzschlag eine Ewigkeit. Sie fühlte den Strom in ihrem Körper — Saidar, sagte ihr ein ferner Gedanke —, fühlte im Blitz ein Entgegenkommen. Und sie änderte die Richtung des Energiestroms. Die Zeit sprang voran.
Mit einem lauten Krachen zerschmetterte der Blitz die Steine über Aginors Kopf. Der Verlorene riß die Augen auf und stolperte rückwärts. »Das könnt Ihr nicht tun! Das kann nicht sein!« Er sprang weg, als ein Blitz dort einschlug, wo er gerade noch gestanden hatte. Stein explodierte zu einem Regen von Splittern.
Entschlossen ging Nynaeve auf ihn zu. Und Aginor floh.
Saidar war wie eine Strömung, die durch sie hindurchschoß. Sie fühlte die Steine ihrer Umgebung, fühlte die winzigen Teilchen der Einen Macht, die sie durchdrangen und zusammenhielten. Und sie fühlte, wie Aginor auch... etwas... unternahm. Sie nahm es nur schwach und wie aus großer Entfernung wahr, als sei es etwas, das sie niemals wirklich verstehen könne, aber sie sah die Wirkung in ihrer Umgebung und wußte, was sie hervorrief.
Der Boden grollte und wölbte sich unter ihren Füßen auf. Mauern stürzten vor ihr um. Steinhaufen versperrten ihr den Weg. Sie kroch hinüber, kümmerte sich nicht darum, ob scharfkantige Steine ihr Hände und Füße blutig rissen. Sie mußte Aginor immer in Sichtweite behalten. Ein Sturm erhob sich, heulte durch die Gänge hinter ihr, wütete, bis ihr Tränen über die Wangen rannen, versuchte, sie zu Boden zu werfen. Sie änderte die Richtung, und dann taumelte Aginor den Gang wie ein entwurzelter Strauch entlang. Sie berührte den Strom der Macht im Boden, gab ihm eine neue Richtung, und die Steinmauern um Aginor stürzten und schlossen ihn ein. Blitze zuckten unter ihrem Blick vom Himmel, schlugen um ihn herum ein und kamen ihm immer näher. Sie fühlte, wie er darum kämpfte, sie wieder in ihre Richtung abzudrängen, aber die blendenden Einschläge näherten sich dem Verlorenen Fuß um Fuß.