Выбрать главу

Fain sah den Dolch noch einen Augenblick lang sehnsüchtig an, riß dann sein Handgelenk aus dem Griff des Mannes mit dem Zopf und rieb es, während er sich verbeugte. »Damit Ihr es blast, Hochlord. Dann könnt Ihr dieses ganze Land einnehmen, falls Ihr das wünscht. Die ganze Welt. Ihr könnt die Weiße Burg schleifen und die Aes Sedai zu Staub zermalmen, denn nicht einmal ihre Macht kann Helden aufhalten, die von den Toten auferstanden sind.«

»Ich soll es blasen?« Turaks Stimme klang ausdruckslos. »Und die Weiße Burg schleifen? Nochmals, warum? Ihr behauptet, Ihr würdet gehorchen, warten und dienen, doch dies ist ein Land von Eidbrechern. Warum gebt Ihr mir Euer Land? Habt Ihr irgendeinen privaten Streit mit diesen... Frauen?«

Fain bemühte sich, in überzeugendem Ton zu sprechen. Geduld — wie ein Wurm, der von innen her bohrt. »Hochlord, in meiner Familie gibt es eine Tradition, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Wir dienten dem Hochkönig Artur Paendrag Tanreall, und als er von den Hexen von Tar Valon ermordet wurde, haben wir unseren Eid nicht gebrochen. Während andere Kriege führten und das zerrissen, was Artur Falkenflügel aufgebaut hatte, hielten wir uns an unseren Eid und litten darunter. Doch wir zerbrachen nicht. Das ist unsere Tradition, Hochlord, vom Vater auf den Sohn weitergegeben und von Mutter zu Tochter, all die Jahre hindurch, seit der Hochkönig ermordet wurde: Daß wir die Rückkehr des Heeres erwarten, das Artur Falkenflügel über das Aryth-Meer gesandt hat, daß wir die Rückkehr des Blutes von Artur Falkenflügel erwarten, um die Weiße Burg zu zerstören und zurückzugewinnen, was dem Hochkönig gehörte. Und wenn das Blut Falkenflügels zurückkehrt, werden wir dienen und beraten, wie wir dem Hochkönig dienten. Hochlord, von dem Saum abgesehen ist die Flagge, die über diesem Haus weht, das Banner von Luthair, dem Sohn, den Artur Paendrag Tanreall mit seinem Heer über das Meer aussandte.« Fain fiel auf die Knie und brachte eine gute Darstellung eines völlig überwältigten Mannes zustande. »Hochlord, ich wünsche nur zu dienen und dem Blute des Hochkönigs als Berater zur Seite zu stehen.«

Turak schwieg so lange, daß Fain sich schon fragte, ob er noch immer nicht überzeugt sei. Er hatte mehr zu bieten, alles, was notwendig war. Aber schließlich sprach der Hochlord: »Ihr scheint zu wissen, was niemand —weder hochstehend noch gemein — ausgesprochen hat, seit dieses Land in Sicht kam. Die Menschen hier betrachten es als eines von vielen Gerüchten, aber Ihr wißt Bescheid. Ich kann es in Euren Augen sehen und in Eurer Stimme hören. Ich könnte beinahe auf die Idee kommen, Ihr seid ausgesandt worden, um mich in eine Falle zu locken. Aber wer, der sich im Besitz des Horns von Valere befindet, würde das Horn so mißbrauchen? Keiner von denen aus dem Blute, der mit den Hailene hier ankam, kann das Horn gehabt haben, denn die Legende sagt, es sei in diesem Land verborgen worden. Und sicherlich würde jeder Lord dieses Landes, der es besäße, das Horn gegen mich verwenden, anstatt es in meine Hände zu legen. Wie kam es dazu, daß Ihr das Horn von Valere besitzt? Behauptet Ihr, ein Held wie in einer der Legenden zu sein? Habt Ihr große Taten vollbracht?«

»Ich bin kein Held, Hochlord.« Fain brachte ein bescheidenes Lächeln fertig, doch Turaks Gesichtsausdruck änderte sich nicht, und so ließ er es bleiben. »Einer meiner Vorfahren fand das Horn während des Aufruhrs nach dem Tod des Hochkönigs. Er wußte, wie man die Truhe öffnet, aber mit ihm starb auch dieses Wissen im Hundertjährigen Krieg, der das Reich Artur Falkenflügels zersplitterte. Alles, was wir, seine Nachfolger, wußten, war, daß das Horn drinnen lag und wir es sicher aufbewahren mußten, bis das Blut des Hochkönigs zurückkehrte.«

»Ich könnte Euch beinahe Glauben schenken.«

»Glaubt mir, Hochlord. Sobald Ihr das Horn blast... «

»Verderbt nicht alles, was Ihr vorher an Überzeugungsarbeit geleistet habt. Ich werde das Horn von Valere nicht blasen. Wenn ich nach Seanchan zurückkehre, werde ich es der Kaiserin als den größten meiner erworbenen Schätze präsentieren. Vielleicht wird die Kaiserin selbst das Horn blasen.«

»Aber, Hochlord«, protestierte Fain, »Ihr müßt... « Er lag plötzlich auf der Seite, und sein Kopf schmerzte fürchterlich. Erst als er wieder klar sehen konnte, sah er, wie sich der Mann mit dem Zopf die Hände rieb, und ihm wurde klar, was geschehen war.

»Es gibt Worte«, sagte der Kerl leise, »die benützt man dem Hochlord gegenüber nicht.«

Fain beschloß in diesem Moment, auf welche Art der Mann sterben würde.

Turak blickte von Fain zurück zum Horn, und zwar so gelassen, als habe er nichts bemerkt. »Vielleicht schenke ich Euch ebenfalls der Kaiserin, zusammen mit dem Horn von Valere. Ihr amüsiert sie vielleicht — ein Mann, der behauptet, seine Familie sei treu geblieben, obwohl alle anderen ihre Eide brachen oder sie vergaßen.«

Fain verbarg seine neu erwachende Hochstimmung, als er langsam wieder aufstand. Er hatte noch nicht einmal gewußt, daß es eine Kaiserin gab, bevor Turak sie erwähnte, aber wieder Zugang zu einem Herrscher zu haben... das eröffnete neue Möglichkeiten, neue Pläne. Zugang zu einer Herrscherin mit der ganzen Macht Seanchans im Rücken und dem Horn von Valere in Händen. Viel besser, als aus diesem Turak einen König zu machen. Er konnte mit einigen Einzelheiten seines Planes durchaus noch warten. Vorsichtig. Er soll nicht wissen, wie sehr ich ihn brauche. Nach so langer Zeit wird ein bißchen mehr Geduld nicht wehtun. »Wie Hochlord wünschen«, sagte er und bemühte sich, wie ein Mann zu klingen, der nur dienen will.

»Ihr scheint übereifrig«, sagte Turak, und Fain wäre beinahe zusammengezuckt, konnte es aber gerade noch verhindern. »Ich werde Euch sagen, warum ich das Horn von Valere nicht blasen und es noch nicht einmal behalten werde, und vielleicht wird das Euren Übereifer dämpfen. Ich will nicht, daß eines meiner Geschenke die Kaiserin durch seine Taten abstößt. Wenn Euer Übereifer nicht gedämpft werden kann, wird er niemals befriedigt werden, denn dann verlaßt Ihr diese Küste nicht. Wißt Ihr, daß derjenige, der das Horn von Valere bläst, für immer daran gebunden ist? Solange er oder sie lebt, ist das Horn für jeden anderen nur ein Musikinstrument.« Er machte nicht den Eindruck, als erwarte er eine Antwort, und er hielt auch nicht inne, um auf eine zu warten. »Ich stehe an zwölfter Stelle in der Rangfolge der Thronfolger. Wenn ich das Horn von Valere für mich behielte, würden alle zwischen mir und der Kaiserin glauben, ich wolle mich damit zum ersten Anwärter auf den Kristallthron machen. Die Kaiserin wünscht natürlich, daß wir im Wettbewerb miteinander danach streben, damit der stärkste und schlaueste von uns ihr Nachfolger wird, aber sie zieht selbst im Moment ihre zweite Tochter vor, und sie würde eine Bedrohung Tuons nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wenn ich es bliese und ihr dann meinetwegen dieses Land zu Füßen legte und jede Frau in der Weißen Burg zur Damane machte, würde die Kaiserin — möge sie ewig leben — glauben, ich wolle mehr als nur ihr Erbe werden.«

Fain hielt sich gerade noch zurück, bevor er herausplatzte, wie gut die Chancen dafür mit Hilfe des Horns stünden. Aber irgend etwas an der Stimme des Hochlords sagte ihm — auch wenn Fain das kaum glauben konnte —, daß sein Wunsch des ewigen Lebens für die Kaiserin ernst gemeint sei. Ich muß Geduld haben — wie ein Wurm an der Wurzel.

»Die Lauscher der Kaiserin könnten überall ihre Ohren haben«, fuhr Turak fort. »Jeder könnte zu ihnen gehören. Huan wurde im Hause Aladon geboren und großgezogen wie seine Familie schon elf Generationen lang vor ihm, und doch könnte sogar er ein Lauscher sein.« Der Mann mit dem Zopf gestikulierte protestierend, riß sich aber sofort wieder zusammen und stand reglos da. »Selbst ein Hochlord oder eine Hochlady findet manchmal heraus, daß seine oder ihre bestgehüteten Geheimnisse den Lauschern bekannt sind, und eines Tages wachen sie auf und befinden sich bereits in den Händen der Sucher nach der Wahrheit. Es ist immer schwer, die Wahrheit herauszufinden, aber die Sucher geizen nicht mit Schmerzen bei ihrer Suche, und sie suchen, solange sie glauben, es sei notwendig. Natürlich geben sie sich große Mühe, daß unter ihrer Obhut kein Hochlord und keine Hochlady stirbt, denn es ist keinem Menschen erlaubt, jemanden zu töten, in dessen Adern das Blut Artur Falkenflügels fließt. Falls die Kaiserin einen solchen Tod befehlen muß, wird der Unglückliche in einen Sack aus Seide gesteckt, und diesen Sack hängt man über die Brüstung des Turms der Raben und läßt ihn dort hängen, bis er verfault ist. Solche Mühe würde man sich mit jemandem wie Euch nicht geben. Am Hof der Neun Monde in Seandar würde man Euch den Suchern schon übergeben, wenn Ihr nur in die falsche Richtung blickt oder ein falsches Wort sagt — einfach so. Wie steht es nun mit Eurem Eifer?«