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Es konnte natürlich auch eine andere Sul'dam hereinkommen. Es gab viel mehr Sul'dam als Damane, und jede Sul'dam wollte auch einmal das Armband tragen — sie nannten es: ›vollständig sein‹. Doch Renna war nach wie vor für ihre Ausbildung zuständig, und in vier von fünf Fällen trug Renna ihr Armband. Falls jemand einzutreten wünschte, gab es keine Möglichkeit, ihn daran zu hindern. Es gab keine Schlösser an den Türen zu den Zimmern der Damane. In Egwenes Zimmer standen nur ein enges hartes Bett, ein Waschgestell mit einer angestoßenen Kanne und einer großen Waschschüssel, ein Stuhl und ein Tisch, und für mehr war auch kein Platz. Damane brauchten keine Bequemlichkeit, keine Privatsphäre und kein Eigentum. Damane waren selbst Eigentum. Min hatte auch ein solches Zimmer in einem der anderen Häuser, doch sie konnte kommen und gehen, wie sie wollte — oder fast, wie sie wollte. Die Seanchan hatten eine Schwäche für Vorschriften, von denen es für jedermann mehr gab als in der Weißen Burg für die geplagten Novizinnen.

Egwene trat vom Fenster zurück. Sie wollte nicht riskieren, daß eine der Frauen von unten hochblickte und das leichte Glühen um sie herum bemerkte, das beim Benutzen der Einen Macht entstand. Sie tastete mit Saidar vorsichtig nach ihrem Halsband. Ihre Suche nach einer Schwachstelle aber war umsonst. Sie wußte noch nicht einmal, ob das Band gewebt oder aus Einzelgliedern zusammengesetzt war. Manchmal schien es so und dann wieder anders. Auf jeden Fall wirkte es wie ein einziges Stück. Sie benutzte nur ein winziges bißchen der Macht, die kleinste Einheit, die sie sich vorstellen konnte, und doch stand auf ihrer Stirn Schweiß, und ihr Magen krampfte sich zusammen. Es war eine der Eigenschaften des A'dam, daß es einer Damane, die in Abwesenheit ihrer Sul'dam die Macht benützte, schlecht wurde, und je mehr Macht sie lenkte, desto schlechter wurde ihr. Wenn sie nur eine Kerze entzündet hätte, die etwas weiter als eine Armlänge von ihr entfernt stand, hätte sie sich übergeben müssen. Renna hatte ihr einmal befohlen, die kleinen Lichtkugeln zu jonglieren, während das Armband auf dem Tisch lag. Wenn sie sich daran erinnerte, schüttelte sie sich immer noch.

Jetzt schlängelte sich die silberne Leine über den nackten Fußboden und an der ungetünchten Holzwand hinauf bis zu dem Haken, an dem das Armband hing. Bei diesem Anblick knirschte sie vor ohnmächtigem Zorn mit den Zähnen. Wenn man einen Hund so nachlässig alleinließ, konnte er wegrennen. Wenn jedoch eine Damane ihr Armband auch nur einen Fußbreit von der Stelle entfernte, an die es die Sul'dam gelegt hatte... Renna hatte ihr auch aufgetragen, das zu tun. Sie mußte ihr eigenes Armband durch das Zimmer tragen — oder es zumindest versuchen. Sie war sicher, daß es nur Minuten dauerte, bis die Sul'dam sich das Armband selbst mit heftiger Bewegung angelegt hatte, doch Egwenes Schreien und die Krämpfe, unter denen sie sich auf dem Fußboden wälzte, schienen sich über Stunden hinzuziehen.

Jemand klopfte, und Egwene fuhr zusammen, bevor ihr einfiel, daß es keine Sul'dam sein konnte. Von denen würde keine anklopfen. Sie ließ Saidar fahren, da sie sich sowieso schon mies fühlte. »Min?«

»Hier bin ich zu meinem wöchentlichen Besuch«, verkündete Min, als sie hereinschlüpfte und die Tür schloß. Ihre Fröhlichkeit klang ein wenig gezwungen, doch sie bemühte sich immer, so gut sie konnte, Egwenes Stimmung zu heben. »Wie gefällt es dir?« Sie drehte sich um die eigene Achse und führte ihr dunkelgrünes Wollkleid aus dem Seanchanschen Fundus vor. Einen schweren, dazu passenden Umhang hatte sie sich über den Arm gelegt. Und ihr dunkles Haar wurde noch von einem grünen Band zusammengehalten, obwohl es noch kaum lang genug dafür war. An ihrer Hüfte hing immer noch das Messer in der Scheide. Egwene war überrascht gewesen, als Min es beim ersten Zusammentreffen trug, aber die Seanchan vertrauten ihnen offenbar. So lange, bis sie eine Vorschrift brachen.

»Es ist hübsch«, sagte Egwene vorsichtig. »Aber warum?«

»Ich bin nicht zum Feind übergelaufen, falls du das denkst. Ich mußte mich entweder anpassen oder ein Zimmer irgendwo draußen in der Stadt nehmen, von wo aus ich dich vielleicht nicht mehr hätte besuchen dürfen.« Sie wollte sich schon breitbeinig auf den Stuhl setzen, als trüge sie Hosen, schüttelte dann aber den Kopf und drehte den Stuhl um, damit sie sich richtig hinsetzen konnte. »Jeder hat seinen Platz im Muster«, imitierte sie spöttisch, »und der Platz eines jeden muß deutlich sichtbar sein. Diese alte Hexe Mulaen hatte es wohl satt, nicht schon bei meinem Anblick zu wissen, welches mein Platz sei, und so entschloß sie sich, mir den Rang eines Küchenmädchens zu verleihen. Sie ließ mich wählen. Du solltest mal sehen, was manche von den Seanchan-Mädchen tragen —diejenigen, die den Lords dienen. Es könnte mir schon gefallen, aber nicht, wenn ich nicht wenigstens verlobt bin oder noch besser: verheiratet. Na ja, nun gibt es kein Zurück mehr. Noch nicht. Mulaen verbrannte meinen Mantel und meine Hosen.« Sie schnitt eine Grimasse, um zu unterstreichen, was sie davon hielt, und nahm dann einen Stein von einem kleinen Stapel auf dem Tisch. Sie ließ ihn von Hand zu Hand hüpfen. »Es ist nicht so schlimm«, sagte sie lachend, »aber ich habe so lange keinen Rock mehr getragen, daß ich ständig ins Stolpern komme.«

Auch Egwene hatte zusehen müssen, wie ihre Kleider verbrannt wurden, einschließlich dieses wunderschönen grünen Seidenkleids. Sie war froh gewesen, daß sie nicht noch mehr der Kleider mitgebracht hatte, die ihr Lady Amalisa gegeben hatte. Wahrscheinlich würde sie keines davon jemals wiedersehen, und auch die Weiße Burg nicht. Was sie jetzt trug, war von dem gleichen Dunkelgrau, das alle Damane anhatten. Damane haben kein Eigentum, hatte man ihr erklärt. Das Kleid, das eine Damane trägt, das Essen, das sie zu sich nimmt, das Bett, in dem sie schläft, sind alles Geschenke von ihrer Sul'dam. Falls eine Sul'dam beschließt, daß eine Damane auf dem Fußboden anstatt in einem Bett oder in einer Box im Stall schläft, dann liegt die Entscheidung einzig und allein bei der Sul'dam. Mulaen, die für die Quartiere der Damane zuständig war, hatte eine eintönige Stimme und sprach immer so durch die Nase. Aber sie bestrafte jede Damane, die nicht jedes Wort ihrer langweiligen Vorträge auswendig kannte.

»Ich glaube nicht, daß es für mich jemals ein Zurück gibt«, seufzte Egwene und ließ sich auf das Bett sinken.

Sie deutete auf die Steine, die auf dem Tisch lagen. »Renna hat mich gestern geprüft. Ich habe das Stück Eisenerz und das Kupfererz herausgefunden, und zwar mit verbundenen Augen und jedesmal, wenn sie die Klumpen neu mischte. Sie ließ sie hier liegen, um mich an meinen Erfolg zu erinnern. Sie hielt es wohl für eine Art Belohnung.«

»Das scheint mir auch nicht schlimmer zu sein als alles andere — weit weniger schlimm, als wenn Feuerwerkskörper explodieren —, aber hättest du nicht schwindeln können? Ihr erzählen, du könntest die Stücke nicht unterscheiden?«

»Du weißt immer noch nicht, wie das wirklich ist.« Egwene zog an ihrem Halsband, aber das half auch nicht mehr als das Lenken der Macht vorher. »Wenn Renna dieses Armband trägt, weiß sie genau, was ich mit Hilfe der Macht anstelle und was nicht. Manchmal scheint sie es sogar zu wissen, wenn sie es nicht trägt. Sie sagt, daß Sul'dam mit der Zeit eine gewisse Affinität — so nennt sie es — zu ihrer Damane entwickeln.« Sie seufzte.