»Das spielt jetzt keine Rolle. Moiraine hat mich geschickt, um dir Bescheid zu sagen. Du kannst jederzeit weg. Selbst jetzt. Moiraine sorgte dafür, daß Agelmar dich von seinem Befehl ausnahm.«
»Warum erst jetzt und nicht schon früher? Warum konnte ich vorher nicht gehen? War sie diejenige, die die Tore verschließen ließ? Ingtar sagte, er wisse nichts von einem Befehl, die Leute in der Festung zu halten —jedenfalls bis heute nacht.«
Rand glaubte, einen besorgten Ausdruck bei dem Behüter zu entdecken, doch alles, was er sagte, war:
»Wenn dir jemand ein Pferd schenkt, Schafhirte, dann beklagst du dich nicht, daß es nicht so schnell ist, wie du möchtest.«
»Was ist mit Egwene? Und Mat? Sind sie wirklich in Ordnung? Ich kann nicht weg, bevor ich weiß, daß es ihnen gutgeht.«
»Dem Mädchen geht es gut. Sie wird am Morgen aufwachen und sich vielleicht noch nicht einmal daran erinnern, was geschehen ist. Schläge auf den Kopf haben manchmal solche Auswirkungen.«
»Und wie steht's mit Mat?«
»Du hast die Wahl, Schafhirte. Du kannst heute gehen oder morgen oder nächste Woche. Es hängt von dir ab.« Er ging fort und ließ Rand dort in dem Korridor unter der Festung von Fal Dara stehen.
7
Der Ruf des Bluts
Als die Bahre mit Mat aus den Gemächern der Amyrlin getragen wurde, wickelte Moiraine sorgfältig den Angreal — eine kleine, vom Alter dunkel angelaufene Elfenbeinstatue, die eine Frau in weiten Gewändern darstellte — in ein Seidentuch ein und steckte ihn in ihre Gürteltasche zurück. Die Zusammenarbeit mit einer anderen Aes Sedai, das Verschmelzen ihrer Fähigkeiten und gemeinsame Lenken der Einen Macht war selbst unter den besten Voraussetzungen eine ermüdende Arbeit, selbst mit Hilfe eines Angreals, und die ganze Nacht ohne Schlaf durcharbeiten zu müssen, stellte keine besonders gute Voraussetzung dar. Und die Arbeit mit dem Jungen war nicht gerade leicht gewesen.
Leane wies die Bahrenträger mit scharfen Gesten und ein paar knappen Worten hinaus. Die beiden Männer duckten sich ständig nervös, weil so viele Aes Sedai um sie herum waren, eine davon auch noch die Amyrlin persönlich. Dazu hatten sie die Macht benützt. Sie hatten im Korridor an die Wand gekauert gewartet, während drinnen die Arbeit getan wurde, und sie waren erpicht darauf, die Frauenquartiere verlassen zu können. Mat lag mit geschlossenen Augen und blassem Gesicht auf der Bahre, doch seine Brust hob und senkte sich im gleichmäßigen Rhythmus tiefen Schlafes.
Wie wird das die Entwicklung der Dinge beeinflussen? fragte sich Moiraine. Seine Mitwirkung ist nicht erforderlich, nun, da das Horn weg ist, aber...
Die Tür schloß sich hinter Leane und den Bahrenträgern und die Amyrlin atmete keuchend. »Eine böse Sache. Wirklich böse.« Ihre Gesichtszüge waren glatt doch sie rieb sich die Hände, als wolle sie sie waschen.
»Aber ziemlich interessant«, sagte Verin. Sie war die vierte Aes Sedai gewesen, die die Amyrlin für diese Arbeit auserwählt hatte. »Es ist zu dumm, daß wir den Dolch nicht haben, um so die Heilung abschließen zu können. Trotz alledem, was wir heute nacht getan haben, wird er nicht lange leben. Im besten Fall vielleicht einige Monate.« Die drei Aes Sedai waren allein in den Gemächern der Amyrlin. Hinter den Schießscharten überzog das erste Licht der Morgendämmerung den Himmel.
»Aber jetzt sind ihm wenigstens diese Monate gegeben«, sagte Moiraine scharf. »Und falls man ihn findet, kann die Verbindung immer noch unterbrochen werden.« Falls man ihn findet. Ja, natürlich.
»Sie kann noch unterbrochen werden«, stimmte Verin zu. Sie war eine mollige Frau mit einem breiten Gesicht, und selbst die den Aes Sedai eigene Gabe der Alterslosigkeit konnte nicht verhindern, daß ein Hauch von Grau über ihrem braunen Haar lag. Das war das einzige Anzeichen für ihr Alter, aber für eine Aes Sedai bedeutete das, daß sie wirklich sehr alt war. Ihre Stimme klang jedoch kräftig und entsprach ihren glatten Wangen. »Er war allerdings lange Zeit mit dem Dolch verbunden —lange Zeit, was solche Dinge eben betrifft. Und die Verbindung wird noch länger dauern, ob man ihn findet oder nicht. Er ist vielleicht jetzt schon jenseits aller Heilkunst verändert, wenn auch nicht mehr so stark, daß er andere damit anstecken könnte. Ein so kleines Ding, dieser Dolch«, überlegte sie laut, »aber er verdirbt jeden, der ihn lange genug trägt. Und der ihn trägt, wird dann wieder diejenigen anstecken, die mit ihm in Berührung kommen, und die wiederum andere, und so werden Haß und Mißtrauen, die Shadar Logoth zerstört haben, die jeden Mann und jede Frau gegeneinander kämpfen ließen, wieder die Welt überziehen. Ich frage mich, wie viele Menschen in, sagen wir, einem Jahr angesteckt werden können. Es sollte möglich sein, eine relativ wirklichkeitsnahe Anzahl zu berechnen.«
Moiraine warf der Braunen Schwester einen ironischen Blick zu. Wir stehen einer neuen Gefahr gegenüber, und sie hört sich an, als ginge es um ein Rätsel aus einem Buch. Licht, die Braunen haben wirklich keine Ahnung vom Leben. »Dann müssen wir den Dolch finden, Schwester. Agelmar schickt Männer aus, um jene zu jagen, die das Horn stahlen und seine Männer töteten, die gleichen, die auch den Dolch nahmen. Wenn man das eine findet, hat man auch das andere.«
Verin nickte, zog aber gleichzeitig die Stirn kraus. »Und doch, wer könnte ihn sicher zurückbringen, falls man ihn findet? Wer auch immer ihn berührt, riskiert den Fluch des Dolchs, wenn er ihm zu lange zu nahe ist. Vielleicht in einer Truhe, gut ausgepolstert und eingepackt, aber er wäre trotzdem noch gefährlich für jemanden, der ihm längere Zeit über zu nahe ist. Ohne den Dolch selbst zu haben, um ihn genau zu studieren, können wir nicht sicher sein, wie er abgeschirmt werden muß. Aber du hast ihn doch gesehen und noch mehr, Moiraine. Du hast dich darum gekümmert und erreicht, daß dieser junge Mann ihn tragen und doch überleben konnte, ohne einen anderen anzustecken. Du mußt doch eine Ahnung haben, wie stark sein Einfluß ist.«
»Es gibt einen«, sagte Moiraine, »der den Dolch zurückholen kann, ohne durch ihn in Gefahr zu kommen. Einer, den wir gegen den Fluch abgeschirmt und gesichert haben, so gut es nur ging. Mat Cauthon.«
Die Amyrlin nickte. »Ja, natürlich. Er kann es schaffen. Wenn er lang genug lebt. Das Licht weiß, wie weit er mitgeschleppt wird, bis Agelmars Männer ihn finden. Falls sie ihn finden. Und wenn der Junge zuerst stirbt... na ja, wenn der Dolch so lange draußen und vielleicht unter Menschen ist, dann haben wir noch ein Problem am Hals.« Sie rieb sich müde die Augen. »Ich glaube, wir müssen auch diesen Padan Fain finden. Warum ist dieser Schattenfreund so wichtig für sie, daß sie ein solches Risiko eingingen, um ihn zu retten? Es wäre viel leichter für sie gewesen, nur das Horn zu stehlen. Es ist immer noch so riskant wie ein Wintersturm im Meer der Stürme, wenn man so in die Festung eindringt, aber sie vervielfachten ihr Risiko, um diesen Schattenfreund zu befreien. Wenn ihn die Lurks für so wichtig halten« — sie unterbrach sich, und Moiraine wußte, daß sie sich fragte, ob es wirklich nur die Myrddraal waren, die die Befehle gaben — »dann müssen wir es auch.«
»Er muß gefunden werden«, stimmte Moiraine zu und hoffte, daß die Dringlichkeit, die sie dabei empfand, nicht zu sehen war, »und es ist wohl am wahrscheinlichsten, daß er bei dem Horn zu finden ist.«
»Wie du sagst, Tochter.« Die Amyrlin preßte sich die Hand auf den Mund, um ein Gähnen zu unterdrücken. »Und nun, Verin, wenn du mich entschuldigen würdest. Ich will nur noch ein paar Worte mit Moiraine sprechen und dann ein wenig schlafen. Ich fürchte, Agelmar wird darauf bestehen, heute abend zu feiern, nachdem das Fest letzten Abend verdorben wurde. Deine Hilfe war von unschätzbarem Wert, Tochter. Bitte denke daran, nichts über die Natur der Verletzung des Jungen zu irgend jemandem zu sagen. Es gibt ein paar deiner Schwestern, die gern den Schatten in ihm sehen würden.«