Es war nicht nötig, die Roten Ajah zu erwähnen. Und vielleicht, dachte Moiraine, sind die Roten nicht mehr die einzigen, denen man mißtrauen mußte.
»Ich werde natürlich nichts sagen, Mutter.« Verin verbeugte sich, machte aber keine Anstalten, zur Tür zu gehen. Sie zog ein kleines Notizbuch, in weiches, braunes Leder gebunden, aus ihrer Gürteltasche. »Was an die Wände im Kerker geschrieben wurde. Es gab kaum Probleme beim Übersetzen. Das meiste waren wie üblich Blasphemien und Prahlereien. Trollocs scheinen sonst recht wenig zu wissen. Aber es gab einen Teil, der in besserer Schrift geschrieben war. Von einem gebildeten Schattenfreund oder vielleicht einem Myrddraal. Es könnte nur eine Art von Herausforderung sein, aber es steht dort in Form eines Gedichts oder Lieds und klingt wie eine Prophezeiung. Wir wissen wenig über die Prophezeiungen des Schattens, Mutter.«
Die Amyrlin zögerte nur einen Moment, bevor sie nickte. Prophezeiungen des Schattens, düstere Prophezeiungen, gingen unglücklicherweise genauso in Erfüllung wie die des Lichts. »Lies vor!«
Verin blätterte kurz, räusperte sich und begann mit ihrer ruhigen, gleichmäßigen Stimme zu lesen.
»Tochter der Nacht, sie wandelt wieder. In den uralten Kampf greift sie ein. Ihren neuen Liebhaber sucht sie, der ihr dienen und sterben und auch dann noch dienen wird. Wer kann ihrem Kommen widerstehn? Die Leuchtende Mauer wird niederknien.
Blut nährt Blut. Blut ruft Blut.
Blut ist und Blut war und Blut wird immer sein.
Ein Mann lenkt Eine Macht und steht allein. Er opfert seine Freunde. Zwei Wege liegen vor ihm: der eine führt zum Tode nach dem Tod, der andre zum ew'gen Leben. Welchen wird er wählen? Welchen wird er wählen? Welche Hand schützt? Welche Hand tötet?
Blut nährt Blut. Blut ruft Blut.
Blut ist und Blut war und Blut wird immer sein.
Luc kam zu den Bergen des Verderbens. Isam wartete am hohen Paß.
Die Jagd hat nun begonnen. Die Hunde des Schattens sind losgelassen und töten. Einer überlebte, und einer starb, aber beide existieren. Die Zeit der Veränderung ist gekommen.
Blut nährt Blut. Blut ruft Blut.
Blut ist und Blut war und Blut wird immer sein.
Die Wächter warten auf der Toman-Halbinsel. Die Saat des Hammers verbrennt den uralten Baum. Der Tod wird säen, und der Sommer wird brennen, bevor der Große Herr kommt. Der Tod wird ernten, und Körper werden versagen, bevor der Große Herr kommt. Wieder tötet der Same das uralte Unrecht, bevor der Große Herr kommt. Nun kommt der Große Herr.
Nun kommt der Große Herr.
Blut nährt Blut. Blut ruft Blut.
Blut ist und Blut war und Blut wird immer sein. Nun kommt der Große Herr.«
Als sie endete, schwiegen alle lange.
Schließlich sagte die Amyrlin: »Wer hat das noch gesehen, Tochter? Wer weiß davon?«
»Nur Serafelle, Mutter. Sobald wir es abgeschrieben hatten, ließ ich die Wände von Männern abschrubben. Sie fragten nicht weiter; sie waren froh, die Schmierereien loszuwerden.«
Die Amyrlin nickte. »Gut. Zu viele in den Grenzlanden können die Trolloc-Schrift halbwegs lesen. Nicht nötig, ihnen noch mehr Kopfzerbrechen zu bereiten. Sie haben schon genug.«
»Wirst du daraus schlau?« fragte Moiraine Verin vorsichtig. »Ist es eine Prophezeiung, oder was denkst du?«
Verin hielt den Kopf schräg und betrachtete nachdenklich ihre Notizen. »Möglich. Es hat jedenfalls die Form einiger der wenigen Prophezeiungen des Schattens, die wir kennen. Und Teile davon sind klar genug. Es könnte natürlich trotzdem einfach ein Täuschungsmanöver sein.« Sie legte einen Finger auf eine bestimmte Zeile. »»Tochter der Nacht, sie wandelt wieder.‹ Das kann nur bedeuten, daß Lanfear wieder frei ist. Oder jemand möchte, daß wir das glauben.«
»Das wäre etwas, um uns Kopfzerbrechen zu bereiten, Tochter«, sagte die Amyrlin, »falls es stimmt. Aber die Verlorenen sind immer noch gefangen.« Sie sah Moiraine an, und einen Moment lang wirkte sie besorgt, bevor sie ihre Gesichtszüge wieder unter Kontrolle hatte. »Selbst wenn die Siegel brüchig werden, sind die Verlorenen noch immer gefangen.«
Lanfear. In der Alten Sprache: Tochter der Nacht. Nirgends war ihr wirklicher Name aufgezeichnet, aber diesen Namen hatte sie angenommen, im Gegensatz zu den meisten der Verlorenen, die ihre Namen von denen erhalten hatten, die sie betrogen. Einige behaupteten, sie sei in Wirklichkeit neben Ishamael, dem Verräter aller Hoffnung, die mächtigste der Verlorenen gewesen, habe aber ihre wahren Kräfte verborgen. Zuwenig aus dieser Zeit war noch bekannt, als daß irgendein Historiker das sicher behaupten konnte.
»Bei all den falschen Drachen, die jetzt auftauchen, ist es keine Überraschung, daß irgend jemand nun auch Lanfear ins Spiel bringt.« Moiraines Stimme klang so glatt wie ihr Gesicht aussah, aber innerlich war sie aufgewühlt. Es war über Lanfear außer ihrem Namen nur eines bekannt: Bevor sie zum Schatten überging, bevor Lews Therin Telamon Ilyena traf, war Lanfear seine Geliebte gewesen. Eine Komplikation, die wir nicht brauchen können.
Die Amyrlin runzelte die Stirn, als habe sie an das gleiche gedacht, aber Verin nickte, als seien das alles einfach nur Worte. »Auch andere Namen sind klar, Mutter. Lord Luc war natürlich der Bruder von Tigraine, der Tochter-Erbin von Andor, und er verschwand in der Fäule. Wer Isam ist und was er mit Luc zu tun hatte, weiß ich allerdings nicht.«
»Wir werden alles mit der Zeit herausfinden, was wir wissen müssen«, sagte Moiraine verbindlich. »Es gibt noch keinen Beweis dafür, daß es wirklich eine Prophezeiung ist.«
Sie kannte den Namen. Isam war der Sohn von Breyan gewesen, der Frau des Lain Mandragoran, deren Versuch, den Thron von Malkier für ihren Mann zu gewinnen, die Trolloc-Horden herbeigelockt hatte. Breyan und ihr kleiner Sohn waren verschwunden, als die Trollocs Malkier überrannten. Und Isam war ein Blutsverwandter Lans gewesen. Ist er wirklich ein Blutsverwandter Lans? Ich darf ihn das nicht wissen lassen, bevor ich weiß, wie er reagiert. Bis wir weit von der Fäule entfernt sind. Falls er glaubt, Isam sei noch am Leben...
»›Die Wächter warten auf der Toman-Halbinsel‹«, fuhr Verin fort. »Es gibt einige, die immer noch an der alten Weissagung festhalten, daß das von Artur Falkenflügel über das Aryth-Meer gesandte Heer eines Tages zurückkehren wird, obwohl, nach dieser langen Zeit... « Sie schnaubte abwertend. »Die Do Miere A'vron, die Wächter der Wogen, bilden immer noch eine... Gemeinschaft — das ist, glaube ich, der beste Ausdruck —auf der Toman-Halbinsel, in Falme. Und einer der alten Namen für Artur Falkenflügel war Hammer des Lichts.«
»Willst du damit sagen, Tochter«, sagte die Amyrlin, »daß Artur Falkenflügels Heer, oder besser, die Nachkommen seines Heeres, tatsächlich nach tausend Jahren zurückkehren könnten?«
»Es gibt Gerüchte über Kämpfe in der Ebene von Almoth und auf der Toman-Halbinsel«, sagte Moiraine bedächtig. »Und Falkenflügel sandte zwei seiner Söhne mit seinem Heer. Falls sie in jenen Ländern überlebt haben sollten, könnte es viele Nachkommen Falkenflügels geben. Oder auch keinen.«
Die Amyrlin warf Moiraine einen warnenden Blick zu. Offensichtlich wollte sie mit ihr allein sein, damit sie Moiraine fragen konnte, was sie vorhabe. Moiraine machte eine beruhigende Geste, und ihre alte Freundin verzog das Gesicht.
Verin, die die Nase immer noch in ihre Notizen gesteckt hatte, bemerkte nichts von alledem. »Ich weiß nicht, Mutter. Aber ich bezweifle es. Wir wissen gar nichts über die Länder, die Falkenflügel erobern wollte. Es ist zu schade, daß sich die Meerleute weigern, das Aryth-Meer zu überqueren. Sie behaupten, auf der anderen Seite lägen die Inseln der Toten. Ich wünsche, ich wüßte, was das bedeuten soll, aber diese verfluchte Verschlossenheit des Meervolks... « Sie seufzte, hob aber den Kopf noch immer nicht. »Alles, was wir haben, ist ein Hinweis auf ›Länder unter dem Schatten, jenseits der untergehenden Sonne, jenseits des Aryth-Meeres, wo die Heere der Nacht regieren‹. Nichts, was uns sagen könnte, ob das von Falkenflügel ausgesandte Heer ausreichte, um diese ›Heere der Nacht‹ zu besiegen oder wenigstens, um Falkenflügels Tod zu überdauern. Sobald einmal der Hundertjährige Krieg angefangen hatte, war jeder zu sehr darauf bedacht, ein Stück von Falkenflügels Reich abzubekommen, um an das übers Meer gesandte Heer zu denken. Mutter, ich meine, falls ihre Nachkommen noch leben und eine Rückkehr planen, hätten sie doch nicht so lange gewartet.«