Meine Augen. Meine vom Licht verfluchten Augen! Die Morgensonne fiel auf seine Augen, und sie schimmerten wie mattes Gold.
Rand warf sich auf seinem Bett herum und versuchte, auf der dünnen Matratze eine bequemere Lage zu finden. Sonnenschein fiel durch die Schießscharten herein und färbte die kahlen Steinwände golden. Er hatte den Rest der Nacht über nicht geschlafen und war sicher, so müde er sich auch fühlte, daß er auch jetzt nicht schlafen konnte. Das Lederwams lag am Fußboden zwischen seinem Bett und der Wand, aber davon abgesehen war er komplett angezogen. Sogar seine neuen Stiefel hatte er an. Sein Schwert hatte er an das Bett gelehnt, und Bogen sowie Köcher ruhten in einer Ecke auf den gebündelten Umhängen.
Er wurde das Gefühl nicht los, daß er die Gelegenheit wahrnehmen sollte, die ihm Moiraine verschafft hatte, und sofort aufbrechen. Diesen Drang hatte er die ganze Nacht über gespürt. Dreimal war er aufgestanden, um zu gehen. Zweimal hatte er sogar schon die Tür geöffnet. Der Flur war bis auf ein paar Diener, die ihren nächtlichen Aufgaben nachgingen, leer gewesen; der Weg frei. Aber er mußte erst etwas in Erfahrung bringen.
Perrin kam mit gesenktem Kopf und gähnend herein. Rand setzte sich auf. »Wie geht es Egwene? Und Mat?«
»Sie schläft, hat man mir gesagt. Sie ließen mich nicht in das Frauenquartier, um sie zu besuchen. Mat ist... « Plötzlich blickte Perrin mit bösem Gesicht den Boden an. »Wenn du daran so interessiert bist, warum bist du dann nicht selbst gegangen und hast ihn besucht? Ich dachte, du hättest kein Interesse mehr an uns. Das hast du selbst gesagt.« Er öffnete sein Abteil des Kleiderschranks und kramte nach einem sauberen Hemd.
»Ich war auf der Krankenstation, Perrin. Es war eine Aes Sedai dort, die große, die immer bei der Amyrlin steckt. Sie sagte, Mat schliefe und ich sei im Weg und könne später einmal wiederkommen. Sie klang wie Meister Thane, wenn er seine Männer in der Mühle herumkommandierte. Du weißt, wie Meister Thane ist: immer geht er gleich hoch, und man muß alles beim ersten Mal richtig machen und zwar sofort!«
Perrin antwortete nicht. Er ließ lediglich seinen Mantel fallen und zog sich das Hemd über den Kopf aus.
Rand betrachtete einen Moment lang den Rücken seines Freundes und bemühte sich dann um ein Lachen. »Willst du etwas hören? Weißt du, was sie zu mir gesagt hat? Die Aes Sedai in der Krankenstation meine ich. Du hast gesehen, wie groß sie ist. Genauso groß wie die meisten Männer. Eine Handbreit größer, und sie könnte mir beinahe geradewegs in die Augen schauen. Na ja, sie hat mich von oben bis unten gemustert und dann gemurmelt: ›Groß bist du. Wo warst du, als ich noch sechzehn war? Oder sogar dreißig?‹ Und dann lachte sie, als sei es ein Scherz gewesen. Was hältst du davon?«
Perrin zog sich ein frisches Hemd über und sah ihn von der Seite her an. Mit seinen mächtigen Schultern und dem Lockenkopf machte er auf Rand den Eindruck eines verwundeten Bären. Eines Bären, der nicht verstand, warum man ihn verwundet hatte.
»Perrin, es... «
»Wenn du dich über eine Aes Sedai lustig machen willst«, unterbrach Perrin ihn, »dann ist das deine Sache. Mein Lord.« Er stopfte sein Hemd in die Hose. »Ich verbringe nicht viel Zeit damit, mich — geistreich ist wohl der richtige Ausdruck — mich geistreich mit Aes Sedai zu unterhalten. Aber ich bin ja auch nur ein unbeholfener Hufschmied und könnte jemandem im Weg stehen. Mein Lord.« Er schnappte sich seinen Mantel vom Boden und ging in Richtung Tür.
»Licht noch mal, Perrin, es tut mir leid. Ich hatte Angst, und ich dachte, ich sei in Schwierigkeiten —vielleicht war ich das auch und bin es noch, ich weiß nicht —, und ich wollte dich und Mat nicht mit hineinziehen. Licht, letzte Nacht haben sämtlich Frauen nach mir gesucht. Ich denke, das ist ein Teil der Schwierigkeiten, in denen ich mich befinde. Ich glaube es jedenfalls. Und Liandrin... Sie...« Er warf resignierend die Hände hoch. »Perrin, glaub mir, du solltest in so etwas nicht hineingezogen werden.«
Perrin war stehengeblieben, aber er stand mit dem Gesicht zur Tür gewandt und drehte den Kopf nur soweit, daß Rand ein goldenes Auge sehen konnte. »Sie haben dich gesucht? Vielleicht suchten sie nach uns allen.«
»Nein, sie suchten nach mir. Ich wünschte, es wäre nicht so, aber ich weiß es besser.«
Perrin schüttelte den Kopf. »Liandrin suchte jedenfalls mich. Das weiß ich. Ich habe es gehört.«
Rand runzelte die Stirn. »Warum sollte sie... ? Aber das ändert nichts. Schau mal, ich habe das Maul aufgerissen und gesagt, was ich nicht sagen sollte. Ich habe es nicht so gemeint, Perrin. Würdest du mir jetzt bitte sagen, wie es um Mat steht?«
»Er schläft. Leane — das ist die Aes Sedai — sagte, er werde in ein paar Stunden auf den Beinen sein.« Er zuckte unsicher die Achseln. »Ich glaube, sie hat gelogen. Ich weiß, Aes Sedai lügen nie, jedenfalls nicht so, daß man sie dabei ertappen kann, aber sie log entweder oder hielt etwas zurück.« Er schwieg einen Moment lang und sah Rand von der Seite her an. »Du hast alles nicht so gemeint? Wir reisen hier zusammen ab? Du und ich und Mat?«
»Ich kann nicht, Perrin. Ich kann dir nicht sagen, warum, aber ich muß wirklich all... Perrin, warte!«
Die Tür schlug hinter seinem Freund zu.
Rand ließ sich auf das Bett zurückfallen. »Ich kann es dir doch nicht sagen«, murmelte er. Er trommelte mit den Fäusten auf die Seitenbretter des Bettes. »Ich kann nicht.«
Aber du kannst jetzt gehen, sagte eine Stimme in seinem Hinterkopf. Egwene kommt wieder in Ordnung, und Mat wird in ein, zwei Stunden wieder aufstehen. Also kannst du jetzt gehen. Bevor Moiraine ihre Meinung ändert.
Er wollte sich gerade aufsetzen, als ihn ein lautes Klopfen an die Tür hochschießen ließ. Falls das Perrin war — nein, der würde nicht anklopfen. Wieder klopfte es laut.
»Wer ist da?«
Lan schritt herein und schob die Tür mit dem Absatz seines Stiefels hinter sich zu. Wie üblich trug er sein Schwert über einem einfachen grünen Mantel, der im Wald kaum auffiel. Diesmal allerdings hatte er sich eine breite goldene Kordel oben um den linken Arm herumgebunden. Die Fransen am Ende hingen ihm fast bis zum Ellbogen. Auf den Knoten war ein fliegender goldener Kranich aufgesteckt, das Wahrzeichen von Malkier.
»Die Amyrlin will dich sehen, Schafhirte. So kannst du aber nicht gehen. Zieh ein anderes Hemd an, und kämm dir auch die Haare. Du siehst aus wie ein Heuhaufen.« Er riß den Kleiderschrank auf und kramte in den Kleidern, die Rand hatte zurücklassen wollen.
Rand stand stocksteif da. Er hatte das Gefühl, von einem Hammer auf den Kopf getroffen worden zu sein. Natürlich hatte er das auf gewisse Weise erwartet, aber er war sicher gewesen, bereits nicht mehr da zu sein, wenn die Ladung erfolgte. Sie weiß Bescheid. Licht, da bin ich ganz sicher. »Was meinst du damit, sie will mich sehen? Ich bin im Gehen, Lan. Du hattest recht. Ich wollte gerade zum Stall gehen, mein Pferd holen und losreiten.«
»Das hättest du gestern abend tun sollen.« Der Behüter warf ein weißes Seidenhemd auf das Bett. »Niemand weigert sich, zu einer Audienz bei der Amyrlin zu gehen, Schafhirte. Nicht einmal der Kommandeur der Weißmäntel würde das wagen. Pedron Niall würde vielleicht den Weg dorthin benützen, um Mordpläne zu schmieden, für den Fall, daß er sie ausführen und heil wieder herauskommen könnte, aber kommen würde er.« Er wandte sich mit einem der hochgeschlossenen Mäntel in der Hand Rand zu und hielt ihn hoch. »Der hier geht.« Verschlungene wilde Rosen mit langen Dornen schlangen sich in einer breiten, mit Gold besetzten Borte um die Ärmel und Manschetten. Auf dem goldbesetzten Kragen waren ebenso goldene Reiher zu sehen. »Auch die Farbe stimmt.« Er schien sich über irgend etwas zu amüsieren oder wirkte zumindest befriedigt. »Los, komm, Schafhirte. Wechsle dein Hemd. Beweg dich!«