Zögernd streifte Rand das rauhe Arbeitshemd über den Kopf. »Ich fühle mich wie ein Narr«, sagte er leise. »Ein Seidenhemd! Ich habe noch nie in meinem Leben ein Seidenhemd getragen. Und auch noch nie so einen feinen Mantel — nicht einmal an einem Feiertag.« Licht, wenn Perrin mich darin sieht... Licht noch mal, nach all diesem idiotischen Geschwätz von mir, ein Lord zu sein, wird er nie wieder auf mich hören, wenn er mich darin sieht.
»Du kannst nicht wie ein frisch vom Stall gekommener Laufbursche vor die Amyrlin treten, Schafhirte. Laß mich mal deine Stiefel sehen. Die sind in Ordnung. Also, los dann, auf! Man läßt die Amyrlin nicht warten. Trag dein Schwert.«
»Mein Schwert!« Das Seidenhemd über seinem Kopf dämpfte Rands Aufschrei. Er zog es mit einem Ruck ganz herunter. »In den Frauenquartieren! Lan, wenn ich zu einer Audienz mit der Amyrlin — der Amyrlin! — gehe und dabei ein Schwert trage, wird sie... «
»Gar nichts tun«, unterbrach ihn Lan trocken. »Falls die Amyrlin vor dir Angst hat — und es ist besser für dich, wenn du das nicht glaubst, denn ich kenne nichts, was dieser Frau Angst einjagen würde —, dann gewiß nicht eines Schwertes wegen. Nun denke daran: wenn du vor sie trittst, kniest du nieder. Natürlich nur auf ein Knie, ja?« fügte er scharf hinzu. »Du bist nicht irgendein Kaufmann, den man beim falschen Abwiegen erwischt hat. Vielleicht solltest du es kurz mal üben.«
»Ich glaube, ich weiß, wie es geht. Ich sah, wie die königliche Garde vor Königin Morgase kniete.«
Ein Anflug von Lächeln spielte um den Mund des Behüters. »Ja, mache es genau wie sie. Das wird ihnen zu denken geben.«
Rand runzelte die Stirn. »Warum sagst du mir das, Lan? Du bist Behüter. Du handelst, als wärst du auf meiner Seite.«
»Ich bin auf deiner Seite, Schafhirte. Ein wenig. Genug, um dir auch ein wenig zu helfen.« Das Gesicht des Behüters war steinern und mitfühlende Worte in dieser rauhen Stimme klangen eigenartig. »Was du an Übung hattest, habe ich dir vermittelt, und ich will nicht, daß du kriechst und bettelst. Das Rad webt uns alle in das Muster hinein, wie es will. Du hast weniger Bewegungsfreiheit als die meisten in dieser Hinsicht, aber beim Licht, du kannst deinem Schicksal wenigstens aufrecht entgegensehen. Denke daran, wer die Amyrlin ist, Schafhirte, und zeige den ihr zustehenden Respekt, aber tu auch, was ich dir sage, und blicke ihr ins Auge. Na, und nun steh nicht da und halte Maulaffen feil. Steck dein Hemd hinein.«
Rand schloß den Mund und stopfte das Hemd in die Hose. Daran denken, wer sie ist? Licht noch mal, ich würde etwas darum geben, wenn ich vergessen könnte, wer sie ist!
Lan fuhr mit seinen Instruktionen fort, während Rand in den roten Mantel schlüpfte und sein Schwert gürtete. Was er sagen sollte und zu wem und was er nicht sagen sollte. Was er tun sollte und was nicht. Sogar, wie er sich bewegen sollte. Er war nicht sicher, ob er alles im Kopf behalten konnte — das meiste klang eigenartig und leicht zu vergessen —, doch er war sicher, das, was er vergaß, würde bestimmt geeignet sein, die Aes Sedai wütend zu machen. Wenn sie das nicht schon sind. Wenn Moiraine es der Amyrlin gesagt hat, wem dann noch?
»Lan, warum kann ich nicht einfach auf dem Weg fortlaufen, den ich geplant hatte? Wenn ihr schließlich klar ist, daß ich nicht komme, bin ich schon eine Meile weit weg und galoppiere frei davon.«
»Und sie würde Kundschafter auf deine Fährte jagen, bevor du zwei Meilen weg wärst. Was die Amyrlin will, Schafhirte, das bekommt sie.« Er zog Rands Schwertgurt zurecht, so daß die schwere Schnalle genau in der Mitte war. »Was ich tue, ist für dich das beste von allem, was in meiner Macht steht. Glaub es mir ruhig.«
»Aber warum all das? Was hat es zu bedeuten? Warum lege ich mir die Hand aufs Herz, wenn die Amyrlin aufsteht? Warum lehne ich alles bis auf Wasser ab — nicht, daß ich mit ihr essen möchte —, und tröpfle dann etwas auf den Boden und sage: ›Das Land dürstet‹? Und wenn sie mich fragt, wie alt ich bin, warum soll ich ihr dann sagen, wie lange es her ist, seit ich das Schwert bekam? Ich verstehe die Hälfte von dem nicht, was du mir gesagt hast.«
»Drei Tropfen, Schäfer, und nicht gießen. Du verspritzt lediglich drei Tropfen. Du kannst es später verstehen; Hauptsache, du erinnerst dich jetzt daran.
Nimm es eben als Bräuche, die man aufrechterhalten muß. Die Amyrlin wird dich behandeln, wie sie muß. Wenn du glaubst, du könntest es vermeiden, dann glaubst du auch, du könntest wie Lenn zum Mond fliegen. Du kannst nicht entkommen, aber vielleicht kannst du ihr eine Weile lang die Stirn bieten und wenigstens dabei deinen Stolz bewahren. Licht, verseng mich, ich verschwende wahrscheinlich meine Zeit, aber ich habe gerade nichts Besseres zu tun. Halt still!« Der Behüter zog ein Stück einer langen, goldenen Kordel mit Fransen am Ende aus seiner Tasche und band sie mit einem komplizierten Knoten um Rands linken Arm. Auf den Knoten steckte er eine rot emaillierte Anstecknadeclass="underline" einen Adler mit ausgebreiteten Schwingen. »Ich ließ das anfertigen, um es dir zu geben, und das kann ich genausogut jetzt gleich tun. Das wird ihnen zu denken geben.« Diesmal gab es keinen Zweifeclass="underline" Der Behüter lächelte.
Rand sah mit sorgenvollem Gesicht auf die Nadel hinunter. Caldazar. Der Rote Adler von Manetheren. »Ein Dorn im Fuß des Dunklen Königs«, murmelte er, »und ein Stachel in seiner Hand.« Er blickte den Behüter an. »Manetheren ist längst tot und vergessen, Lan. Es ist nur noch ein Name in einem Buch. Es gibt nur die Zwei Flüsse. Was ich auch sonst sein mag, ich bin Schäfer und Bauer. Das ist alles.«
»Nun, das Schwert, das nicht zerbrochen werden konnte, splitterte am Ende doch, aber es kämpfte bis zum letzten Hieb gegen den Schatten. Es gibt eine Regel, die über allem steht, wenn man ein Mann ist: Was auch kommt, tritt ihm aufrecht entgegen. Bist du jetzt fertig? Die Amyrlin wartet.«
Mit einem eiskalten Kloß im Magen folgte Rand dem Behüter in den Flur.
8
Der Wiedergeborene Drache
Rand schritt anfangs steifbeinig und nervös neben dem Behüter her. Tritt ihm aufrecht entgegen. Lan hatte leichtes Reden. Er war nicht zur Amyrlin bestellt worden. Er mußte sich nicht fragen, ob er eine Dämpfung erfahren sollte, bevor noch der Tag vorüber war, oder gar noch Schlimmeres. Rand fühlte sich, als sei ihm etwas im Hals steckengeblieben; er konnte nicht schlucken, so sehr er sich auch bemühte.
Die Gänge waren voll mit Leuten: Dienern, die ihre morgendlichen Aufträge erfüllten, und Kriegern, die über die Morgenmäntel Schwerter gegürtet hatten. Ein paar kleine Jungen mit ebenso kleinen Übungsschwertern in den Händen hielten sich dicht an den Erwachsenen, die sie begleiteten, und ahmten deren Gang nach. Kein Zeichen des Kampfes war mehr zu sehen, aber selbst die Kinder schienen irgendwie alarmbereit. Die erwachsenen Männer wirkten wie Katzen, die auf ein Rudel Ratten warteten.
Ingtar warf Rand und Lan einen eigenartigen Blick zu, fast besorgt, und öffnete den Mund, sagte aber nichts, als sie an ihm vorbeigingen. Kajin, groß und hager und blaß, schwenkte die Fäuste über dem Kopf und rief: »Tai'shar Malkier! Tai'shar Manetheren!« Das wahre Blut von Malkier. Das wahre Blut von Manetheren.
Rand fuhr zusammen. Licht, warum hat er das gesagt? Sei kein Narr, sagte er sich dann. Hier kennen alle Manetheren. Sie kennen jede alte Geschichte, falls darin Kämpf vorkommen. Licht noch mal, ich muß mich zusammenreißen.
Lan hob die Fäuste zur Antwort. »Tai'shar Schienar!«