»Lan hat alle Jungen unterrichtet, Mutter«, antwortete Moiraine ruhig. »Er hat diesem hier nur etwas mehr Zeit gewidmet als den anderen, weil er ein Schwert trägt.«
Die Braune Aes Sedai rutschte auf ihrem Stuhl nach vorn. »Die Gaidins sind starrköpfig und stolz, Mutter, aber auch nützlich. Ich könnte nicht ohne Tomas sein, wie Ihr nicht ohne Alric. Ich habe sogar schon ein paar Rote gehört, die sagten, manchmal hätten sie auch gern einen Behüter. Und die Grünen natürlich... «
Die drei Aes Sedai ignorierten ihn jetzt alle. »Dieses Schwert«, sagte die Amyrlin. »Es scheint ein Reiherschwert zu sein. Wie ist er denn dazu gekommen, Moiraine?«
»Tam al'Thor verließ die Zwei Flüsse als Junge, Mutter. Er schloß sich dem Heer von Illian an und diente dort im Weißmantelkrieg und in den letzten beiden Kriegen gegen Tear. Mit der Zeit stieg er zum Schwertmeister auf und wurde Zweiter Hauptmann der Gefährten. Nach dem Aielkrieg kehrte Tam al'Thor mit einer Frau aus Caemlyn und einem wenige Monate alten Jungen in die Zwei Flüsse zurück. Ich hätte mir viel ersparen können, hätte ich das alles früher gewußt, doch nun weiß ich es.«
Rand starrte Moiraine an. Er wußte, daß Tam die Zwei Flüsse verlassen hatte und mit einer ausländischen Frau und dem Schwert zurückgekehrt war, aber der Rest... Wo hast du das alles erfahren? Jedenfalls nicht in Emondsfeld. Es sei denn, Nynaeve hat dir mehr erzählt, als sie mir jemals sagte. Ein wenige Monate alter Junge. Sie spricht nicht von einem Sohn. Aber das bin ich.
»Gegen Tear.« Die Amyrlin zog die Stirn ein wenig kraus. »Na ja, an diesen Kriegen waren wohl beide Seiten schuld. Närrische Männer, die lieber kämpften, als zu verhandeln. Kannst du feststellen, ob die Klinge echt ist, Verin?«
»Es gibt die Möglichkeit der Probe, Mutter.« »Dann nimm es und stell es fest, Tochter.«
Die drei Frauen sahen ihn noch nicht einmal an. Rand trat zurück und packte den Schwertgriff mit aller Kraft. »Mein Vater gab mir dieses Schwert«, sagte er zornig. »Niemand nimmt es mir ab.« Erst dann bemerkte er daß sich Verin nicht von ihrem Stuhl wegbewegt hatte. Er sah sie verwirrt an und bemühte sich, sein inneres Gleichgewicht wiederzufinden.
»Also«, sagte die Amyrlin, »hast du durchaus Kampfgeist, abgesehen davon, was Lan dir vermittelt hat. Gut. Du wirst ihn brauchen.«
»Ich bin, was ich bin, Mutter.« Er brachte es einigermaßen überzeugend heraus. »Ich bin bereit für das, was kommt.«
Die Amyrlin verzog das Gesicht. »Lan hat dich wirklich gut vorbereitet. Hör mal zu, Junge. In wenigen Stunden wird Ingtar aufbrechen, um das gestohlene Horn zu suchen. Dein Freund Mat wird mit ihm gehen. Ich denke, daß auch dein anderer Freund — Perrin? —mitkommt. Willst du sie begleiten?«
»Mat und Perrin gehen mit? Warum?« Verspätet erinnerte er sich daran, ein respektvolles ›Mutter‹ hinzuzufügen.
»Du weißt von dem Dolch, den dein Freund trug?« Ein Verziehen ihres Mundes deutete an, was sie von dem Dolch hielt. »Auch der wurde gestohlen. Wenn er nicht gefunden wird, kann die Verbindung zwischen ihm und der Klinge nicht vollständig beseitigt werden, und er wird sterben. Du kannst mit ihnen reiten, wenn du willst. Oder du kannst hier bleiben. Zweifellos wird Lord Agelmar dich als Gast hierbehalten, solange du willst. Ich reise heute ebenfalls ab. Moiraine Sedai wird mit mir kommen, genauso wie Egwene und Nynaeve. Wenn du bleibst, bist du also allein. Die Entscheidung liegt bei dir.«
Rand starrte sie an. Sie sagt, ich könne gehen, wie ich will. Hat sie mich deshalb holen lassen? Mat stirbt! Er sah Moiraine an, die teilnahmslos mit im Schoß gefalteten Händen dasaß. Sie wirkte, als könne nichts auf der Welt sie weniger interessieren als die Frage, wohin er ging. Wohin versuchst du mich als Spielfigur zu schieben, Aes Sedai? Licht noch mal, ich werde nicht mitspielen. Aber falls Mat stirbt... Ich kann ihn nicht im Stich lassen. Licht, wie sollen wir denn diesen Dolch finden?
»Du mußt dich jetzt noch nicht entscheiden«, sagte die Amyrlin. Auch sie schien es wenig zu kümmern. »Aber du mußt dich entscheiden, bevor Ingtar aufbricht.«
»Ich werde mit Ingtar reiten, Mutter.«
Die Amyrlin nickte abwesend. »Nun, da das geklärt ist, können wir uns wichtigeren Dingen zuwenden. Ich weiß, daß du die Macht benützt, Junge. Was weißt du selbst darüber?«
Rands Mund klappte auf. Durch seine Sorge um Mat abgelenkt, trafen ihn ihre beiläufig geäußerten Worte wie ein Hammerschlag. Alle Ratschläge und Anweisungen Lans wirbelten davon. Er blickte sie stumm an und leckte sich die Lippen. Es war eine Sache, zu glauben, sie wisse Bescheid, aber eine ganz andere, herauszufinden, daß sie es wirklich wußte. Schließlich trat ihm der Schweiß auf die Stirn.
Sie beugte sich auf ihrem Stuhl vor und erwartete seine Antwort. Er hatte allerdings das Gefühl, sie wolle sich eher zurücklehnen. Er dachte daran, was Lan gesagt hatte. Wenn sie Angst vor dir hat... Er wollte lachen. Wenn sie Angst vor ihm hatte.
»Nein, kann ich nicht. Ich meine... Ich habe es nicht mit Absicht getan. Es ist einfach passiert. Ich will nicht... die Macht lenken. Ich werde es nie wieder tun. Das schwöre ich.«
»Du willst es nicht«, sagte die Amyrlin. »Nun, das ist klug von dir. Und auch gleichzeitig närrisch. Einigen kann man das Lenken der Macht beibringen, den meisten aber nicht. Einige wenige jedoch tragen die Saat schon bei der Geburt in sich. Früher oder später benützen sie die Eine Macht, ob sie wollen oder nicht, so sicher, wie aus Rogen Fisch wird. Du wirst weiterhin die Macht benützen, Junge. Du kannst nichts dagegen machen. Und du solltest sie besser zu lenken lernen, lernen, wie man sie beherrscht, oder du lebst nicht lange genug, um wahnsinnig zu werden. Die Eine Macht tötet alle die ihren Fluß nicht beherrschen können.«
»Wie soll ich es denn lernen?« wollte er wissen. Moiraine und Verin saßen einfach nur unbeeindruckt da und beobachteten ihn. Wie Spinnen. »Wie? Moiraine behauptet, sie könne mir nichts beibringen und ich wisse nicht, wie ich lernen könne oder so was. Ich will ja sowieso nicht. Ich will aufhören! Könnt Ihr das nicht verstehen? Aufhören will ich!«
»Ich habe dir die Wahrheit gesagt, Rand«, sagte Moiraine. Es klang, als befände sie sich in einer angenehmen Unterhaltungsrunde. »Diejenigen, die dich lehren könnten, die männlichen Aes Sedai, sind seit dreitausend Jahren tot. Keine lebende Aes Sedai kann dir beibringen, wie du Saidin berühren kannst, genausowenig, wie du es erlernen könntest, Saidar zu berühren. Ein Vogel kann einem Fisch nicht das Fliegen beibringen und ein Fisch keinem Vogel, wie man schwimmt.«
»Ich habe das schon immer für eine falsche Redensart gehalten«, warf Verin plötzlich ein. »Es gibt Vögel, die tauchen und schwimmen können. Und im Meer der Stürme gibt es fliegende Fische. Sie breiten lange Flossen aus, die beinahe soweit reichen wie ausgestreckte Arme, und sie haben Schnäbel wie Schwerter, die selbst einen... « Ihre Worte wurden leiser und unverständlich, und sie schien verwirrt. Moiraine und die Amyrlin blickten sie ausdruckslos an.
Rand benützte die Unterbrechung, um wenigstens einigermaßen die Selbstbeherrschung wieder zu erlangen. Wie Tam es ihn vor langer Zeit gelehrt hatte, formte er in seinem Geist eine einzelne Flamme und leerte seine Ängste hinein, suchte die Leere, die Ruhe des Nichts. Die Flamme schien zu wachsen, bis sie alles umhüllte, bis sie zu groß war, um noch länger im Geist festgehalten zu werden. Mit einem Schlag war sie verschwunden, und statt ihrer fühlte er inneren Frieden. An dessen Rand flackerten immer noch Gefühle auf. Furcht und Zorn wirkten wie schwarze Flecke, aber das Nichts blieb erhalten. Gedanken glitten über seine Oberfläche wie Kieselsteine über Eis. Die Aufmerksamkeit der Aes Sedai hatte sich nur einen Moment lang von ihm abgewandt, aber als sie sich wieder umdrehten, war sein Gesicht entspannt.