»Warum sprecht Ihr so mit mir, Mutter?« fragte er. »Ihr solltet mich einer Dämpfung unterziehen.«
Die Amyrlin runzelte die Stirn und wandte sich Moiraine zu. »Hat Lan ihm das beigebracht?«
»Nein, Mutter. Er hat es von Tam al'Thor.«
»Warum?« wollte Rand erneut wissen.
Die Amyrlin sah ihm direkt in die Augen und sagte: »Weil du der Wiedergeborene Drache bist.«
Das Nichts schwankte. Die Welt schwankte. Alles schien sich um ihn zu drehen. Er konzentrierte sich auf das Nichts, und die Leere kehrte zurück, die Welt stabilisierte sich. »Nein, Mutter. Ich kann die Macht lenken, Licht, hilf mir, aber ich bin nicht Raolin Dunkelbann oder Guaire Amalasin oder Yurian Steinbogen. Ihr könnt mich dämpfen oder töten oder mich gehen lassen aber ich werde nicht zu einem zahmen falschen Drachen an der Leine Tar Valons.«
Er hörte, wie Verin nach Luft schnappte, und sah, wie sich die Augen der Amyrlin weiteten. Ihr Blick war so hart wie blauer Fels. Es berührte ihn nicht; er glitt an dem Nichts in seinem Inneren ab. »Wo hast du diese Namen her?« wollte die Amyrlin wissen. »Wer sagte dir, daß Tar Valon irgendeinen falschen Drachen am Gängelband hat?«
»Ein Freund, Mutter«, sagte er. »Ein Gaukler. Er hieß Thom Merrilin. Jetzt ist er tot.« Moiraine gab ein Geräusch von sich, und er sah zu ihr hinüber. Sie behauptete, Thom sei nicht tot, aber sie hatte niemals einen Beweis erbracht, und er konnte sich nicht vorstellen, daß ein Mann eine direkte Konfrontation mit einem Blassen überleben konnte. Der Gedanke kam von außen und verblaßte schnell. Es gab nur noch das Nichts und das Einssein damit.
»Du bist kein falscher Drache«, sagte die Amyrlin mit Überzeugung. »Du bist der wahre Wiedergeborene Drache.«
»Ich bin ein Schäfer von den zwei Flüssen, Mutter.«
»Tochter, erzähle ihm die Geschichte. Eine wahre Geschichte, Junge. Hör gut zu!«
Moiraine begann zu erzählen. Rand blickte weiter die Amyrlin an, hörte aber aufmerksam zu.
»Vor beinahe zwanzig Jahren überquerten die Aiel das Rückgrat der Welt, den Drachenwall — das einzige Mal in ihrer Geschichte. Sie wüteten in Cairhien, vernichteten jedes Heer, das gegen sie ausgesandt wurde, brannten die Stadt Cairhien nieder und kämpften sich bis Tar Valon durch. Es war Winter, und es schneite, doch Kälte oder Hitze bedeuten einem Aiel wenig. Die endgültige Schlacht, die letzte, die zählte, wurde außerhalb der Leuchtenden Mauer geschlagen, im Schatten des Drachenberges. Nach drei Tagen und drei Nächten des Kampfes wurden die Aiel zurückgeschlagen Oder genauer, sie zogen sich zurück, denn sie hatten vollbracht, weswegen sie aufgebrochen waren: König Laman von Cairhien wegen seiner Sünde gegen den Baum zu töten. Und zu der Zeit beginnt meine Geschichte. Und deine.«
Sie kamen über den Drachenwall wie eine Flut. Bis hin zur Leuchtenden Mauer. Rand wartete darauf, daß die Erinnerungen verschwammen, aber es war Tams Stimme, die er hörte, als er krank war und phantasierte und Geheimnisse aus seiner Vergangenheit ausplauderte. Die Stimme hielt sich außerhalb des Nichts und bettelte darum, hineingelassen zu werden.
»Ich gehörte zu der Zeit zu den Aufgenommenen«, sagte Moiraine, »genau wie unsere Mutter, die Amyrlin. Wir sollten bald vollwertige Schwestern werden, und in jener Nacht standen wir der Amyrlin zur Verfügung. Ihre Behüterin der Chronik, Gitara Moroso, war dabei. Jede andere vollwertige Schwester in Tar Valon war draußen und heilte so viele Verwundete, wie sie finden konnte. Sogar die Roten halfen mit. Es war in der Morgendämmerung. Das Feuer im Herd konnte die Kälte nicht mindern. Es hatte endlich zu schneien aufgehört, und in den Gemächern der Amyrlin in der Weißen Burg konnten wir den Qualm brennender Dörfer aus der Umgebung riechen.«
Schlachten sind immer heiß, selbst im Schnee. Mußte dem Gestank des Todes entfliehen. Tams fiebernde Stimme riß an der leeren Ruhe in Rand. Das Nichts zitterte und schrumpfte, stabilisierte sich und wackelte wieder. Die Blicke der Amyrlin bohrten sich in ihn hinein. Er fühlte wieder, wie ihm der Schweiß übers Gesicht rann. »Es war alles nur ein Fiebertraum«, sagte er. »Er war krank.« Er erhob seine Stimme. »Ich heiße Rand al'Thor. Ich bin Schäfer. Mein Vater ist Tam al'Thor und meine Mutter war...«
Moiraine hatte seinetwegen geschwiegen, aber jetzt schnitt ihm ihre gleichmäßige Stimme sanft und unnachgiebig das Wort ab. »Der Karaethon-Zyklus, die Prophezeiungen des Drachen, sagt, daß der Drache auf dem Abhang des Drachenberges wiedergeboren werde, wo er während der Zerstörung der Welt gestorben war. Gitara Sedai hatte manchmal die Gabe der Weissagung. Sie war alt, ihr Haar so weiß wie der Schnee draußen, aber wenn eine Vision über sie kam, war sie stark. Das Licht des Morgens, das durch die Fenster fiel, wurde heller, als ich ihr eine Tasse Tee reichte. Die Amyrlin fragte mich, welche Neuigkeiten es vom Schlachtfeld gäbe. Und Gitara Sedai schoß aus ihrem Stuhl hoch, stand zitternd mit steifen Armen und Beinen da, machte ein Gesicht, als blicke sie in den Krater des Verderbens am Shayol Ghul, und rief: ›Er ist wiedergeboren! Ich fühle ihn! Der Drache tut seinen ersten Atemzug am Hang des Drachenberges! Er kommt! Licht, hilf uns! Licht, hilf der Welt! Er liegt im Schnee und weint wie Donnerhall! Er brennt wie die Sonne!‹ Und damit fiel sie mir tot in die Arme.«
Abhang des Berges. Hörte ein Baby weinen. Gebar es ganz allein dort, bevor sie starb. Das Kind war blau vor Kälte. Rand bemühte sich, Tams Stimme wegzudrücken. Das Nichts wurde kleiner. »Ein Fiebertraum«, keuchte er. Konnte ein Kind nicht dort lassen. »Ich wurde in den Zwei Flüssen geboren.« Ich wußte schon immer, daß du dir ein Kind wünscht, Kari. Er riß sich vom Blick der Amyrlin los. Er versuchte, das Nichts zum Durchhalten zu zwingen. Er wußte, daß das nicht richtig war, aber es brach in ihm zusammen. Ja, Mädchen. Rand ist ein guter Name. »Ich-bin-Rand-al'Thor!« Seine Beine zitterten.
»Und so wußten wir, daß der Drache wiedergeboren war«, fuhr Moiraine fort. »Die Amyrlin ließ uns beide schwören, daß wir es geheimhalten würden, denn ihr war klar, daß nicht alle Schwestern die Wiedergeburt unter dem gleichen Aspekt sehen würden, wie es sein sollte. Sie ließ uns suchen. Nach dieser Schlacht gab es viele vaterlose Kinder. Zu viele. Aber wir spürten eine Geschichte auf, daß ein Mann auf dem Berg ein Baby gefunden hatte. Das war alles. Ein Mann und ein kleiner Junge. Also suchten wir weiter. Jahrelang suchten wir, fanden andere Hinweise, vergruben uns in den Prophezeiungen. ›Er wird von uraltem Blute sein und vom alten Blut aufgezogen werden.‹ Das war einer; es gab weitere Hinweise. Aber es gibt viele Gegenden, wo das alte Blut seit dem Zeitalter der Legenden noch stark vertreten ist. Dann war ich im Gebiet der Zwei Flüsse, wo das alte Blut von Manetheren strömt wie ein über die Ufer getretener Fluß, und in Emondsfeld fand ich drei Jungen, deren Namenstage innerhalb weniger Wochen nach der Schlacht am Drachenberg lagen. Und einer von ihnen kann die Macht benützen. Glaubst du, die Trollocs hätten dich nur gejagt, weil du ta'veren bist? Du bist der Wiedergeborene Drache.«
Rands Knie gaben nach. Er hockte plötzlich am Boden und fing sich gerade noch mit ausgebreiteten Händen auf dem Teppich ab, bevor er auf die Nase fiel. Das Nichts war weg, die Stille zerschmettert. Er hob den Kopf. Sie sahen ihn an, die drei Aes Sedai. Ihre Gesichter waren ernst und glatt wie ein spiegelglatter Teich, und ihre Augen blinzelten nicht. »Mein Vater ist Tam al'Thor, und ich wurde... « Sie starrten ihn unbewegt an. Sie lügen. Ich bin nicht... was sie behaupten! Irgendwie, irgendwie lügen sie und versuchen, mich zu benutzen. »Ich werde mich nicht von Euch benutzen lassen.«