Amyrlin! Eisklumpen in ihrem Bauch... Sie rannte los, doch bevor sie noch die Frauenquartiere verlassen konnte, hatte sie ihn in dem Gewirr von Fluren und Menschen aus den Augen verloren.
»Wohin ist er gegangen?« fragte sie Nisura. Es war nicht nötig zu sagen, wen sie meinte. Sie hörte Rands Namen aus der Unterhaltung der Frauen heraus, die sich um die hohe Bogentür versammelt hatten.
»Ich weiß nicht, Nynaeve. Er kam so schnell heraus, als sei ihm Herzensbann persönlich auf den Fersen. Sollte er auch, wenn man bedenkt: Er kommt mit einem Schwert am Gürtel hier herein! Danach sollte der Dunkle König noch die geringste seiner Sorgen sein. Wohin kommen wir denn noch? Und er wird auch noch der Amyrlin in ihren Gemächern vorgestellt! Sag mal, Nynaeve, ist er wirklich in eurem Land ein Prinz?« Die anderen Frauen unterbrachen ihre Unterhaltung und schoben sich näher heran, um zu lauschen.
Nynaeve konnte später nicht mehr sagen, was sie geantwortet hatte. Es war jedenfalls etwas gewesen, was die anderen dazu brachte, sie gleich wieder laufen zu lassen. Sie eilte aus den Frauenquartieren. An jeder Kreuzung von Korridoren drehte sie den Kopf nach allen Seiten, um ihn zu entdecken. Die Hände hatte sie zu Fäusten geballt. Licht, was haben sie mit ihm angestellt? Ich hätte ihn irgendwie von Moiraine wegholen müssen, das Licht blende sie. Ich bin seine Seherin.
Tatsächlich? neckte eine kleine Stimme in ihrem Inneren. Du hast Emondsfeld sich selbst überlassen. Kannst du dich mit Recht noch ihre Seherin nennen?
Ich habe sie nicht im Stich gelassen, sagte sie sich selbst energisch. Ich holte Mavra Mallen aus Devenritt herüber, damit sie sich um alles kümmert, bis ich zurück bin. Sie kann ganz gut mit dem Bürgermeister und dem Gemeinderat umgehen, und sie kommt gut mit dem Frauenzirkel aus.
Mavra muß in ihr Dorf zurück. Kein Dorf kann sehr lange ohne eine eigene Seherin auskommen. Nynaeve verkrampfte sich innerlich. Es war schon Monate her, daß sie Emondsfeld verlassen hatte.
»Ich bin die Seherin von Emondsfeld!« sagte sie laut.
Ein livrierter Diener mit einem Stoffballen auf den Armen sah sie erstaunt an und verbeugte sich dann tief, bevor er davonhastete. Seinem Gesichtsausdruck nach war er froh, von ihr wegzukommen.
Nynaeve errötete und blickte sich um, ob jemand anders ihre Worte gehört hatte. Es befanden sich nur ein paar ins Gespräch vertiefte Männer im Flur sowie mehrere Frauen in Schwarz und Gold, die ihren Geschäften nachgingen. Sie verbeugten sich oder knicksten vor ihr, wenn sie vorbeikam. Sie hatte die gleichen Probleme schon hundertmal im Kopf durchgewälzt, aber das war das erste Mal gewesen, daß sie dabei laut gesprochen hatte. Sie fluchte leise in sich hinein, aber als ihr klar wurde, was sie tat, preßte sie die Lippen fest zusammen.
Sie sah schließlich ein, daß ihre Suche umsonst war, und dann sah sie Lan, der mit dem Rücken zu ihr an einer Schießscharte stand und auf den äußeren Hof hinunterblickte. Von unten schallte der Lärm von Pferden und Männern empor: Wiehern und Durcheinanderschreien. Lan war so konzentriert, daß er sie dieses eine Mal tatsächlich nicht zu bemerken schien. Sie haßte es, daß sie sich ihm niemals unbemerkt nähern konnte, so leise sie sich auch bewegte. Zu Hause in Emondsfeld hatte sie als gute Waldläuferin gegolten, obwohl das keine Tätigkeit war, an der viele Frauen Interesse zeigten.
Sie blieb sofort stehen und preßte sich die Hände auf den Bauch, um das nervöse Flattern zu bekämpfen. Ich sollte Rannel und Schafzungenwurzel benutzen, um mich zu betäuben, dachte sie selbstkritisch. Das war die Mixtur, die sie allen gab, die herumhingen und behaupteten, sie seien krank, oder sich überhaupt wie dumme Gänse benahmen. Rannel und Schafzungenwurzel weckten die Lebensgeister ein wenig und schadeten nicht, aber vor allem schmeckte das Zeug furchtbar, und der Geschmack hielt den ganzen Tag an. Es war eine perfekte Kur für jemanden, der sich wie ein Narr aufführte.
Vor seinen Blicken sicher, betrachtete sie ihn von oben bis unten, wie er an der Steinwand lehnte und sich über das Kinn strich, während er die Vorgänge im Hof beobachtete. Er ist zum einen zu groß und auch noch alt genug, um mein Vater zu sein. Ein Mann mit einem solchen Gesicht muß doch grausam sein. Nein, das ist er nicht. Niemals. Und er war ein König. Sein Land wurde zerstört, als er noch ein Kind war, und er beanspruchte keine Krone, doch er war trotzdem ein König. Was kann ein König schon von einer Dorfschönen wollen. Außerdem ist er ja auch ein Behüter und Moiraine zugeschworen. Sie besitzt seine Loyalität bis zum Tod, und das ist eine engere Verbindung als die Liebe. Sie hat ihn. Sie hat alles, was ich will; das Licht versenge sie!
Er drehte sich um, und sie wollte weghuschen.
»Nynaeve.« Seine Stimme fing sie und hielt sie fest wie eine Schlinge. »Ich wollte allein mit dir sprechen. Du scheinst dich immer in den Frauenquartieren oder in Gesellschaft aufzuhalten.«
Es kostete sie Mühe, ihn anzusehen, aber als sie zu ihm aufblickte, war sie sicher, daß ihre Gesichtszüge ruhig wirkten. »Ich suche Rand.« Sie dachte nicht daran zuzugeben, daß sie ihn mied. »Wir haben uns alles Nötige gesagt, bereits vor längerer Zeit, du und ich. Ich habe mich erniedrigt — was ich nie wieder tun werde —, und du sagtest mir, ich solle gehen.«
»Ich habe nie gesagt... « Er holte tief Luft. »Ich sagte dir, ich habe nichts als Witwenkleider, die ich dir als Brautgeschenk bieten könnte. Kein Geschenk, das ein Mann einer Frau gibt. Kein Mann jedenfalls, der sich noch Mann nennt.«
»Ich verstehe«, sagte sie kühl. »Auf jeden Fall gibt ein König einer Frau vom Dorf keine Geschenke. Und ich als Landpomeranze würde sie auch nicht akzeptieren. Hast du Rand gesehen? Ich muß mit ihm sprechen. Er war bei der Amyrlin. Weißt du, was sie von ihm wollte?«
Seine Augen blitzten wie blaues Eis im Sonnenschein. Sie machte schnell ihre Beine steif, damit sie nicht zurückwich, und sah ihn genauso wütend an.
»Der Dunkle König soll Rand al'Thor und die Amyrlin holen«, wütete er und drückte ihr etwas in die Hand. »Ich werde dir ein Geschenk geben, und du wirst es annehmen, und wenn ich es dir um den Hals binden muß.«
Sie riß den Blick von seinem los. Wenn er wütend war, hatte er den Ausdruck eines blauäugigen Falken. In ihrer Hand lag ein Siegelring aus schwerem Gold, vom Alter abgenützt. Er war beinahe groß genug, daß ihre beiden Daumen hindurchgepaßt hätten. Darauf flog ein Kranich über einer Lanze und einer Krone. Alles war sorgfältig und fein detailliert eingraviert. Ihr stockte der Atem. Der Königsring von Malkier. Sie vergaß, böse dreinzublicken, und hob das Gesicht. »Das kann ich nicht annehmen, Lan.«
Er tat es mit einem Achselzucken ab. »Es ist nichts. Alt und nutzlos ist er jetzt. Aber es gibt welche, die ihn erkennen würden, wenn sie ihn sehen. Zeige ihn, und du genießt Gastrecht und Hilfe, wenn du sie brauchst, und zwar von jedem Lord in den Grenzlanden. Zeige ihn einem Behüter, und er wird dir helfen oder mir eine Nachricht überbringen. Schicke ihn zu mir oder auch eine Botschaft, die mit ihm versiegelt wurde, und ich komme ohne Verzögerung auf jeden Fall zu dir. Das schwöre ich.«
Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Wenn ich jetzt weine, bringe ich mich um. »Ich kann nicht... ich will kein Geschenk von dir, al'Lan Mandragoran. Hier, nimm ihn.«
Er wehrte ihre Versuche ab, ihm den Ring zurückzugeben. Seine Hand umschloß ihre, sanft, aber so fest wie eine Handschelle. »Dann nimm ihn um meinetwillen — tu mir den Gefallen. Oder wirf ihn weg, wenn er dir nicht gefällt. Ich kann ihn nicht mehr gebrauchen.« Er streichelte ihre Wange mit einem Finger, und sie fuhr zusammen. »Ich muß jetzt gehen, Nynaeve mashiara. Die Amyrlin will vor dem Mittag abreisen, und es gibt noch viel zu tun. Vielleicht haben wir auf der Reise nach Tar Valon Zeit, uns zu unterhalten.« Er wandte sich ab und war gleich darauf den Gang hinunter verschwunden.