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Nynaeve berührte ihre Wange. Sie konnte noch immer fühlen, wo er sie berührt hatte. Mashiara. Geliebte meines Herzens und meiner Seele — aber es bedeutete auch: meine verlorene Liebe. Verloren, und nie wiederzugewinnen. Närrische Frau! Hör auf, dich wie ein Mädchen zu benehmen, das noch nicht einmal die Haare zum Zopf flechten darf. Es hat keinen Zweck, wenn du dich von ihm...

Sie hielt den Ring ganz fest in der Hand, wandte sich um und fuhr zusammen, als sie sich plötzlich Moiraine gegenübersah. »Wie lange wart Ihr schon hier?« wollte sie wissen.

»Nicht lange genug, um irgend etwas zu hören, das ich nicht hören sollte«, antwortete die Aes Sedai gewandt. »Wir werden aber bald abreisen, wie ich gehört habe. Ihr müßt Euch um Euer Gepäck kümmern.«

Abreise. Das hatte sie gar nicht registriert, als Lan es erwähnt hatte. »Ich muß den Jungen noch Lebwohl sagen«, murmelte sie, und dann blickte sie Moiraine durchdringend an. »Was habt Ihr mit Rand gemacht? Er wurde zur Amyrlin gebracht. Warum? Habt Ihr davon erzählt, daß er...?« Sie konnte es nicht über die Lippen bringen. Er kam aus ihrem Heimatdorf, und sie war gerade soviel älter, um ein- oder zweimal auf ihn aufgepaßt zu haben, als er noch klein war. Nun konnte sie noch nicht einmal daran denken, was er geworden war, ohne daß sich ihr Magen zusammenkrampfte.

»Die Amyrlin will alle drei sehen, Nynaeve. Ta'veren sind nicht so häufig, daß sie die Gelegenheit versäumen möchte, drei gleichzeitig am selben Ort kennenzulernen. Vielleicht wird sie ihnen ein wenig Mut zusprechen, da sie ja mit Ingtar wegreiten werden, um die Diebe des Horns zu suchen. Sie werden etwa zur gleichen Zeit wie wir aufbrechen, also solltet Ihr Euch mit Euren Abschiedsgrüßen beeilen.«

Nynaeve huschte zur nächsten Schießscharte und blickte auf den Außenhof hinunter. Überall standen Pferde, Packtiere und gesattelte, und um sie herum eilten geschäftig Männer. Viele riefen sich gegenseitig etwas zu. Der einzige freie Raum befand sich um die Sänfte der Amyrlin herum. Die paarweise angeschirrten Pferde warteten geduldig ohne irgendwelche Aufseher. Einige der Behüter waren dort draußen und kontrollierten ihre Reittiere. Auf der anderen Seite des Hofs stand Ingtar mit einem Schwarm Schienarer um sich, die voll gerüstet waren. Manchmal kam ein Behüter herüber, oder einer der Schienarer überquerte den gepflasterten Hof, und sie sprachen kurz miteinander.

»Ich hätte die Jungen von Euch fernhalten sollen«, sagte sie beim Hinausschauen. Auch Egwene, wenn ich das fertigbrächte, ohne sie damit zu töten. Licht, warum mußte sie nur mit dieser verfluchten Fähigkeit geboren werden? »Ich hätte sie nach Hause bringen sollen.«

»Sie sind mehr als alt genug, um vom Schürzenzipfel loszukommen«, sagte Moiraine trocken. »Und Ihr wißt sehr gut, warum Ihr das nicht machen könntet. Jedenfalls in einem Fall. Außerdem hieße das, Egwene allein auf den Weg nach Tar Valon zu schicken. Oder habt Ihr beschlossen, doch nicht selbst nach Tar Valon zu gehen? Wenn Eure eigenen Fähigkeiten im Gebrauch der Macht nicht geschult werden, werdet Ihr auch nie in der Lage sein, sie gegen mich einzusetzen.«

Nynaeve fuhr herum und blickte mit offenem Mund die Aes Sedai an. Sie konnte es nicht vermeiden. »Ich weiß nicht, wovon Ihr sprecht.«

»Habt Ihr geglaubt, ich wisse das nicht, Kind? Aber wie Ihr wünscht. Ich nehme also an, Ihr kommt mit nach Tar Valon? Ja, ich dachte es mir.«

Nynaeve wollte sie am liebsten schlagen und das flüchtige Lächeln, das über das Gesicht der Aes Sedai huschte, wegprügeln. Aes Sedai waren seit der Zerstörung nicht in einer Position gewesen, ganz offen Macht zu ergreifen, geschweige denn die Eine Macht offen anzuwenden, aber sie intrigierten und manipulierten, zogen Fäden wie Marionettenspieler, benützten Throne und Nationen als Steine auf einem Spielbrett. Irgendwie will sie mich auch benutzen. Wenn schon einen König oder eine Königin, warum dann nicht auch eine Seherin? Genauso wie bei Rand. Ich bin kein Kind mehr, Aes Sedai.

»Was werdet Ihr jetzt mit Rand anfangen? Habt Ihr ihn noch nicht genug benützt? Ich weiß nicht, warum Ihr ihm keine Dämpfung angedeihen lassen habt, nachdem ja jetzt die Amyrlin mit all diesen anderen Aes Sedai hier ist, aber Ihr werdet schon einen Grund haben. Das muß wieder so eine Intrige sein, die Ihr ausgebrütet habt. Wenn die Amyrlin wüßte, was Ihr vorhabt, dann wette ich, sie... «

Moiraine schnitt ihr das Wort ab. »Welches Interesse könnte die Amyrlin schon an einem Schäfer haben? Natürlich, wenn ihre Aufmerksamkeit auf die falsche Weise auf ihn gelenkt würde, könnte es sein, daß er gedämpft oder sogar getötet würde. Schließlich ist er ja, was er ist. Und es herrscht ein beachtlicher Zorn wegen letzter Nacht. Jeder sucht nach einem Schuldigen.« Die Aes Sedai schwieg, und das Schweigen zog sich in die Länge. Nynaeve blickte sie an und knirschte mit den Zähnen.

»Ja«, sagte Moiraine schließlich, »es ist viel besser, keine schlafenden Löwen zu wecken. Am besten kümmert Ihr Euch jetzt um Euer Gepäck.« Sie ging in die gleiche Richtung weg, in die Lan gegangen war. Sie schien dabei über den Boden zu gleiten.

Nynaeve zog eine Grimasse und schlug mit der Faust gegen die Wand. Der Ring schnitt ihr in die Handfläche. Sie öffnete die Hand und sah ihn an. Der Ring schien ihren Zorn noch anzuheizen. Er wirkte wie ein Brennpunkt für ihren Haß. Ich werde es lernen. Du glaubst, du kannst mir entkommen, weil du es bereits kannst. Aber ich werde es besser lernen, als du glaubst, und ich werde dich stürzen. Du hast schon zuviel angestellt. Ich werde vergelten, was du Mat und Perrin angetan hast. Und Rand — Das Licht helfe ihm, und der Schöpfer beschütze ihn. Ganz besonders um Rands willen. Ihre Hand schloß sich um den schweren Goldreif. Und auch meinetwegen.

Egwene sah zu, wie das livrierte Stubenmädchen ihre Kleider zusammenfaltete und in eine lederbezogene Reisetruhe legte. Sie fühlte sich auch nach beinahe einem Monat der Übung immer noch nicht wohl dabei, wenn jemand anders machte, was sie gut auch selbst tun könnte. Es waren solch schöne Kleider, alles Geschenke von Lady Amalisa, wie auch das grauseidene Reitkleid, das sie trug, obwohl das einfach gestaltet war, lediglich mit ein paar auf die Brust gestickten weißen Morgensternchenblüten verziert. Viele der anderen Kleider waren dagegen reich geschmückt. Jedes davon würde am Sonnentag oder jedem anderen Festtag besonders auffallen. Sie seufzte, als sie daran dachte, daß sie am nächsten Sonnentag nicht in Emondsfeld, sondern in Tar Valon sein würde. Aus dem wenigen, was ihr Moiraine über die Ausbildung der Novizinnen erzählt hatte — wirklich beinahe gar nichts —schloß sie, daß sie möglicherweise noch nicht einmal im Frühling zum Sonnentag zu Hause sein würde.

Nynaeve steckte den Kopf ins Zimmer. »Bist du fertig?« Sie kam vollends herein. »Wir müssen bald unten im Hof sein.« Auch sie trug ein Reitkleid aus blauer Seide mit roten Schleifen auf dem Busen. Ein weiteres Geschenk von Amalisa.

»Beinahe, Nynaeve. Es tut mir fast schon leid, abreisen zu müssen. Ich glaube kaum, daß wir in Tar Valon viele Gelegenheiten haben werden, die schönen Kleider zu tragen, die uns Amalisa gab.« Sie lachte kurz auf. »Aber, liebe Seherin, ich werde es nicht vermissen, mich beim Baden ständig umschauen zu müssen, ob ein Mann kommt.«

»Es ist viel besser, allein zu baden«, sagte Nynaeve kurz angebunden. Ihr Gesichtsausdruck änderte sich nicht, doch nach einem Moment färbten sich ihre Wangen rot.

Egwene lächelte. Sie denkt an Lan. Es war immer noch ein eigenartiges Gefühl, sich vorzustellen, daß Nynaeve, die Seherin, hinter einem Mann her war. Sie hielt es nicht für diplomatisch, das Nynaeve so deutlich wissen zu lassen, aber in letzter Zeit hatte sich die Seherin manchmal wirklich genauso versponnen benommen wie jedes Mädchen, das ihr Herz an einen bestimmten Mann verloren hatte. Und dann noch an einen, der nicht genug Verstand hatte, um ihrer würdig zu sein. Sie liebt ihn und ich kann sehen, daß auch er sie liebt, also warum kann er ihr das nicht sagen?