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»Ich habe von deinen... Eskapaden gehört«, sagte sie schließlich. »Letzte Nacht bist du mit einem Schwert in der Hand durch die Frauenquartiere gerannt. Zur Audienz bei der Amyrlin hast du ein Schwert getragen.« Er sagte immer noch nichts und ging nur mit finsterem, zu Boden gerichteten Blick neben ihr her. »Sie hat... sie hat dir nichts getan, oder?« Sie konnte sich nicht dazu überwinden, ihn zu fragen, ob er eine Dämpfung erfahren habe. Er wirkte nicht so, aber sie wußte freilich nicht, wie ein Mann danach aussah.

Er zuckte ein wenig. »Nein. Sie hat mich nicht... Egwene, die Amyrlin... « Er schüttelte den Kopf. »Sie hat mir nichts getan.«

Sie hatte das Gefühl, er habe eigentlich etwas ganz anderes sagen wollen. Normalerweise konnte sie herausbekommen, was er vor ihr verbergen wollte, aber wenn er einmal wirklich stur bleiben wollte, hätte sie noch leichter einen Backstein mit den Fingernägeln aus der Wand kratzen können. Nach der Haltung seines Kinns zu schließen, hatte er gerade seine allersturste Phase.

»Was wollte sie von dir, Rand?«

»Nichts Wichtiges. Ta'veren. Sie wollte die ta'veren kennenlernen.« Sein Gesichtsausdruck wurde weicher, als er zu ihr hinunterblickte. »Wie geht es dir denn, Egwene? Fühlst du dich wieder wohl? Moiraine meinte, es werde dir wieder gut gehen, aber du warst so still. Zuerst glaubte ich, du seist tot.«

»Nein, bin ich nicht«, lachte sie. Sie konnte sich an nichts erinnern, was geschehen war, nachdem sie Mat gebeten hatte, mit ihr in den Kerker zu gehen. Ihr Gedächtnis setzte dort wieder ein, als sie an jenem Morgen in ihrem eigenen Bett erwacht war. Nachdem sie alles über diese Nacht erfahren hatte, war sie beinahe froh darüber, sich an nichts erinnern zu können. »Moiraine sagte, wenn sie nur einen Teil hätte heilen können und nicht alles an mir, dann hätte sie mir kräftige Kopfschmerzen gelassen, weil ich so idiotisch war. Aber das ging nun mal nicht.«

»Ich sagte dir doch, daß Fain gefährlich ist«, sagte er leise. »Ich habe es dir gesagt, aber du wolltest nicht hören.«

»Wenn du weiter so mit mir reden willst«, meinte sie energisch, »dann übergebe ich dich wieder Nisura. Sie wird anders mit dir umgehen als ich. Der letzte Mann, der versucht hat, sich in die Frauenquartiere einzuschleichen, hat den nächsten Monat bis zu den Ellbogen in Seifenwasser verbracht. Er mußte den Frauen beim Wäschewaschen helfen, und dabei wollte er doch nur seine Verlobte besuchen und sich für einen Streit entschuldigen. Aber wenigstens war er so schlau, sein Schwert nicht zu tragen. Das Licht weiß, was sie mit dir anfangen würden.«

»Jeder will irgend etwas mit mir anfangen«, grollte er. »Jeder will mich zu irgend etwas benutzen. Aber ich werde mich nicht benutzen lassen. Wenn wir einmal das Horn und Mats Dolch gefunden haben, werde ich mich nie wieder benutzen lassen.«

Mit einem ungeduldigen Laut packte sie ihn bei den Schultern und zog ihn herum, damit er sie ansah. Sie funkelte zu ihm hinauf. »Wenn du nicht langsam mal vernünftig redest, Rand al'Thor, schwöre ich, daß ich dir die Ohren langziehen werde.«

»Jetzt klingst du wie Nynaeve«, lachte er. Doch als er zu ihr hinunterblickte, verflog sein Lachen. »Ich schätze —ich schätze, daß ich dich nie wieder sehen werde. Ich weiß, daß du nach Tar Valon mußt. Das ist klar. Und du wirst eine Aes Sedai. Ich bin mit den Aes Sedai fertig, Egwene. Ich werde nicht die Marionette für sie spielen, nicht für Moiraine oder irgendeine andere.«

Er wirkte so verloren, daß sie am liebsten seinen Kopf an ihre Schulter gebettet hätte, und gleichzeitig so starrköpfig, daß sie ihn wirklich an den Ohren ziehen wollte. »Hör mir mal zu, du großer Hornochse. Ich werde eine Aes Sedai, und ich werde trotzdem einen Weg finden, dir zu helfen. Ganz bestimmt.«

»Wenn du mich das nächste Mal siehst, wirst du mich wahrscheinlich dämpfen wollen.«

Sie sah sich hastig um. Sie waren allein in diesem Teil des Flurs. »Wenn du deine Zunge nicht hütest, kann ich dir auch nicht helfen. Willst du, daß es jeder erfährt?«

»Zu viele wissen es bereits«, sagte er. »Egwene, ich wünschte, die Lage sei anders, aber es ist nun mal nicht so. Ich wünschte... Paß auf dich auf. Und versprich mir, daß du dich nicht für die Roten Ajah entscheiden wirst.«

Tränen ließen ihren Blick verschwimmen, als sie die Arme um ihn schlang. »Und du paßt bitte auf dich auf«, sagte sie energisch zu seiner Brust. »Wenn nicht, dann werde ich... ich werde... « Sie glaubte, ihn murmeln zu hören: »Ich liebe dich«, und dann drückte er kraftvoll ihre Arme von sich und schob sie sanft weg. Er drehte sich um und ging fort. Er rannte beinahe.

Sie fuhr zusammen, als Nisura ihren Arm berührte. »Er sieht aus, als hättest du ihm eine Aufgabe erteilt, die ihm nicht gefällt. Aber du darfst ihn nicht sehen lassen, daß du seinetwegen weinst. Das schwächt deine Position.

Komm! Nynaeve verlangt nach dir.«

Egwene wischte sich über die Wangen und folgte der anderen Frau. Paß auf dich auf, du wollköpfiger Tolpatsch. Licht, behüte ihn!

9

Abschied

Der Außenhof befand sich in geordnetem Aufruhr, als Rand schließlich mit seinen Satteltaschen und dem Bündel samt Harfe und Flöte ankam. Die Sonne kletterte der Mittagshöhe entgegen. Männer eilten zwischen den Pferden herum, prüften Sattelgurte und Ladegeschirr und schrien hin und her. Andere hetzten mit Dingen zu den Packpferden, an die sie in letzter Minute gedacht hatten, oder brachten den arbeitenden Männern Wasser oder eilten weg, um etwas zu holen, was ihnen gerade eingefallen war. Aber jeder schien genau zu wissen, was er tat und wohin er zu gehen hatte. Die Wehrgänge und die Balkone der Bogenschützen waren wieder besetzt, und die Vormittagsluft knisterte vor Erregung. Hufe klapperten über die Pflastersteine. Eines der Packpferde schlug aus, und Stallburschen rannten hin, um es zu beruhigen. Pferdegeruch hing dicht in der Luft. Der Wind zerrte an Rands Umhang, so, wie er die Flaggen mit dem fliegenden Falken auf den Türmen zum Flattern brachte, doch der über seinen Rücken geschlungene Bogen hielt den Umhang fest.

Außerhalb des geöffneten Tors formierten sich die Lanzenträger und Bogenschützen der Amyrlin auf dem Platz. Sie waren von einem Seitenausgang heranmarschiert. Einer der Trompeter probierte sein Instrument aus.

Ein paar der Behüter sahen Rand neugierig an, als er über den Hof schritt. Einige zogen die Augenbrauen beim Anblick des Reiherzeichens auf seinem Schwert hoch, aber keiner sprach ihn deswegen an. Die Hälfte trug diese Art von Umhängen, die man kaum ansehen konnte, ohne daß einem schwindlig wurde. Mandarb, Lans Hengst, stand da, hoch im Rist und schwarz und mit wilden Augen, aber sein Besitzer war nicht da, genausowenig wie sämtliche Aes Sedai bisher erschienen waren. Moiraines weiße Stute Aldieb tänzelte kokett neben dem Hengst.

Rands brauner Hengst befand sich bei der anderen Gruppe auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes. Dort warteten Ingtar, ein Bannerträger, der Ingtars Banner mit der Grauen Eule hielt, und zwanzig gerüstete Männer, deren Lanzen zwei Fuß lange Stahlspitzen aufwiesen; alle bereits zu Pferde. Ihre Visiere hatten sie heruntergelassen, und die Schuppenpanzer wurden von den goldenen Wappenröcken mit dem Schwarzen Falken auf der Brust verdeckt. Nur Ingtars Helm trug eine Verzierung: einen Halbmond, der mit nach oben zeigenden Enden über der Stirn angebracht war. Rand erkannte einige der Männer. Uno mit der unflätigen Ausdrucksweise, mit einer langen Narbe im Gesicht und nur einem Auge. Ragan und Masema. Andere, mit denen er ein paar Worte gewechselt oder ein Brettspiel gespielt hatte. Ragan winkte ihm zu, und Uno nickte, doch Masema war der einzige, der ihn kalt anblickte und sich dann abwandte. Ihre Packpferde standen ruhig mit gelegentlich zuckenden Schweifen da.