»Ich hörte«, sagte Loial, »daß sie heute jemanden den ganzen Weg nach Arad Doman hinüberschicken wollte. Es gab eine Nachricht über irgendeine Art von Unruhen in der Ebene von Almoth, und die Amyrlin will genau wissen, was es damit auf sich hat. Was ich nicht verstehe, ist, warum gerade jetzt? Nach dem zu schließen, was ich gehört habe, hat das Gerücht die Aes Sedai bereits von Tar Valon herbegleitet.«
Rand fror. Egwenes Vater hatte eine große Landkarte zu Hause, eine Karte, über der Rand mehr als einmal gebrütet hatte. Er hatte geträumt, bevor er herausfand, was an den Träumen dran war, wenn sie zur Wirklichkeit wurden. Sie war alt, diese Karte, und zeigte einige Länder und Staaten, von denen die Kaufleute von auswärts behaupteten, sie existierten nicht mehr, aber die Ebene von Almoth war eingezeichnet. Sie stieß direkt an die Toman-Halbinsel. Wir treffen uns auf der TomanHalbinsel wieder. Das lag ganz auf der anderen Seite der Welt, die er kannte, an der Küste des Aryth-Meeres. »Das hat mit uns nichts zu tun«, flüsterte er. »Hat nichts mit mir zu tun.«
Loial schien es nicht gehört zu haben. Er rieb sich mit einem dicken Wurstfinger über einen Nasenflügel und sah immer noch zu dem Tor hinüber, durch das der Behüter verschwunden war. »Wenn sie das in Erfahrung bringen wollte, warum schickt sie dann nicht jemanden los, bevor sie Tar Valon verläßt? Aber Ihr Menschen seid halt immer überhastet und leicht erregbar, springt immer hektisch herum und schreit gleich.« Seine Ohren wurden steif vor Verlegenheit. »Es tut mir so leid, Rand. Siehst du, was ich damit meinte: reden, bevor ich denke? Ich bin selbst manchmal vorschnell und leicht erregbar, wie du weißt.«
Rand lachte. Es war ein eher schwaches Lachen, aber er fühlte sich wohl bei dem Gedanken, überhaupt etwas zu haben, worüber er lachen konnte. »Wenn wir so lange lebten wie ihr Ogier, wären wir vielleicht auch etwas gesetzter.« Loial war neunzig Jahre alt und nach Ogier-Regeln bedeutete das, er war zehn Jahre zu jung, um das Stedding allein zu verlassen. Daß er trotzdem weggegangen war, stellte seiner beharrlichen Ansicht nach einen Beweis seiner vorschnellen Handlungsweise dar. Wenn Loial schon ein leicht erregbarer Ogier war, dachte Rand, dann mußten die anderen wohl aus Stein bestehen.
»Vielleicht«, sann Loial laut nach, »aber ihr Menschen macht soviel aus Euren Leben. Wir tun nichts, als in unseren Steddings zusammenzuhocken oder die Haine zu pflanzen, und auch das Erbauen war beendet, bevor das Lange Exil noch vorüber war.« Es waren die Haine, die Loial am Herzen lagen, und nicht die Städte, die die Menschen an die Ogier erinnerten, die sie erbaut hatten.
Es waren diese Haine, angelegt, um die Ogier-Baumeister an die Steddings zu erinnern, derentwegen Loial seine Heimat verlassen hatte. »Seit wir den Weg zurück zu den Steddings gefunden haben... « Seine Worte brachen ab, als sich die Amyrlin näherte.
Ingtar und die anderen Männer rutschten in den Sätteln hin und her und bereiteten sich darauf vor, abzusteigen und niederzuknien, doch sie bedeutete ihnen, zu bleiben, wo sie waren. Leane stand neben ihr, und Agelmar einen Schritt dahinter. Nach seinem betrübten Gesicht zu schließen, hatte er es aufgegeben, sie dafür gewinnen zu wollen, noch länger zu verweilen.
Die Amyrlin sah einen nach dem anderen an, bevor sie sprach. Ihr Blick ruhte nicht länger auf Rand als auf den anderen.
»Der Friede segne Euer Schwert, Lord Ingtar«, sagte sie schließlich. »Ehre den Erbauern, Loial Kiseran.«
»Ihr ehrt uns, Mutter. Möge der Friede Tar Valon erhalten bleiben.« Ingtar verbeugte sich im Sattel, und die anderen Schienarer folgten seinem Beispiel.
»Alle Ehre Tar Valon«, sagte Loial, der sich ebenfalls verbeugte.
Nur Rand und seine beiden Freunde auf der anderen Seite der Gruppe hielten sich aufrecht. Er fragte sich, was sie ihnen wohl gesagt habe. Leanes finstere Miene galt allen dreien, und Agelmar riß die Augen auf, doch die Amyrlin nahm keine Notiz davon.
»Ihr reitet, um das Horn von Valere zu suchen«, sagte sie, »und die Hoffnung der Welt reitet mit Euch. Das Horn kann nicht in falschen Händen verbleiben, besonders nicht in den Händen von Schattenfreunden. Diejenigen, die zur Antwort auf seinen Ruf erscheinen, kommen, gleich wer es bläst, und sie sind an das Horn gebunden und nicht ans Licht.«
Es entstand Unruhe unter den lauschenden Männern. Jeder hatte geglaubt, daß diese aus den Gräbern zurückgerufenen Helden für das Licht kämpfen würden. Wenn sie statt dessen für den Schatten kämpften...
Die Amyrlin fuhr fort, doch Rand hörte nicht mehr zu. Der Beobachter war wieder da. Seine Nackenhaare stellten sich auf. Er spähte hinauf zu den überfüllten Balkonen der Bogenschützen, die den Hof überblickten, und zu den dichten Reihen der Menschen auf den Wehrgängen. Irgendwo dort droben befand sich das Augenpaar, das ihm ungesehen gefolgt war. Der Blick hing an ihm wie schmutziges Öl. Es kann kein Blasser sein, hier nicht. Aber wer dann? Oder was? Er drehte sich im Sattel um und zog auch den Braunen herum und suchte. Der Hengst begann wieder zu tänzeln.
Plötzlich zischte etwas vor Rands Gesicht vorbei. Ein Mann, der hinter der Amyrlin vorbeilief, schrie auf und stürzte. Ein schwarz befiederter Pfeil ragte aus seiner Seite. Die Amyrlin stand ruhig da und betrachtete einen Riß in ihrem Ärmel. Blut drang langsam durch die graue Seide.
Eine Frau schrie, und plötzlich erklangen überall um den Hof Rufe und Schreie. Die Menschen auf den Mauern drängten sich wild durcheinander, und jeder Mann im Hof hatte sein Schwert gezogen. Selbst Rand, wie er überrascht bemerkte.
Agelmar erhob seine Klinge zum Himmel. »Findet ihn!« brüllte er. »Bringt ihn zu mir!« Sein vor Zorn gerötetes Gesicht erblaßte, als er das Blut am Ärmel der Amyrlin bemerkte. Er fiel auf die Knie nieder und senkte den Kopf. »Vergebt, Mutter. Ich habe bei Eurem Schutz versagt. Ich bin beschämt.«
»Unsinn, Agelmar«, sagte die Amyrlin. »Leane, hör auf, um mich herumzuwuseln, und kümmere dich um diesen Mann. Ich habe mich mehr als einmal schlimmer geschnitten, wenn ich Fische ausnahm, und er benötigt sofort Hilfe. Agelmar, steh auf. Steht auf, Herr von Fal Dara. Ihr habt nicht versagt, und Ihr habt keinen Grund, Euch zu schämen. Letztes Jahr in der Weißen Burg, wo an jeder Tür meine eigenen Wachen und rund herum Behüter stehen, kam ein Mann mit einem Messer bis auf fünf Schritte an mich heran. Zweifellos ein Weißmantel, auch wenn ich keinen Beweis habe. Bitte steht auf, oder Ihr beschämt mich.« Als Agelmar sich langsam erhob, fühlte sie nach ihrem zerrissenen Ärmel. »Ein schlechter Schuß für einen Weißmantel-Bogenschützen oder sogar für einen Schattenfreund.« Ihr Blick huschte zu Rand hinüber und traf seinen. »Wenn er überhaupt auf mich gezielt hat.« Der Blick war wieder woandershin gerichtet, bevor er etwas aus ihrem Gesichtsausdruck ablesen konnte, doch er wäre am liebsten abgestiegen und hätte sich versteckt.
Er war nicht auf sie gezielt, und sie weiß das.
Leane richtete sich aus ihrer knienden Haltung auf. Jemand hatte einen Umhang über das Gesicht des Mannes gebreitet, der den Pfeil abbekommen hatte. »Er ist tot, Mutter.« Es klang müde. »Er war schon tot, bevor er den Boden berührte. Selbst wenn ich gleich neben ihm gestanden hätte... «
»Du hast dein Möglichstes getan, Tochter. Vom Tod kann man nicht geheilt werden.«
Agelmar trat näher heran. »Mutter, falls WeißmantelMörder oder Schattenfreunde in der Nähe sind, müßt Ihr mir gestatten, Euch Männer mitzugeben. Wenigstens bis zum Fluß. Ich würde es nicht überleben, wenn Euch ausgerechnet in Schienar etwas zustöße. Bitte geht zurück in die Frauenquartiere. Ich bürge mit meinem Leben dafür, daß sie gut behütet werden, bis Ihr reisefertig seid.«
»Nehmt es nicht so schwer«, sagte sie zu ihm. »Der Kratzer wird mich keinen einzigen Moment lang aufhalten. Ja, ja. Ich werde mich glücklich schätzen, uns bis zum Fluß von Euren Männern begleiten zu lassen, wenn Ihr darauf besteht. Aber ich erlaube nicht, daß deshalb Lord Ingtar auch nur einen Augenblick lang aufgehalten wird. Jeder Herzschlag zählt, bis das Horn wiedergewonnen ist. Habe ich Eure Erlaubnis, Lord Agelmar, Euren Männern Befehle zu erteilen?«