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Sie erreichten das Stadttor, und gleich hinter der Mauer hob Hurin das Gesicht in den leichten Wind. Seine Nasenflügel blähten sich, und er schnaubte vor Ekel. »Dorthin, Lord Ingtar.« Er zeigte nach Süden.

Ingtar blickte überrascht drein. »Nicht in Richtung Fäule?«

»Nein, Lord Ingtar. Pfui!« Hurin wischte sich mit dem Ärmel den Mund ab. »Ich kann sie beinahe schmecken. Sie gingen nach Süden.«

»Dann hatte sie also recht, die Amyrlin«, sagte Ingtar bedächtig. »Eine große und weise Frau, die bessere als mich verdient, um ihr zu dienen. Nimm die Witterung auf, Hurin.«

Rand drehte sich um und spähte durch das Tor zurück die Straße hinauf zur Festung. Er hoffte, daß es Egwene auch wirklich gut gehe. Nynaeve wird sich um sie kümmern. Vielleicht ist es so besser, ein klarer Einschnitt, zu schnell, um zu schmerzen, sobald er vollbracht wurde.

Er ritt hinter Ingtar und dem Banner der Grauen Eule her nach Süden. Der Wind frischte auf und blies ihm trotz des Sonnenscheins kalt in den Rücken. Er glaubte, schwaches und spöttisches Gelächter darin zu hören.

Der zunehmende Mond beleuchtete die feuchten nachtdunklen Straßen von Illian, in denen immer noch der Lärm der Feiern des Tages nachklang. In nur wenigen Tagen würde man die Wilde Jagd nach dem Horn mit allem Pomp und allen Feierlichkeiten eröffnen, die der Überlieferung nach bis auf das Zeitalter der Legenden zurückgingen. Die Feierlichkeiten zu Ehren der Jäger waren mit dem Fest des Teven und mit dessen berühmtem Gaukler-Wettbewerb zusammengefallen. Wie immer würde der wichtigste aller Preise für den besten Vortrag der Wilden Jagd nach dem Horn verliehen.

Heute abend traten die Gaukler in den Palästen und Herrenhäusern der Stadt auf, wo sich die Großen und Mächtigen aufhielten und die Jäger, die aus allen Ländern gekommen waren, um, wenn nicht das Horn selbst, dann doch wenigstens Unsterblichkeit im Lied der Barden zu finden. Es würde Musik erklingen und getanzt werden und Fächer und Eis geben, um die erste wirkliche Hitzewelle des Jahres besser zu überstehen. Aber auch in den Straßen herrschte in dieser mondbeschienenen, schwülen Nacht großer Trubel. Bis die Jäger aufbrachen, herrschte jeden Tag und jede Nacht Trubel. Menschen mit Masken und bizarren, phantasievollen Kostümen, von denen viele eine Menge Fleisch sehen ließen, rannten an Bayle Domon vorbei. Sie rannten rufend und singend einher, ein halbes Dutzend zusammen, dann vereinzelte kichernde Paare, die sich eng umarmten, dann wieder zwanzig in einer grölenden Gruppe. Am Himmel zerknallten Feuerwerkskörper in goldenen und silbernen Explosionen vor dem schwarzen Himmel. Es befanden sich beinahe so viele Feuerwerker in der Stadt wie Gaukler.

Domon verschwendete nicht viele Gedanken an das Feuerwerk oder die Jagd. Er war auf dem Weg, sich mit Männern zu treffen, von denen er glaubte, sie wollten ihn möglicherweise töten.

Er überquerte die Brücke der Blumen über einen der vielen Kanäle in der Stadt und ging ins Parfümierte Viertel, den Hafenbezirk von Illian. Der Kanal roch nach dem Inhalt zu vieler Nachttöpfe, und es gab kein Anzeichen dafür, daß sich in der Nähe der Brücke jemals Blumen befunden hatten. Das Viertel roch nach Hanftauen und Pech aus den Werften und Docks, nach saurem Hafenschlamm, und alles wurde noch verstärkt durch eine erhitzte, feuchte Luft. Domon atmete schwer. Jedesmal, wenn er aus dem Norden zurückkehrte, wurde er erneut von der Frühsommerhitze Illians überrascht, obwohl er hier geboren war. In einer Hand trug er einen kräftigen Knüppel, und die andere ruhte auf dem Griff des kurzen Schwertes, das er schon so oft benützt hatte, um das Deck seines Flußkahns vor Räubern zu schützen. Nicht wenige Straßenräuber lauerten in diesen durchfeierten Nächten, wo die Beute reich und die meisten Opfer angetrunken waren.

Aber er war ein breitschultriger, kräftiger Mann, und keiner derer, die darauf aus waren, Gold zu erbeuten, hielt ihn mit seinem einfach geschnittenen Mantel für reich genug, um zu riskieren, etwas von einem Mann seiner Größe und von seinem Knüppel abzubekommen. Die wenigen, die ihn im aus einem Fenster fallenden Licht klar erkennen konnten, blieben stehen und warteten, bis er vorbei war. Dunkles Haar hing ihm auf die Schultern, und ein langer Bart, der die Oberlippe freiließ, umrahmte ein Gesicht, das noch nie einen sanften Ausdruck gezeigt hatte. Jetzt wirkte es so grimmig, als habe er vor, sich durch eine Wand hindurchzurammen. Er mußte bestimmte Männer treffen und war nicht gerade glücklich darüber.

Weitere Angetrunkene rannten vorüber, wobei sie völlig falsch sangen und der Wein ihre Worte verschwimmen ließ. Das Horn von Valere‹, ganz gewiß! dachte Domon mürrisch. Es sein mein Schiff, was ich behalten wollen. Und mein Leben, Glück stich mich.

Er kehrte in eine Schenke ein, die das Zeichen eines großen, weißgestreiften Dachses aufwies, der mit einem Mann mit silberner Schaufel auf den Hinterbeinen tanzte. ›Den Dachs erleichtern‹ hieß die Schenke, und noch nicht einmal Nieda Sidoro, die Wirtin, wußte, was der Name bedeutete. Es hatte immer schon eine Schenke dieses Namens in Illian gegeben.

Der Schankraum war gut beleuchtet und ruhig. Auf dem Boden lagen Sägespäne, und ein Musiker zupfte sanft seine zwölfsaitige Zither. Er spielte eines der traurigen Lieder des Meervolks. Nieda gestattete kein Gegröle in ihrer Schenke, und ihr Neffe Bili war groß genug, um mit jeder Hand einen Mann hinauszuschleppen. Seemänner, Werftarbeiter und Schauerleute kamen in den ›Dachs‹, um etwas zu trinken und sich vielleicht ein wenig zu unterhalten, um Pfeile zu werfen oder ein Brettspiel zu spielen. Der Raum war jetzt halb voll; selbst Männer, die die Ruhe liebten, hatten sich in den Trubel hinauslocken lassen. Die Gespräche waren leise, aber Domon hörte, wie immer wieder die Jagd erwähnt wurde und der falsche Drache, den die Murandianer gefangen hatten, und derjenige, den die Taren in die Haddon-Sümpfe jagten. Es schien Uneinigkeit darüber zu herrschen, ob man lieber den falschen Drachen oder die Taren sterben sehen würde.

Domon verzog das Gesicht. Falsche Drachen! Glück stich mich, es sein kein Platz sicher heutzutage. Aber die falschen Drachen bewegten ihn nicht wirklich, genausowenig wie die Jagd.

Die stämmige Wirtin, die ihr Haar in einem Knoten am Hinterkopf zusammengebunden hatte, wischte einen Krug aus und behielt dabei ihr Etablissement genau im Auge. Sie hörte nicht mit dem auf, was sie gerade tat, und sah ihn nicht einmal direkt an, aber ihr linkes Augenlid senkte sich, und ihr Blick zeigte auf drei Männer an einem Ecktisch. Sie wirkten selbst für den Dachs noch sehr ruhig, beinahe düster gestimmt, und ihre glockenförmigen Samtkappen und dunklen Mäntel, die auf der Brust aufgenähte Gold- und Silberbalken trugen, hoben sich von der einfachen Kleidung der anderen Gäste ab.

Domon seufzte und setzte sich allein an einen anderen Ecktisch. Aus Cairhien diesmal. Er griff nach dem Krug dunklen Bieres, den ihm die Serviererin brachte, und nahm einen langen Zug. Als er den Krug senkte, standen die drei Männer in den gestreiften Mänteln neben seinem Tisch. Er machte eine unauffällige Geste, damit Nieda wußte, daß er Bili nicht brauchte. »Kapitän Domon?« Alle drei wirkten bis auf die Kleidung unauffällig, aber der Sprecher hatte etwas an sich, das Domon glauben machte, er sei ihr Anführer. Sie schienen unbewaffnet zu sein. Trotz ihrer noblen Kleidung schienen sie das nicht nötig zu haben. Aus den durchschnittlichen Gesichtern blickten harte Augen. »Kapitän Bayle Domon von der Gischt?«