Domon nickte kurz, und die drei setzten sich an seinen Tisch, ohne auf eine Einladung zu warten. Es war immer der gleiche Mann, der sprach. Die anderen beiden sahen lediglich zu, wobei sie kaum die Lider bewegten. Wachen, dachte Domon, trotz ihrer feinen Kleidung. Wer sein er mit einem Paar Leibwächter, um ihn zu beschützen?
»Kapitän Domon, wir haben eine Person, die von Mayene nach Illian gebracht werden muß.«
»Gischt sein ein Flußschiff«, unterbrach Domon sie. »Sie nicht viel Tiefgang haben und auch keinen Kiel für tiefes Wasser.« Das stimmte nicht ganz, doch es war gut genug für Landratten. Wenigstens es anders ist als in Tear. Sie doch schlauer werden.
Der Mann nahm die Unterbrechung gelassen hin. »Wir haben gehört, daß Ihr den Flußhandel aufgebt.«
»Vielleicht ich werden, vielleicht nicht. Ich nicht entschieden.« Obwohl er sich natürlich entschlossen hatte. Er würde nicht mehr hinauffahren zu den Grenzlanden, und wenn man ihm alle Seide böte, die den Taren heruntertransportiert wurde. Felle aus Saldaea und Eispfeffer waren es einfach nicht wert, und das hatte nichts mit dem falschen Drachen zu tun, der angeblich dort aufgetaucht war. Aber er fragte sich wieder, woher man das erfahren hatte. Er hatte es niemandem gesagt, und doch hatten es die anderen gewußt.
»Ihr könnt leicht genug die Küste nach Mayene hochschippern. Kapitän, Ihr hättet doch sicher nichts dagegen, für tausend Goldmark die Küste entlang zu segeln.«
Unwillkürlich schnappte Domon nach Luft. Das war viermal soviel wie beim letzten Angebot, und das war schon hoch genug gewesen, um einen Mann zum Staunen zu bringen. »Wen ich sollen dafür abholen? Die Erste von Mayene selbst? Haben Tear sie schließlich doch ganz herausgeworfen?«
»Ihr müßt keine Namen wissen, Kapitän.« Der Mann stellte einen großen Lederbeutel auf den Tisch und legte eine versiegelte Urkunde daneben. In dem schweren Beutel klimperte es, als er über den Tisch geschoben wurde. Der große rote Wachsfleck, der das zusammengerollte Pergament verschloß, trug das Zeichen der vielstrahligen Aufgehenden Sonne von Cairhien. »Zweihundert jetzt gleich. Ich glaube, für tausend Mark muß ich keine Namen nennen. Gebt das Pergament mit unbeschädigtem Siegel dem Hafenkapitän von Mayene, und er wird Euch dreihundert mehr übergeben und Euren Passagier. Ich werde Euch den Rest übergeben, wenn Euer Passagier hier ankommt. Falls Ihr nicht versucht habt, die Identität dieser Person herauszufinden.«
Domon atmete tief ein. Glück, es sein wert diese Reise, auch wenn kein Pfennig mehr dafür bezahlen als was ist in diesem Beutel. Und tausend waren mehr Geld, als er in zwei oder mehr Jahren verdienen konnte. Er vermutete, falls er noch ein wenig bohrte, würde er weitere Andeutungen erhalten — nur Andeutungen —, daß die Reise mit geheimen Absprachen zwischen dem Rat der Neun von Illian und der Ersten von Mayene zu tun habe. Der Stadtstaat der Ersten war nur dem Namen nach eine Provinz von Tear, und sie würde zweifellos Hilfe aus Illian begrüßen. Und es gab viele in Illian, die meinten, es sei Zeit für einen neuen Krieg und daß Tear mehr vom Seehandel auf dem Meer der Stürme beherrschte, als gut sei. Ein hervorragender Köder, um ihn einzufangen, wenn er nicht im letzten Monat schon drei ähnliche vor die Nase gehalten bekommen hätte.
Er streckte die Hand aus, um den Beutel zu nehmen, doch der Mann, der mit ihm gesprochen hatte, packte ihn am Handgelenk. Domon funkelte ihn an, aber er erwiderte den Blick ganz gelassen.
»Ihr müßt so schnell wie möglich segeln, Kapitän.«
»Beim ersten Tageslicht«, grollte Domon, und der Mann nickte und ließ ihn los.
»Also dann beim ersten Tageslicht, Kapitän Domon. Denkt daran, Diskretion hält einen Mann am Leben, damit er sein Geld auch ausgeben kann.«
Domon beobachtete die drei, als sie aus der Schenke gingen, und dann starrte er mit saurer Miene auf die Urkunde und den Beutel auf dem Tisch vor seiner Nase. Jemand wollte, daß er nach Osten reiste. Tear oder Mayene, das spielte keine große Rolle, solange er nur nach Osten fuhr. Er glaubte zu wissen, wer das wollte. Und andererseits haben ich keinen echten Hinweis auf sie. Wer konnte wissen, wer ein Schattenfreund war und wer nicht? Aber er wußte, daß Schattenfreunde hinter ihm her waren, seit er Marabon verlassen hatte und flußabwärts gefahren war. Schattenfreunde und Trollocs. Da war er sich ganz sicher. Die wirkliche Frage, auf die er auch nicht den Schimmer einer Antwort hatte, war, warum sie das taten.
»Schwierigkeiten, Bayle?« fragte Nieda. »Du siehst aus, als hättest du einen Trolloc gesehen.« Sie kicherte — ein unmöglicher Laut von einer Frau ihrer Statur. Wie die meisten Leute, die nie in den Grenzlanden gewesen waren, glaubte Nieda nicht an die Existenz von Trollocs. Er hatte versucht, sie von der Wahrheit zu überzeugen, doch ihr gefielen seine Geschichten wohl, sie hielt sie aber allesamt für erlogen. Sie glaubte auch nicht an Schnee.
»Keine Schwierigkeiten, Nieda.« Er band den Beutel auf, holte ohne hinzublicken eine Münze heraus und warf sie ihr zu. »Runden für jeden, bis das hier aufgebraucht ist, und dann geben ich dir noch eine.«
Nieda sah die Münze überrascht an. »Eine Mark aus Tar Valon? Handelst du jetzt mit den Hexen, Bayle?«
»Nein«, sagte er heiser. »Machen ich nicht!«
Sie biß auf die Münze und steckte sie dann schnell hinter ihren breiten Gürtel. »Na ja, sagt man halt so. Und ich schätze, Hexen sind sowieso nicht so schlecht, wie manche sagen. Das sage ich sonst nicht zu irgendwelchen anderen Männern. Ich kenne einen Geldwechsler, der nimmt so was. Du brauchst mir nicht mehr zu geben, bei so wenigen Gästen wie heute abend. Mehr Bier für dich, Bayle?«
Er nickte betrübt, obwohl sein Krug noch halb voll war, und sie entfernte sich. Sie war eine Freundin und würde nicht weitererzählen, was sie gesehen hatte. Er saß da und starrte den Lederbeutel an. Ein weiterer Krug wurde gebracht, bevor er sich aufraffen konnte, den Beutel weit genug zu öffnen, um sich die Münzen darin anzusehen. Er fuhr mit einem schwieligen Finger darin herum. Goldmarkstücke glitzerten ihn im Lampenschein an, und jedes davon trug die verräterische Flamme von Tar Valon. Hastig band er den Beutel zu. Gefährliche Münzen. Ein oder zwei würden nicht weiter auffallen, aber so viele würden den meisten Leuten genau das sagen, was Nieda auch dachte. Es waren Kinder des Lichts in der Stadt, und obwohl es in Illian kein Gesetz gab, das den Handel mit den Aes Sedai verbot, würde er es nicht mehr bis zum Magistrat schaffen, falls die Weißmäntel davon erfuhren. Diese Männer wollten sichergehen, daß er nicht einfach ihr Gold nahm und in Illian blieb.
Während er so da saß und sich seine Gedanken machte, kam Yarin Maeldan, sein düsterer, storchenähnlicher zweiter Offizier auf der Gischt, in den ›Dachs‹. Die Augenbrauen hatte er bis auf die lange Nase heruntergezogen, und so stand er dann am Tisch seines Kapitäns. »Carn ist tot, Käpten.«
Domon sah ihn mit gerunzelter Stirn an. Drei andere seiner Männer waren bereits getötet worden, jedesmal einer, wenn er einen Auftrag abgelehnt hatte, nach Osten zu fahren. Der Magistrat hatte nichts unternommen. Sie sagten, die Straßen seien nachts eben gefährlich und die Seeleute eine rauhe und streitsüchtige Bande. Der Magistrat kümmerte sich selten um das, was im Parfümierten Viertel geschah, solange keine respektablen Bürger verletzt wurden.
»Aber diesmal habe ich ihr Angebot angenommen«, murmelte er.
»S' is' noch nich' alles, Käpten«, erzählte Yarin weiter. »Sie ham Carn mit Messern bearbeitet, als ob sie wollten, daß er ihnen was sagt. Und vor 'ner Stunde ham noch'n paar Männer versucht, sich auf die Gischt zu schleichen. Die Hafenpolizei hat sie vertrieben. Dritte Mal in zehn Tagen, und ich hab nie Kanalratten gekannt, die so ausdauernd warn. Sie wartn bis man nich' mehr dran denkt, und dann versuchn sie's wieder. Und jemand hat letzte Nacht mein Zimmer im ›Silbernen Delphin‹ durchgewühlt. Hat 'n paar Silbermünzen mitgenommen. Ich glaub', das war'n Dieb. Hat aber meine Gürtelschnalle liegengelassen; die mit Granat- und Mondsteinen verziert ist, und die hat ganz offen rumgelegen. Was is'n da los, Käpten? Die Leute haben Angst, und ich bin auch 'n bißchen nervös.«