Und es bestand aus Herzstein. Der Ladenbesitzer hatte nicht gewagt, diese Behauptung dem hinzuzufügen, was er sowieso für Lüge hielt. Kein Ladenbesitzer an der Uferstraße von Maradon konnte sich auch nur ein Stückchen Cuendillar leisten.
Die Scheibe lag hart und glatt in seiner Hand, und bis auf ihr Alter wirkte sie überhaupt nicht wertvoll, doch er fürchtete, sie könnte es sein, wonach seine Verfolger suchten. Leuchtstäbe und Elfenbeinschnitzereien und sogar versteinerte Knochen hatte er anderswo zu anderen Zeiten schon gesehen. Aber obwohl er wußte — wenn er es wirklich wußte —, was sie wollten, wußte er doch nicht, warum und er war sich nicht mehr sicher, wer seine Verfolger eigentlich waren. Geld aus Tar Valon und ein uraltes Symbol der Aes Sedai. Er wischte sich mit der Hand über die Lippen; der Geschmack der Angst lag bitter auf seiner Zunge.
Ein Klopfen an die Tür. Er legte die Scheibe hin und zog eine aufgerollte Seekarte über die Gegenstände, die auf dem Tisch lagen. »Rein.«
Yarin trat ein. »Wir sind jenseits der Brandung, Käpten.«
Domon war einen Moment lang überrascht, und dann ärgerte er sich über sich selbst. Er hätte sich nicht so in seine Gedanken versenken sollen, daß er es versäumte zuzusehen, wie die Gischt von den Brechern emporgehoben wurde. »Halt nach Westen, Yarin. Sorg dafür.«
»Ebu Dar, Käpten?«
Nein, das sein nicht weit genug. Tausend Meilen zu nah. »Wir ankern dort nur lang genug, daß ich Seekarten holen und die Wasserfässer auffüllen kann. Dann segeln wir nach Westen.«
»Nach Westen, Käpten? Tremalking? Das Meervolk läßt keine anderen Händler als ihre eigenen zu.«
»Das Aryth-Meer, Yarin. Es geben eine Menge Handel zwischen Tarabon und Arad Doman und kaum einen Kahn der Taraboner oder Domani, der uns in die Quere kommen können. Wie ich gehört haben, sie nicht lieben das Meer. Und alle die kleinen Städte auf der TomanHalbinsel, wo jede sich unabhängig halten von alle Staaten. Wir sogar können laden Felle aus Saldaea und Eispfeffer, was nach Bandar Eban runtergebracht wurden.«
Yarin schüttelte bedächtig den Kopf. Er sah immer nur die schlechten Seiten, aber er war ein guter Seemann. »Felle und Eispfeffer sin' dort teurer, als wenn Ihr den Fluß raufsegelt, Käpten. Und ich hab' gehört, da herrscht so 'ne Art Krieg. Wenn Tarabon und Arad Doman gegeneinander kämpfen, gibt's vielleicht kein Handel. Ich glaub' nich', daß wir aus den Städten auf der TomanHalbinsel viel herausschlagen können, auch wenn wir dort unbehelligt sin'. Falme is' dort die größte Stadt, und die is' nich' groß.«
»Die Taraboner und die Domani haben sich immer gestreiten um die Ebene von Almoth und die TomanHalbinsel. Auch wenn sie diesmal vielleicht kämpfen: Ein vorsichtiger Mann immer Sachen zu handeln kann finden. Nach Westen, Yarin.«
Als Yarin wieder oben war, verstaute Domon schnell die schwarze und weiße Scheibe im Geheimfach und legte den Rest zurück auf den Boden seiner Truhe. Schattenfreunde oder Aes Sedai, ich nicht werden rennen dahin, wo sie mich wollen haben. Glück stich mich, ich nein werden.
Domon fühlte sich zum ersten Mal seit Monaten wieder sicher. Er ging an Deck, gerade als die Gischt halste, um unter den Wind zu kommen. Der Bug zeigte über die nachtdunkle See nach Westen.
10
Die Jagd beginnt
Ingtar trieb sie zu einer schnellen Gangart an, jedenfalls für den Beginn einer Reise, so daß sich Rand schon ein wenig um die Pferde sorgte. Die Pferde konnten diesen Trab durchaus stundenlang durchhalten, doch der größte Teil des Tages lag noch vor ihnen, und weitere solcher Tage würden folgen. Ingtars Gesichtsausdruck vermittelte Rand den Eindruck, er wolle vielleicht schon am ersten Tag und in der ersten Stunde die Diebe des Horns einholen. Er wäre jedenfalls nicht überrascht davon gewesen, wenn er sich an Ingtars Stimme erinnerte, als er der Amyrlin gegenüber schwor, die Diebe zu fassen. Aber er sagte nichts weiter. Lord Ingtar führte hier das Kommando, und so freundlich er auch Rand gegenüber gewesen war, so würde er es doch wohl nicht begrüßen, wenn ihm ein Schäfer gute Ratschläge erteilte.
Hurin ritt immer etwas hinter Ingtar, doch es war der Schnüffler, der sie nach Süden führte. Er wies Ingtar den Weg. Sie waren von niedrigen, bewaldeten Hügeln umgeben, dicht mit Lederblatt und Eichen bewachsen, aber der Weg, den ihnen Hurin wies, führte sie pfeilgerade hindurch. Er wich nicht von dieser Linie ab, außer um einmal ein paar der höheren Hügel zu umgehen, wo man in der Ebene offensichtlich schneller vorankam. Das Banner der Grauen Eule flatterte im Wind.
Rand bemühte sich, neben Mat und Perrin zu reiten, doch immer, wenn Rand sein Pferd zu ihnen zurückfallen ließ, stieß Mat Perrin an, und Perrin galoppierte etwas zögernd mit Mat an die Spitze der Kolonne. Da er sich sagte, es habe keinen Sinn, selbst hinten zu bleiben, ritt Rand zurück an die Spitze. Prompt ließen sich die beiden wieder zurückfallen, wobei immer Mat es war, der Perrin dazu trieb.
Licht noch mal, ich will mich doch nur entschuldigen. Er fühlte sich einsam. Das Wissen, daß es seine eigene Schuld war, half nicht sehr.
Oben auf einem Hügel stieg Uno ab und untersuchte Hufspuren auf dem weichen Boden. Er deutete auf einige Pferdeäpfel und knurrte: »Sie reiten verdammt schnell, Lord.« Seine Stimme klang, als ob er schreie, selbst wenn er ganz normal sprach. »Wir haben noch keine Stunde aufgeholt. Licht noch mal, vielleicht haben wir eher noch eine verfluchte Stunde verloren. So, wie die reiten, bringen sie ihre Pferde glatt um.« Er legte die Hand in einen Hufabdruck. »Das war aber kein Pferd, sondern ein widerlicher Trolloc. Verdammte Bocksfüße!«
»Wir werden sie einholen«, sagte Ingtar grimmig.
»Unsere Pferde, Lord Ingtar. Es ist nicht gut, sie kaputtzureiten, bevor wir sie einholen, Lord. Auch wenn sie ihre Pferde umbringen, können die verfluchten Trollocs doch viel länger durchhalten als Pferde.«
»Wir werden sie einholen. Steig auf, Uno!«
Uno sah Rand mit seinem einzigen Auge an, zuckte die Achseln und stieg in den Sattel. Ingtar ließ sie den Abhang so schnell wie möglich hinuntertraben, teilweise auch rutschen, und galoppierte weiter den nächsten Hügel hinauf.
Warum hat er mich so angeschaut? fragte Rand sich. Uno war einer von denen, die ihm nie sehr viel Freundlichkeit entgegengebracht hatten. Es war nicht wie bei Masemas offener Abneigung; Uno behandelte niemanden besonders freundlich, außer vielleicht ein paar Veteranen, die genau so graue Haare hatten, wie er selbst.
Sicher glaubt gerade er doch nicht an diese Sage, ich sei ein Lord.
Uno beobachtete die ganze Zeit über genau das vor ihnen liegende Gelände. Wenn er Rand dabei ertappte, daß er ihn anblickte, erwiderte er dessen Blick, sagte aber kein Wort. Es bedeutete nicht viel. Er sah auch Ingtar in die Augen. So war Uno eben.