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Der Weg, den die Schattenfreunde gewählt hatten — wer sonst noch? fragte sich Rand, denn Hurin murmelte immer wieder etwas von ›etwas noch Schlimmerem‹ —, die das Horn gestohlen hatten, führte niemals in die Nähe eines Dorfes. Rand sah Dörfer, die auf anderen Hügeln lagen, ungefähr eine Meile oder mehr über das wellige Land hinweg von ihnen entfernt, aber sie kamen den Dörfern nie nah genug, um die Menschen auf der Straße erkennen zu können. Oder nahe genug, daß diese Menschen eine nach Süden eilende Reisegruppe erkennen konnten. Sie sahen auch Bauernhöfe mit Häusern, deren Dächer weit hinuntergezogen waren, mit hohen Scheunen und qualmenden Schornsteinen, auf Hügelspitzen oder an den Abhängen oder in den Tälern, aber auch denen kamen sie nie nahe genug, daß der Bauer ihre Gruppe hätte erspähen können.

Schließlich mußte sogar Ingtar einsehen, daß die Pferde das angeschlagene Tempo nicht länger durchhalten konnten. Rand hörte, wie er leise fluchte, und sah, wie er sich mit der im Kampfhandschuh steckenden Faust grimmig auf die Schenkel schlug, aber er gab schließlich doch den Befehl, abzusitzen. Sie marschierten eine Meile weit und führten die Pferde an den Zügeln hügelauf und hügelab hinter sich her, und dann saßen sie wieder auf und ritten weiter. Eine Weile später das gleiche: eine Meile laufen und dann wieder eine Meile reiten. Laufen, reiten.

Rand beobachtete mit Staunen, daß Loial grinste, wenn sie abgesessen waren und einen Hügel hinaufkeuchten. Der Ogier hatte sich beim Reiten und in bezug auf Pferde noch nie sehr wohlgefühlt und lieber auf die eigenen Beine vertraut, aber Rand hatte geglaubt, er sei längst darüber hinweg.

»Rennst du gern, Rand?« lachte Loial. »Ich schon. Ich war der schnellste Läufer im Stedding Schangtai. Ich habe sogar einmal ein Pferd im Rennen geschlagen.«

Rand schüttelte nur den Kopf. Er wollte sich die Atemluft zum Laufen sparen. Er sah sich nach Mat und Perrin um, doch sie befanden sich immer noch ganz hinten, und zwischen ihnen marschierten zu viele Männer, um sie richtig sehen zu können. Er fragte sich, wie die Schienarer das alles mit ihren Rüstungen bewältigen konnten. Keiner von ihnen lahmte oder beklagte sich. Uno wirkte sogar, als schwitze er nicht einmal, und der Bannerträger ließ die Graue Eule kein einziges Mal sinken.

Sie kamen schnell vorwärts, doch die Dämmerung senkte sich, ohne daß sie irgendein Zeichen derer entdeckten, die sie verfolgten, außer eben ihren Spuren. Schließlich ließ Ingtar sie nach einigem Zögern anhalten und im Wald ihr Nachtlager aufschlagen. Die Schienarer entzündeten Feuer und schlugen Pfosten ein, um die Pferde daran anzubinden, und das alles mit einer Routine, die von langer Erfahrung zeugte. Ingtar stellte sechs Wachtposten paarweise für die erste Wache auf.

Das erste, was Rand unternahm, war, in den Tragekörben der Packpferde nach seinem Bündel zu suchen. Es war nicht schwer zu finden — unter den Vorräten befanden sich nur wenige persönliche Gepäckstücke —, aber als er es öffnete, stieß er einen Schrei aus, der jeden Mann im Lager hochschnellen und sein Schwert ziehen ließ.

Ingtar rannte herbei. »Was ist los? Friede, ist jemand ins Lager eingedrungen? Ich habe die Wachen gar nicht gehört.«

»Es sind diese Mäntel«, grollte Rand und starrte immer noch das an, was er da ausgepackt hatte. Ein Mantel war schwarz und mit Silberfäden verziert, der andere weiß und mit Goldfäden bestickt. Beide trugen Reiher am Kragen und waren zumindest genauso prunkvoll wie der rote Mantel, den er trug. »Die Diener sagten mir, sie hätten mir zwei gute, brauchbare Mäntel eingepackt. Schaut sie nur an!«

Ingtar steckte über die Schulter hinweg sein Schwert in die Scheide zurück. Die anderen Männer setzten sich wieder. »Na ja, sie sind doch brauchbar.«

»Die kann ich nicht tragen. Ich kann doch nicht die ganze Zeit in solcher Kleidung herumlaufen.«

»Ihr könnt sie tragen. Mantel ist Mantel. Ich hörte, daß Moiraine Sedai selbst Eure Sachen eingepackt hat. Vielleicht versteht eine Aes Sedai nicht ganz, was ein Mann auf dem Schlachtfeld trägt.« Ingtar grinste. »Vielleicht veranstalten wir ein Fest, wenn wir die Trollocs erledigt haben. Dann seid wenigstens Ihr dafür richtig angezogen, wenn auch wir anderen es nicht sind.« Er schlenderte zurück zu den bereits brennenden Küchenfeuern.

Rand hatte sich nicht bewegt, seit Ingtar Moiraine erwähnt hatte. Er starrte die Mäntel an. Was will sie eigentlich? Was auch immer, ich lasse mich nicht benützen. Er schnürte das Bündel wieder zu und steckte es in den Transportkorb zurück. Ich kann ja immer noch nackt herumlaufen, dachte er bitter.

Die Schienarer wechselten sich im Dienst beim Kochen ab, und als Rand zurück zum Feuer kam, rührte gerade Masema im Kessel. Der Geruch nach einem Eintopf mit Rüben, Zwiebeln und Trockenfleisch legte sich über das Lager. Ingtar wurde zuerst bedient, dann Uno, und ansonsten stellte sich jeder so an, wie er gerade gekommen war. Masema klatschte eine große Schöpfkelle mit Eintopf auf Rands Teller. Rand tat schnell einen Schritt nach rückwärts, damit nichts auf seinen Mantel spritzte, und während er dem nächsten Mann Platz machte, lutschte er an seinem leicht verbrühten Daumen. Masema blickte ihn mit einem eingefrorenen Lächeln an, das seine Augen nicht berührte. Bis Uno herantrat und ihm einen Stoß gab.

»Wir haben verdammt noch mal nicht genug mitgebracht, damit du es auf den blöden Boden schüttest!« Der Einäugige sah Rand an und ging wieder. Masema rieb sich das Ohr, aber sein böser Blick folgte Rand.

Rand ging hinüber zu Ingtar und Loial, die unter einer weit ausladenden Eiche am Boden saßen. Ingtar hatte den Helm neben sich auf den Boden gelegt, aber ansonsten war er vollständig gerüstet. Mat und Perrin waren auch bereits da und aßen gierig. Mat lächelte höhnisch beim Anblick von Rands Mantel, aber Perrin blickte nur flüchtig auf. Die goldenen Augen schimmerten im Feuerschein, und dann beugte er sich wieder auf seinen Teller hinunter.

Wenigstens sind sie diesmal nicht gleich wieder gegangen.

Er setzte sich ihnen gegenüber neben Ingtar im Schneidersitz auf den Boden. »Ich wünschte, ich wüßte, warum Uno mich immer so anschaut. Wahrscheinlich liegt es an diesem verdammten Mantel.«

Ingtar schwieg nachdenklich und schluckte einen Löffel Eintopf. Schließlich sagte er: »Uno fragt sich zweifellos, ob Ihr wirklich ein Reiherschwert wert seid.« Mat schnaubte laut, doch Ingtar fuhr unbeirrt fort: »Laßt Euch nicht von Uno durcheinanderbringen. Wenn er könnte, würde er auch Lord Agelmar wie einen grünen Rekruten behandeln. Na ja, vielleicht nicht gerade Agelmar, aber jeden anderen. Er hat eine sehr scharfe Zunge, aber er gibt einem auch gute Ratschläge. Das sollte er wohl auch; er war schon im Militärdienst, bevor ich geboren wurde. Beherzigt seine Ratschläge und achtet nicht auf seine scharfe Zunge, dann kommt Ihr mit Uno klar.«

»Ich dachte schon, er sei genau wie Masema.« Rand schaufelte Eintopf in seinen Mund. Er war zu heiß, aber er schluckte trotzdem alles hastig herunter. Sie hatten seit dem Beginn ihres Rittes in Fal Dara nichts gegessen, und diesen Morgen war er zu besorgt gewesen, um etwas zu essen. Sein Magen grollte und erinnerte ihn daran, daß es höchste Zeit war. Er fragte sich, ob es helfen würde, wenn er Masema sagte, daß ihm das Essen schmeckte. »Masema verhält sich, als hasse er mich, und ich verstehe nicht warum.«

»Masema hat drei Jahre lang in den Östlichen Sümpfen gedient«, sagte Ingtar, »in Ankor Dail, im Kampf gegen die Aiel.« Er stocherte mit seinem Löffel im Eintopf herum und runzelte die Stirn dabei. »Versteht mich recht — ich stelle keine Fragen. Wenn Lan Dai Shan und Moiraine Sedai behaupten wollen, daß Ihr aus Andor von den Zwei Flüssen kommt, dann kommt Ihr eben daher. Aber Masema kann den Anblick der Aiel nicht vergessen, und wenn er Euch sieht...« Er zuckte die Achseln. »Ich stelle keine Fragen.«