Rand ließ seinen Löffel mit einem Aufseufzen auf den Teller fallen. »Jeder glaubt, ich sei ein anderer, als ich bin. Ich komme von den Zwei Flüssen, Ingtar. Ich habe dort mit... mit meinem Vater Tabak angepflanzt und seine Schafe gehütet. Das ist die Wahrheit über mich. Ich bin ein Bauer und Schäfer aus dem Gebiet der Zwei Flüsse.«
»Er kommt wirklich von den Zwei Flüssen«, sagte Mat verächtlich. »Ich bin mit ihm aufgewachsen, auch wenn man heutzutage nichts mehr davon merkt. Wenn Ihr ihm auch noch diesen Unsinn über die Aiel einredet, zu den Flausen, die er sowieso schon im Kopf hat, dann mag das Licht wissen, was er sich noch einbildet. Vielleicht, daß er ein Lord der Aiel ist.«
»Nein«, sagte Loial, »er sieht wirklich so aus. Erinnerst du dich noch, Rand, daß ich dich das gleiche fragte? Ich dachte damals allerdings, ich kenne einfach die Menschen noch nicht gut genug, um es beurteilen zu können. Denkst du noch daran? ›Bis aller Schatten verflogen, alles Wasser verdunstet ist, hinein in die Dunkelheit des Bösen mit gebleckten Zähnen, mit dem letzten Atemzug noch den Trotz entgegenschreien und dem Sichtblender ins Auge speien, auch noch am Letzten Tag.‹ Erinnerst du dich daran, Rand?«
Rand blickte auf seinen Teller hinunter. Wickle eine Schufa um deinen Kopf, und du siehst aus wie ein Aielmann. Das hatte Gawyn gesagt, der Bruder Elaynes, der Tochter-Erbin von Andor. Jeder glaubt, ich sei jemand, der ich nicht bin.
»Wie ging das?« fragte Mat. »Das mit: ›dem Dunklen König ins Auge speien‹?«
»Das sagen die Aiel, wenn sie davon sprechen, wie lange sie kämpfen werden«, sagte Ingtar, »und ich zweifle nicht daran. Mit Ausnahme der Händler und Gaukler teilen die Aiel die Menschen in zwei Gruppen ein: Aiel und deren Feinde. Sie haben diese Regel vor fünfhundert Jahren zugunsten Cairhiens durchbrochen, aus irgendeinem Grund, den nur ein Aiel verstehen konnte, aber ich glaube nicht, daß sie so was noch einmal tun werden.«
»Ich glaube es auch nicht«, seufzte Loial. »Aber sie lassen die Tuatha'an, das Fahrende Volk, die Wüste durchqueren. Und sie betrachten Ogier auch nicht als Feinde, obwohl ich daran zweifle, daß einer von uns in die Wüste gehen würde. Manchmal kommen Aiel ins Stedding Schangtai, um besungenes Holz einzutauschen. Das sind schon harte Menschen.«
Ingtar nickte. »Ich wünschte, ich hätte ein paar auch nur halb so harte Leute. Nur halb so hart.«
»Soll das ein Witz sein?« lachte Mat. »Wenn ich eine Meile weit mit all dem Eisenzeug rennen müßte, das Ihr am Körper tragt, dann würde ich umfallen und eine Woche lang schlafen. Ihr habt das den ganzen Tag über Meile um Meile getragen.«
»Die Aiel sind wirklich harte Typen«, sagte Ingtar. »Männer wie Frauen. Ich habe gegen sie gekämpft und kann das beurteilen. Sie rennen fünfzig Meilen weit und stürzen sich am Ende in den Kampf. Sie sind der lebendige Tod, ob bewaffnet oder unbewaffnet. Außer mit dem Schwert. Aus irgendeinem Grund nehmen sie kein Schwert in die Hand. Sie setzen sich auch auf kein Pferd. Sie haben das wohl nicht nötig. Wenn Ihr ein Schwert habt und der Aielmann die bloßen Hände, dann ist das ein ausgeglichener Kampf. Wenn Ihr gut seid.
Sie züchten ihr Vieh und ihre Ziegen, wo Ihr und ich verdursten würden, bevor nur ein Tag um ist. Sie graben ihre Dörfer in riesige Felsen draußen in der Wüste ein. Dort leben sie seit der Zerstörung der Welt oder jedenfalls in etwa. Artur Falkenflügel versuchte, sie dort auszubuddeln, und holte sich eine blutige Nase. Es war die einzige große Niederlage, die er je hinnehmen mußte. Am Tag flimmert die Luft über der Aielwüste vor Hitze, und nachts gefriert sie. Und ein Aiel wird Euch mit seinen blauen Augen groß ansehen und Euch sagen, daß er an keinem Ort der Welt lieber wäre. Und er lügt dabei nicht einmal. Wenn sie je versuchten, dort herauszukommen, hätten wir es schwer, sie zurückzuhalten. Der Aielkrieg dauerte drei Jahre lang, und da kämpften nur vier von dreizehn Stämmen!«
»Die grauen Augen seiner Mutter machen ihn noch nicht zu einem Aielmann«, sagte Mat.
Ingtar zuckte die Achseln. »Wie ich schon sagte: Ich stelle keine Fragen.«
Als sich Rand endlich zum Schlaf niederlegte, hatte er den Kopf voll von unerwünschten Gedanken. Sieht aus wie ein Aielmann. Moiraine Sedai will behaupten, du kämst von den Zwei Flüssen. Aiel wüteten den ganzen Weg bis Tar Valon. Am Hang des Drachenberges geboren. Der Wiedergeborene Drache.
»Ich lasse mich nicht benützen«, murmelte er, aber er konnte lange Zeit nicht einschlafen.
Ingtar ließ sie noch vor Sonnenaufgang das Lager abbrechen. Sie hatten bereits gefrühstückt und ritten nach Süden, als die Wolken im Osten noch durch ihre Röte vom kommenden Sonnenaufgang zeugten und der Tau von den Blättern tropfte. Diesmal sandte Ingtar Kundschafter aus, und obwohl das Tempo immer noch stramm war, war es für die Pferde doch erträglicher als zuvor. Rand dachte sich, Ingtar habe wohl eingesehen, daß es nicht in einem Tag zu schaffen war. Die Spur führe immer noch nach Süden, meinte Hurin. Bis dann zwei Stunden nach Sonnenaufgang einer der Kundschafter im Galopp zurückkam.
»Vor uns liegt ein verlassenes Lager, Lord Ingtar. Geradeaus auf der Hügelspitze. Dort müssen letzte Nacht mindestens dreißig oder vierzig von ihnen gelagert haben, Lord.«
Ingtar gab seinem Pferd die Sporen, als habe man ihm gesagt, die Schattenfreunde seien immer noch dort, und Rand mußte sich bei ihm halten, um nicht von den Schienarern niedergeritten zu werden, die hinter ihm den Hügel hinaufgaloppierten.
Es gab nicht viel zu sehen; nur die erkaltete Asche der Lagerfeuer, gut zwischen Bäumen verborgen, und darin lag so etwas wie der Rest einer Mahlzeit. Ein Haufen Abfall in der Nähe der Feuerstellen, über dem bereits die Fliegen summten.
Ingtar hielt die anderen zurück und stieg ab, um mit Uno die Lagerstätte abzugehen und den Boden zu untersuchen. Hurin ritt schnüffelnd rund um das Lager. Rand saß auf seinem Hengst neben den anderen Männern. Er verspürte kein Verlangen danach, einen Ort näher anzusehen, an dem Trollocs und Schattenfreunde gelagert hatten. Und ein Blasser. Und etwas noch Schlimmeres.
Mat kletterte zu Fuß den Abhang hoch und stolzierte auf den Lagerplatz. »Sieht so ein Lager von Schattenfreunden aus? Stinkt ein bißchen, aber ansonsten kann ich nicht sagen, daß es sich von denen anderer wesentlich unterscheidet.« Er trat nach einem der Aschehäufchen, wobei er ein Stück angesengten Knochen losriß. Er bückte sich und hob es auf. »Was essen Schattenfreunde? Sieht nicht wie ein Schafsknochen oder der einer Kuh aus.«
»Hier wurde gemordet«, sagte Hurin traurig. Er rieb sich die Nase mit einem Taschentuch. »Was geschah, war schlimmer noch als einfacher Mord.«
»Es waren Trollocs hier«, sagte Ingtar, und dabei sah er Mat offen an. »Ich denke, sie hatten wohl Hunger, und die Schattenfreunde waren gerade zur Hand.« Mat ließ den geschwärzten Knochen fallen. Er wirkte, als wolle er sich übergeben.
»Sie gehen jetzt nicht mehr Richtung Süden, Lord Ingtar«, sagte Hurin. Das brachte ihm die Aufmerksamkeit aller ein. Er zeigte zurück nach Nordosten. »Vielleicht haben sie sich entschlossen, doch zur Fäule zurückzukehren. Uns zu umgehen. Vielleicht wollten sie uns nur ablenken, indem sie nach Süden gingen.« Es klang aber nicht so, als glaube er selbst daran. Er schien verblüfft.
»Was sie auch versuchen«, fauchte Ingtar, »ich will sie jetzt in die Finger kriegen. Aufsitzen!«
Kaum eine Stunde später hielt Hurin erneut an. »Sie haben wieder die Richtung geändert, Lord Ingtar. Nach Süden. Und hier haben sie jemand anderes getötet.«
Im Einschnitt zwischen zwei Hügeln war keine Asche zu sehen, aber nach ein paar Minuten fanden sie die Leiche. Ein Mann, den sie zusammengerollt unter Büsche geschoben hatten. Sein Hinterkopf war eingeschlagen, und die Augen quollen unter der Wucht des Schlags noch immer heraus. Keiner erkannte ihn, obwohl er schienarische Kleidung trug.