»Wir werden unsere Zeit nicht damit verschwenden, Schattenfreunde zu beerdigen«, grollte Ingtar. »Wir reiten nach Süden.« Er folgte den eigenen Worten schon, kaum daß er sie ausgesprochen hatte.
Ansonsten verlief dieser Tag genau wie der vorhergegangene. Uno betrachtete die Spuren und was die anderen so liegengelassen hatten und sagte, sie hätten ein wenig Boden gutgemacht. Die Dämmerung kam, ohne daß sie Trollocs oder Schattenfreunde zu Gesicht bekommen hätten, und am nächsten Morgen fanden sie wieder ein verlassenes Nachtlager — in dem, wie Hurin behauptete, erneut ein Mord begangen worden war —, und die Richtung änderte sich ebenfalls wieder, diesmal nach Nordwesten. Weniger als zwei Stunden später fanden sie eine weitere Leiche, einen Mann, dessen Schädel von einer Axt gespalten war; die Richtung änderte sich schon wieder. Erneut nach Süden. Und, falls Uno die Spuren richtig deutete, hatten sie weiter aufgeholt. Bis zum Einbruch der Dunkelheit sahen sie wieder nur einige entfernte Bauernhöfe. Der nächste Tag brachte das gleiche: Richtungsänderungen, Mord und so weiter, und der darauffolgende wieder.
Jeder Tag brachte sie ihrer Beute ein wenig näher, doch Ingtar ging es nicht schnell genug. Er kochte ständig vor Wut. Einmal schlug er vor, einfach auf direktem Weg abzukürzen, als die Spuren wieder einmal morgens von einer Richtungsänderung zeugten — sicher würden sie die Spur wiederfinden, wenn sie erneut nach Süden zeigte, und damit mehr Zeit gewinnen —, aber bevor jemand etwas dagegen einwenden konnte, meinte er selbst, das sei ein schlechter Einfall gewesen, falls die Männer, die sie suchten, diesmal doch nicht nach Süden weiterritten. Er trieb alle zu noch größerer Eile an, wollte, daß sie früher aufbrachen und bis zur vollständigen Dunkelheit ritten. Er erinnerte sie an die Aufgabe, die ihnen die Amyrlin anvertraut hatte, nämlich das Horn von Valere zurückzugewinnen und sich durch nichts davon abbringen zu lassen. Er sprach von dem Ruhm, den sie dadurch erwerben würden, daß ihre Namen in die Geschichte und in die Erzählungen der Gaukler und die Lieder der Barden eingehen würden als diejenigen, die das Horn gefunden hatten. Er sprach unablässig, als könne er nicht mehr aufhören, und blickte in die Richtung, die ihnen die Spuren wiesen, als läge in ihnen all seine Hoffnung auf das Licht. Selbst Uno begann, ihn eigenartig berührt anzusehen.
Und so erreichten sie schließlich den Erinin.
Rands Meinung nach konnte man das eigentlich gar nicht als Dorf bezeichnen. Er saß zwischen Bäumen auf seinem Pferd und blickte hinauf zu einem halben Dutzend kleiner Häuser, deren mit Holzschindeln gedeckte Dächer bis fast zum Boden hinunterreichten. Der Weiler lag unter der Morgensonne auf einem Hügel über dem Fluß. Nur wenige Leute kamen hier jemals vorbei. Es war erst ein paar Stunden her, seit sie aufgebrochen waren, aber falls das übliche Muster wieder zutraf, hätten sie eigentlich längst die Überreste der Lagerstätte der Schattenfreunde finden müssen. Aber sie waren auf nichts dergleichen gestoßen.
Der Fluß selbst wirkte nicht wie der gewaltige Erinin der Sage. Natürlich befanden sie sich nicht sehr weit von seiner Quelle am Rückgrat der Welt entfernt. Es waren vielleicht sechzig Schritte über das schnell strömende Wasser hinweg bis zum anderen Ufer, an dem sich eine Kette von Bäumen entlangzog. Eine wie ein großer Kahn wirkende Fähre an einem starken Tau bot die einzige Möglichkeit, den Fluß zu überqueren. Das Fährboot lag festgezurrt auf der anderen Seite des Flusses.
Zum ersten Mal hatte sie die Spur geradewegs zu menschlichen Behausungen geführt. Direkt auf die Häuser auf dem Hügel zu. Auf dem einzigen Feldweg, um den sich die Behausungen gruppierten, bewegte sich nichts.
»Eine Falle, Lord Ingtar?« fragte Uno leise.
Ingtar gab die notwendigen Befehle aus, und die Schienarer holten ihre Lanzen aus den langen Lederrohren und verteilten sich rund um die Häuser herum. Auf ein Handzeichen Ingtars hin galoppierten sie aus allen Richtungen gleichzeitig zwischen die Häuser, donnerten mit suchenden Blicken hinein, die Lanzen stoßbereit, während die Hufe ihrer Pferde Staub aufwirbelten. Dann hielten sie an, und der Staub sank allmählich nieder.
Rand steckte den Pfeil, den er bereits aufgelegt gehabt hatte, in den Köcher zurück und hängte sich den Bogen wieder um. Mat und Perrin taten es ihm nach. Loial und Hurin hatten nur einfach an dem Fleck gewartet, an dem Ingtar sie zurückgelassen hatte. Sie beobachteten unruhig die Szenerie.
Ingtar winkte, und Rand und die anderen ritten zu den Schienarern hinüber.
»Mir gefällt der Geruch hier nicht«, murmelte Perrin, als sie zwischen die Häuser ritten. Hurin sah ihn scharf an, und er erwiderte den Blick, bis Hurin die Augen senkte. »Es riecht irgendwie falsch.«
»Die blutigen Schattenfreunde und Trollocs sind geradewegs hier durchgeritten, Lord Ingtar«, sagte Uno und deutete auf ein paar übriggebliebene Spuren, die noch nicht von den Schienarern zertrampelt worden waren. »Gerade durch zu der verfluchten Fähre, und die haben sie, verdammt noch mal, auf der anderen Seite zurückgelassen. Blut und blutige Asche! Wir haben noch ein Schweineglück, daß sie sie nicht losmachten und den Fluß runter treiben ließen.«
»Wo sind die Leute, die hier wohnen?« fragte Loial.
Die Türen standen offen, in den offenen Fenstern flatterten die Gardinen, aber trotz des Donnerns der Pferdehufe war niemand herausgetreten.
»Durchsucht die Häuser«, befahl Ingtar. Die Männer stiegen ab und rannten hinein, doch als sie zurückkamen, schüttelten sie die Köpfe.
»Sie sind weg, Lord Ingtar«, sagte Uno. »Verdammt noch mal einfach weg, mag mich das Licht versengen! Als hätten sie sich entschlossen, mir nichts, dir nichts am hellichten Tag wegzulaufen.« Plötzlich hielt er inne und deutete eindringlich auf ein Haus hinter Ingtar. »Da ist eine Frau an dem Fenster. Wie ich die verdammt noch mal übersehen konnte...?« Er rannte auf das Haus zu, bevor irgend jemand anders sich nur rühren konnte.
»Erschreckt sie nicht!« rief Ingtar. »Uno, wir brauchen Informationen. Das Licht soll dich versengen, Uno, erschreck sie ja nicht!« Der Einäugige verschwand durch die offene Tür. Ingtar erhob die Stimme wieder. »Wir wollen Euch nichts antun, gute Frau! Wir sind Männer von Lord Agelmar, aus Fal Dara. Habt keine Angst! Wir werden Euch nichts tun!«
Ein Fenster ganz oben im Haus flog auf, und Uno steckte den Kopf hinaus und blickte sich wild um. Mit einem Fluch zog er sich wieder zurück. Stampfen und Klappern begleiteten seinen Rückweg, als zertrampele er wütend irgendwelche Gegenstände. Schließlich erschien er in der Tür.
»Weg, Lord Ingtar. Aber sie war da. Eine Frau in einem weißen Kleid war am Fenster. Ich habe sie gesehen. Ich dachte sogar einen Moment lang, ich hätte sie drinnen gesehen, aber dann war sie weg und... « Er atmete tief durch. »Das Haus ist leer, Lord Ingtar.« Das Maß seiner Erregung wurde dadurch deutlich, daß er einmal nicht fluchte.
»Vorhänge«, äußerte sich Mat dazu. »Er erschrickt, weil ein paar verdammte Vorhänge durch die Gegend wehen.« Uno sah ihn scharf an und kehrte dann zu seinem Pferd zurück.
»Wohin sind sie verschwunden?« fragte Rand Loial. »Glaubst du, sie sind weggerannt, als die Schattenfreunde kamen?« Und die Trollocs und ein Myrddraal. Und das, was Hurin als noch schlimmer bezeichnet. Schlaue Leute, falls sie so schnell wegrannten, wie sie nur konnten.
»Ich fürchte, die Schattenfreunde haben sie mitgenommen, Rand«, sagte Loial zögernd. Er verzog das Gesicht. Bei seiner breiten Nase, die ein wenig wie ein Rüssel wirkte, war das schon beinahe eine wütende Fratze. »Für die Trollocs.« Rand schluckte und bereute, daß er die Frage gestellt hatte. Es war kein angenehmes Gefühl, sich vorzustellen, was die Trollocs fraßen.
»Was auch hier geschehen sein mag«, sagte Ingtar, »so haben es in jedem Fall die Schattenfreunde zu verantworten. Hurin, wurde hier Gewalt angewandt? Wurde getötet? Hurin?«