Der Schnüffler fuhr zusammen und blickte sich erschreckt um. Er hatte über den Fluß hinweggeblickt. »Gewalt, Lord Ingtar? Ja. Getötet wurde niemand. Oder nicht direkt.« Er sah Perrin aus den Augenwinkeln an. »Ich habe so was noch nie zuvor gerochen, Lord Ingtar. Aber verletzt wurden schon welche.«
»Gibt es Zweifel daran, daß sie den Fluß überquert haben? Oder sind sie wieder auf der eigenen Spur ein Stück zurückgeritten?«
»Sie sind drüben, Lord Ingtar.« Hurin blickte nervös zum anderen Ufer hinüber. »Sie haben ihn überquert. Aber was sie auf der anderen Seite gemacht haben...?« Er zuckte die Achseln.
Ingtar nickte. »Uno, ich brauche diese Fähre auf unserer Seite. Und ich will, daß Kundschafter sich drüben umschauen, bevor wir den Fluß überqueren. Nur weil hier keine Falle auf uns lauerte, heißt das nicht, daß es dort keine gibt, wenn wir uns bei der Überquerung aufteilen müssen. Die Fähre sieht nicht groß genug aus, um uns alle auf einmal hinüberzubringen. Kümmere dich also darum.«
Uno verbeugte sich, und Augenblicke später halfen sich Ragan und Masema gegenseitig aus den Rüstungen. Bis auf den Lendenschurz entkleidet und mit einem Dolch bewaffnet, der hinten an diesem befestigt war, trabten sie auf krummen Reiterbeinen zum Flußufer und wateten ins Wasser. Sie zogen sich mit den Händen an dem dicken Fährtau entlang. Das Tau hing in der Mitte weit genug durch, um sie bis an die Hüften im Wasser stehen zu lassen, und die Strömung war stark. Sie zog sie flußabwärts, doch schneller als Rand geglaubt hatte, stemmten sie sich über die rauhen Bordwände der Fähre. Sie zogen ihre Dolche und verschwanden unter den Bäumen.
Nach einer Weile, die wie eine Ewigkeit erschien, tauchten die beiden Männer wieder auf und machten sich daran, die Fähre langsam herüberzuziehen. Der Kahn stieß unterhalb des Dorfes ans Ufer, und Masema vertäute ihn, während Ragan zu Ingtar hinauftrabte. Sein Gesicht war bleich. Die Pfeilnarbe auf seiner Wange trat deutlich heraus. Er wirkte erschüttert, als er sprach: »Das andere Ufer... Es gibt dort keinen Hinterhalt, Lord Ingtar, aber... « Er verbeugte sich tief, immer noch klatschnaß und zitternd. »Lord Ingtar, Ihr müßt das selbst sehen. Die große Steineiche, fünfzig Schritt südlich des Landestegs.
Ich kann es nicht sagen. Ihr müßt es selbst sehen.«
Ingtar runzelte die Stirn und blickte erst Ragan und dann das ferne Ufer an. Schließlich sagte er: »Ihr habt eure Sache gut gemacht, Ragan. Ihr beide.« Seine Stimme wurde schärfer. »Uno, hole diesen Männern etwas aus den Häusern, um sich abzutrocknen. Und schau nach, ob jemand Teewasser aufgesetzt hatte. Gib ihnen etwas Heißes zu trinken, wenn es geht. Dann bringe die zweite Gruppe und die Packpferde hinüber.« Er wandte sich Rand zu. »Also, seid Ihr bereit, das Südufer des Erinin zu sehen?« Er wartete nicht auf eine Antwort und ritt mit Hurin und der Hälfte der Lanzenträger zur Fähre hinunter.
Rand zögerte einen Moment und folgte ihnen dann. Loial kam mit ihm. Zu seiner Überraschung ritt Perrin vor ihnen. Er blickte grimmig drein. Einige der Lanzenträger stiegen unter groben Scherzen ab, um das Tau zu ziehen und so die Fähre hinüberzubringen.
Mat wartete bis zur letzten Minute, als einer der Schienarer bereits die Fähre losband, doch dann gab er seinem Pferd die Fersen zu spüren und drängte sich an Bord. »Früher oder später muß ich doch kommen, oder?« sagte er atemlos, ohne jemand Bestimmtes anzusprechen. »Ich muß ihn finden.«
Rand schüttelte den Kopf. Da Mat so gesund wie früher wirkte, hatte er beinahe vergessen, warum Mat mitgekommen war. Um den Dolch zu finden. Überlasse Ingtar das Horn. Ich will nur den Dolch für Mat haben. »Wir werden ihn finden, Mat.«
Mat sah ihn finster an — mit einem höhnischen Seitenblick auf seinen guten roten Mantel — und wandte sich ab. Rand seufzte.
»Es wird sich alles wieder einrenken, Rand«, sagte Loial leise. »Irgendwie geht das schon.«
Die Strömung zerrte an der Fähre, als sie vom Ufer weggezogen wurde. Sie drückte sie unter hartem Quietschen gegen das Tau. Die Lanzenträger wirkten als Fährleute schon sehr eigenartig. Sie marschierten mit Helm und Rüstung und Schwertern auf dem Rücken über das Deck, aber auch so brachten sie die Fähre gut auf den Fluß hinaus.
»Auf diese Art haben wir unsere Heimat verlassen«, sagte Perrin plötzlich. »In Taren-Fähre. Die schweren Stiefeltritte der Fährleute an Deck und das Glucksen des Wassers um die Fähre herum. So verließen wir die Heimat. Diesmal wird es schlimmer.«
»Wie kann es noch schlimmer werden?« fragte Rand. Perrin antwortete nicht. Er suchte mit Blicken das andere Ufer ab, und seine goldenen Augen schienen fast zu glühen, doch nicht vor Eifer.
Nach einer Minute fragte auch Mat: »Wie kann es noch schlimmer kommen?«
»Es wird schlimmer. Ich kann es riechen«, war alles, was Perrin zu sagen bereit war. Hurin beäugte ihn nervös, aber andererseits sah Hurin alles und jeden beunruhigt an, seit sie Fal Dara verlassen hatten.
Die Fähre prallte mit einem hohlen, dumpfen Geräusch vom Aufschlag fester Planken auf zähen Ton beinahe schon unter den überhängenden Zweigen der Bäume auf das Südufer, und die Schienarer, die pausenlos an dem Tau gezogen hatten, stiegen wieder auf ihre Pferde. Nur zwei blieben zurück. Ingtar hatte ihnen befohlen, die Fähre wieder zurückzubringen, um die anderen abzuholen. Der Rest folgte Ingtar die Uferböschung hinauf.
»Fünfzig Schritt zu einer großen Steineiche«, sagte Ingtar, als sie in den Wald hineinritten. Seine Stimme klang etwas zu unbeteiligt. Wenn schon Ragan nicht darüber sprechen konnte... Einige der Soldaten lockerten die Schwerter auf ihren Rücken und hielten die Lanzen stoßbereit.
Zuerst glaubte Rand, die Gestalten, die an ihren Armen von den dicken grauen Ästen der Steineiche hingen, seien Vogelscheuchen. Rote Vogelscheuchen. Dann erkannte er die beiden Gesichter. Changu und der andere Mann, der mit ihm zusammen auf Wache gewesen war. Nidao. Die Augen weit aufgerissen, die Zähne in erstarrtem Schmerz gebleckt. Sie hatten noch lange Zeit gelebt, nachdem die Greueltat begonnen hatte.
Perrin stieß eine Art tiefes Grollen aus. »Das Schlimmste, was ich je gesehen habe, Lord Ingtar«, sagte Hurin mit schwacher Stimme. »Das Schlimmste was ich je gerochen habe, außer an jenem Abend im Kerker von Fal Dara.«
Verzweifelt suchte Rand das Nichts in seinem Inneren. Die Flamme schien ihm immer im Weg zu sein. Das fahle Licht flackerte im Rhythmus seines krampfartigen Würgens, doch er kämpfte sich hindurch, und schließlich war er ganz in Leere gehüllt. Das Schwindelgefühl pulsierte innerhalb des Nichts in seinem Inneren. Diesmal also nicht draußen, sondern drinnen. Kein Wunder, wenn man so etwas sehen muß. Der Gedanke hüpfte über das Nichts wie ein Wassertropfen in einer heißen Pfanne. Was hat man mit ihnen gemacht?
»Man hat ihnen die Haut bei lebendigem Leib abgezogen«, sagte jemand hinter ihm, und außerdem hörte er, wie sich jemand übergab. Er glaubte, es sei Mat, doch alles war weit von ihm entfernt. Er befand sich im Nichts. Nur daß auch dieses ekelhafte Schwindelgefühl bei ihm war. Er hatte das Gefühl, er müsse sich ebenfalls übergeben.
»Schneidet sie ab«, sagte Ingtar mit rauher Stimme. Er zögerte einen Moment und fügte dann hinzu: »Begrabt sie. Wir können nicht sicher sein, daß sie wirklich Schattenfreunde waren. Sie könnten auch deren Gefangene gewesen sein. Es könnte sein. Laßt sie die letzte Umarmung der Mutter noch fühlen.« Männer ritten mit zögernd gezogenen Messern hin. Selbst für die schlachtgewohnten Schienarer war das keine leichte Aufgabe — die gehäuteten Leichen von Männern abzuschneiden, die sie gekannt hatten.
»Geht es Euch soweit gut, Rand?« fragte Ingtar. »Ich bin an so etwas auch nicht gewöhnt.«