Выбрать главу

»Alles, was ich verdammt noch mal sagen will«, hörte er Uno beim Absitzen zu Ragan sagen, »ist die Tatsache, daß ich sie verflucht noch mal gesehen habe, Licht verseng dich! Just bevor wir diesen ziegenküssenden Halbmenschen gefunden haben. Die gleiche verflammte Frau wie bei der verflammten Fähre. Sie war da, und dann war sie auf einmal, verflucht, nicht mehr da. Du kannst sagen, was du verdammt noch mal willst, aber paß auf, wie du das verflammt sagst, oder ich zieh dir das verfluchte Fell selbst über die Ohren und verbrenn deine ziegenküssende Haut, du schafsgesichtiger Milchtrinker!«

Rand stand da, einen Fuß auf dem Boden und den anderen noch in der Luft. Die gleiche Frau? Aber es gab keine Frau an der Fähre, nur ein paar Vorhänge, die vom

Wind bewegt wurden. Und wenn es sie gäbe, könnte sie das Dorf doch nicht vor uns erreicht haben. Das Dorf...

Er scheute sich vor dem Weiterspinnen dieses Gedankens. Noch mehr als den an die Tür genagelten Blassen wollte er dieses Zimmer und die Fliegen und die Menschen vergessen, die sich dort befanden und auch wieder nicht. Der Halbmensch war Wirklichkeit gewesen — jeder konnte das sehen —, aber dieses Zimmer... Vielleicht werde ich nun tatsächlich verrückt. Er wünschte, Moiraine wäre da, und er könnte mit ihr sprechen. Möchte eine Aes Sedai sehen. Du bist wirklich ein Narr. Endlich hast du das hinter dir, also laß es auch sein! Aber habe ich es tatsächlich hinter mir? Was ist dort geschehen?

»Packpferde und Vorräte in die Mitte!« befahl Ingtar, als die Lanzenträger sich daran machten, das Lager zu errichten. »Reibt die Pferde ab, und dann sattelt sie wieder, falls wir schnell weg müssen. Jeder Mann schläft neben seinem Reittier und heute abend werden keine Feuer entzündet. Die Wache wechselt alle zwei Stunden. Uno, ich will Kundschafter dort draußen haben. Sie sollen reiten, so weit sie können, wenn sie bei Einbruch der Dunkelheit zurück sein sollen. Ich will wissen, was dort draußen los ist.«

Er fühlt es auch, dachte Rand. Es sind nicht nur ein paar Schattenfreunde und Trollocs und vielleicht noch ein Blasser. Nur ein paar Schattenfreunde und Trollocs und vielleicht noch ein Blasser! Vor nur wenigen Tagen hätte es davor kein ›nur‹ gegeben. Zu jener Zeit hätten sogar in den Grenzlanden, weniger als einen Tagesritt von der Fäule entfernt, Schattenfreunde und Trollocs und Myrddraal gereicht, um einem Mann Alpträume zu bescheren. Bevor er einen Myrddraal sah, den man an eine Tür genagelt hatte. Wer im Licht konnte so etwas fertigbringen? Oder wer nicht im Licht? Bevor er in ein Zimmer eingetreten war, wo einer Familie das Abendessen und das Lachen abgeschnitten worden waren. Ich muß mir das eingebildet haben. Bestimmt. Das klang selbst in seinen eigenen Gedanken nicht überzeugend. Er hatte auch den Wind auf der Turmspitze nicht vorhergesehen oder daß die Amyrlin sagte...

»Rand?« Er fuhr zusammen, als Ingtar ihn aus nächster Nähe ansprach. »Werdet Ihr die ganze Nacht damit verbringen, auf einem Bein stehenzubleiben?«

Rand setzte den Fuß auf den Boden. »Ingtar, was ist dort hinten in dem Dorf geschehen?«

»Die Trollocs haben sie mitgenommen, genau wie die Leute aus dem Dorf an der Fähre. Das ist geschehen. Der Blasse... « Ingtar zuckte die Achseln und blickte hinunter auf ein flaches, in Segeltuch gehülltes, quadratisches großes Bündel. Er sah es an, als erblicke er dort verborgene Geheimnisse, die er lieber nicht lüften wollte. »Die Trollocs haben sie als Lebensmittelvorrat mitgenommen. Das tun sie manchmal auch in den Dörfern und auf Bauernhöfen in der Nähe der Fäule, wenn ihnen bei Nacht ein Vorstoß über die Grenzen gelingt. Manchmal können wir die Menschen zurückholen, manchmal nicht. Manchmal holen wir sie zurück und wünschen beinahe, wir hätten es nicht getan. Die Trollocs töten sie gelegentlich nicht gleich, wenn sie mit dem Schlachten beginnen. Und die Halbmenschen machen sich auch mal ihren — Spaß. Das ist noch schlimmer als das, was die Trollocs tun.« Seine Stimme klang so fest, als beschreibe er ganz alltägliche Dinge, na ja, und vielleicht war es auch so, jedenfalls für einen Soldaten aus Schienar.

Rand atmete tief ein, um seinen Magen zu beruhigen.

»Der Blasse dort hinten hat sich keinen Spaß mehr erlaubt, Ingtar. Wer mag einen Myrddraal lebendig an eine Tür nageln?«

Ingtar zögerte, schüttelte den Kopf und schob Rand das große Bündel zu. »Hier, Moiraine Sedai trug mir auf, Euch das im ersten Lager südlich des Erinin zu übergeben. Ich weiß nicht, was darin ist, aber sie sagte, Ihr werdet es benötigen. Sie sagte, ich solle Euch mahnen, es sorgfältig zu behüten; Euer Leben könne davon abhängen.«

Rand nahm es nur zögernd; bei der Berührung der Segeltuchhülle prickelte seine Haut. Drinnen war etwas Weiches. Vielleicht aus Stoff. Er hielt das Bündel vorsichtig. Er denkt auch lieber nicht über den Myrddraal nach. Was ist in diesem Zimmer geschehen? Ihm wurde plötzlich klar, daß es ihm immer noch lieber war, an den Blassen und sogar an dieses Zimmer zu denken, als daran, was Moiraine ihm geschickt haben mochte.

»Man hat mir ebenfalls aufgetragen, Euch zu sagen, daß die Lanzenträger Eurem Befehl gehorchen werden, falls mir etwas geschieht.«

»Mir?« keuchte Rand und vergaß das Bündel und alles andere. Ingtar begegnete seinem ungläubigen Blick mit einem gelassenen Nicken. »Aber das ist doch verrückt! Ich habe noch nie etwas anderes angeführt als eine Herde Schafe, Ingtar. Sie würden mir sowieso nicht gehorchen. Außerdem kann Moiraine Euch doch nicht vorschreiben, wer Euer Stellvertreter ist. Das ist doch Uno.«

»Uno und ich wurden am Morgen vor unserer Abreise zu Lord Agelmar gerufen. Moiraine Sedai war auch dabei. Doch Lord Agelmar hat mir diesen Befehl erteilt. Ihr seid mein Stellvertreter, Rand.«

»Aber warum, Ingtar? Warum?« Moiraine hatte ganz klar ersichtlich dabei die Hand im Spiel gehabt und die Amyrlin wohl auch. Sie stießen ihn einfach auf den Weg, den sie für ihn erwählt hatten, aber er hatte trotzdem diese Frage stellen müssen.

Der Schienarer schien es auch nicht zu verstehen, aber er war Soldat und in diesem endlosen Krieg am Rande der Fäule an eigenartige Befehle gewöhnt. »Ich hörte aus den Frauenquartieren Gerüchte, Ihr wärt in Wirklichkeit ein... «

Er spreizte die Hände in den dicken Handschuhen. »Spielt keine Rolle. Ich weiß, daß Ihr es bestreitet. Genauso wie Ihr Euer eigenes Aussehen bestreitet. Moiraine Sedai sagt, Ihr seid ein Schäfer, aber ich habe noch nie einen Schäfer mit einem Reiherschwert gesehen. Macht nichts. Ich behaupte ja nicht, daß ich Euch als meinen Stellvertreter ausgewählt hätte, aber ich glaube, Ihr habt die Fähigkeit, das zu tun, was notwendig ist. Wenn es sich als nötig erweist, werdet Ihr Eure Pflicht tun.«

Rand wollte eigentlich sagen, das gehöre gewiß nicht zu seinen Pflichten, doch statt dessen sagte er: »Uno weiß davon. Wer noch, Ingtar?«

»Alle Lanzenträger. Wenn wir Schienarer ins Feld ziehen, weiß jeder, wer der nächste sein wird, falls der Kommandant fällt. Diese Kette zieht sich ohne Unterbrechung bis zum letzten noch verbleibenden Mann, selbst wenn er nur ein Pferdeknecht ist. Seht Ihr, auf diese Art — auch falls er wirklich der allerletzte ist — betrachtet man ihn nicht nur als einen flüchtenden Nachzügler, der lediglich am Leben zu bleiben versucht. Er führt das Kommando und die Pflicht hält ihn dazu an, das zu tun, was notwendig ist. Falls ich mich in die letzte Umarmung der Mutter begebe, fällt diese Pflicht an Euch. Ihr werdet dann das Horn finden und es dorthin bringen, wohin es gehört. Das werdet Ihr tun.« Ingtar betonte diese letzten Worte so eigenartig.