Das Bündel in Rands Armen erschien ihm bleischwer. Licht, sie kann dreihundert Meilen weit entfernt sein, und doch streckt sie die Hand aus und zieht an meiner Leine. Hierhin, Rand. Dorthin. Du bist der Wiedergeborene Drache, Rand. »Ich will diese Pflicht nicht, Ingtar. Ich kann das nicht annehmen. Licht, ich bin doch nur ein Schäfer! Warum glaubt mir das keiner?«
»Ihr werdet Eure Pflicht tun, Rand. Wenn der Mann an der Spitze versagt, fällt alles unter ihm auseinander. Es zerfällt schon zuviel. Viel zuviel. Der Friede möge Eurem Schwert hold sein, Rand al'Thor.«
»Ingtar, ich...« Aber Ingtar ging weiter und rief nach Uno, um festzustellen, ob er seine Kundschafter bereits ausgesandt hatte.
Rand sah auf das Bündel in seinem Arm hinunter und leckte sich die Lippen. Er ahnte, was darin war. Einerseits wollte er nachsehen, andererseits hätte er es gern ungeöffnet ins Feuer geworfen. Er überlegte sich, daß er das vielleicht wirklich tun sollte, falls er die Garantie hatte, daß der Inhalt verbrannte, ohne für die anderen sichtbar zu werden; falls er die Garantie hatte, daß der Inhalt überhaupt verbrennen würde. Aber hier konnte er nicht nachsehen. Zu viele fremde Augen konnten zuschauen.
Er blickte sich im Lager um. Die Schienarer luden das Gepäck von den Packpferden ab, und man gab bereits ein kaltes Abendessen aus Trockenfleisch und Fladenbrot aus. Mat und Perrin versorgten ihre Pferde, und Loial saß auf einem Stein und las in einem Buch. Seine langstielige Pfeife hatte er zwischen die Zähne geklemmt, und eine dünne Rauchfahne erhob sich über seinen Kopf. Rand packte das Bündel so fest, als fürchte er, es fallen zu lassen, und schlich sich zwischen die Bäume.
In einer kleinen von dichtbelaubten Zweigen überwucherten Lichtung kniete er nieder und legte das Bündel auf den Boden. Eine Weile starrte er es nur an. Das hätte sie nicht getan. Bestimmt nicht. Eine kleine Stimme aus seinem Inneren antwortete: Aber sicher doch. Das könnte und würde sie tun. Schließlich machte er sich daran, die kleinen Knoten in der Packschnur zu lösen. Saubere Knoten, so dicht geknüpft, daß sie ganz eindeutig nach Moiraines Handarbeit aussahen; kein Diener hätte das an ihrer Statt so machen können. Sie hätte es auch nicht gewagt, den Inhalt in Gegenwart von Dienern zu zeigen.
Als er die letzte Schnur gelöst hatte, öffnete er das Bündel mit tauben Händen und blickte den Inhalt an. Er schien Staub im Mund zu haben. Der Inhalt bestand nur aus einem Stück, weder gewoben noch gefärbt, noch bemalt. Eine Flagge, weiß wie Schnee, groß genug, daß man sie über ein ganzes Schlachtfeld hinweg sehen konnte. Und darüber bewegte sich eine sich schlängelnde Gestalt wie eine Schlange mit goldenen und roten Schuppen, eine Schlange jedoch, die vier geschuppte Beine besaß, jedes mit fünf goldenen Klauen bewehrt, eine Schlange mit Augen wie die Sonne und der goldenen Mähne eines Löwen. Er hatte das schon einmal zuvor gesehen, und Moiraine hatte ihm erklärt, was es war: das Banner von Lews Therin Telamon, Lews Therin Brudermörder, im Schattenkrieg. Das Banner des Drachen.
»Schau dir das an! Schau, was er jetzt wieder hat!« Mat platzte in die kleine Lichtung hinein, und Perrin kam etwas langsamer hinterher. »Zuerst kostbare Mäntel«, fauchte Mat, »und jetzt noch eine eigene Flagge! Jetzt wird er sich endlos damit großtun wollen... « Mat kam nahe genug, um die Flagge klar zu erkennen, und der Mund klappte ihm herunter. »Licht!« Er stolperte einen Schritt nach hinten. »Seng mich!« Auch er war dabei gewesen, als Moiraine die Bedeutung des Banners erklärt hatte. Genau wie Perrin.
In Rand stieg Zorn auf, Zorn auf Moiraine und die Amyrlin, die ihn hin und her schoben. Er packte die Flagge mit beiden Händen und schüttelte sie in Mats Richtung. Die Worte barsten unkontrolliert aus ihm heraus: »Es stimmt! Das Banner des Drachen!« Mat trat noch einen Schritt zurück. »Moiraine will mich zu einer Marionette Tar Valons machen, einen falschen Drachen für die Aes Sedai. Sie will mir das aufzwingen, ganz gleich, ob ich will oder nicht. Aber-ich-lasse-mich-nicht-benutzen!«
Mat stand mit dem Rücken an einem Baumstamm. »Ein falscher Drache?« Er schluckte. »Du? Das ist... Das ist verrückt.«
Perrin hatte sich nicht zurückgezogen. Er hockte da, die kräftigen Arme auf die Knie gestützt, und betrachtete Rand mit diesen strahlend goldenen Augen. Sie schienen in der Abendsonne richtig zu leuchten. »Falls die Aes Sedai dich als falschen Drachen benutzen wollen... « Er unterbrach sich, runzelte die Stirn und überdachte alles erst einmal. Schließlich fragte er leise: »Rand, kannst du die Eine Macht kontrollieren?« Mat stieß einen erstickten Laut aus.
Rand ließ die Flagge fallen. Er zögerte nur für einen Moment und nickte dann erschöpft. »Ich habe nicht darum gebeten. Ich will es nicht. Aber... aber ich glaube nicht, daß ich es irgendwie aufhalten kann.« Ungebeten kam ihm das Zimmer mit den Fliegen wieder ins Gedächtnis. »Ich glaube auch nicht, daß sie mich aufhören lassen.«
»Seng mich!« hauchte Mat. »Blut und blutige Asche! Sie werden uns umbringen, ist Euch das klar? Uns alle. Perrin und mich genau wie dich. Wenn Ingtar und die anderen das herausfinden, schneiden sie uns als Schattenfreunden die blutigen Kehlen durch. Licht, sie werden vielleicht sogar glauben, wir hätten mitgewirkt, das Horn zu stehlen und diese Leute in Fal Dara zu töten.«
»Halt den Mund, Mat!« befahl Perrin gelassen.
»Sag mir nicht, ich soll den Mund halten. Wenn Ingtar uns nicht umbringt, wird Rand verrückt und erledigt das für ihn. Seng mich! Seng mich!« Mat rutschte an dem Baumstamm entlang nach unten und setzte sich auf den Boden. »Warum haben sie dich nicht gedämpft? Wenn die Aes Sedai Bescheid wußten, warum haben sie dich dann nicht gedämpft? Ich habe niemals gehört, daß sie einen Mann laufen ließen, der die Eine Macht kontrollieren konnte.«
»Sie wissen es auch nicht alle«, seufzte Rand. »Die Amyrlin... «
»Die Amyrlin! Sie weiß Bescheid? Licht, kein Wunder, daß sie mich so komisch angeschaut hat.«
»... und Moiraine sagten mir, ich sei der Wiedergeborene Drache und dann sagten sie, ich könne gehen, wohin ich wolle. Siehst du, Mat? Sie wollen mich benutzen.«
»Das ändert nichts daran, daß du die Eine Macht lenken kannst«, murmelte Mat. »Wenn ich du wäre, wäre ich mittlerweile schon bald am Aryth-Meer. Und ich würde nicht ruhen, bis ich einen Ort gefunden hätte, an dem es keine Aes Sedai gibt und wahrscheinlich auch nie geben wird. Und überhaupt keine Menschen. Ich meine... Na ja.«
»Halt endlich den Mund, Mat!« verlangte Perrin.
»Warum bist du nun eigentlich hier, Rand? Je länger du dich bei irgendwelchen Leuten aufhältst, desto wahrscheinlicher ist es, daß jemand es herausfindet und den Aes Sedai verrät. Aes Sedai, die nicht sagen, du sollst einfach weiter deinen Geschäften nachgehen.« Er hielt inne und kratzte sich am Kopf. »Und Mat hat recht in bezug auf Ingtar. Ich habe keinen Zweifel daran, daß er dich als Schattenfreund bezeichnen und dich töten würde. Vielleicht würde er auch uns alle töten. Er scheint dich zu mögen, aber ich glaube, er täte es trotzdem. Ein falscher Drache? Die anderen täten es auch. Masema wird nicht lange nach Ausreden suchen — in deinem Fall. Also, warum bist du noch nicht weg?«
Rand zuckte die Achseln. »Ich wollte ja, aber dann kam die Amyrlin, anschließend wurde das Horn gestohlen und der Dolch, und Moiraine sagte, Mat müsse sterben, und... Licht, ich glaubte, ich könne wenigstens so lange bei Euch bleiben, bis wir den Dolch finden. Ich wollte dabei helfen. Vielleicht war das falsch.«
»Du bist des Dolches wegen mitgekommen?« fragte Mat leise. Er rieb sich die Nase und verzog das Gesicht. »Daran hätte ich nie gedacht. Ich hätte nie geglaubt, du wolltest... Aaaah! Fühlst du dich gut? Ich meine, du wirst doch wohl noch nicht verrückt, oder?«