Rand pickte ein Steinchen aus dem Boden und warf es nach ihm. »Autsch!« Mat rieb sich zur Abwechslung den Arm. »Ich habe doch nur gefragt. Ich meine, na ja, diese vornehmen Kleider und das ganze Geschwätz von wegen, du seist ein Lord. Da stimmt doch im Kopf was nicht.«
»Ich habe versucht, Euch loszuwerden, du Hohlkopf! Ich fürchtete, ich würde verrückt und würde Euch etwas antun.« Sein Blick fiel wieder auf die Flagge, und seine Stimme senkte sich. »Das wird wohl auch geschehen, wenn ich es nicht aufhalten kann. Licht, ich weiß doch nicht, wie ich das anstellen soll.«
»Davor habe ich Angst«, sagte Mat und stand auf. »Nicht böse sein, Rand, aber wenn du nichts dagegen hast, werde ich von dir so weit entfernt wie möglich schlafen. Falls du bleibst. Ich hörte einmal von einem Burschen, der die Macht lenken konnte. Der Leibwächter von einem Kaufmann hat mir davon erzählt. Bevor ihn die Roten Ajah fanden, wachte er eines Morgens auf, und sein ganzes Dorf war plattgewalzt. Alle Häuser, alle Leute, alles bis auf das Bett, in dem er schlief, so, als sei ein Berg über sie hinweggerollt.«
Perrin sagte: »In diesem Fall, Mat, schliefe ich gleich neben ihm.«
»Vielleicht bin ich ein Narr, aber ich will wenigstens ein lebendiger Narr bleiben.« Mat zögerte und sah Rand von der Seite an. »Schau mal, ich weiß, daß du meinetwegen mitgekommen bist und mir helfen wolltest, und ich bin ja auch dankbar dafür. Wirklich. Aber du bist einfach nicht mehr der gleiche. Das verstehst du doch, oder?« Er wartete, als erwarte er eine Antwort. Es kam keine. Schließlich verzog er sich zwischen die Bäume in Richtung Lager.
»Wie steht's mit dir?« fragte Rand.
Perrin schüttelte den Kopf, daß die zerzausten Locken flogen. »Ich weiß nicht, Rand. Du bist noch der gleiche und dann doch wieder nicht. Ein Mann, der die Macht lenkt: Damit hat mir meine Mutter Angst eingejagt, als ich klein war. Ich weiß einfach nicht.« Er streckte die Hand aus und berührte eine Ecke der Flagge. »Ich glaube, die würde ich verbrennen oder vergraben, wenn ich du wäre. Und dann würde ich so schnell und so weit wegrennen, daß mich keine Aes Sedai jemals finden könnte. Da hat Mat schon recht.« Er stand auf und blinzelte zum Himmel im Westen hinauf, der sich im Licht der sinkenden Sonne rot zu färben begann. »Zeit, zum Lager zurückzukehren. Denk darüber nach, was ich dir gesagt habe, Rand. Ich würde abhauen. Aber vielleicht kannst du das nicht. Denk auch darüber nach.« Seine gelben Augen schienen nach innen zu blicken und er hörte sich müde an. »Manchmal kann man nicht wegrennen.« Dann war auch er weg.
Rand kniete da und sah auf die am Boden ausgebreitete Flagge hinunter. »Na ja, manchmal kann man schon weglaufen«, murmelte er. »Aber vielleicht hat sie mir die mitgegeben, damit ich wegrenne. Vielleicht hat sie dafür gesorgt, daß irgend etwas auf mich wartet, wenn ich weglaufe. Ich werde jedenfalls nicht tun, was sie von mir will. Bestimmt nicht. Ich werde sie einfach hier vergraben. Aber sie sagte, mein Leben könnte davon abhängen, und die Aes Sedai lügen nie offensichtlich... « Plötzlich schüttelte sich sein Körper in lautlosem Lachen. »Jetzt führe ich schon Selbstgespräche. Vielleicht werde ich wirklich verrückt.«
Als er zum Lager zurückkehrte, trug er die wieder in Segeltuch gehüllte Flagge mit sich. Er hatte sie allerdings mit weniger genauen Knoten zugeknüpft als Moiraine.
Es dämmerte, und der Schatten vom Rand der Mulde bedeckte die Hälfte des Lagers. Die Soldaten ließen sich mit ihren Pferden an der Seite nieder, die Lanzen gleich zur Hand. Mat und Perrin legten sich ebenfalls neben ihre Pferde. Rand sah sie traurig an und holte den Braunen, der noch immer mit hängenden Zügeln dort stand, wo er ihn zurückgelassen hatte. Er ging mit ihm zur anderen Seite der Mulde, wo sich Hurin Loial angeschlossen hatte. Der Ogier hatte das Lesen aufgegeben und untersuchte einen halb im Boden steckenden Stein, auf dem er gesessen hatte. Er fuhr mit dem langen Stiel seiner Pfeife etwas auf dem Stein nach.
Hurin stand auf und begrüßte Rand mit einer Körperbewegung, die einer Verbeugung ähnelte. »Ich hoffe, Ihr habt nichts dagegen, daß ich hier mein Bett aufschlage, Lord... äh... Rand. Ich habe nur dem Erbauer hier zugehört.«
»Da bist du ja, Rand«, sagte Loial. »Weißt du, ich glaube, dieser Stein wurde einst bearbeitet. Sieh mal, er ist verwittert, aber er scheint Teil einer Säule gewesen zu sein. Und es gibt auch Markierungen darauf. Ich kann sie nicht ganz erkennen, aber sie kommen mir auch irgendwie bekannt vor.«
»Vielleicht kannst du sie am Morgen besser erkennen«, sagte Rand. Er zog die Satteltaschen von seinem Pferd. »Ich freue mich über Eure Gesellschaft, Hurin.« Ich bin froh über jeden, der keine Angst vor mir hat. Wie lange werde ich das noch erleben?
Er packte alles in die eine Hälfte der Satteltaschen um: die Ersatzhemden und Hosen und die Wollstrümpfe, das Nähzeug, die Zunderschachtel, den Blechteller und die dazugehörige Tasse, eine Holzschachtel mit Messer, Gabel und Löffel, ein Päckchen Dörrfleisch und Fladenbrot als eiserne Ration sowie alle anderen notwendigen Reiseutensilien. Dann stopfte er die in Segeltuch gehüllte Flagge in die geleerte Satteltasche. Sie beulte sich aus. Die Riemen paßten kaum in die Schnallen, aber es würde schon reichen.
Loial und Hurin schienen seine Laune zu spüren. Sie ließen ihn in Ruhe, während er dem Braunen Sattel und Zaumzeug abnahm und den großen Hengst mit Grasbüscheln abrieb, die er ausgerissen hatte. Dann sattelte er ihn wieder. Rand lehnte das angebotene Essen ab. Er hatte das Gefühl, in diesem Moment selbst das beste Essen nicht zu verkraften. Alle drei schlugen ihre Betten neben dem Stein auf: jeweils eine zusammengefaltete Decke als Kissen und ein Umhang zum Zudecken.
Im Lager war es jetzt still, aber Rand lag noch bis nach dem vollen Einbruch der Dunkelheit wach. Er grübelte unaufhörlich. Die Flagge. Was erwartet sie von mir? Das Dorf. Wie kann ein Blasser auf diese Art umkommen? Am schlimmsten war das Haus dort im Dorf gewesen. Ist das auch wirklich geschehen? Werde ich bereits verrückt? Renne ich weg, oder bleibe ich? Ich muß bleiben. Ich muß Mat helfen, den Dolch zu finden.
Schließlich fiel er in einen erschöpften Schlaf, und mit dem Schlaf kam auch ungebeten das Nichts und hüllte ihn ein. Es flackerte in einem ungleichmäßigen Lichtschein, der seine Träume störte.
Padan Fain blickte nach Norden in die Nacht hinaus, vorbei am einzigen Feuer seines Lagers, und er lächelte starr vor sich hin. Er bezeichnete sich immer noch selbst als Padan Fain — Padan Fain war seine äußere Hülle —, aber er war verändert worden und das war ihm bewußt. Er wußte jetzt sehr vieles, mehr, als seine früheren Herren ahnten. Er war jahrelang schon ein Schattenfreund gewesen, bevor Ba'alzamon ihn zu sich rief und ihn auf die Spur der drei jungen Männer aus Emondsfeld ansetzte, alles filterte, was er über sie wußte, auch ihn filterte, und die Essenz des Ganzen in ihn zurückfüllte, so daß er sie fühlte, roch, wo sie gewesen waren, und ihnen folgte, wohin sie sich auch begaben. Besonders dem einen. Ein Teil seiner selbst verkrampfte sich noch immer, wenn er sich daran erinnerte, was ihm Ba'alzamon angetan hatte, aber es war nur ein kleiner Teil, verborgen und unterdrückt. Er war verändert. Die Verfolgung der drei hatte ihn nach Shadar Logoth geführt. Er hatte nicht dorthin gewollt, doch er mußte gehorchen. Zu jener Zeit. Und in Shadar Logoth...
Fain atmete tief ein und griff nach dem Dolch mit dem Rubingriff an seinem Gürtel. Auch der stammte aus Shadar Logoth. Es war die einzige Waffe, die er trug, die einzige, die er benötigte; sie war wie ein Teil von ihm selbst. Er war jetzt in sich geschlossen, eins mit sich selbst. Das war alles, was für ihn noch eine Rolle spielte.