Er warf einen Blick auf das Lager zu beiden Seiten des Feuers. Die zwölf übriggebliebenen Schattenfreunde kauerten — die einst so gute Kleidung verknittert und schmutzig — in der Dunkelheit auf einer Seite und blickten nicht ins Feuer, sondern auf ihn. Auf der anderen Seite hockten seine Trollocs, zwanzig an der Zahl, und die nur zu menschlichen Augen in diesen tierisch verzerrten Männergesichtern folgten jeder seiner Bewegungen wie bei Mäusen, die eine Katze beobachten.
Zuerst war es ein innerer Kampf gewesen. Jeden Morgen war er erwacht, und irgend etwas hatte ihm gefehlt. Dazu hatte der Myrddraal das Kommando wieder übernommen, gewütet und verlangt, daß sie sich wieder nach Norden zur Fäule und zum Shayol Ghul hin orientierten. Aber langsam wurden diese Schwächeanfälle kürzer, bis... Er erinnerte sich an das Gefühl, wie er den Hammer in der Hand hielt und die Dornen hineinschlug, und er lächelte. Diesmal war es ein warmes Lächeln — der Genuß süßer Erinnerungen.
Ein Weinen aus der Dunkelheit drang an sein Ohr, und sein Lächeln verflog. Ich hätte den Trollocs nicht erlauben sollen, so viele mitzunehmen. Ein ganzes Dorf, das sie nun am schnellen Vorwärtskommen hinderte. Wenn diese wenigen Häuser an der Fähre nicht verlassen gewesen wären, vielleicht... Aber die Trollocs waren von Natur aus gierig, und in der Euphorie, dem Myrddraal beim Sterben zuschauen zu können, hatte er nicht in dem Maß auf sie geachtet, wie es nötig gewesen wäre.
Er sah zu den Trollocs hinüber. Jeder von ihnen war beinahe zweimal so groß wie er und stark genug, um ihn mit einer Hand zu zerbrechen, und doch kauerten sie da und zuckten vor ihm zurück. »Tötet sie. Alle. Ihr könnt essen, aber dann legt alles, was übrigbleibt, auf einen Haufen — damit ihn unsere Freunde finden. Legt die Köpfe obenauf. Und zwar ordentlich!« Er lachte. Das Lachen brach aber schnell ab. »Geht!«
Die Trollocs hasteten davon, zogen ihre Sichelschwerter und hoben die Dornenäxte. Augenblicke später ertönten Schreie und Brüllen aus der Richtung, wo die Dorfbewohner gefesselt am Boden lagen. Bitten um Gnade und die spitzen Schreie der Kinder wurden durch dumpfe Schläge und unangenehme Geräusche abgewürgt; es klang, als zerstampfe man Melonen.
Fain wandte der Kakophonie den Rücken und betrachtete seine Schattenfreunde. Auch sie gehörten ihm mit Leib und Seele. Was noch an Seele übrig geblieben war. Jeder einzelne von ihnen steckte innerlich genauso im Sumpf, wie Fain es früher getan hatte, bevor er den Weg hinaus fand. Keiner von ihnen hatte ein anderes Ziel, als ihm zu folgen. Ihre Blicke hingen an ihm, angsterfüllt und bittend. »Glaubt ihr, sie werden wieder hungrig sein, bevor wir ein anderes Dorf oder einen Bauernhof finden? Könnte schon sein. Glaubt ihr, ich überlasse ihnen noch ein paar von euch? Na ja, vielleicht ein oder zwei. Wir haben keine Pferde mehr, die wir entbehren könnten.«
»Die anderen waren nur gewöhnliche Leute«, brachte eine Frau mit unsicherer Stimme hervor. Das Gesicht über ihrem feingeschnittenen Kleid, das sie als reiche Kauffrau auswies, war mit Schmutz beschmiert. Der gute graue Stoff war auch verschmiert und der Rock wurde von einem langen Riß verunziert. »Das waren Bauern. Wir haben gedient — ich habe gedient...«
Fain schnitt ihr das Wort ab. Sein lockerer Tonfall machte die Worte nur noch härter. »Was seid ihr denn für mich? Weniger als Bauern. Vielleicht Herdenvieh für die Trollocs? Wenn ihr am Leben bleiben wollt, ihr Viehzeug, dann müßt ihr euch als nützlich erweisen.«
Das Gesicht der Frau wurde zur Grimasse. Sie schluchzte, und plötzlich schrien alle anderen durcheinander und versicherten ihm, wie nützlich sie seien. Männer und Frauen mit Einfluß und in guten Positionen seien sie gewesen, bevor man sie abkommandierte, um ihrem Eid in Fal Dara nachzukommen. Sie sprudelten die Namen bedeutender, mächtiger Personen hervor, die sie in den Grenzlanden, in Cairhien und anderswo kannten. Sie plapperten von den Kenntnissen, die allein sie über das eine oder andere Land oder die politischen Verhältnisse, die Bündnisse, die Intrigen besaßen, und was sie ihm alles zutragen konnten, wenn sie ihm nur dienen durften. Ihr Geschrei vermischte sich mit den Geräuschen der wütenden Trollocs, und es paßte alles zueinander.
Fain überhörte alles (er hatte keine Angst davor, ihnen den Rücken zuzuwenden, nachdem sie zugesehen hatten, wie er den Blassen beseitigt hatte) und wandte sich seiner Beute zu. Er kniete nieder und strich mit beiden Händen über die reichverzierte goldene Truhe. Er fühlte die im Inneren eingeschlossene Macht. Er hatte sie von einem Trolloc tragen lassen — er traute den Menschen so wenig, daß sie die Beute nicht auf ein Packpferd laden dürften; ihre Träume von Macht und Bedeutung mochten sogar die Angst vor Fain besiegen, während die Trollocs von nichts anderem träumten, als zu töten — und er hatte noch nicht herausbekommen, wie man die Truhe öffnete. Aber die Zeit dazu würde auch noch kommen. Alles würde sich ergeben. Alles.
Er zog den Dolch aus der Scheide und legte ihn auf die Truhe, bevor er sich am Feuer niederließ. Diese Klinge war ein besserer Wächter als jeder Trolloc und jeder Mensch. Sie hatten alle bereits einmal gesehen, was geschah, wenn er sie benutzte. Keiner würde sich ohne ausdrücklichen Befehl der entblößten Klinge auch nur auf eine Spanne nähern.
Er lag in seine Decken gehüllt da und blickte nach Norden. Im Moment konnte er al'Thor nicht fühlen; die Entfernung zwischen ihnen war zu groß. Oder vielleicht trickste al'Thor ihn auch gerade wieder aus. Manchmal war der Junge in der Festung ganz plötzlich aus Fains Wahrnehmung verschwunden. Er wußte nicht, wie er das bewirkte, und er tauchte ebenso plötzlich wieder auf, so wie er verschwunden war. Auch diesmal würde er zurückkommen.
»Diesmal kommst du zu mir, Rand al'Thor. Vorher folgte ich dir wie ein Hund der Spur, aber nun folgst du mir.« Sein Lachen klang wie irres Gegacker. Er wußte selbst, daß es verrückt klang, aber es war ihm gleich. Auch der Wahnsinn war mittlerweile ein Teil seiner selbst geworden. »Komm zu mir, al'Thor! Der Tanz hat noch nicht einmal begonnen. Wir werden auf der TomanHalbinsel tanzen, und ich werde mich von dir befreien. Ich werde endlich dafür sorgen, daß du stirbst.«
12
Ins Muster verwoben
Egwene eilte hinter Nynaeve zu der Gruppe von Aes Sedai, die um die von Pferden getragene Sänfte der Amyrlin herumstand. Ihre Neugier, die Ursache des Aufruhrs in Fal Dara zu erfahren, übertrumpfte sogar ihre Sorge um Rand. Er war im Moment außerhalb ihrer Reichweite. Bela, ihre zerzauste Stute, befand sich genau wie Nynaeves Reittier bei den Pferden der Aes Sedai.
Die Behüter, die Hände an den Schwertgriffen und mit ständig suchendem Blick, bildeten einen stählernen Kreis um die Aes Sedai und die Sänfte. So war eine Insel relativer Ruhe im Hof entstanden, wo ansonsten die schienarischen Soldaten immer noch zwischen den entsetzten Festungsbewohnern hin und her liefen. Egwene schob sich neben Nynaeve. Sie beide wurden nach einem scharfen Blick von den Behütern mehr oder weniger übersehen — jeder wußte, daß sie mit der Amyrlin reisen würden. Sie entnahmen dem Volksgemurmel im Hof, daß ein Pfeil anscheinend aus dem Nichts herangeflogen war und der Schütze noch nicht ermittelt werden konnte.
Egwene stand mit weitaufgerissenen Augen da und war zu entsetzt, um überhaupt zu bemerken, daß sie von Aes Sedai umgeben war. Ein Anschlag auf das Leben der Amyrlin. Das war fast unvorstellbar.
Die Amyrlin saß in ihrer Sänfte und hatte die Vorhänge zurückgezogen. Der blutige Riß in ihrem Ärmel zog alle Blicke auf sich. Sie sah auf Lord Agelmar hinunter. »Ihr werdet den Schützen entweder finden oder ihn nicht finden, mein Sohn. Wie auch immer: Meine Aufgabe in Tar Valon ist genauso dringlich wie die Ingtars bei seiner Suche. Ich reise sofort ab.«
»Aber Mutter«, protestierte Agelmar, »dieser Anschlag auf Euer Leben ändert alles. Wir wissen immer noch nicht, wer den Mann beauftragt hat oder warum. Noch eine Stunde, und ich habe den Schützen ermittelt und die Antwort für Euch bereit.«