Egwene tauschte einen Blick mit Nynaeve, als sie aufstanden.
»Sollt Ihr uns zur Amyrlin bestellen?« fragte Egwene.
Verin lachte. Die Aes Sedai hatte einen Tintenfleck auf der Nase. »Ach je, nein, natürlich nicht. Die Amyrlin hat wichtigere Dinge zu tun, als sich mit zwei jungen Frauen zu beschäftigen, die noch nicht einmal Novizinnen sind. Obwohl, man kann das nie vorhersagen. Ihr beide verfügt über ein beachtliches Potential, besonders du, Nynaeve. Eines Tages...« Sie schwieg und rieb mit einem Finger genau auf der Stelle mit dem Tintenfleck herum. »Aber jetzt ist nicht eines Tages. Ich bin gekommen, um dir eine Lektion zu erteilen, Egwene. Du hast deine Nase etwas zu früh in manche Dinge gesteckt, fürchte ich.«
Egwene sah Nynaeve nervös an. »Was habe ich getan? Ich bin mir keiner Schuld bewußt.«
»Oh, es war nichts Schlimmes. Jedenfalls nicht unmittelbar. Vielleicht ein bißchen gefährlich, aber nicht schlimm.« Verin ließ sich auf dem mit Segeltuch bedeckten Boden im Schneidersitz nieder. »Setzt euch hin, ihr beiden. Ich will mir nicht den Kopf verrenken.« Sie rutschte herum, bis sie eine bequeme Stellung gefunden hatte. »Setzt euch.«
Egwene setzte sich mit übergeschlagenen Beinen der Aes Sedai gegenüber auf den Boden und gab sich Mühe, Nynaeve nicht anzusehen. Kein Grund, schuldbewußt dreinzuschauen, bevor ich überhaupt weiß, woran ich schuld sein soll. »Was soll ich getan haben, das gefährlich, aber nicht so schlimm ist?«
»Ja, Kind, du hast die Eine Macht benutzt.«
Egwene konnte nur nach Luft schnappen. Nynaeve platzte heraus: »Das ist lächerlich. Deshalb gehen wir doch schließlich nach Tar Valon.«
»Moiraine hat... Also, na ja, Moiraine Sedai hat mich unterrichtet«, brachte Egwene hervor.
Verin hob die Hände, um sie zum Schweigen zu bringen, und die beiden hielten den Mund. Sie mochte ihnen wohl etwas eigenartig vorkommen, aber sie war immerhin eine Aes Sedai. »Kind, glaubst du, eine Aes Sedai unterrichtet sofort jedes Mädchen, das sagt, sie wolle eine von uns werden, im Gebrauch der Macht? Ja, ich denke schon, daß du nicht irgendein Mädchen bist, aber trotzdem... « Sie schüttelte ernst den Kopf.
»Warum hat sie es dann getan?« wollte Nynaeve wissen. Sie war nicht unterrichtet worden, und Egwene war sich nicht sicher, ob Nynaeve deshalb eifersüchtig war oder nicht.
»Weil Egwene die Macht bereits benutzt hatte«, sagte Verin geduldig.
»Das... das habe ich auch getan.« Nynaeve klang, als sei sie nicht gerade froh darüber.
»Aber unter ganz anderen Umständen, Kind. Daß du noch am Leben bist, zeigt ja, daß du mit den verschiedenen Krisen fertig wurdest, und zwar selbständig. Ich glaube, du weißt, wieviel Glück du da hattest. Von vier Frauen, die gezwungen sind, das zu tun, was du tatest, überlebt nur eine. Wilde natürlich... « Verin verzog das Gesicht. »Verzeih mir, aber so nennen wir in der Weißen Burg die Frauen, die ohne Ausbildung die Macht zumindest im groben beherrschen — mehr zufällig, man kann es kaum Beherrschung nennen, ebenso wie bei dir, aber doch eben eine Art von Beherrschung. Wilde haben ihre Schwierigkeiten, das stimmt. Fast immer haben sie Mauern um sich herum aufgebaut, um sich selbst nicht bewußt machen zu müssen, was sie tun, und diese Mauern wiederum verhindern die bewußte Kontrolle. Je länger man sich hinter diesen Mauern verbirgt, desto schwerer ist es, sie zu beseitigen, aber wenn man es schafft — na ja, einige der begabtesten Schwestern waren einmal Wilde.«
Nynaeve rutschte unruhig hin und her und sah die Zeltklappe an, als plane sie die Flucht.
»Ich weiß nicht, was das alles mit mir zu tun haben soll«, sagte Egwene.
Verin sah sie mit großen Augen an, beinahe so, als frage sie sich, wo sie eigentlich herkäme. »Mit dir? Natürlich nichts. Dein Problem liegt ganz anders. Die meisten Mädchen, die Aes Sedai werden wollen — sogar die meisten jener, die den Samen in sich tragen, so wie du —, haben auch Angst davor. Selbst nachdem sie die Burg erreicht haben, selbst nachdem sie gelernt haben, was und wie sie es anstellen sollen, müssen sie noch monatelang Schritt für Schritt von einer Schwester oder einer der Adeptinnen geführt werden. Du allerdings nicht. Demzufolge, was mir Moiraine erzählt hat, hast du dich hineingestürzt, sobald du wußtest, daß du die Fähigkeiten besitzt, und hast dir deinen eigenen Weg durch die Dunkelheit gesucht, ohne zu überlegen, ob dein nächster Schritt nicht vielleicht in einen bodenlosen Abgrund führt. Oh, es hat schon andere als dich gegeben, du bist kein Einzelfall. Moiraine selbst war genauso. Sobald sie wußte, was du getan hattest, hatte sie keine andere Wahl mehr, als mit deinem Unterricht zu beginnen. Hat dir Moiraine das niemals erklärt?«
»Nie.« Egwene wünschte, ihre Stimme klänge nicht so atemlos. »Sie hatte... mit anderen Sachen zu tun.« Nynaeve schnaubte leise.
»Ja, also, Moiraine hat es nie für nötig gehalten, irgend jemandem etwas zu erzählen, was sie nicht unbedingt wissen mußten. Das Wissen an sich erfüllt keinen wirklichen Zweck, aber die Unwissenheit eben auch nicht. Ich persönlich ziehe es in jedem Fall vor, zu wissen.«
»Gibt es einen? Einen Abgrund, meine ich?«
»Offensichtlich bisher noch nicht«, sagte Verin mit schiefgehaltenem Kopf. »Aber beim nächsten Schritt?« Sie zuckte die Achseln. »Siehst du, Kind, je mehr du dich bemühst, die Eine Quelle zu berühren, je mehr du versuchst, die Eine Macht zu lenken, desto leichter wird es, das wirklich fertigzubringen. Ja, sicher, am Anfang fühlt man nach der Quelle, und in den meisten Fällen ist es lediglich, als ergreife man Luft. Oder man berührt Saidar tatsächlich, doch auch wenn man die Macht durch sich fließen fühlt, kann man nichts damit anfangen. Oder man tut etwas, aber es ist absolut nicht das, was man eigentlich wollte. Das ist die Gefahr. Normalerweise wird man geführt und geschult, und die eigene Angst läßt es einen auch langsam angehen, und dann erlangt man gleichzeitig die Fähigkeit, die Quelle zu berühren, die Fähigkeit, die Macht zu lenken und die Fähigkeit, auch das eigene Tun unter Kontrolle zu halten. Aber du hast damit begonnen, die Macht zu lenken, ohne daß jemand da war, der dir beibringen konnte, deine eigenen Fähigkeiten wenigstens einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Ich weiß, du glaubst nicht, daß du bereits sehr weit fortgeschritten bist, und das stimmt auch, aber du bist wie jemand, der sich selbst beigebracht hat, Berge zu besteigen — wenigstens manchmal —, ohne zu lernen, wie man auf der anderen Seite wieder hinunterkommt. Früher oder später wirst du abstürzen, falls du das nicht auch noch lernst. Und ich spreche jetzt keineswegs davon, was geschieht, wenn einer dieser armen Männer damit beginnt, die Macht zu lenken — du wirst nicht in Wahnsinn verfallen oder sterben, nicht, wenn Schwestern da sind, die dich führen und lehren —, sondern davon, was du durch Zufall, ohne eigenes Zutun, anrichten könntest.« Für einen Moment wirkte Verins Blick nicht mehr so abwesend. Und in diesen Moment war der Blick der Aes Sedai genauso scharf wie der der Amyrlin von Egwene zu Nynaeve gehuscht. »Deine angeborenen Fähigkeiten sind stark, Kind, und sie werden immer stärker. Du mußt lernen, sie zu beherrschen, bevor du dir selbst oder anderen Schaden zufügst. Das wollte Moiraine dir beibringen. Dabei will ich dir heute abend helfen, und jeden Abend wird eine Schwester kommen, um dir zu helfen, bis wir dich der tüchtigen Sheriam übergeben. Sie ist die Herrin der Novizinnen.«
Egwene überlegte. Könnte sie von Rand wissen? Das ist doch nicht möglich. Sie hätte ihn niemals aus Fal Dara weggelassen, wenn sie auch nur einen Verdacht gehabt hätte. Aber sie war sicher, daß sie sich Verins Blick nicht eingebildet hatte. »Ich danke Euch, Verin Sedai. Ich werde mein Bestes geben.«
Nynaeve erhob sich graziös. »Ich werde mich drüben ans Feuer setzen und euch beide alleinlassen.«