»Ihr solltet bleiben«, sagte Verin. »Ihr habt vielleicht auch etwas davon. Demzufolge, was Moiraine mir erzählt hat, braucht Ihr nur ein wenig Schulung, um zu den Aufgenommenen erhoben zu werden.«
Nynaeve zögerte nur einen Augenblick und schüttelte dann entschlossen den Kopf. »Ich danke Euch für das Angebot, aber ich kann warten, bis wir Tar Valon erreichen. Egwene, falls du mich brauchst, bin ich... «
»Mit normalem Maß gemessen«, warf Verin ein, »seid Ihr eine erwachsene Frau, Nynaeve. Gewöhnlich ist eine Novizin um so besser, je jünger sie ist. Das betrifft nicht die Schulung an sich, aber von einer Novizin wird erwartet, daß sie tut, was man ihr sagt, und daß sie es ohne Widerspruch durchführt. Das bewährt sich dann, wenn die Schulung einen bestimmten Punkt erreicht hat —ein Zögern zur falschen Zeit, ein Zweifel können tragische Folgen haben —, aber es ist besser, immer die Disziplin vornanzustellen. Andererseits erwartet man von den Aufgenommenen, daß sie die Dinge in Frage stellen, denn man glaubt, sie wüßten genug, um zur rechten Zeit die rechten Fragen zu stellen. Welche von beiden Möglichkeiten zögt Ihr vor?«
Nynaeves Hände verkrampften sich in ihren Rock, und sie blickte mit gerunzelter Stirn zur Zeltklappe hinüber. Schließlich nickte sie kurz und ließ sich wieder auf dem Boden nieder. »Ich denke, ich kann genausogut auch ein wenig zuhören«, sagte sie.
»Gut«, sagte Verin. »Also, du kennst diesen Teil bereits, Egwene, aber Nynaeve zuliebe werde ich dich noch einmal Schritt für Schritt anleiten. Mit der Zeit wird dir das zur zweiten Natur — du wirst alles schneller tun, als du es dir vorstellen kannst —, doch jetzt ist es am besten, wir schreiten langsam vorwärts. Schließ bitte die Augen. Am Anfang ist es besser, wenn du dich von nichts ablenken läßt.« Egwene schloß die Augen. Es gab eine Unterbrechung. »Nynaeve«, sagte Verin, »bitte schließt die Augen. Es gelingt dann wirklich besser.« Eine weitere Pause schloß sich an. »Danke, Kind. Jetzt müßt ihr euch innerlich entleeren. Entleert eure Gedanken. In eurem Verstand befindet sich nur noch eines: eine Knospe. Nur dies. Nur die Knospe. Ihr erkennt jede Einzelheit. Ihr riecht sie. Ihr fühlt sie. Ihr fühlt die Rippe jedes einzelnen Blattes, jede Krümmung der Blütenblätter. Ihr fühlt den Saft darin pulsieren. Fühlt! Wißt! Seid die Knospe! Ihr und die Knospe seid eins. Ihr seid eins. Ihr seid die Knospe.«
Ihre Stimme leierte hypnotisch weiter, doch Egwene hörte nicht mehr hin. Sie hatte diese Übung schon früher mit Moiraine durchgeführt. Sie dauerte eine Weile, aber Moiraine hatte gesagt, es werde mit der fortschreitenden Übung immer schneller gelingen. In ihrem Inneren war sie eine Rosenknospe mit fest geschlossenen Blütenblättern. Und doch gab es da plötzlich noch etwas anderes. Licht. Licht drückte auf die Blütenblätter. Langsam öffnete sich die Knospe und wandte sich dem Licht zu, nahm es in sich auf. Die Rose und das Licht wurden eins. Egwene war eins mit dem Licht. Sie spürte auch das leichteste Rieseln des Lichts in ihr. Sie streckte sich noch mehr aus und griff danach...
Innerhalb eines Augenblicks war alles weg — Rose und Licht. Moiraine hatte auch gesagt, man könne es nicht erzwingen. Seufzend öffnete sie die Augen. Nynaeve trug einen zornigen Gesichtsausdruck zur Schau. Verin war genauso ruhig wie immer.
»Ihr könnt es nicht erzwingen«, sagte die Aes Sedai. »Ihr müßt es geschehen lassen. Ihr müßt euch der Macht ergeben, bevor ihr sie beherrschen könnt.«
»Das ist doch völlig närrisch«, murmelte Nynaeve. »Ich fühle mich nicht wie eine Blume. Wenn überhaupt, dann wie ein Schlehenstrauch. Ich glaube, ich warte doch lieber am Feuer.«
»Wie Ihr wünscht«, sagte Verin. »Habe ich schon erwähnt, daß die Novizinnen Haushaltsarbeiten erledigen müssen? Sie waschen das Geschirr ab, schrubben die Böden, kümmern sich um die Wäsche, bedienen am Tisch und was sonst noch alles. Ich für meinen Teil bin der Meinung, daß Diener so etwas viel besser machen, aber allgemein heißt es, solche Arbeit stärke den Charakter. Oh, Ihr bleibt doch? Gut. Also, Kind, denkt daran, daß auch ein Schlehenstrauch manchmal blüht — schöne weiße Blüten inmitten der Dornen. Wir werden es probieren, eine nach der anderen. Nun nochmals ganz von Anfang an, Egwene. Schließ die Augen.«
Mehrmals — bevor Verin schließlich ging — fühlte Egwene, wie die Macht sie durchströmte, aber es war jedesmal nicht sehr stark und das beste, was sie fertigbrachte, war eine leichte Brise, die die Zeltklappe ein wenig bewegte. Sie war sicher, daß ein Niesen genausoviel bewirkt hätte. Sie hatte bei Moiraine schon mehr erreicht, jedenfalls manchmal. Sie wünschte sich Moiraine als Lehrerin.
Nynaeve fühlte nicht das geringste, so behauptete sie jedenfalls. Jedenfalls wirkten ihre Augen so grimmig, und ihre Lippen waren so zusammengepreßt, daß Egwene befürchtete, sie werde Verin gleich herunterputzen, als sei die Aes Sedai eine Dorfbewohnerin, die sich in ihre privaten Angelegenheiten einmischte. Aber Verin riet ihr einfach, sie solle noch einmal die Augen schließen, doch diesmal, ohne daß Egwene mitmachte.
Egwene saß da und beobachtete die beiden unter Gähnen. Es war spät geworden, viel später, als sie sonst zu schlafen pflegte. Nynaeves Gesicht sah aus, als sei sie schon seit einer Woche tot. Ihre Augen waren zugedrückt, als wolle sie sie überhaupt nicht mehr öffnen, und die Hände lagen zu Fäusten geballt in ihrem Schoß. Egwene hoffte, die Seherin werde sich auch weiterhin beherrschen, nachdem sie schon so lange durchgehalten hatte.
»Fühlt den Strom der Macht in Euch«, sagte Verin gerade. Ihre Stimme klang nicht verändert, doch plötzlich funkelten ihre Augen. »Fühlt den Strom. Den Strom der Macht. Er fließt zuerst wie eine leichte Brise, wie ein Lufthauch nur.« Egwene richtete sich auf. Genauso hatte Verin sie jedesmal geführt, wenn die Macht sie wirklich durchfloß. »Eine leichte Brise, nur ein Lufthauch. Leicht.«
Plötzlich schlugen Flammen lichterloh aus den übereinandergelegten Decken.
Nynaeve öffnete mit einem Aufschrei die Augen. Egwene war sich nicht bewußt, ob sie auch schrie oder nicht. Sie merkte nur, daß sie hochschoß und sich bemühte, die brennenden Decken nach draußen zu treten, bevor sie das ganze Zelt entzündeten. Bevor sie jedoch ein zweites Mal zutreten konnte, verschwanden die Flammen und hinterließen nichts als feine Rauchwölkchen, die sich aus der verkohlten Masse erhoben, und den Geruch nach versengtem Holz. »Na ja«, sagte Verin, »ich habe nicht damit gerechnet, ein Feuer löschen zu müssen. Werdet mir nur ja nicht ohnmächtig, Kind. Es ist ja schon alles gut. Ich habe alles unter Kontrolle.«
»Ich... ich war wütend.« Nynaeve sagte es mit zitternden Lippen im blutleeren Gesicht. »Ich hörte Euch von einer Brise sprechen und mir sagen, was ich tun solle, und da sprang das Feuer einfach in meinen Kopf. Ich... ich wollte nichts verbrennen. Es war nur ein kleines Feuer in... in meinem Kopf.« Sie schauderte.
»Ich denke schon, daß es ein kleines Feuer war.« Verin lachte auf, doch das Lachen brach nach einem weiteren Blick auf Nynaeves Gesicht ab. »Geht es Euch wieder gut, Kind? Wenn Euch schlecht ist, kann ich...« Nynaeve schüttelte den Kopf, und Verin nickte. »Was Ihr braucht, ist Ruhe. Ihr beide. Ich habe Euch zu sehr umgetrieben. Ihr müßt ausruhen. Die Amyrlin wird uns alle noch vor der Dämmerung aufstehen und aufbrechen heißen.« Sie erhob sich und trat die verkohlten Decken mit dem Fuß.
»Ich werde Euch ein paar neue Decken bringen lassen. Ich hoffe, Ihr seht nun, wie wichtig es ist, alles unter Kontrolle zu halten. Ihr müßt lernen, das zu tun, was Ihr tun wollt, aber nicht mehr. Abgesehen davon, daß Ihr beträchtlichen Schaden anrichten könnt, wenn Ihr mehr Macht an Euch zieht, als Ihr ohne Gefahr benützen könnt, zerstört Ihr Euch vielleicht selbst, wenn Ihr zuviel Macht an Euch zieht. Ihr könntet dabei sterben. Oder vielleicht brennt Ihr innerlich aus und zerstört alle Eure Fähigkeiten.« Und als habe sie nicht gerade geäußert, daß sie auf Messers Schneide wandelten, fügte sie ein fröhliches »Schlaft gut!« hinzu. Und damit war sie weg.