Egwene legte die Arme um Nynaeve und drückte sie an sich. »Es ist schon gut, Nynaeve. Es gibt keinen Grund zur Furcht. Wenn du erst lernst... «
Nynaeve lachte krächzend. »Ich habe keine Angst.« Sie blickte zur Seite auf die qualmenden Decken und riß sich dann wieder davon los. »Es ist schon mehr als ein kleines Feuer nötig, um mir Angst einzujagen.« Aber sie sah die Decken nicht mehr an, selbst als ein Behüter kam, sie mitnahm und neue daließ. So wie sie gesagt hatte, kam Verin nicht wieder zu ihnen. Während sie Tag um Tag nach Südwesten weiterzogen, so schnell die Fußsoldaten marschieren konnten, kümmerte sich Verin genausowenig wie Moiraine um die beiden Frauen aus Emondsfeld. Keine der Aes Sedai nahm sich ihrer an. Sie waren nicht direkt unfreundlich, diese Aes Sedai, sondern eher distanziert und zurückhaltend, als seien sie mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Ihre Kühle steigerte Egwenes Unsicherheit und rief ihr wieder alle die Geschichten in Erinnerung, die sie als Kind gehört hatte.
Ihre Mutter hatte ihr immer gesagt, die Geschichten von den Aes Sedai seien eine Ansammlung von männlichem Unsinn, aber weder ihre Mutter noch irgendeine andere Frau in Emondsfeld hatte je eine Aes Sedai kennengelernt, bevor Moiraine dorthin gekommen war. Sie selbst hatte viel Zeit mit Moiraine verbracht, und Moiraine stellte für sie den Beweis dar, daß die Aes Sedai keineswegs so waren, wie sie in den alten Geschichten beschrieben wurden: kalte Intrigantinnen und gnadenlose Zerstörerinnen. Zerstörer der Welt. Sie wußte nun, daß wenigstens diese — die Zerstörer der Welt — männliche Aes Sedai gewesen waren, als es sie noch gab, im Zeitalter der Legenden. Aber das half ihr auch nicht viel. Nicht alle Aes Sedai waren so wie in den Sagen, doch wie viele und welche von ihnen?
Die Aes Sedai, die jede Nacht in ihr Zelt kamen, waren derart unterschiedlich, daß es ihr nicht weiterhalf, Klarheit zu gewinnen. Alviarin war so kühl und geschäftsmäßig wie ein Kaufmann, der gekommen war, Wolle und Tabak zu erwerben. Sie war überrascht, daß auch Nynaeve an dem Unterricht teilnahm, nahm es aber hin. Sie kritisierte hart, war aber immer bereit, es noch einmal zu versuchen. Alanna Mosvani lachte und verbrachte ebenso viel Zeit damit, über die Welt und die Männer zu sprechen, wie sie zu unterrichten. Alanna zeigte allerdings für Egwenes Geschmack zuviel Interesse an Rand, Perrin und Mat. Besonders an Rand. Die Schlimmste von allen war Liandrin, die einzige, die ihre Stola trug; die anderen hatten ihre Stolen vor der Abreise aus Fal Dara eingepackt. Liandrin saß da, befühlte die roten Fransen und brachte ihnen wenig bei, und das auch nur zögernd. Sie verhörte Egwene und Nynaeve, als habe man sie eines Verbrechens beschuldigt, und alle ihre Fragen drehten sich um die drei Jungen. Sie machte so weiter, bis Nynaeve sie aus dem Zelt warf — Egwene war nicht sicher, warum Nynaeve das tat —, und dann ging sie mit einer Drohung auf den Lippen.
»Nehmt Euch in acht, meine Töchter. Ihr seid nicht mehr in eurem Dorf. Jetzt hängt ihr die Zehen in ein Wasser, in dem Dinge leben, die beißen könnten.«
Schließlich erreichte die Kolonne das Dorf Medo am Ufer des Mora, der an der Grenze zwischen Schienar und Arafel entlangfloß und in den Erinin mündete.
Egwene war sicher, daß die Fragen der Aes Sedai ihre Träume von Rand ausgelöst hatten, das und die Sorge um ihn, ob er und die anderen dem Horn von Valere bis in die Fäule hinein hatten folgen müssen. Die Träume waren immer quälend, aber anfangs waren es wenigstens nur einfache Alpträume. Bis zu jenem Abend jedoch, an dem sie Medo erreichten, hatten sich die Träume verändert.
»Verzeiht, Aes Sedai«, fragte Egwene schüchtern, »habt Ihr Moiraine Sedai gesehen?« Die schlanke Aes Sedai winkte ihr zu, weiterzugehen, und hastete weiter die überfüllte, von Fackeln beleuchtete Dorfstraße entlang. Sie rief jemandem zu, ihr Pferd vorsichtig zu behandeln. Die Frau gehörte zu den Gelben Ajah, obwohl sie gerade ihre Stola nicht trug. Mehr wußte Egwene nicht; nicht einmal ihren Namen.
Medo war ein kleines Dorf, das nun mehr Neuankömmlinge beherbergte, als es Einwohner hatte. Pferde und Menschen füllten die engen Straßen und drängten sich an den Einwohnern vorbei, die jedesmal niederknieten, wenn eine Aes Sedai vorbeikam. Greller Fackelschein beleuchtete alles. Die beiden Landestege ragten wie Steinfinger in den Mora hinein, und an jedem hatte ein Paar zweimastiger kleiner Schiffe festgemacht. Dort wurden bereits Pferde mit Hilfe von Ladebäumen, Tauen und Segeltuchbahnen an Bord gehievt. Weitere Schiffe mit starken hohen Bordwänden und Laternen an den Masten lagen auf dem mondbeschienenen Fluß. Sie waren bereits beladen oder warteten, bis sie an die Reihe kamen. Ruderboote brachten Bogenschützen und Pikeure heran. Die erhobenen Piken ließen die Boote wie riesige Stachelschweine aussehen, die an der Wasseroberfläche schwammen. Auf dem linken Landesteg entdeckte Egwene Anaiya, die den Ladevorgang beaufsichtigte und diejenigen ausschimpfte, die sich nicht schnell genug bewegten. Obwohl sie noch nie mehr als zwei Worte mit Egwene gewechselt hatte, erschien ihr Anaiya anders als die anderen — mehr wie eine Frau von zu Hause. Egwene konnte sich vorstellen, wie sie in der Küche stand und buk; das fiel ihr bei den anderen schwer. »Anaiya Sedai, habt Ihr Moiraine Sedai gesehen? Ich muß mit ihr sprechen.«
Die Aes Sedai blickte sich mit abwesendem Stirnrunzeln um. »Was? Ach, Ihr seid es, Kind. Moiraine ist weg. Und Eure Freundin Nynaeve ist bereits draußen auf der Flußkönigin. Ich mußte sie persönlich auf ein Boot verfrachten. Sie schrie, sie wolle nicht ohne Euch abfahren. Licht, welch ein Durcheinander! Ihr solltet auch schon an Bord sein. Sucht ein Boot, das zur Flußkönigin hinausfährt. Ihr beide reist mit der Amyrlin, also benehmt Euch, wenn Ihr an Bord seid. Keine weiteren Szenen oder Wutanfälle!«
»Auf welchem Schiff befindet sich Moiraine Sedai?«
»Moiraine ist auf keinem Schiff, Kind. Sie ist schon seit zwei Tagen weg, und die Amyrlin macht sich Sorgen um sie.« Anaiya verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf, obwohl der größte Teil ihrer Aufmerksamkeit immer noch den Arbeitern galt. »Zuerst verschwindet Moiraine mit Lan, anschließend Liandrin und dann Verin, ohne daß eine von ihnen ein Sterbenswörtchen verlauten ließ. Verin hat nicht einmal ihren Behüter mitgenommen. Tomas kaut sich vor Sorge die Nägel ab.« Die Aes Sedai blickte zum Himmel hinauf. Der zunehmende Mond war diesmal nicht von Wolken verdeckt. »Wir werden wieder den Wind heraufbeschwören müssen, und das wird der Amyrlin nicht gerade passen. Sie sagt, sie wolle, daß wir noch innerhalb einer Stunde nach Tar Valon aufbrechen, und sie wird keinen Aufenthalt dulden. Ich möchte nicht in Moiraines, Liandrins oder Verins Haut stecken, wenn sie ihnen das nächste Mal begegnet. Sie werden sich wünschen, wieder Novizinnen zu sein. Ja Kind, was ist denn los?«
Egwene atmete tief durch. Moiraine weg? Das kann nicht sein! Ich muß mit jemandem sprechen, der mich nicht auslacht. Sie stellte sich Anaiya zu Hause in Emondsfeld vor, wie sie sich die Probleme ihrer Tochter anhörte. Die Frau paßte in dieses Bild. »Anaiya Sedai, Rand ist in Schwierigkeiten.«
Anaiya sah sie nachdenklich an. »Der große Junge aus Eurem Dorf? Ihr vermißt ihn bereits, nicht wahr? Na ja, es sollte mich nicht überraschen, wenn er wirklich in Schwierigkeiten steckt. Das passiert jungen Männern in seinem Alter ständig. Obwohl eher der andere — Mat? — so aussah, als habe er Probleme. Schon gut, Kind. Ich will mich nicht über Euch lustig machen oder es auf die leichte Schulter nehmen. Welche Art von Schwierigkeiten? Und woher wißt Ihr überhaupt davon? Er und Lord Ingtar sollten mittlerweile das Horn in Besitz haben und wieder zurück in Fal Dara sein. Oder sie mußten ihm in die Fäule folgen, und daran kann man nichts ändern.«