»Ich... ich glaube nicht, daß sie in der Fäule oder in Fal Dara sind. Ich hatte einen Traum.« Sie sagte es beinahe trotzig. So ausgesprochen, klang es einfältig, aber es war ihr so real erschienen. Ein echter, aber eben ein realer Alptraum. Erst war da ein Mann gewesen mit einer Maske vor dem Gesicht und Feuer in den Augen. Trotz der Maske hatte sie einen Anflug von Überraschung auf seinem Gesicht festgestellt, als er ihrer ansichtig wurde. Sein Blick hatte ihr Angst eingejagt, bis sie glaubte, ihre Knochen würden vor Zittern abbröckeln, doch plötzlich verschwand er, und sie sah Rand, der in einen Umhang gehüllt auf dem Boden schlief. Eine Frau stand über ihm und betrachtete ihn. Ihr Gesicht lag im Schatten, aber ihre Augen leuchteten so hell wie der Mond, und Egwene wußte, daß sie böse war. Dann gab es einen Lichtblitz, und sie waren verschwunden. Beide. Und hinter allem lag, beinahe ganz losgelöst davon, ein Gefühl von Gefahr, als schnappe gerade eine Falle über einem nichtsahnenden Lamm zu — eine Falle mit vielen Zacken. Als habe sich der Ablauf der Zeit verlangsamt, konnte sie beobachten, wie sich die eisernen Kiefer aufeinander zu bewegten. Der Traum war mit dem Erwachen nicht verblaßt, wie das bei Träumen sonst der Fall war. Und das Gefühl der Gefahr war so stark, daß sie sich am liebsten ständig umgeblickt hätte — nur irgendwie wußte sie, daß die Gefahr Rand galt und nicht ihr.
Sie fragte sich, ob die Frau vielleicht Moiraine gewesen war, und schalt sich dann selbst ob dieses Gedankens. Liandrin füllte diese Rolle besser aus. Oder möglicherweise Alanna; auch sie hatte Interesse an Rand gezeigt.
Sie konnte sich nicht überwinden, Anaiya alles zu erzählen. So sagte sie höflich: »Anaiya Sedai, ich weiß, daß es töricht klingt, aber er ist in Gefahr. In großer Gefahr. Ich weiß es. Ich fühlte es. Ich fühle es immer noch.«
Anaiya sah nachdenklich aus. »Ja«, sagte sie leise, »ich wette, mit dieser Möglichkeit hat niemand gerechnet. Ihr könntet eine Wahrträumerin sein. Es ist nur eine geringe Möglichkeit, Kind, doch... Wir haben seit, ach, vier- oder fünfhundert Jahren keine mehr gehabt. Und Wahrträumen hängt eng mit Weissagung zusammen. Falls Ihr wirklich wahrträumen könnt, mag es sein, daß Ihr auch Voraussagen treffen könnt. Das wäre den Roten ein Dorn im Auge. Es könnte sich natürlich auch um einen ganz normalen Alptraum handeln, der von der Müdigkeit in der späten Nacht und von kaltem Essen und der beschwerlichen Reise hervorgerufen worden ist. Und davon, daß Ihr Euren jungen Mann vermißt. Das ist viel wahrscheinlicher. Ja, ja, Kind, ich weiß schon. Ihr seid seinetwegen besorgt. Hat Euer Traum eine Andeutung geliefert, welche Art von Gefahr ihm droht?«
Egwene schüttelte den Kopf. »Er verschwand einfach, und ich fühlte die Gefahr. Und das Böse. Ich hatte es sogar schon gefühlt, bevor er verschwand.« Sie schauderte und rieb die Hände aneinander. »Ich kann es immer noch wahrnehmen.«
»Nun, wir werden uns auf der Flußkönigin weiter darüber unterhalten. Falls Ihr wirklich eine Wahrträumerin seid, werde ich dafür sorgen, daß Ihr die Ausbildung erhaltet, die Moiraine eigentlich... Du da!« schrie die Aes Sedai plötzlich, und Egwene zuckte zusammen. Ein hochgewachsener Mann, der sich gerade auf ein Weinfaß gesetzt hatte, zuckte ebenfalls zusammen. Ein paar andere beschleunigten ihren Schritt. »Das soll an Bord gebracht und nicht zum Sitzen benützt werden! Wir sprechen auf dem Boot weiter, Kind. Nein, du Narr! Das kannst du nicht allein tragen! Willst du dir einen Bruch heben?« Anaiya lief den Landesteg hinunter und schimpfte die unglücklichen Dorfbewohner so heftig aus, wie Egwene es ihr nicht zugetraut hatte.
Egwene spähte in der Dunkelheit nach Süden. Er war irgendwo dort draußen. Nicht in Fal Dara, nicht in der Fäule. Da war sie sicher. Reiß dich zusammen, du wollköpfiger Narr! Wenn du dich umbringen läßt, bevor ich dich herausholen kann, ziehe ich dir die Haut bei lebendigem Leib ab. Sie kam gar nicht darauf, sich zu fragen, wie sie ihn wohl aus irgendeiner Gefahr herausholen sollte, während sie nach Tar Valon unterwegs war.
Sie zog ihren Umhang dicht um sich und machte sich daran, ein Boot zu suchen, das sie zur Flußkönigin bringen würde.
13
Von Stein zu Stein
Der Schein der aufgehenden Sonne weckte Rand, und er fragte sich, ob er immer noch träumte. Er setzte sich langsam auf und sah sich um. Alles war anders — oder beinahe alles. Sonne und Himmel boten den erwarteten Anblick, wenn auch blaß und fast wolkenlos. Loial und Hurin lagen noch zu seinen Seiten und schliefen, fest in ihre Umhänge gehüllt. Ihre Pferde standen nur ein paar Schritte entfernt mit unversehrten Fußfesseln. Aber alles andere war weg. Soldaten, Pferde, seine Freunde — jeder und alles waren verschwunden.
Auch die Mulde selbst hatte sich verändert, und sie befanden sich nun in der Mitte und nicht mehr am Rand. Nahe bei Rands Kopf erhob sich ein grauer Steinzylinder, bestimmt volle drei Spannen hoch und einen Schritt im Durchmesser. Er war bedeckt mit Hunderten, vielleicht Tausenden von tief eingemeißelten Diagrammen und Markierungen in einer Schrift, die er nicht kannte. Der Boden der Mulde war mit weißem Stein ausgelegt, so eben wie ein Fußboden in einem Haus und so glatt poliert, daß er beinahe glänzte. Breite hohe Stufen führten in konzentrischen Kreisen aus verschiedenfarbigem Stein zum Rand hinauf. Um den Rand herum standen rußgeschwärzte, verformte Bäume, über die ein Feuersturm hinweggerast zu sein schien. Alles kam ihm blasser vor, als es sein sollte, genau wie die Sonne, die so gedämpft schien, als sehe er sie durch einen Nebel hindurch. Nur daß es keinen Nebel gab. Nur sie drei und die Pferde kamen ihm wirklich greifbar vor. Doch als er den Stein unter sich berührte, fühlte er sich fest an.
Er streckte die Hand aus und rüttelte Loial und Hurin auf. »Aufwachen! Wacht auf und sagt mir, daß ich träume. Bitte wacht auf!«
»Ist es schon Morgen?« begann Loial. Er richtete sich auf, und dann blieb ihm der Mund offen stehen. Seine großen runden Augen weiteten sich.
Hurin zuckte beim Erwachen zusammen, sprang auf wie ein Floh auf einem heißen Stein und blickte sich nach allen Seiten um. »Wo sind wir? Was ist geschehen? Wo sind die anderen alle? Wo sind wir, Lord Rand?« Er sank händeringend auf die Knie, aber sein Blick huschte unruhig von einem zum anderen. »Was ist bloß passiert?«
»Ich weiß es nicht«, sagte Rand bedächtig. »Ich hoffte, es sei nur ein Traum, aber... Vielleicht ist es ein Traum.« Er hatte ja seine Erfahrungen mit Träumen, die keine waren, Erfahrungen, die er weder wiederholen noch in die Erinnerung zurückrufen wollte. Er stand vorsichtig auf. Alles blieb, wie es war.
»Ich glaube nicht«, sagte Loial. Er betrachtete die Säule und schien dabei nicht glücklicher zu werden. Seine langen Augenbrauen fielen ihm über die Wangen herunter, und seine behaarten Ohren wirkten wie verwelkt. »Ich glaube, das ist der gleiche Stein, neben dem wir uns letzte Nacht schlafen legten. Ich glaube, ich weiß jetzt, was es ist.« Ausnahmsweise klang es einmal, als sei er unglücklich darüber, etwas zu wissen.
»Das ist... « Nein. Daß dies der gleiche Stein sein sollte, war auch nicht verrückter als alles andere Verrückte, das um ihn herum geschah: Mat und Perrin und die Schienarer verschwunden und alles verändert. Ich dachte, ich sei entkommen, aber es hat schon wieder begonnen, und es gibt nichts Verrücktes mehr. Es sei denn, ich bin verrückt. Er sah Loial und Hurin an. Sie benahmen sich nicht so, als sei er verrückt. Auch sie sahen das gleiche. Etwas an den Treppen zog seinen Blick an. Es waren die unterschiedlichen Farben, sieben, von Blau bis Rot. »Eine für jede Ajah«, sagte er.
»Nein, Lord Rand«, stöhnte Hurin. »Nein. Aes Sedai täten uns das nicht an. Das täten sie nicht. Ich wandle im Licht!«
»Das tun wir alle, Hurin«, sagte Rand. »Die Aes Sedai werden dir nichts tun.« Es sei denn, du stehst ihnen im Weg. Konnte das irgendwie Moiraines Werk sein? »Loial, du weißt, was dieser Stein bedeutet? Was stellt er dar?«