Das Nichts zerplatzte zu tausend rasiermesserscharfen Scherben, die in seinen Geist schnitten.
Schaudernd taumelte er mit weitaufgerissenen Augen rückwärts. Seine Hände schmerzten, weil er sie so stark auf den Stein gedrückt hatte, Arme und Schultern bebten. Schmerz durchwallte ihn. Der Magen drehte sich ihm beinahe um, denn er hatte das Gefühl, ganz von diesem schleimigen Schmutz bedeckt zu sein, auch der Kopf... Er bemühte sich, ganz ruhig zu atmen. Das war ihm noch nie passiert. Wenn das Nichts verschwand, dann geschah das wie bei einer angestochenen Blase. Es war mit einem Wimpernschlag einfach weg. Es war noch nie wie ein Glas zersplittert. Sein Kopf war wie betäubt, als sei er tausendmal so schnell geschnitten worden, daß der Schmerz sich noch gar nicht bemerkbar gemacht hatte. Aber jeder Schnitt war so real gewesen, als sei er durch ein Messer erfolgt. Er berührte seine Schläfe und war überrascht, daß an den Fingern kein Blut klebte.
Hurin stand immer noch da und beobachtete ihn vertrauensvoll. Wenn überhaupt, dann schien ihm der Schnüffler von Minute zu Minute sicherer zu werden. Lord Rand unternahm etwas. Dazu waren Lords da. Sie schützten Land und Leute mit ihrem Leib und Leben, und wenn etwas mißlang, stellten sie es wieder richtig und sorgten dafür, das sich Recht und Gesetz durchsetzten. Solange Rand etwas unternahm, gleichgültig was, konnte Hurin sicher sein, daß am Ende alles gut wurde. So war das eben bei Lords.
Loial blickte ganz anders drein, mit verblüfft gerunzelter Stirn, aber auch sein Blick ruhte auf Rand. Rand fragte sich, was er wohl dachte.
»Das war einen Versuch wert«, sagte er. Das Gefühl, ranziges Öl im Kopf zu haben — Licht, in mir drinnen! Ich will das nicht in mir haben! —, verschwand langsam, obwohl er immer noch das Bedürfnis hatte, sich zu übergeben. »Ich versuche es in ein paar Minuten nochmals.«
Er hoffte, daß es selbstbewußt klang. Er hatte keine Ahnung, wie die Steine funktionierten, ob das, was er tat, auch nur die Hoffnung von Erfolg bot. Vielleicht gibt es gewisse Regeln, wie man damit umzugehen hat. Vielleicht muß ich etwas ganz Bestimmtes tun. Licht, vielleicht kann man auch den gleichen Stein nicht zweimal hintereinander benutzen, sonst... Er brach den Gedankengang ab. Es hatte keinen Sinn, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Er mußte statt dessen etwas tun. Als er Hurin und Loial ansah, glaubte er zu wissen, was Lan gemeint hatte, als er von erdrückender Pflicht sprach.
»Lord Rand, ich glaube... « Hurin sprach nicht weiter und wirkte zerknirscht. »Lord Rand, vielleicht finden wir die Schattenfreunde und können einen von ihnen zwingen, uns die Rückkehr zu ermöglichen.«
»Ich würde jeden Schattenfreund und sogar den Dunklen König selbst fragen, wenn ich sicher sein könnte, eine wahre Antwort zu erhalten«, sagte Rand. »Aber wir sind die einzigen hier. Nur wir drei.« Nur ich. Ich bin derjenige, der es tun muß.
»Wir könnten ihrer Spur folgen, Lord Rand. Wenn wir sie erwischen... «
Rand starrte der Schnüffler überrascht an. »Du kannst sie immer noch riechen?«
»Das kann ich, Lord.« Hurin zog die Stirn kraus. »Es ist nur schwach und irgendwie blaß wie alles hier, aber ich kann die Spur riechen. Gleich dort droben.« Er deutete auf den Rand der Mulde. »Ich verstehe es nicht, Lord Rand, aber letzten Abend hätte ich schwören können, daß die Spur geradewegs an der Mulde vorbeiführt, dort — dort, wo wir waren. Nun ja, die Spur ist immer noch da, aber eben hier, und sie ist schwächer, wie ich schon sagte. Nicht alt und schwach, sondern... Ich weiß nicht, Lord Rand, aber sie ist hier.«
Rand überlegte. Falls Fain und die Schattenfreunde hier waren — wo immer das sein mochte —, wußten sie möglicherweise, wie sie zurückkommen konnten. Das mußten sie wohl, nachdem sie ja schon hierhergekommen waren. Und sie besaßen das Horn und den Dolch. Mat mußte diesen Dolch zurückbekommen. Allein schon deshalb mußte er sie finden. Was ihn schließlich bewog, ihnen zu folgen, war seine Scheu davor, es noch einmal zu versuchen. Er hatte Angst vor dem Versuch, die Macht zu benutzen. Er hätte sogar weniger Angst davor gehabt, Schattenfreunden und Trollocs gegenüberzustehen, als das zu tun.
»Dann werden wir die Schattenfreunde verfolgen.« Er bemühte sich, selbstsicher zu erscheinen, so wie das bei Lan oder Ingtar der Fall gewesen wäre. »Das Horn muß zurückgewonnen werden. Wenn wir keinen Weg finden, es ihnen wieder abzunehmen, wissen wir zumindest, wo sie sind, wenn wir Ingtar wiederfinden.« Wenn sie nur nicht fragen, wie wir ihn wiederfinden wollen. »Hurin, überzeug dich bitte davon, daß es wirklich die Spur ist, hinter der wir her sind.«
Der Schnüffler sprang in den Sattel. Er war begierig darauf, selbst etwas zu tun, vielleicht auch aus der Mulde wegzukommen. Er ließ sein Pferd die breiten farbigen Stufen hinaufklettern. Die Hufe des Tieres klapperten laut auf dem Steinboden, aber sie hinterließen keine Spuren.
Rand verstaute die Fußfesseln des Braunen in den Satteltaschen; die Flagge steckte immer noch dort drinnen (er hätte sich nicht beklagt, wäre sie zurückgeblieben). Er nahm seinen Bogen und Köcher und kletterte auf den Rücken des Hengstes. Das Bündel aus Thom Merrilins Umhang war hinter dem Sattel festgemacht.
Loial führte sein großes Reittier zu ihm herüber. Der Ogier stand noch, und doch reichte er Rand bis fast an die Schultern, während Rand im Sattel saß. Loial wirkte immer noch verblüfft.
»Glaubst du, wir sollten hierbleiben?« fragte Rand. »Noch einmal versuchen, den Stein zu benutzen? Falls die Schattenfreunde sich hier befinden, müssen wir sie suchen. Wir können das Horn von Valere nicht in den Händen von Schattenfreunden lassen; du hast gehört, was die Amyrlin gesagt hat. Und wir müssen diesen Dolch zurückhaben. Mat wird ohne ihn sterben.«
Loial nickte. »Ja, Rand, das müssen wir. Aber die Steine... «
»Wir werden einen anderen finden. Du hast gesagt, sie seien überall verstreut, und wenn sie alle so sind wie dieser hier — mit diesen Zeichen rundum —, sollte es nicht zu schwer sein, einen zu finden.«
»Rand, in diesem Buch stand, daß die Steine aus einem früheren Zeitalter stammen als der Zeit der Legenden und daß selbst die Aes Sedai sie nicht verstanden, obwohl sie sie benutzten, jedenfalls ein paar der wirklich Mächtigen. Sie brauchten dazu die Eine Macht. Wie wolltest du den Stein benutzen, um uns zurückzubringen? Oder irgendeinen anderen Stein, falls wir einen finden?«
Für einen Augenblick konnte Rand nur den Ogier ansehen und dabei schneller denken als je zuvor. »Wenn sie älter sind als das Zeitalter der Legenden, dann haben die Leute, die sie herstellten, vielleicht die Macht gar nicht angewandt. Es muß einen anderen Weg geben. Die Schattenfreunde sind hierher gelangt und benutzen ganz gewiß die Macht nicht. Was das auch für ein Weg sein mag; ich werde ihn finden. Ich werde uns zurückbringen, Loial.« Er betrachtete die hohe Steinsäule mit ihren eigenartigen Markierungen und fühlte Angst in sich aufsteigen. Licht, hoffentlich muß ich nicht wirklich die Macht benutzen, um es zu schaffen! »Das werde ich, Loial. Ich verspreche es dir. So oder so.«
Der Ogier nickte zweifelnd. Er schwang sich auf sein riesiges Pferd und folgte Rand die Stufen hinauf, um sich zwischen den rußgeschwärzten Bäumen Hurin anzuschließen.
Das Land erstreckte sich flach und wellig vor ihnen. Hier und da sahen sie spärliche Wälder und dazwischen Grasland, das von Bächen durchschnitten wurde. In mittlerer Entfernung glaubte Rand einen weiteren verbrannten Fleck zu entdecken. Alles war blaß — die Farben ausgewaschen. Es gab kein Anzeichen von Menschenwerk, außer dem Steinkreis hinter ihnen. Der Himmel war leer; kein Rauch aus einem Schornstein, keine Vögel, nur ein paar Wolken und die blasse gelbe Sonne.