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Am schlimmsten war, daß dieses Land irgendwie die Sichtweise zu verzerren schien. Alles Nahegelegene sah normal aus und auch alles, was in der Entfernung direkt vor seinen Augen lag. Aber immer wenn er den Kopf drehte, schienen ferne Dinge, die er aus den Augenwinkeln sah, auf ihn zuzufliegen. Wenn er sie dann wieder direkt ansah, waren sie näher als vorher. Das löste Schwindelgefühle aus. Sogar die Pferde wieherten nervös und rollten die Augen. Er versuchte, den Kopf langsam zu bewegen. Die scheinbare Bewegung feststehender Dinge war immer noch vorhanden, aber es schien doch ein wenig zu helfen.

»Hat dein Buch irgend etwas darüber ausgesagt?« fragte Rand.

Loial schüttelte den Kopf und schluckte, als wünsche er, er hätte ihn nicht bewegt. »Nichts.«

»Tja, ich schätze, da läßt sich nichts machen. Wohin nun, Hurin?«

»Nach Süden, Lord Rand.« Der Schnüffler starrte zu Boden.

»Also, dann nach Süden.« Es muß doch einen Rückweg geben, bei dem man die Macht nicht anwenden muß. Rand gab dem Braunen die Fersen. Er bemühte sich, seiner Stimme einen fröhlichen Klang zu verleihen, als sähe er überhaupt keine Schwierigkeit in allem, was auf sie einstürmte. »Was hat Ingtar gesagt? Drei oder vier Tage bis zu dieser Siegessäule für Artur Falkenflügel? Ich frage mich, ob die auch wirklich existiert, so wie die Steine. Falls dies eine mögliche Welt ist, steht sie hier vielleicht noch. Das wäre doch etwas Sehenswertes, Loial!«

Sie ritten südwärts.

14

Wolfsbruder

»Weg?« wollte Ingtar von der Luft wissen. »Und meine Wachen haben nichts gesehen? Nichts! Sie können doch nicht einfach weg sein!«

Perrin hörte zu und spannte die Schultern. Er sah Mat an, der etwas entfernt stand, die Stirn gerunzelt hatte und in sich hinein murmelte. Er war sich mit sich selbst nicht einig, so sah es Perrin. Die Sonne lugte bereits über den Horizont, und es war höchste Zeit, weiterzureiten. Schatten erstreckten sich über der Mulde, lang und blaß, aber sie sahen immer noch den Bäumen ähnlich, die sie hervorriefen. Die Packpferde stampften ungeduldig. Sie waren beladen und an der langen Führleine angebunden. Alle Soldaten standen neben ihren Pferden und warteten.

Uno kam mit langen Schritten heran. »Keine einzige ziegenküssende Spur, Lord Ingtar.« Es klang beleidigt; eine Schande bei seinem Können. »Seng mich, nicht einmal ein flammender Kratzer von Pferdehufen. Sie sind einfach blutig verschwunden.«

»Drei Männer und drei Pferde verschwinden nicht so einfach«, grollte Ingtar. »Sieh dir den Boden noch einmal genau an, Uno. Wenn jemand herausfinden kann, wo sie hin sind, dann bist du es.«

»Vielleicht sind sie einfach weggerannt«, sagte Mat. Uno blieb stehen und funkelte ihn an. Als hätte er eine Aes Sedai beschimpft, dachte Perrin staunend.

»Warum sollten sie denn wegrennen?« Ingtars Stimme klang gefährlich sanft. »Rand, der Erbauer, mein Schnüffler — mein Schnüffler! —, warum sollte auch nur einer von ihnen wegrennen, geschweige denn alle drei?«

Mat zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht. Rand war... « Perrin hätte am liebsten etwas nach ihm geworfen, ihn geschlagen, irgend etwas getan, um ihn zum Schweigen zu bringen, aber Ingtar und Uno sahen zu. Erleichterung durchströmte ihn, als Mat zögerte, die Hände spreizte und knurrte: »Ich weiß nicht, warum. Ich habe nur so gedacht... «

Ingtar verzog das Gesicht. »Weggerannt«, grollte er, als habe er das nicht einen Moment lang geglaubt. »Der Erbauer kann gehen, wohin er will, aber Hurin rennt nicht weg. Und Rand al'Thor auch nicht. Das täte er nicht, denn er kennt jetzt seine Pflichten. Geh weiter, Uno. Such den Boden nochmals ab.« Uno verbeugte sich halb und eilte davon. Der Griff seines Schwertes hüpfte über den Schultern. Ingtar murrte: »Warum sollte Hurin ohne ein Wort mitten in der Nacht abhauen? Er weiß doch, worum es geht. Wie soll ich diesen schattengeborenen Dreckskerlen ohne seine Hilfe folgen? Ich gäbe tausend Goldkronen für ein Rudel Spürhunde. Wenn ich es nicht besser wüßte, müßte ich annehmen, die Schattenfreunde hätten ihre Hand im Spiel gehabt, so daß sie nach Osten oder Westen verschwinden können, ohne daß ich es weiß. Friede, ich weiß nicht einmal, was ich überhaupt weiß.« Er stapfte hinter Uno her.

Perrin trat unsicher von einem Fuß auf den anderen. Zweifellos entfernten sich die Schattenfreunde von Minute zu Minute von ihnen. Sie entfernten sich, und mit ihnen das Horn von Valere — und der Dolch aus Shadar Logoth. Er glaubte nicht, daß Rand, was immer mit ihm geschehen war, diese Jagd aufgeben würde. Aber wo steckt er? Loial war vielleicht aus Freundschaft mit Rand gegangen — aber warum Hurin?

»Vielleicht ist er wirklich weggerannt«, knurrte er und blickte sich um. Keiner schien es gehört zu haben; selbst Mat achtete nicht auf ihn. Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar. Wenn hinter ihm die Aes Sedai her gewesen wären, um aus ihm einen falschen Drachen zu machen, wäre er auch weggerannt. Aber sich um Rand Sorgen zu machen, half auch nicht, die Spur der Schattenfreunde zu finden.

Es gab vielleicht eine Möglichkeit, falls er das wirklich wollte. Er wollte aber nicht. Er war lange genug davor weggelaufen. Vielleicht konnte er jetzt nicht mehr länger weglaufen. Geschieht mir recht nach allem, was ich Rand gesagt habe. Ach, könnte ich doch weglaufen! Obwohl er wußte, was er tun mußte, um zu helfen, zögerte er.

Keiner sah ihn an. Keinem wäre auch klar gewesen, was er da sah, wenn er ihn anblickte. Schließlich schloß er zögernd die Augen und ließ sich treiben, ließ seine Gedanken hinaustreiben, weg von ihm selbst.

Er hatte es von Anfang an abgelehnt, lange bevor die Farbe seiner Augen sich von Dunkelbraun zu glänzendem Goldgelb veränderte. Bei diesem ersten Zusammentreffen, dem ersten Augenblick des Erkennens, hatte er sich geweigert, daran zu glauben, und vor dieser Erkenntnis war er seither weggelaufen. Er wollte immer noch fliehen.

Seine Gedanken trieben hinaus, fühlten nach dem, was dort draußen sein mußte, was sich immer in einem Land befand, wo die Menschen weit verstreut lebten suchten nach seinen Brüdern.

Anfangs hatte er gefürchtet, sein Tun werde irgendwie vom Dunklen König geprägt oder auch von der Einen Macht — beides genauso schlimm für einen Mann, der nicht mehr wollte, als ein Hufschmied sein und sein Leben lang im Licht und in Frieden wandeln. Von der Zeit an konnte er Rands Gefühle besser nachvollziehen: sich vor den eigenen Fähigkeiten fürchten, sich unrein fühlen. Er war noch nicht ganz darüber hinweg. Aber was er da tat, hatte es schon gegeben, bevor Menschen die Eine Macht anwendeten. Es stammte von der Geburt der Zeit her. Es sei nicht die Macht, hatte Moiraine gesagt. Etwas lange Verschwundenes, das nun wiedergekehrt war. Auch Egwene wußte davon, wenn es ihm auch lieber gewesen wäre, sie hätte nichts gewußt. Er wünschte, keiner hätte darüber Bescheid gewußt. Er hoffte, daß sie es niemandem erzählt hatte.

Kontakt. Er fühlte sie, fühlte andere Wesen. Fühlte seine Brüder, die Wölfe.

Ihre Gedanken erreichten ihn als ein Gewirr von Eindrücken und Gefühlen. Zuerst war er nicht in der Lage gewesen, mehr als die stärksten Gefühle darin auszumachen, doch nun formte sein Verstand die Worte, die darin steckten. Wolfsbruder. Überraschung. Zweibeiner, der spricht. Ein verblaßtes Bild, vom Alter getrübt, älter als alt, das Menschen zeigte, die mit den Wölfen jagten. Zwei Rudel, die gemeinsam jagten. Wir haben gehört, daß es wiederkommt. Bist du Langzahn?

Es war das blasse Bild eines in Felle gekleideten Mannes mit einem langen Messer in der Hand, aber das Bild wurde in der Mitte von dem eines zerzausten Wolfs überlagert, der einen Zahn besaß, länger als alle anderen, einen stählernen Zahn, der im Sonnenschein glitzerte, als der Wolf das Rudel in einem verzweifelten Angriff auf einen Hirsch durch den Tiefschnee führte. Der Hirsch bedeutete für sie Leben anstelle des langsamen Hungertodes. Er trat um sich und versuchte, durch den bauchhohen Schnee zu rennen. Die Sonne gleißte auf dem Weiß, bis die Augen schmerzten, und der Wind heulte die Pässe herunter, wirbelte den Pulverschnee wie Nebelschwaden auf, und... Die Namen von Wölfen bestanden immer aus komplexen Bildern und Vorstellungen.