Perrin erkannte den Mann. Elyas Machera, der ihn zuerst mit den Wölfen bekanntgemacht hatte. Manchmal wünschte er sich, er hätte Elyas nie getroffen.
Nein, dachte er und versuchte, sich selbst im Geist darzustellen.
Ja. Wir haben von dir gehört. Es war aber nicht das Bild, das er geschaffen hatte, von einem jungen Mann mit kräftigen Schultern und zerzausten braunen Locken, eines jungen Mannes mit einer Axt am Gürtel, von dem andere glaubten, er denke und bewege sich langsam. Dieser Mann war schon da, irgendwo in jenem geistigen Bild, das von den Wölfen stammte, aber stark überlagert von dem eines wuchtigen wilden Bullen mit gekrümmten Hörnern aus glänzendem Metall, der mit der Schnelligkeit und dem Überschwang der Jugend durch die Nacht stürmte, das lockige Fell im Mondschein glänzend, der sich zwischen die Weißmäntel auf ihren Pferden stürzte... Die Luft war beißend kalt und dunkel, das Blut so rot an den Hörnern und...
Junger Stier.
Einen Augenblick lang verlor Perrin in seiner Überraschung den Kontakt. Er hatte sich nicht träumen lassen, daß sie ihm einen Namen gegeben hatten. Er wünschte, sich nicht mehr daran zu erinnern, wie er sich den Namen verdient hatte. Er berührte die Axt am Gürtel mit ihrer schimmernden Halbmondschneide. Licht, hilf mir, ich habe zwei Männer getötet! Sie hätten mich und
Egwene sogar noch schneller getötet, aber...
Er schob alles beiseite. Es war vorbei und lag hinter ihm. Er verspürte kein Bedürfnis, sich noch weiter daran zu erinnern. Er teilte den Wölfen die Witterung Rands, Loials und Hurins mit und fragte sie, ob sie die drei irgendwo gewittert hatten. Das war eine der Eigenschaften, die er zusammen mit der Veränderung seiner Augen gewonnen hatte: Er konnte Menschen durch ihren Geruch unterscheiden, selbst wenn er sie nicht sah. Er sah auch besser als vorher und bei jedem Licht außer völliger Dunkelheit. Er achtete mittlerweile sehr darauf, Lampen oder Kerzen anzuzünden, oft lange bevor ein anderer dies für nötig hielt.
Von den Wölfen kam das Bild von Männern auf Pferden, die sich spät am Tag noch der Mulde näherten. Das war das letzte, was sie von Rand und den beiden anderen gewittert oder gesehen hatten.
Perrin zögerte. Der nächste Schritt wäre sinnlos, außer er sprach mit Ingtar darüber. Und Mat wird sterben, wenn wir den Dolch nicht finden. Seng dich, Rand, warum hast du den Schnüffler mitgenommen?
Beim einzigen Mal, als er Egwene in den Kerker begleitet hatte, hatten sich ihm bei Fains Geruch die Haare gesträubt; nicht einmal Trollocs stanken so fürchterlich. Er hätte die Gitterstäbe der Zelle am liebsten weggefetzt und den Mann zerrissen, und allein dieser Wunsch hatte ihn noch mehr erschüttert als Fain selbst. Um Fains Geruch im eigenen Geist zu überdecken, fügte er den Geruch von Trollocs hinzu, bevor er laut heulte.
Aus der Entfernung erklang das Jaulen des Wolfsrudels und in der Mulde stampften und wieherten die Pferde vor Angst. Einige der Soldaten legten die Hände an die Schäfte ihrer Lanzen und beobachteten wachsam den Rand der Mulde. In Perrins Kopf ging es viel schlimmer zu. Er fühlte den Zorn und den Haß der Wölfe. Es gab nur zwei Dinge, die Wölfe haßten. Alles andere ertrugen sie, aber sie haßten das Feuer und die Trollocs, und sie würden durch das Feuer springen, um Trollocs zu töten.
Noch mehr als die Trollocs hatte Fains Witterung sie in wilde Erregung versetzt, als röchen sie etwas, gegen das selbst Trollocs natürlich und gut rochen.
Wo?
Der Himmel rollte durch seinen Kopf, und das Land schwankte wild. Die Wölfe kannten kein Ost und West. Sie kannten die Bewegung von Sonne und Mond, den Wechsel der Jahreszeiten, die Gestalt der Landschaft. Perrin fand heraus, wie er es ihnen am besten beibringen konnte. Süden. Der Sonne entgegen. Und noch heftiger fügte er hinzu: den Willen, die Trollocs zu töten. Die Wölfe würden es dem Jungen Stier erlauben, am Töten teilzunehmen. Er konnte auch die Zweibeiner mit der harten Haut mitbringen, wenn er wollte, aber der Junge Stier und Rauch und Zwei Hirsche und Winterdämmerung und der Rest des Rudels würden die Verzerrten verfolgen, die in ihr Land eingedrungen waren. Das ungenießbare Fleisch und das bittere Blut würden ihnen auf der Zunge brennen, aber sie mußten getötet werden. Tötet sie. Tötet die Verzerrten.
Ihre Wut steckte ihn an. Er verzog die Lippen zu einem Knurren und trat einen Schritt vor, um sich ihnen anzuschließen, um neben ihnen herzurennen, um mit ihnen zu töten.
Mit Mühe unterbrach er die Verbindung bis auf das schwache Gefühl, daß die Wölfe da waren. Er hätte über die ganze Entfernung hinweg direkt auf sie deuten können. Innerlich war ihm kalt. Ich bin ein Mensch und kein Wolf. Licht, hilf mir, ich bin doch ein Mensch!
»Geht es dir gut, Perrin?« fragte Mat, der auf ihn zutrat. Er klang ganz so wie immer, leichthin und in letzter Zeit mit einem bitteren Unterton, aber er sah besorgt aus. »Das kann ich gerade noch gebrauchen. Rand weggelaufen, und du wirst krank. Ich weiß nicht, wo ich eine Seherin auftreiben soll, die dich hier draußen behandelt. Ich glaube, ich habe noch etwas Weidenrinde in einer Satteltasche. Ich kann dir Tee daraus bereiten, falls Ingtar so lange wartet. Geschieht dir recht, wenn ich ihn zu stark mache.«
»Mir... mir geht's gut, Mat.« Perrin schüttelte den Freund ab und suchte Ingtar. Der schienarische Lord suchte den Boden am Rand ab, zusammen mit Uno, Ragan und Masema. Die anderen warfen ihm böse Blicke zu, als er Ingtar zur Seite zog. Er vergewisserte sich, daß Uno und die anderen zu weit entfernt waren, um zu lauschen, bevor er loslegte. »Ich weiß nicht, wohin Rand und die anderen verschwunden sind, Ingtar, aber Padan Fain und die Trollocs — und ich denke, auch die anderen Schattenfreunde — sind immer noch auf dem Weg nach Süden.«
»Woher wißt Ihr das?« fragte Ingtar.
Perrin atmete tief durch. »Die Wölfe haben es mir gesagt.« Er wartete, doch er war nicht sicher, worauf. Lachen, Spott, die Anklage, er sei ein Schattenfreund oder verrückt. Absichtlich hakte er seine Daumen hinter dem Gürtel ein — ein Stück von der Axt entfernt. Ich werde nicht töten. Nicht noch einmal. Wenn er versucht, mich als Schattenfreund zu töten, werde ich wegrennen, aber ich werde niemanden töten.
»Ich habe von solchen Dingen gehört«, sagte Ingtar bedächtig nach einem Augenblick des Schweigens.
»Gerüchte. Es gab einmal einen Behüter, einen Mann namens Elyas Machera, von dem man sagte, er könne mit Wölfen sprechen. Er verschwand vor Jahren.« Er schien Perrins Blick etwas zu entnehmen. »Ihr kennt ihn?«
»Ich kenne ihn«, sagte Perrin knapp. »Er ist derjenige... Ich will nicht darüber sprechen. Ich habe nicht darum gebeten.« Das hat auch Rand gesagt. Licht, ich wünsche, ich wäre zu Hause und könnte in Meister Luhhans Schmiede arbeiten.
»Diese Wölfe«, sagte Ingtar, »werden sie für uns die Schattenfreunde und Trollocs aufspüren?« Perrin nickte. »Gut. Ich muß das Horn haben, gleich wie.« Der Schienarer blickte sich nach Uno und den anderen um, die immer noch nach Spuren suchten. »Aber es ist besser, niemandem davon zu erzählen. Wölfe werden in den Grenzlanden als Glücksbringer betrachtet. Die Trollocs haben Angst vor ihnen. Aber trotzdem ist es besser, das alles eine Weile für uns zu behalten. Einige von ihnen verstünden es vielleicht nicht.«