»Nein. Wenn Ihr sagt, daß sie spurlos verschwanden... « Für einen langen Augenblick musterte sie Ingtar mit nichtssagender Miene. »Ich werde mit Euch reiten. Vielleicht finden wir sie wieder, oder sie finden uns. Sprecht mit mir, während wir reiten, Lord Ingtar. Erzählt mir alles, was Ihr wißt, über diesen jungen Mann. Alles, was er tat, und alles, was er sagte.«
Sie ritten mit klimperndem Zaumzeug und quietschenden Rüstungen los, Verin neben Ingtar. Sie fragte ihn eindringlich aus, aber zu leise, um von den anderen gehört zu werden. Sie warf Perrin einen Blick zu, als er seinen Platz wieder einnehmen wollte, und er ließ sich zurückfallen.
»Sie ist hinter Rand her«, murmelte Mat, »und nicht hinter dem Horn.«
Perrin nickte. Wo immer du auch sein magst, Rand, bleib dort. Dort bist du sicherer als hier.
15
Brudermörder
Die Art, wie die seltsam verblaßt wirkenden fernen Hügel auf Rand zuglitten, wenn er sie direkt anblickte, erzeugte Schwindelgefühle in ihm, außer er hüllte sich in das Nichts ein. Manchmal kam die Leere unversehens über ihn, aber er mied sie wie die Pest. Besser schwindlig zu sein, als das Nichts mit diesem unsteten Licht zu teilen. Viel besser, das verblaßte Land zu beobachten. Trotzdem bemühte er sich, nichts anzusehen, was in größerer Entfernung lag — nur das, was geradeaus vor ihnen lag.
Hurin trug einen erstarrten Gesichtsausdruck zur Schau, während er sich darauf konzentrierte, die Spur zu wittern, als versuche er, das Land zu übersehen, durch das diese Spur verlief. Wenn dem Schnüffler ihre Umgebung doch bewußt wurde, fuhr er zusammen und wischte sich die Hände am Mantel ab. Dann schob er die Nase vor wie ein Jagdhund, seine Augen wurden glasig, und er schloß alles andere aus seiner Wahrnehmung aus. Loial hing müde im Sattel und sah sich mit gerunzelter Stirn um. Seine Ohren zuckten unruhig, und er führte Selbstgespräche.
Wieder überquerten sie ein Stück Land, das geschwärzt und verbrannt aussah. Selbst der Boden knirschte unter den Hufen der Pferde, als habe man ihn versengt. Diese verbrannten Landstreifen waren manchmal eine Meile und manchmal nur ein paar hundert Schritte breit, aber alle erstreckten sich kerzengerade von Osten nach Westen. Zweimal sah Rand das Ende eines solchen Streifens.
Einmal ritten sie direkt darüber und einmal in der Nähe vorbei. Sie liefen am Ende in schmalen Spitzen aus. Jedenfalls dort, wo sie es sehen konnten; er vermutete, es war doch überall das gleiche.
Einmal hatte er zu Hause in Emondsfeld Whatley Eldin zugesehen, wie er einen Festwagen für den Sonnentag vorbereitet hatte. What hatte ihn mit bunten Bildern und kunstvollen Verzierungen geschmückt. An den Rändern hatte What den Wagen lediglich mit der Pinselspitze berührt. Die dünne Linie wurde stärker, als er mehr aufdrückte, und wieder dünner, als der Pinseldruck nachließ. Genauso sah das Land aus: als habe jemand mit einem riesigen Feuerpinsel Linien darüber gezogen.
Nichts wuchs dort, wo das Land verbrannt war. Einige der Brandstreifen zumindest erweckten das Gefühl, schon sehr alt zu sein. Dort konnte man nicht einmal eine Andeutung von Ruß in der Luft riechen, ja, selbst dann nicht, wenn er sich herunterbeugte, ein schwarzes Ästchen abbrach und daran roch. Lange vorbei, und doch gab es nichts, was das Land wieder belebt und zum Blühen gebracht hätte. Schwarz und Grün wechselten sich ab, und die Grenzen verliefen messerscharf.
Der Rest der Landschaft wirkte auf eine andere Art genauso tot wie die Brandstreifen, obwohl der Boden grasbewachsen war und die Bäume Blätter trugen. Alles wirkte so verblaßt — wie Kleider, die man zu oft gewaschen und zu lange in der Sonne getrocknet hatte. Es gab keine Vögel oder andere Tiere; jedenfalls sah und hörte Rand keine. Kein Falke drehte seine Kreise am Himmel, kein jagender Fuchs bellte, kein Vogel sang. Nichts raschelte im Gras oder setzte sich auf einen Ast. Keine Bienen, keine Schmetterlinge. Mehrmals überquerten sie seichte Bäche. Oft hatte sich das Wasser eine tiefe Rinne in das Land gegraben, deren steile Uferböschungen die Pferde hinunterrutschen und auf der anderen Seite wieder besteigen mußten. Das Wasser war klar bis auf den von den Pferdehufen aufgewirbelten Schlamm, doch keine Elritze und keine Kaulquappe schossen aus dem Schlammwirbel heraus. Nicht einmal eine Wasserspinne tanzte über die Oberfläche, und keine Libelle schwebte über dem Wasserspiegel.
Das Wasser war trinkbar, und das war gut so, denn ihre Vorräte reichten nicht ewig. Rand versuchte es zuerst und ließ Loial und Hurin warten, um zu sehen, ob ihm etwas passierte. Dann durften sie trinken. Er hatte sie in diese Lage gebracht und war verantwortlich für sie. Das Wasser war kühl und sauber, und das war auch noch das beste daran. Es schmeckte schal, als sei es abgekocht. Loial verzog das Gesicht, und die Pferde mochten es auch nicht. Sie schüttelten die Köpfe und tranken nur zögernd.
Es gab kein Anzeichen für Leben hier. Zweimal sah er einen zerfledderten Streifen wie eine von Wolken gezogene Linie über den Himmel kriechen. Die Linien war zu gerade, um natürlichen Ursprungs zu sein, aber er konnte sich nicht vorstellen, was die Ursache war. Er erwähnte diese Streifen den anderen gegenüber nicht. Vielleicht bemerkten sie sie gar nicht. Hurin war ganz auf die Spur konzentriert, und Loial hatte sich in sich selbst zurückgezogen. Jedenfalls sagten sie nichts zu den Streifen.
Als sie bereits den halben Morgen lang geritten waren, schwang sich Loial plötzlich wortlos von seinem riesigen Pferd und lief hinüber zu einer Gruppe Riesenbesenbäume. Ihre Stämme teilten sich zu vielen dicken Ästen, die steif und gerade keinen Schritt weit über dem Boden herausstanden. An den Spitzen teilten sie sich erneut zu einem dicht mit Blättern bewachsenen Gestrüpp, das ihnen den Namen gegeben hatte.
Rand hielt den Braunen an und wollte schon fragen, was er vorhatte, aber etwas am Benehmen des Ogiers, der selbst unsicher schien, ließ Rand schweigen. Nachdem er den Baum angeblickt hatte, legte Loial die Hände auf den Stamm und begann mit tiefer, sanft grollender Stimme zu singen.
Rand hatte schon einmal das Baumlied des Ogiers gehört, damals, als Loial einen sterbenden Baum besungen und wieder zum Leben erweckt hatte, und er hatte auch von besungenem Holz gehört, Kunstgegenständen, deren Material mit Hilfe des Baumlieds von Bäumen gewonnen worden war. Loial sagte, dieses Talent sei allmählich immer seltener geworden. Er war mittlerweile einer der wenigen, die diese Fähigkeit besaßen. Deshalb war besungenes Holz nun um so wertvoller und sehr gesucht. Als Loial damals sang, schien die Erde selbst zu singen. Doch nun sang der Ogier leise und beinahe schüchtern, und das Land warf ein flüsterndes Echo zurück.
Es schien eine reine Melodie zu sein, Musik ohne Worte; jedenfalls besaß sie keinen für Rand erkennbaren Text. Falls es einen Wortlaut gab, ging der so in die Melodie über wie Wasser in einen Bach. Hurin schnappte nach Luft und machte große Augen.
Rand war nicht klar, was Loial da eigentlich tat oder wie er es bewerkstelligte. So leise das Lied auch erklang, so hatte es doch eine beinahe hypnotische Wirkung auf ihn und erfüllte seinen Geist fast so wie das Nichts.
Loial streichelte den Stamm mit seinen großen Händen, sang und liebkoste sowohl mit seiner Stimme als auch mit seinen Fingern. Irgendwie schien der Stamm nun glatter, als ob sein Streicheln ihn veränderte. Rand blinzelte. Er war sicher, daß der Baum, den Loial bearbeitete, vorher genau wie die anderen an der Spitze Äste aufgewiesen hatte, doch nun lief er in einem abgerundeten Ende direkt über Loials Kopf aus. Rand öffnete den Mund, aber das Lied beruhigte ihn wieder. Es kam ihm so bekannt vor, dieses Lied, als sollte er es eigentlich kennen.
Plötzlich schwoll Loials Stimme an, erreichte einen Höhepunkt — es klang wie eine Dankeshymne — und verklang so sanft wie eine Brise.
»Seng mich«, hauchte Hurin. Er wirkte wie betäubt. »Seng mich, ich habe noch nie so etwas gehört... Seng mich.«