In seinen Händen hielt Loial einen Stab, so lang, wie er groß war, und so dick wie Rands Unterarm. Er war glatt und glänzte. Wo sich der Stamm des Riesenbesenbaums befunden hatte, war jetzt ein kleiner neuer Sprößling zu sehen.
Rand atmete tief durch. Immer wieder etwas Neues, etwas Unerwartetes, und manchmal ist es nichts Schlimmes.
Er sah zu, wie Loial sich auf sein Pferd schwang und den Stab vor sich über den Sattel legte. Er fragte sich, warum der Ogier einen Stab wollte, da sie ja schließlich ritten. Doch dann sah er plötzlich den dicken Prügel mit anderen Augen, nicht der Größe wegen, sondern weil ihm bewußt wurde, wie der Ogier ihn führte. »Ein Bauernspieß«, sagte er überrascht. »Ich wußte nicht, daß Ogier auch Waffen tragen, Loial.«
»Normalerweise ist das auch nicht der Fall«, antwortete der Ogier kurz angebunden. »Normalerweise. Der Preis ist immer zu hoch gewesen.« Er schwang den mächtigen Bauernspieß und runzelte angewidert die Nase. »Der Älteste Haman würde bestimmt sagen, daß ich einen langen Schaft an meine Axt stecke, aber ich handle nie übereilt oder unüberlegt, Rand. Dieser Ort hier...« Er schauderte, und seine Ohren zuckten.
»Wir finden bestimmt bald den Weg zurück«, meinte Rand. Er bemühte sich, selbstsicher zu klingen.
Loial sprach, als habe er nichts gehört: »Alles ist... irgendwie miteinander verknüpft, Rand. Ob lebendig oder nicht, ob es denken kann oder nicht, alles was ist, gehört zusammen. Der Baum denkt nicht, ist aber ein Teil des Ganzen, und das Ganze kann man... fühlen. Ich kann es nicht erklären, genausowenig, wie ich dir erklären könnte, was ›glücklich‹ bedeutet, aber... Rand, dieses Land war froh, daß ich eine Waffe daraus fertigte. Froh!«
»Das Licht leuchte uns«, murmelte Hurin nervös, »und die Hand des Schöpfers schütze uns. Und wenn wir uns in die letzte Umarmung der Mutter begeben, dann beleuchte uns den Weg, Licht.« Er wiederholte diese Litanei immer wieder, als sei sie ein schützender Bannspruch.
Rand widerstand dem Impuls, sich umzusehen. Ganz bestimmt blickte er nicht zum Himmel auf. Alles, was noch notwendig war, um sie vollends zu entmutigen, war in diesem Augenblick eine weitere ausgefranste Spur am Himmel. »Hier gibt es nichts, was uns schaden könnte«, sagte er mit fester Stimme. »Und wir werden aufmerksam wachen und aufpassen, daß uns nichts bedrohen kann.«
Er hätte sich gern selbst ausgelacht, so ernsthaft klang das alles. Dabei war er sich in keiner Weise sicher. Aber wenn er die anderen so betrachtete — Loial, dessen behaarte Ohren herunterhingen, und Hurin, der sich bemühte, überhaupt nichts anzusehen —, dann wurde ihm klar, daß wenigstens einer von ihnen selbstsicher erscheinen mußte, sonst würden Angst und Unsicherheit zu ihrem Untergang führen. Das Rad webt, wie das Rad es wünscht. Er verdrängte diesen Gedanken. Hat nichts mit dem Rad zu tun und auch nichts mit ta'veren oder Aes Sedai oder dem, Drachen. Es ist eben einfach so, und das ist alles.
»Loial, bist du hier fertig?« Der Ogier nickte und strich bedauernd über seinen Bauernspieß. Rand wandte sich Hurin zu. »Hast du die Spur noch?«
»Habe ich, Lord Rand. Ich habe sie.«
»Dann also weiter. Wenn wir Fain und die Schattenfreunde finden, dann kehren wir als Helden nach Hause zurück — mit dem Dolch für Mat und mit dem Horn von Valere. Du führst, Hurin.« Helden? Ich begnüge mich damit, daß wir alle heil hier herauskommen.
»Es gefällt mir hier nicht«, verkündete der Ogier platt. Er hielt den Bauernspieß so, als erwarte er, ihn in Kürze verwenden zu müssen.
»Dann ist es ja um so besser, daß wir nicht vorhaben, hier zu bleiben, oder?« sagte Rand. Hurin lachte auf, als hätte er einen Scherz gemacht, aber Loial sah ihn ernst an.
»Um so besser, daß wir das nicht vorhaben, Rand.«
Doch als sie weiter nach Süden ritten, stellte er fest, daß sein leichter Tonfall und seine vorgegebene Sicherheit die anderen ein wenig aufgemuntert hatten. Hurin saß aufrechter im Sattel, und Loials Ohren wirkten nicht mehr ganz so verwelkt. Es war weder der richtige Zeitpunkt noch der richtige Ort, um ihnen zu gestehen, daß er ihre Ängste teilte; also behielt er sie für sich und kämpfte einen einsamen inneren Kampf.
Hurin hielt seine Fröhlichkeit den ganzen Vormittag über aufrecht, murmelte »Um so besser, daß wir nicht vorhaben, zu bleiben«, und schmunzelte, bis Rand ihm befahl, still zu sein. Gegen Mittag wurde der Schnüffler dann ruhig, schüttelte gelegentlich nur noch den Kopf und runzelte die Stirn. Schließlich wünschte sich Rand, daß der Mann lieber wieder lachen und seinen Spruch wiederholen möge.
»Stimmt etwas mit der Spur nicht, Hurin?« fragte er.
Der Schnüffler zuckte die Achseln, wirkte aber beunruhigt. »Ja, Lord Rand, und auch wieder nein, könnte man sagen.«
»Es muß doch entweder so oder so sein. Hast du die Spur verloren? Es ist keine Schande, wenn das der Fall sein sollte. Du sagtest doch von Anfang an, sie sei nur schwach ausgeprägt. Wenn wir die Schattenfreunde nicht finden können, suchen wir uns einen anderen Stein und kehren auf diesem Weg zurück.« Licht, alles, bloß das nicht! Rand verzog das Gesicht nicht. »Wenn Schattenfreunde kommen und wieder verschwinden können, können wir das auch.«
»Ach, ich habe sie nicht verloren, Lord Rand. Ich kann den Gestank von denen immer noch riechen. Das ist es nicht. Es ist nur... Es ist...« Er verzog das Gesicht, und dann brach es aus ihm heraus: »Es ist, als erinnerte ich mich nur daran, Lord Rand, und röche es nicht wirklich. Aber das stimmt nicht. Die Spur wird ständig von Dutzenden anderer Spuren gekreuzt, von Dutzenden und Aberdutzenden, und es gibt alle Arten von Spuren der Gewalttätigkeit. Einige Spuren sind beinahe frisch, nur verblaßt wie alles andere hier. Heute morgen, gleich nachdem wir die Mulde verlassen hatten, hätte ich schwören können, daß nur Minuten zuvor Hunderte vor meinen Füßen dahingeschlachtet worden waren, aber es gab keine Leichen, und keine Spur war im Gras zu entdecken, außer unseren Hufabdrücken. So etwas kann nicht geschehen, ohne daß der Boden aufgerissen wird und überall Blutspuren zu sehen sind, aber es war nichts zu sehen! Und so geht das die ganze Zeit, Lord Rand. Doch ich folge weiter der Spur. Wirklich. Dieser Ort macht mich nur nervös. Das ist der Grund. Das muß es sein.«
Rand sah zu Loial hinüber — manchmal wußte der Ogier die eigenartigsten Dinge zu erzählen —, aber der sah genauso erstaunt aus wie Hurin. Rand ließ seine Stimme viel sicherer klingen, als er sich fühlte. »Ich weiß, du gibst dein Bestes, Hurin. Wir sind alle ziemlich nervös. Folge der Spur nur, so gut es eben geht, dann finden wir sie auch.«
»Wie Ihr wünscht, Lord Rand.« Hurin trieb sein Pferd an. »Wie Ihr wünscht.«
Aber bei Einbruch der Nacht hatten sie immer noch keine Schattenfreunde zu Gesicht bekommen, und Hurin meinte, die Spur sei noch schwächer ausgeprägt als zuvor. Der Schnüffler murmelte immer etwas von ›Erinnerung‹ vor sich hin.
Es war keine Spur zu sehen gewesen, wirklich nicht die geringste. Rand war kein so guter Spurensucher wie Uno, aber man erwartete von jedem Jungen der Zwei Flüsse, daß er gut genug Fährten lesen konnte, um ein verlaufenes Schaf aufzuspüren oder ein Kaninchen zu erwischen. Er hatte nichts gesehen. Es schien, als habe kein Lebewesen dieses Land je betreten, bevor sie kamen. Es hätte doch wenigstens etwas da sein müssen, wenn die Schattenfreunde vor ihnen waren. Und Hurin folgte der Spur, die er roch.
Als die Sonne den Horizont berührte, schlugen sie ihr Lager in einem kleinen Gehölz auf, das der Brand nicht erfaßt hatte. Sie aßen direkt aus ihren Satteltaschen: Fladenbrot und Trockenfleisch, mit schalem Wasser hinuntergespült — kaum ein richtiges Essen zu nennen, zäh und ohne jeden Geschmack. Rand hoffte, daß sie genug Proviant für eine Woche dabei hatten. Danach... Hurin aß langsam und bewußt, während Loial sein Essen mit verächtlich verzogenem Gesicht hinunterwürgte. Dann setzte er sich zurecht und zog seine Pfeife heraus. Den Bauernspieß hatte er neben sich gelegt, um ihn gleich zur Hand zu haben. Rand hielt das Feuer klein und gut hinter den Bäumen versteckt. Fain und seine Schattenfreunde und die Trollocs konnten nahe genug sein, um ein Feuer zu erspähen. Man konnte so etwas nie wissen, auch wenn Hurin sich ständig über die Eigenart der Spur Gedanken machte. Es erschien Rand selbst eigenartig, daß es für ihn Fains Schattenfreunde und Fains Trollocs waren. Fain war nur ein Verrückter. Warum haben sie ihn dann gerettet? Fain war Teil des Planes des Dunklen Königs gewesen, um ihn zu finden. Vielleicht hatte es damit zu tun. Warum läuft er dann davon, anstatt mich zu verfolgen? Was ist in diesem Zimmer voller Fliegen geschehen? Und wer hat den Blassen umgebracht? Und diese Augen, die mich in Fal Dara beobachteten. Und dieser Wind, der mich so unversehens erwischt hat? Nein. Nein, Ba'alzamon muß tot sein. Die Aes Sedai glaubten das keineswegs. Moiraine glaubte es nicht, und die Amyrlin war der gleichen Meinung. Hartnäckig weigerte er sich, weiter daran zu denken. Im Augenblick dachte er lediglich daran, den Dolch für Mat aufzuspüren und Fain und das Horn zu finden.