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«Mein Geist versetzt mich oft in das Gebirge», sagte er zu seiner Gefährtin in der Stille der Nacht. «In Schloß Louvre bin ich gern, wegen meiner vielen guten Freunde und der schönen Damen. Aber auf die Dauer fehlen mir die Berge. Wer sie nicht beschritten hat als Kind, weiß nicht, was es heißt, im Herzen ihren Namen zu tragen. Die Pyrenäen.»

Sauves sah es, wie er träumte. Versuchsweise ließ sie ein Wort fallen: «Es ist weit bis dorthin?»

«Zu Pferd möchte ich in zehn Tagen dort sein. Ich habe gewettet mit meinem Vetter d’Alençon», erwiderte er eifrig und gab, wenn man so scharf hinhörte wie Sauves, sich und seinen Genossen preis. Um das Geständnis auszutilgen, begann er unvermittelt zu phantasieren von dem Wasserfall, der herabstürzte aus Himmelshöhen. Ganz hingerissen log er, daß er einmal sich selbst habe von ihm ins Tal tragen lassen, bis vor die Füße seiner Mutter Jeanne.

«Deren Tod auch nach drei Jahren noch nicht aufgeklärt ist», warf Sauves sofort ein. Und noch immer nicht gerächt! Das hielt sie zurück, darum hörte er es dennoch! Oh! er fühlte durchaus ihre Neugier. Diese berührte ihn so deutlich wie ihre Haut. Sauves hat ihre größte Lust nicht an der Liebe, sondern durch das Wissen und Hineinspähen. Ehe man dessen gewahr wird, hat man sich ihr verraten. Ihr zarter Körper war leicht zu ermüden, in dieser Hinsicht flößte Henri ihr Schrecken ein: sie aber ihm mit ihrem Scharfblick.

Indessen verriet sie ihn nicht an die alte Königin, obwohl es ihres Amtes gewesen wäre. Sie hatte dafür Entschuldigungen, denn was beging der arme Herr schon groß, außer einigen geheimen Unterredungen, die zu nichts führten. Madame Catherine hätte darüber gelacht, daß er sich sollte verschwören mit ihrem Sohn d’Alençon, der ihn so oft getäuscht hatte. Die Vorsätze des armen Herrn waren angekränkelt, seine Gedanken genügten sich bald schon selbst. Der tut nichts mehr, meint Sauves. Der geht auf die Jagd und ist pünktlich wieder da, voll Stolz auf die erlegte Beute. Vor allem liegt er zuviel bei Frauen. Sie meinte es gut und aufrichtig, als sie ihn hiervor warnte. Ihr Herz war nicht böse.

Allerdings wollte sie ihn auch von Margot trennen. Solange ein Prinz von Geblüt mit der Schwester des Königs verheiratet ist, hat er trotz allem noch Aussichten. Aber auf den Thron soll nicht er: mein einziger Herr und Meister Guise soll auf den Thron steigen! Daher versuchte Sauves ihren zeitweiligen Gefährten zu überzeugen, sie hätte ihn von je geliebt — schon seit der ersten Begegnung im Garten, als die Freundinnen Charlotte und Margot ihm Arm in Arm entgegenschritten, und ihnen vorauf gingen Pfauen. Der wird der meine, und ich gehöre ihm ganz: dies hatte sie vorgeblich sogleich beschlossen. Ich bin geschickt, bin klug, und heiratet er mich, wird er König! Das sollte er ihr glauben. Vergebens, sein gewitztes Lächeln sagte ihr, daß sie ihm so wenig etwas weismachen konnte wie er ihr. Aus Ärger entließ sie ihn an diesem Morgen früher, wenn er auch vielleicht aus ihren Armen in die ihrer lieben Freundin Margot sank.

So war das Vergnügen. Darüber geschah es, daß ihn in einer Nacht eine Schwäche befiel; der Ort war zum Glück das eheliche Bett. Eine Stunde währte die Ohnmacht, und in großer Sorge um ihn war Margot. Sie stand ihm bei und diente ihm, wie ihre Pflicht es vorschrieb; rief ihre Frauen und Leute; verließ ihn selbst keinen Augenblick, und sonst wäre er gestorben. Dieser Anfall hätte ihn warnen sollen: Margot sagte es ihm.

«Sie haben das nie gehabt. Es kommt von dem vielen Vergnügen mit den Frauen.» Genug, er war sehr zufrieden mit ihr, rühmte sie nachher allen, und sie war auch die erste, mit der er sich wieder vergnügte.

Die Wendung

Zu lange gesäumt, zu viel bedacht und bezweifelt. Endlich entscheidet ein anderer. Am fünfzehnten September dieses Jahres 1575 wendete sich alles: da war der Herzog von Alençon nicht mehr zu finden. Seine Mutter ließ ihn zur Tischzeit suchen im ganzen Hause, höchst besorgt um seine Gesundheit. Sie wußte aus eigener Übung, wie bald jemand umkommt. Indessen fand sich keine Leiche. War er denn geflüchtet, ohne sich auch nur seiner Schwester anzuvertrauen? Die hielt ihren Musenhof wie gewöhnlich. Aber der Zaunkönig! Madame Catherine war schon darauf gefaßt, auch ihn nicht wiederzusehen — da kommt er ganz harmlos vom Ballspiel und nimmt noch erst ein Bad. «Was weißt du, Zaunkönig? Gesteh! Oder es wird dich reuen.»

Henri lachte: «Gerade erzählt mein d’Armagnac, daß der Vetter durchgegangen ist — man sagt, in einer Kutsche, die aussah wie leer. Soll ich Ihnen verraten, Madame, was jetzt folgen wird? Ein Aufruf des Mannes mit den zwei Nasen an das Land und das Volk, damit sie sich erheben. Darauf werden Sie, Madame, ihn versöhnen und ihm geben, was er verlangt.»

Er ärgerte sich — sie meinte, wegen des Verdachtes der Mitwisserschaft, der auf ihn fiel; und gewiß verdiente er den Verdacht. Dennoch verschärfte sie seine Gefangenschaft noch nicht. Seine Voraussage traf pünktlich ein, es erschien der Aufruf an Land und Volk. Darin berief der königliche Prinz sich auf die allgemeine Unzufriedenheit, auf die Sehnsucht so vieler Gemäßigter beider Religionen nach Frieden; verlangte aber auch Gerechtigkeit für sich selbst. Denn im Palast seines Bruders bekäme er nur Unannehmlichkeiten und kein Geld. Hier sah die alte Königin tatsächlich schon die Handhabe, ihr liebes Kind wieder zurückzuholen; daher nahm sie den Aufruf trotz allem weniger Ernst als ihr Sohn, der König, den das Ereignis tief verstörte. Aber auch die Stadt Paris geriet wieder einmal in eine Stimmung des Unheils und der spannenden Abenteuer. Wie! Der Bruder des Königs, Monsieur genannt, ist dem Herrn Prinzen von Condé gefolgt nach Deutschland. Schon rücken sie an mit einem Heer aus Franzosen und Deutschen, hunderttausend Mann, keinen weniger, Nachbarin! Da entdeckten einige Pariser, bald aber alle, am geröteten Abendhimmel die Bilder bewaffneter Männer.

Nur Madame Catherine behielt ihren Verstand auch bei diesen Erscheinungen und Gerüchten. Henri Navarra benahm sich nach ihrer Meinung rätselhafter als ihr Sohn d’Alençon, den sie kannte und nicht fürchtete. Unversehens zog sie die Erklärung seines Mitverschworenen hervor, er mußte sie lesen. Nach dreijähriger Prüfung beherrschte Henri sein Gesicht in jeder Lage. Ohne es zu verziehen, warf er nur hin: «Das kenne ich. So hab ich selbst geschrieben, als ich bei dem Admiral und den Hugenotten war. Bald wird Monsieur anders reden. Zuerst spielt man sich auf, nachher muß man tanzen, wie gepfiffen wird. Nichts für mich.»

Seine Verachtung konnte wahr oder gemacht sein, die gute Freundin blieb bei ihrem gründlichen Mißtrauen. Sie ließ ihn seitdem noch enger überwachen und beauftragte neue Spione, von denen er nicht vermutete. Die sollten ihn womöglich zu Unvorsichtigkeiten veranlassen. Ihn umgaben dunkle Gespinste, indessen er selbst mehr als je den ganzen Hof zum besten hielt mit seiner guten Laune und scheinbarer Gedankenlosigkeit. In seinem Innern begab sich das Schwerste, und es verdüsterte sich sehr, wie vorher erst einmal.

‹Der Irrwisch hat gehandelt, während ich zögerte! Jetzt war das Ganze umsonst, meine lange Verstellung, das viele Denken und all die Erfahrung mit Menschen. Das Unglück hatte mich in seine Schule genommen, dennoch bin ich jetzt wieder dort, wo ich war — am Morgen nach der Bartholomäusnacht.›

Es dauerte nur vierzehn Tage, dann lenkte der Irrwisch schon wieder ein und verhandelte mit seiner Mutter, Madame Catherine, über die Entschädigung, für die er seine Verbündeten im Stich lassen wollte. Um so schlimmer für Henri! Ein Mensch wie dieser hatte dreist nach der Führung gegriffen, indessen er selbst infolge von zu viel Vergnügen in Ohnmacht gefallen war. ‹Wie alles kommt? Genug damit, ich frage nicht mehr. Die Schule des Unglücks soll vorbei sein mitsamt dem blassen Denken. Ich will meine Protestanten im Süden wissen lassen, daß sie mich nächstens bei sich zu erwarten haben. Gleichviel, ob sie mich mittlerweile verachten, weil ich mich zum Narren mache an diesem Hof, schon länger als drei Jahre. Ich will ihnen beweisen, daß ich der Sohn ihrer Königin Jeanne bin. Ein anderer Mann als der Irrwisch! Auch ein anderer als der eitle Goliath! Denn ich weiß: die Schule war doch nicht umsonst. Ich weiß: ich werde dies Königreich einigen.›