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Das Mädchen stand auf, endlich empfing sie ihn, streng und klar, wie Jeanne selbst ihn hätte angeblickt. Nur das Wasser stand ihr in den geöffneten Augen, und nicht anders stieg es in seine. Catherine sagte: «Herr Bruder, Sie haben unseren lieben Vetter lange nicht gesehen. Zu mir kommt er oft, und wir sprechen von Ihnen, da wir nicht hoffen dürfen, daß Sie Ihre Gesellschaft verlassen um unseretwillen.»

Henri erwiderte: «Es würde auffallen, und Sie wissen wohl, liebe Schwester, daß ich keinen Umgang habe mit Hugenotten, deren Sie so viele empfangen. Auch wäre es unvorsichtig, daß drei Mitglieder unseres Hauses noch länger sich allein und heimlich unterredeten im Vorzimmer des Königs.»

Hierbei sah er den Vetter an. Dem wurde es schwül, Henri konnte einfach seinen Arm nehmen und ihn zur Tür bringen. «Jetzt sprich, Kathrin», sagte er, als er zurück war. Sie blickte zuerst nach dem Leibwächter. Diesem war es eingefallen, sich breitbeinig in die Tür zu stellen, als sollte niemand zu ihnen hinein, und nur sein Rücken war hergewendet. Die Schwester sprach: «Sie warten zu Hause, daß du kommst.»

«Ich weiß es. Aber ich bin ein Gefangener. Die Wachtposten sind verdoppelt, immer mehr Spione beobachten mich. Noch müssen sie Geduld haben.»

«Sie haben keine mehr. Sie geben dich verloren. D’Alençon verdrängt dich bei ihnen, damit du es weißt! Und das sind unsere eigenen, im Süden, daß du es nur einsiehst! Der Gouverneur und die gemäßigten Katholiken gehn dort einig mit den Protestanten: zusammen wollen sie Condé die Hand reichen, wenn er einfällt in das Königreich mit seinen deutschen Hilfstruppen. Die Provinzen, die dazwischen liegen, sind auch schon gewonnen. Alles reift, alles bricht auf, nur du nicht. Unsere Mutter hat sich geopfert, jetzt ergreift den Lohn ein anderer, nicht du.»

«Ich bin recht unglücklich», seufzte er, schlug die Augen nieder und ertrug nur schwer, daß er sogar seine Schwester täuschen mußte. Diese bewegte, schwankende Stimme, das erschreckte Ansteigen der Endsilben: «Schwester! Schwester, ich bin doch entschlossen und breche auf, eh du denkst. Von denen, die mir helfen sollen, kennt keiner den andern. Ich habe gelernt in drei Jahren. Meine gute Freundin, die alte Mörderin, vertraut mir an, daß d’Alençon schon keine Gefahr mehr ist. Heute nacht reist sie heimlich ab und holt den verlorenen Sohn zurück. Sagte ich dir von alldem das erste Wort, Kathrin, dann wärest du mit hinein verwirkt. Du darfst nicht in Gefahr kommen, Kathrin.»

Er schlug die Augen auf, sie waren sanft und geduldig, nichts weiter.

«Du willst nicht?» fragte sie.

«Ich kann nicht», seufzte er.

Da erhob sie die Hand; es waren dieselben langen, geschmeidigen Finger, wie sie die Hand ihrer Mutter gehabt hatte — und wie als Knabe, wenn seine Mutter zornig wurde, fühlte er plötzlich auf seiner Backe einen festen Schlag. Er selbst wurde handgreiflich, als wären sie noch Kinder und wären noch in ihrem Lande, wo die Bauern und sogar die Prinzen im Ausdruck ihrer Gefühle sinnreicher sind. Er hob seine Schwester hoch, trug sie an ausgestreckten Armen vor sich her trotz Zappeln, und dem Leibwächter, der noch immer vor der Schwelle stand, setzte er sie schlankweg in den Nacken. Um von dem mächtigen Kerl nicht abzustürzen, mußte die kleine Catherine sich anhalten. Als sie wieder auf den Boden gelangte, war Henri längst fort. Sie aber: jetzt wußte sie — und vor Freuden lachte sie aus vollen Kräften. Der Leibwächter lachte mit.

Der Geist

Von denen, die ihm helfen sollten, kannte bisher keiner den anderen; nur die Spione natürlich wußten über jeden Bescheid. Dies waren besonders die Herren de Saint-Martin-d’Anglure und d’Espalungue, zwei wohlerzogene Edelleute, witzig und herausfordernd, ganz im guten Ton; hielten aber immer zur rechten Zeit auf. Der Umgang mit ihnen war reizvoll, und da Henri nicht zweifelte, was sie mit ihm vorhatten, zog er ihn noch mehr an. Sein eigener Vertrauter war ein Herr de Fervaques: Soldat, kein Jüngling mehr, gerad und schlicht. Mit ihm kein Witz und Wortgeplänkel — eine Benachrichtigung, die d’Armagnac in den Kleidern seines Herrn fand, nicht zu erraten, wie sie hineinkam; und dann vielleicht eine kurze Begegnung, bei der ein Name fieclass="underline" Gramont, Caumont, l’Espine, Frontenac. Sieben Edelleute waren schließlich mitverschworen hier im Schloß, und jeder von ihnen hatte sich von selbst einfinden müssen, auch waren sie sämtlich schon erprobt, denn Fervaques gab plötzlich die falsche Meldung aus, daß alles entdeckt wäre, sie sollten sich nur retten. Sie blieben aber, denn höher als ihre Sicherheit stand ihnen die Ehre, mit dem König von Navarra aufzubrechen, damit das Land den Frieden und die Freiheit bekäme. Henri erkannte die Besten daran, daß sie es gar nicht merkten, wie sehr sie eigentlich ihren persönlichen Vorteil oder auch nur ein großes Abenteuer suchten.

Den geheimen Zusammenkünften diente die neue Terrasse über dem Fluß. Der jetzige König hatte die Gärten dorthin erweitert; er war es satt, daß sein gutes Volk vom Ufer heraufkletterte, um, an das Geländer gehängt, die schöne Hofgesellschaft laut zu bewundern. Hoch über dem Fluß, von außen unzugänglich, stand die lange Terrasse — nur wußte niemand, daß sie ausgestattet war mit einer Versenkung. Eine bewegliche Steinplatte: sie lag am äußersten Ende im Boden, war überdies verstellt mit mehreren Säulen; wer sie aber zu öffnen verstand, gelangte durch das Gemäuer hinab bis zu dem Rand des Wassers. Ein Kahn hätte den Valois immer noch entführen sollen, wenn die Liga vermittels der Parteigänger, die sie auch im Schloß Louvre zählte, sich seiner bemächtigen wollte. Hier nun erschien der Geist des Admirals Coligny.

Wer ihn in einer Nacht des Januars zuerst feststellte, war ein katholischer Herr. Obwohl aus Gründen der praktischen Vernunft durchaus zugetan der Sache Navarras, wünschte er dem Geist des ermordeten Protestanten gewiß nicht zu begegnen. Gegenüber Herrn de Fervaques äußerte er Unwillen, weil der Verstorbene sich einmengte in Sachen, die nach seiner Zeit lagen und ihm unmöglich voll verständlich sein konnten. Der Geist hatte übrigens unverantwortliche Reden geführt, der Herr wollte sie nicht erst wiederholen. Dieses Zeugnis war nicht von der Hand zu weisen. Es war um vieles unverdächtiger als das der Hugenotten, des erfindungsreichen d’Aubigné und des düsteren Du Bartas. Seine beiden ältesten Freunde wurden von Henri nach wie vor in einigem Abstand gehalten. Galt hier doch ein Einvernehmen, das keiner besonderen Verabredung bedurfte, und eine Ergebenheit unwandelbar. Ihr Herr mochte ihnen unrecht tun: Gunst erwarteten sie nicht, sie hatten Besseres, hatten mehr. Sie begriffen: Ein Herr ist darauf angewiesen, seine Feinde für sich zu gewinnen, sie zu kaufen, zu bezaubern oder sogar zu überzeugen. Rücksicht auf solche Freunde wie uns wäre Verschwendung: wir kennen einander; wäre Verwöhnung, und ein Herr muß verstehen, undankbar zu sein.

Als an einem der frühen Winterabende beide sich versteckt hatten in seinem dunklen Zimmer, ließ Henri sie hart an. Zu ihrer Entschuldigung bemerkten sie einfach, daß sie Auftrag hätten von dem Herrn Admiral; er wäre zurückgekehrt. Sie beschrieben, wie und wo sie seiner wären ansichtig geworden, und Henri mußte sie wohl zu Ende anhören: er hatte schon die Aussage des Katholiken. Trotzdem behauptete er, sie wären die ersten Überbringer des Ereignisses und sie hätten bei ihm verspielt, wenn sie ihn täuschen sollten. Sie sagten aber: «Sire! Unser geliebter Gebieter! Da die unsterblichen Seelen gegenwärtig sind so gut wie wir Lebenden, kann es nicht weiter auffallen, daß sie sich einmal zeigen.»