«Das ist auch nicht der Grund meines Zweifels», erwiderte Henri ihnen. «Indessen wissen die Geister, daß sie uns erschrecken, in guter Absicht pflegen sie daher nicht zu erscheinen. Was habe ich dem Herrn Admiral getan, daß er mich heimsucht?»
Hierauf schwiegen beide. Entweder wußten sie es nicht, oder durch ihr Verstummen überließen sie ihm, es sich selbst zu deuten. Er äußerte: «Viel Ehre für mich, in der jenseitigen Welt wird über mich gesprochen.»
«Nicht mehr als in der diesseitigen», sagten sie darauf. «Alle Königreiche des Abendlandes wissen von einem Prinzen, der seit Jahren das Leben eines Gefangenen führt am Hof seiner Feinde. Seine Mutter mußte sterben, sein väterlicher Freund und Feldherr ist ihm getötet worden, die Seinen verlor er fast sämtlich durch Gewalt. Er aber läßt sich nichts anmerken, treibt Narrheiten und säumt so lange, als hätte er die Tat, die jeder von ihm erwartet, ganz vergessen.»
«Wer erwartet? Was erwartet man?»
Sie sagten, wer. «Um eine einzige Person zu erwähnen: die Königin von England findet Ihren Fall spannend, Sire. Wir wissen es von Mornay, der lange drüben war, und noch immer hat er die besten Verbindungen nach der britischen Insel. Die Königin fragt Ihren Mornay nach Ihnen als nach einer höchst romantischen Gestalt. Werden Sie endlich sich entschließen, Madame Catherine umzubringen, bevor die Alte sie kaltmacht? Im Lande wird die Bewegung, deren geborener Führer Sie sind, größer und größer: Sie aber träumen. Das sollte der vierzigjährigen Elisabeth nicht an ihr jungfräuliches Herz rühren? Ein tiefer, undurchdringlicher Prinz! Ganz etwas anderes als der windige d’Alençon, der sich immer noch Hoffnungen auf ihre Hand macht. Jetzt weiß sie übrigens, daß er zwei Nasen hat.»
Henri senkte den Kopf; er hatte nicht überhört, was sie ihm alles zu verstehen gaben unter dem Vorwand, Geschichten zu erzählen. «Und er will, daß ich mich einstelle?» fragte er plötzlich.
Sie begriffen sofort, wen er meinte. «Heute nacht um elf», tuschelten sie noch schnell und sahen nach, wie sie unbemerkt entkämen.
Ungern blieb Henri allein zurück: er fürchtete sich. Einem Geist begegnen, ist fremd und ungeheuer — aber ihm sogar entgegengehen? Hier beginnt der unbefugte Übergriff. Die Priester beider Religionen würden Strafen dafür androhen. Andererseits ist man nicht kaltblütig genug, um die Frage unbefangen weltlich zu entscheiden. D’Elbeuf könnte es! Dies war der Name, der ihm einfieclass="underline" ein Mann von der Gegenseite, ein Guise. Henri hatte ihn in sein Vorhaben, von hier aufzubrechen, nicht eingeweiht. Dennoch hatte d’Elbeuf ihn schon aufgeklärt über die neuen Spione, die Henri sonst getäuscht hätten mit ihrem guten Ton. Er war verschwiegen und von klugem Rat. Auf dem Bett liegend, sagte Henri zu seinem Ersten Kammerdiener: «D’Armagnac, ich will Herrn d’Elbeuf sehen.» Der Edelmann als Diener schickte auf diesen verfänglichen Weg ein Kammermädchen der Königin von Navarra, das unbedeutendste, damit nicht erkennbar wäre, von wem die Botschaft kam. Als endlich der Freund vor seinem Bett stand, erklärte er nach Anhören des peinlichen Sachverhalts:
«Das Erscheinen des Admirals ist natürlich — besonders in Anbetracht der Umstände, die seinen Tod begleitet haben. Eher wäre zu verwundern, daß er so lange gezögert hat. Nach meinem Dafürhalten, Sire, haben Sie nichts von ihm zu besorgen. Er könnte, ganz im Gegenteil, eine nützliche Warnung beabsichtigen.»
«Mein guter Geist, der mich warnt, sind Sie selbst, d’Elbeuf.»
«Ich bin ein Lebender und weiß nicht alles» — worin ein gütiger Vorwurf mitklang: ich werde benützt, sollte es besagen, aber nicht eingeweiht. Für einen Beobachter wie diesen machte es wenig Unterschied; d’Elbeuf kannte die Wendung, die sich vollzogen hatte mit Navarra, und erriet, was bevorstand. Da er aber aus dem feindlichen Lager war, erwog er Gefahren, die dem Handelnden selbst entgingen. Indessen umschrieb er seine Befürchtungen nur.
«Sire, eins ist gewiß, daß Sie den Geist nicht vergeblich dürfen warten lassen. Es wird sich aber mit ihm verhalten wie mit allen anderen Geistern: man soll sich ihnen niemals zu sehr nähern, sogar die wohlmeinendsten der Geister würden in Versuchung geraten.» In welche, darüber glitt er hinweg. «Gehen Sie daher ruhig hin, Sire. Wie man die Geister kennt, wird auch dieser in einiger Entfernung bleiben, eben aus Furcht vor der Versuchung. Ich selbst aber will nicht weit sein, obwohl weder Sie noch der Geist meiner gewahr werden sollen — außer, es ergäbe sich guter Grund für einen Lebenden, dazwischenzutreten.» Dies sprach d’Elbeuf in die Luft, lächelte auch, als wären seine Worte ohne Absicht.
Henri lag noch immer unentschlossen da; er seufzte: «Ich muß ein Feigling sein. Im Feld hab ich es nicht bemerkt — oder nur zu Beginn einer Schlacht, da befällt mich jedesmal ein Bedürfnis; aber was sind zehntausend Feinde gegen einen Geist.»
Bei Tafel heute wurde viel geschwiegen. Es war so still, daß der König Musik befahl. Er hatte seine schwärzliche Miene, und Henri blickte auf seinen Teller, der nicht leer wurde. Nur Madame Catherine sprach weiter in ihrem langsamen, dumpfen Ton, und wer ihr aus Zerstreutheit nicht antwortete, den maß und erwog sie, während sie ruhig kaute. Ihren Zaunkönig redete sie mit folgenden Worten an: «Sie essen nicht, Schwiegersohn. Sie sollten zu sich nehmen, solange noch Zeit ist, vom Wildbret, Fisch und Kuchen. Das gibt es nicht überall und immer.» Er tat, als hörte er es nicht, denn die Musik spielte; dennoch hatte sie ihm zu verstehen gegeben, daß sie wohl wußte, er dächte wieder einmal an Flucht. Allerdings schüttelte sie gleich darauf den Kopf. Wie oft wollte der Zaunkönig schon auf und davon gehn, soll er es doch versuchen! Auch ihren Sohn, den König, prüfte und mißbilligte sie. «Du hast eine Dummheit vor», sagte sie ihm vorgeneigt über den Tisch. Nach einer Pause: «Ihre Mutter, Sire, besitzt Ihr Vertrauen nicht mehr.» Später wollte der Abend für Henri kein Ende nehmen. Man kann sich unmöglich für Frauen erwärmen oder Männern scharfe Antworten geben, wenn man verabredet ist mit einem Geist. Gegen elf Uhr riefen, wie gewöhnlich, die Wachen in Gängen und Hallen den Torschluß aus, und alle Edelleute, die draußen wohnten, brachen auf. Henri wollte sich unauffällig unter sie mischen, wurde indessen zurückgerufen von der Majestät selbst. Diese bot ein Bild des Jammers. Wäre Henri nicht ebenso verstört gewesen, er hätte das böse Gewissen erkannt. Der König brachte hervor: «Eine kalte, stürmische Nacht, guter Vetter! Was mag in der Finsternis alles unterwegs sein. Bleibe doch lieber beim Feuer sitzen!»
«Jemand erwartet mich», entgegnete Henri, und als ob es eine Dame wäre, lachte er: unheimlich ihm selbst.
Sobald die Wand des Hauses ihn nicht mehr schützte, schlug der starke Wind ihn zurück. Mit Anstrengung erreichte er die Terrasse, völliges Dunkel bedeckte sie. Er wartete, die Zeit verstrich, noch immer nicht hatte der Geist das Mittel gefunden, sich bemerklich zu machen. Erst als der Sturm die Wolken zerteilte — ein Mondstrahl blitzte auf und verschwand sogleich, aber in ihm erkannte Henri den Herrn Admiral. Schwarze Rüstung, grauer Bart, und die unverkennbare Haltung des Hauptes, nicht nur vornehm unter den Menschen, sondern auch bekannt mit dem Willen Gottes. Jetzt kennt er ihn wirklich, fühlte Henri und beugte ein Knie. Er befand sich am Rande der Terrasse, der Geist weit drüben, auf ihrem anderen Ende, wo Säulen standen; im Sommer war es eine Laube von Wein. Der junge Henri betete.
Da strahlt schon wieder der Mond hervor, und diesmal verweilt sein Licht auf der jenseitigen Gestalt. Ihr Gesicht ist bleich wie ein bloßer Schein, mit Augenhöhlen, die leer stehen: sind es doch keine leiblichen Augen. Auch der Fuß kommt nicht vorwärts auf den Steinplatten dieser Welt. Der Geist zieht ihn kraftlos nach, nun er versucht, einen Schritt zu tun. Noch schwerer wird ihm die Verständigung im Sturm, vermittels einer Stimme, der kein wirkliches Organ dient. Um so schrecklicher sein sichtbares Auftreten! Dem Betenden klappern die Kiefer. Indessen erlauscht er ein Stöhnen. Undeutlich, in Worten, die der Wind zerreißt, gibt der Herr Admiral zu erkennen, daß er gerächt werden will an seinen Mördern. Hier verschwindet der Mond. Das ist gut; nur im Dunkeln findet Henri den Mut zu seiner Antwort, die eine Unwahrheit ist. Im Angesicht des Geistes hätte er sie nicht einmal insgeheim gewagt. Er bringt es fertig und ruft in den Wind und in die Finsternis: «Ich denke nicht daran, Sie zu rächen, Herr Admiral. Denn Ihre Mörder sind jetzt meine besten Freunde, ich aber bin ein witziger Bursche, guter Tänzer und will immerfort in Schloß Louvre bleiben.» Er ist laut genug, daß jeder Lebende, der in der Nähe versteckt gewesen wäre, ihn hätte hören müssen. Für sich aber, in sein Innerstes hinein, flüstert der junge Henri, flüstert dringend: ‹Herr Admiral, ich bin, der ich immer war!›