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Ein Geist versteht natürlich, was gemeint ist, er unterscheidet die verschwiegene Wahrheit von der Lüge, die man für alle Fälle äußert, aus gewohnter Vorsicht, weil Verstellungen schon längst die erste Regung geworden ist. Sie kann ich nicht täuschen, Herr Admiral! Plötzlich schlägt dort drüben ein Gewicht auf den Stein, wie ein fallender Körper, und was nachfolgt, ist nach menschlichem Ermessen grobes Gepolter, Geschrei und Gerenn. So äußert sich kein einzelner Geist mehr, besonders nicht dieser. Henri wendet sich zur Flucht. Grade werden aber die Wolken geöffnet, und das Gestirn zeigt ihm einen Lebenden, der herbeiläuft und mit niemand zu verwechseln ist. «D’Elbeuf!»

«Fast hatte ich ihn schon! Ich lag auf den Weinreben zwischen den Säulen, der Schurke sah mich nicht, ich meinerseits habe ihn erkannt. Es war der Narr: kein anderer als der Narr des Königs, die traurige Gestalt, der schlechte Komödiant. Sobald ich meiner Sache gewiß war, sprang ich hinunter — wollte ihm auf den Nacken zu sitzen kommen, fiel leider daneben. Als ich aufstand, war er verschwunden.»

«Ein Mensch macht sich nicht unsichtbar.»

«Ein Geist schreit nicht wie ein Narr, tappt auch nicht über Stufen, die, ich weiß nicht wo, hinabführen. Er hat einen geheimen Ausgang benutzt.»

Die Terrasse lag im hellen Mondlicht, untersuchen konnten sie jede einzelne Steinplatte, aber keine verriet ein Geheimnis. Henri faßte sich an die Stirn. «Das war es», sagte er. Im Sinne hatte er das Gesicht des Königs vorhin beim Abschied, das Bild der Schuld und der schlimmen Ränke. ‹Und die hätten ihm sehr wohl gelingen können, denn ich glaubte wirklich, ich spräche zu dem Herrn Admiral. Wenn ich nun, anstatt zu lügen, gesagt hätte: Noch zehn Tage, und ich breche auf! Oder ich hätte dem Herrn Admiral sogar eingestanden: An meine Rache hab ich oft gedacht, Herr Admiral, und das Leben Ihrer Mörder stand manchmal in Gottes Hand! Ich hab davon geschwiegen, das war mein Glück. Sonst fände man mich wohl morgen auf diesen Steinen erdolcht.›

Hiervon sagte er seinem Gefährten kein Wort, aber der Beobachter d’Elbeuf verstand das meiste ohne Erklärungen. Sie kehrten in das Haus zurück, um den Narren aus dem Bett zu holen. Wie sie gedacht hatten, lag er schon darin; die nötige Zeit hatten sie ihm gelassen, als sie die Steinplatten untersuchten. Er täuschte tiefen Schlaf vor, keuchte aber eher, als daß er schnarchte, und seine Decke fühlte sich kühl an. Sie zogen ihn kurzerhand hervor und banden ihn an einen Stuhl. Das sonderbare war, daß er die Augen nicht öffnete. D’Armagnac wurde ausgesendet, um auch d’Aubigné und Du Bartas zu holen. In ihrer Gegenwart begann das Verhör.

Ob er gestehe, geradewegs von der Terrasse zu kommen, fragte d’Elbeuf den angebundenen Narren. Ob er gestehe, den Geist gespielt zu haben, fragte Henri ihn. Der Narr stellte sich, um seiner Rettung willen, als hätte er die Sprache verloren. Er verdrehte die Augen, als stürbe er im Ernst; sein Gesicht aber grinste. Unwillkürliche Zuckungen der Angst beseitigten den Ausdruck der Trauer, womit der Narr sonst seine Rolle bestritt. Im leinenen Hemd anstatt des würdevollen Schwarz, todbleich das lange Gesicht, verwirrtes Haar, und dieses ungewollte Grinsen: Zum erstenmal während seiner Laufbahn war der Narr komisch. Seine fünf Zuschauer lachten aus vollem Halse. D’Elbeuf als erster erinnerte die anderen Herren daran, daß hier ein äußerst boshafter Betrug an einem Lebenden versucht worden wäre, ungerechnet die Beleidigung eines Geistes, denn der würde sich selbst zu rächen wissen. Dies hören, und die Zähne des Narren klapperten schrecklich.

Ob er gestehe, heute nacht den Herrn Admiral Coligny vorgestellt zu haben, verlangte Henri nochmals, drohte dem Narren auch mit Erhängtwerden und ließ d’Armagnac die Wand ableuchten nach einem Nagel. Der Narr aber verstand sich auf das Komödienspiel. Das Verhör verlief gar nicht nach der Absicht der Herren. Frage: Ob er sich fürchte? Antwort: Allerdings fürchte er sich. Frage: Ob er bereue? Antwort: Allerdings bereue er. Frage: Ob er bereit wäre zu büßen? Antwort: Er wäre bußfertig. So gestehe er denn, der Geist gewesen zu sein? Antwort: Er mache daraus kein Hehl. Er habe gerade genug Grauen empfunden vor sich selbst, vielmehr vor dem richtigen Geist; denn jeden Augenblick hätte der ihm können das Genick umdrehen aus Zorn über die unbefugte Nachahmung. Auch wäre er gewiß, daß er seine Vermessenheit noch zu büßen haben werde, und dies trotz seiner aufrichtigen Reue. Geister wären nun einmal von unerbittlicher Rachsucht.

Frage: Ob er sonst nichts fürchte? Antwort: Was er wohl fürchten sollte? Ihren Nagel oder Strick? Sie könnten ihm nichts anhaben. Töteten sie ihn, würde alsbald der König wissen, daß es seine Richtigkeit habe mit der Verschwörung, die aufzudecken er ihn, den Narren, beauftragt hätte. D’Elbeuf sagte Henri ins Ohr: «Lassen wir den Menschen.» Henri indessen fragte noch, ob der Narr aus Haß gehandelt habe. Henri hatte in Schloß Louvre gelernt, den Haß jeder Gestalt mit Aufmerksamkeit zu betrachten. Antwort des Narren:

«Dich hassen, Navarra? Weil du hier statt meiner den Narren gemacht hast? Ich hatte dir gesagt, du könntest füglich in meine Rolle eintreten. Das ist weniger strafwürdig, als was ich selbst getan habe: den Geist äffen.»

Frage: Ob der Narr sich einer gewissen Kränkung erinnere; sie wäre ihm widerfahren während eines festlichen Umzuges, bei Musik und großer Beleuchtung. Antwort: Er erinnere sich. Gemeint war ein Biß in die Wange, den Henri gegeben, der Narr entgegengenommen hatte. Weder der eine noch der andere nannten eine so vertrauliche Sache beim Namen. Frage: Ob der Narr infolge der damals erlittenen Kränkung nicht dennoch mit Vergnügen getan hätte, was ihm heute nacht wäre verordnet gewesen. Antwort, hohl und mit Rasseln aus dem Innern: Er habe noch nie etwas mit Vergnügen getan, sondern alles in der geziemenden Traurigkeit, die auf das Ende sähe. Sein eigenes Ende sei nahe und werde gräßlich sein. — Darauf banden sie ihn los und verließen ihn.

Henri sagte zu seinen beiden alten Freunden noch: «Das war nun der Geist, von dem ihr mir die Einladung überbracht habt, und so werde ich belohnt, wenn ich euch folge.» Dann mochten sie beschämt ihrer Wege gehen.

In der dritten Nacht nach dieser aber drang aus der Kammer des Narren entsetzliches Geschrei, und als man sie öffnete, wurde der Narr aufgefunden, auf den Boden gewälzt mit umgedrehtem Genick. Den Zusammenhang begriffen alle, die bei der gefälschten Erscheinung nah oder fern zu tun gehabt hatten, und dies waren sowohl der König selbst, der vielleicht sogar zuviel wußte über diesen Sterbefall — als auch die Verschworenen mitsamt d’Elbeuf. Nur Henri erfuhr erst später, daß die schlimmen Ahnungen des Narren sich bestätigt hatten. Diesen Abend lag Henri zu Bett; wie schon oft, hatte er ein hitziges, aber flüchtiges Fieber, dessen Ursachen nie ein Arzt entdeckte, sie waren wohl geistiger Natur. Bei ihm befanden sich d’Armagnac und Agrippa d’Aubigné, den der Erste Kammerdiener herbeigerufen hatte. Denn nahe zum Kopfkissen seines Herrn geneigt, hatte d’Armagnac merkwürdige Worte vernommen. Jetzt hielten beide das Ohr hin; Gesang hörten sie, schwach, aber deutlich: «Herr Gott, mein Heiland, ich schreie Tag und Nacht vor Dir.»