Am Ende des zweiten Tages, der ein Sonnabend war, beherrschte auch Madame Catherine sich nicht länger. Sie ließ ihre Tochter rufen, und in Gegenwart ihres königlichen Bruders sollte Margot sich ausweisen, wo ihr Gemahl wäre. Sie gab an, sie wüßte es nicht, obwohl ihr dabei schwül wurde. Die Lage fing an, dem Familiengericht zu ähneln, wie es zu der Zeit ihres Bruders mehrfach über sie abgehalten worden war. Wie könnte sie nichts wissen, so wurde ihr scharf vorgehalten; hatte ihr Mann doch die Nacht vor seinem Verschwinden bei ihr verbracht! Das wohl, aber sie hätte nichts bemerkt. Wirklich? Keine geheimen Unterredungen oder Aufträge — und nicht einmal das leiseste Geständnis sollte sie empfangen haben auf dem Kopfkissen? Da in den glanzlosen Augen ihrer Mutter das gewisse unheilvolle Funkeln aufsteigen wollte, streckte die Arme ihre schönen Hände vor und schrie verzweifelt: «Nein» — was nur dem Wortlaut nach keine Lüge war. Denn Margot hatte der ausdrücklichen Enthüllung ihres lieben Herrn durchaus nicht bedurft; von selbst fühlte sie: seine Zeit war gekommen.
Früher einmal hatte sie ihn unbedenklich ihrer Mutter verraten — um dem Übel vorzubeugen, wie sie meinte. Jetzt mag im Grunde niemand mehr aufhalten, was überfällig ist: warum dann nur Margot allein. Madame Catherine hebt nicht die Hand gegen sie; aber das täte sie gewiß, wenn hier noch etwas zu bestrafen wäre. Im Gegenteil gibt es hier nur Geschehenes, das anzuerkennen ist, und das heimlich schon Zugelassene, das endlich offen eintritt. Daher kam es, daß nachher beim Zubettgehen der König wohl betroffen war, aber keineswegs außer sich geriet, als Fervaques ihm alles beichtete. Es war eine Ohrenbeichte. Länger als eine Stunde und eine halbe hing Fervaques am Ohr des Königs. Dieser vergaß, daß er handeln mußte, gab keinen Befehl, saß nur, hörte, und bemerkte nicht mehr, wie die ganze Zeit jemand ihm die Füße kratzte.
Fervaques hatte es, soviel er wußte, mit Henri ehrlich gemeint. Dem König von Frankreich schuldete er persönlich nichts, denn der mochte ihn nicht und hatte ihn an keine höhere Befehlsstelle berufen. Verbunden war er der Majestät durch alte Zucht und Treue, wäre auch nie von ihnen abgewichen. Durch einen reinen Zufall überraschte er eines Tages Henri mit d’Elbeuf, und stand auf einmal vor der Notwendigkeit, die ganze Gesellschaft von Neuerem zu verhaften oder sich ihnen anzuschließen, wie sogar ein Herr aus dem Hause Lothringen es getan zu haben schien. Er sah, daß sie vieles für sich hatten, vor allem ihre wohlerzogene Mäßigung, die niemandem und auch ihm selbst nicht jemals konnte gefährlich werden. Ihre Sache war es wert, verbessert zu werden durch die Beteiligung eines Mannes vom echten Schrot und Korn, das war Fervaques; und darum war er fortan der Vertraute, Vermittler, eingeweiht wie keiner, übrigens seiner Mannhaftigkeit wohl bewußt — weshalb er auch manchmal denken mochte: Aus denen wird nichts, ich mit meinen Leuten würde sie schnell erledigt haben, in einem Wald niedergemacht, in einem Sumpf ersäuft. Soldat, kein Jüngling mehr, gerad und schlicht, konnte Fervaques sich das Ende von «Politischen» oder «Gemäßigten» nicht anders vorstellen. Statt dessen brachen sie wirklich auf.
Da erkannte Fervaques, daß sie ohne ihn es toll treiben und dem Lande nur schaden würden. Sein Hauptbeweis war den Undank Navarras gegen ihn selbst, den man einfach zurückließ. Er rang ehrlich mit sich, bis seine alte Zucht und Treue obenauf kam und ihn bewog, zu beichten. Sobald der Entschluß feststand, drängte Fervaques sich an den König beim Zubettgehen, was ihm leicht wurde wegen seines gewaltigen Wuchses — erbat das königliche Ohr für eine wichtige Meldung und begann sogleich: «Sire, im Dienst Eurer Majestät hab ich mich eingelassen in eine Sache, die meiner ganzen königstreuen Vergangenheit widerstrebte; dadurch aber bin ich jetzt glücklich instand gesetzt, die Verbrecher Ihnen auszuliefern. Für mich verlang ich keinen Lohn. Mein Sohn allerdings hat ein verschuldetes Gut, das durch Zukauf vergrößert werden könnte.» So war Fervaques. Später, als Marschall und Gouverneur, sollte er auch noch für die Guise arbeiten, nur solange sie zahlten natürlich — endlich aber seine Provinz dem König Henri Quatre verkaufen. Bevor er starb, schrieb er ein weihevolles Testament, von allen zu lesen, und schied von hinnen mit dem Bewußtsein, in jedem Zeitpunkt seines rauhen und biederen Wandels getan zu haben, was gerade damals zum Besten des Ganzen war.
Jemand erriet richtig, was Fervaques dem König ins Ohr sagte. Dies war Agrippa d’Aubigné — auch er bis jetzt noch zurückgeblieben, damit man nicht glauben sollte: ohne seine Hugenotten flieht Navarra nicht! Beim Torschluß fing er den Verräter draußen ab, riß ihm die Maske vom Gesicht und überließ ihn seiner Schande. So wenigstens faßt ein Agrippa es auf, wenn ein Fervaques keine Antwort findet und stumpfsinnig schweigt. Schließlich knurrte der gerade und schlichte Soldat doch ein Wort, dem enteilenden Agrippa nicht mehr vernehmbar.
«Federfuchser!» knurrte Fervaques.
Dies sind wahrhaft verlorene Minuten. Aber jede ist kostbar, denn so lautlos betroffen der König war, es kann nicht fehlen, daß die Verfolger ihre Pferde schon satteln. Agrippa eilt zu Roquelaure, einem katholischen Edelmann, an den er glaubt und mit Recht. Aufgesessen und zu zweit dahingejagt unter den Sternen. Vor Senlis finden sie ihren Fürsten; seit Sonnenaufgang hat er den Hirsch verfolgt, und jetzt ist Nacht. «Was gibt’s, ihr Herren?»
«Sire, der König weiß alles. Fervaques! Nach Paris führt der Weg des Todes und der Schande; überall sonst geht es ins Leben, in den Ruhm!»
«Muß man mir nicht erst erzählen», antwortete Henri dem beredten Dichter.
Aber es ist im Gegenteil vorzüglich, daß er es ausdrücklich hört, und ist ein dankenswerter Eingriff, daß Verrat ihm die Rückkehr ganz unmöglich gemacht hat. Wer kann sonst wissen. Zwanzig Stunden heftiger Bewegung des Körpers lassen viel vergessen. Der Weg nach Paris wäre der gewohnte, auch die Ketten sind dort bekannt. Die neuen werden vielleicht schwerer wiegen. Die alten Waffengefährten, denen er wieder zureitet, erwarten bei Henri dieselbe blinde Erbitterung, die sie selbst sich all die Zeit erhalten haben. Er aber, in Schloß Louvre, hat gelernt. Überließe er dennoch besser die Entscheidung dem Schicksal, das vielleicht den Rückweg verlegt? Sieh da, er ist verlegt! Wir reiten.
Die kleine Truppe, zehn Edelleute mit Roquelaure, d’Aubigne und d’Armagnac, ließ sich gerade aus einer Schenke leuchten. Als sie einzeln hervorkamen, sprach Henri zu jedem im Vertrauen: «Unter euch sind zwei Verräter. Paß auf, wem ich die Hand auf die Schulter lege!» Er legte sie zuerst Herrn d’Espalungue auf die Schulter und sagte: «Ich habe vergessen, mich von der Königin von Navarra zu verabschieden. Reiten Sie zurück und melden Sie ihr, daß niemand es bereut, der ehrlich zu mir hält.» Dasselbe tat er mit dem zweiten Spion, ihn schickte er zu dem König von Frankreich. «Ich kann ihm in der Freiheit besser dienen», dies sollte der zweite ausrichten. Beide, die ihre Unehre erkannt sahen, warfen sich auf die Pferde. Die anderen Edelleute konnten unmöglich die Ruhe bewahren. «Bedenken Sie, Sire! Diese gefährlichen Menschen werden die Bauern auf uns hetzen. Wir sind nicht sicher, solang sie unterwegs sind. Sie müssen sterben.»
Henri hielt sein Pferd am Halfter, er antwortete ihnen so munter, als wären sie noch immer auf der Jagd oder beim Ballspiel. «Getötet wird nicht mehr», antwortete er, stieß seinen Lieblingsfluch aus, die ins Komische gezogenen geheiligten Worte, und rief: «In Schloß Louvre hab ich genug Tote gesehen!» Damit setzt er sich an die Spitze der Seinen, indessen weithin die Umrisse der Spione zerstoben im Mondweben, aber ihre Hufe stampften und rissen aus, was das Zeug hielt.